Kriegsbeginn September 1939
Wir wohnten bereits einige Monate in Krakow am See. Es war an einem Spätsommertag und wir kamen vom Spielen aus dem nahen Wald zurück. Auf den Straßen standen überall Gruppen von Erwachsenen zusammen. Heinz rief mir zu: „Komm schnell, es muss was Schlimmes passiert sein!“ Er witterte eine Sensation, und für so etwas war er immer zu haben. Die Menschen, an denen wir vorbeilaufen, reden mit ernsten Gesichtern aufeinander ein. Wir hören sie sagen: „Die Keller müssen zu Schutzräumen ausgebaut werden.“ Dann geht es von Mund zu Mund: „Es ist Krieg, Polen hat DeutschlandAm 1. September 1939 greifen um 4.45 Uhr deutsche Einheiten auf der Westerplatte bei Danzig die polnische Armee an. Deutschland beginnt auf Geheiß Hitlers einen verbrecherischen Krieg ungeahnten Ausmaßes: den Zweiten Weltkrieg. überfallen, aber das lassen wir uns nicht gefallen, wir schießen zurück!“
Zu Hause angekommen, kramt Heinz sofort seine Soldaten aus der Spielzeugkiste hervor und beginnt, sie aufzubauen. „Du bist Polen und ich schieße alle deine Soldaten tot“, verkündet er. Mutter schaut unserem Spiel wortlos zu. „Ist es schlimm, dass Krieg ist?“, frage ich. Sie nickt nur und verlässt das Kinderzimmer. Beim Abendessen diskutieren die Eltern über das Ereignis. Wir verstehen ihre Sorgen nicht, nur dass Mutter so schnell wie möglich zurück nach Hamburg will.
Sie, als Großstadtmensch, hat sich von Anfang an hier nicht wohlgefühlt. Heinz und ich hoffen, dass es nicht so bald zurückgeht, denn uns gefällt es in Krakow am See viel besser als in Hamburg. Erst Anfang 1940 können wir zurück, und vom Krieg ist in Hamburg noch nichts zu spüren. Vater ist nun nach Westfalen versetzt worden. Mutter weigert sich erfolgreich, wieder umzuziehen. Bis auf Heinz’ Vater sind alle Männer der Familie zum Militär eingezogen worden. Wenn einer von ihnen auf Urlaub nach Hause kommt, erzählt er, wie die Feinde von unseren Soldaten in die Flucht geschlagen werden.


