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Reise nach Prag 1872 - Erster Tag in Prag

Reise nach Prag 1872
Zwei Briefe
Erster Tag in Prag

Zuerst machte sie uns eben keinen überraschenden Eindruck. Die ersten Straßen waren denen in der Leipziger Altstadt nicht sogar unähnlich. Wir gingen über die Hyberner Gasse durch den alten Pulverturm, nach der Zeltner Gasse und erreichten von da den großen Ring, geschmückt auf der einen Seite durch das schöne gotische Rathaus, auf der anderen durch die Teynkirche mit ihren beiden eigentümlichen Türmen und in der Mitte die Mariensäule, an der nach der Schlacht am weißen Berge 27 protestantische Edle hingerichtet wurden. Wir wurden hier der Notwendigkeit inne, uns erst über die Stadt zu orientieren, gingen danach in die erste beste Buchhandlung und kauften uns einen Führer durch Prag, den wir in einem Café durchstudierten. Dann begannen wir die Wanderung beim Pulverturm vorbei über den Graben, eine schöne, breite Straße, an dem langen Wenzelsplatz vorbei über die Breite Gasse auf den Karlsplatz und von da in die Brenter Gasse, wo wir uns die offen stehende Dreifaltigkeitskirche ansahen. Sie ist, wie die meisten Kirchen Prags, im Renaissance-Stil gebaut. Fast vor jedem Altar stand ein Priester und las Messe. Von da gelangten wir in die Ferdinandsstraße, sahen uns die Ursulinenkirche von innen an und erreichten sodann den Franzens-Quai. Da eröffnete sich uns eine prachtvolle Aussicht. Vor uns floss die Moldau, die hier so breit ist, wie ich die Elbe bis jetzt nirgends gesehen habe. Und dahinter erhob sich links der Laurenzberg, ganz grün, mit der Hungermauer, gekrönt von der Laurenzikirche. Rechts davon stieg terrassenförmig die Kleinseite von Prag an und lehnte sich an die Akropolis, den Hradschin, mit der Hofburg und dem ragenden Dom zu St. Veit. - Das Panorama ist einzig schön. Wir konnten uns nicht satt daran sehen. Man muss das selber sehen, um sich einen Begriff davon machen zu können.

Wir gingen eine Weile an dem Quai auf und ab und weideten unsere Augen an dem herrlichen Anblick. Dann gingen wir über die große Kettenbrücke, die zugleich über die grüne Schützeninsel führt, hinüber nach der Kleinseite. - Der Anblick jenes Panoramas hatte zauberisch auf mich gewirkt; jetzt fühlte ich mich wohl in Prag. - Wir gingen nun über die Chotek Gasse am Maltheserplatz vorbei auf den Kleinseitner Ring mit dem Standbild Radetzkys, von da auf den Stephansplatz mit der Dreifaltigkeitssäule und dann in die schöne Nicolauskirche. Dieselbe ist, wie wir hörten, nach dem Muster der Peterskirche in Rom gebaut mit einer großen, schönen Kuppel und in der Form eines lateinischen Kreuzes. Die Kirche ist inwendig ganz von Marmor. Die Deckengemälde sind so meisterhaft, dass man nicht sieht, wo die Säulen, die das Gewölbe tragen, aufhören. - Hernach gingen wir die Spornergasse hinauf bei dem Slavataschen Paulus vorbei und gelangten auf den Hradschin. Als wir die entzückende Aussicht von dort über die ganze Stadt genießen wollten, kam ein Kerl vom Schlosse heran und fragte in einem etwas tschechisch klingenden Deutsch, ob er uns in der Hofburg herumführen sollte. Wir folgten ihm und er zeigte uns erst die Schlosskapelle, deren Inneres wir freilich nur durch ein Gitter sahen. Dann führte er uns in den Dom, wo er uns einem Kaplan übergab, dass er ihn uns zeigen sollte. Der Dom zu St. Veit ist nach dem Muster des Kölner Doms gebaut, ein prachtvolles Denkmal der späteren Gothik - die FischblaseDie Fischblase ist eine geschwungene Ornamentform, die an einem Ende kreisförmig abgerundet ist und zum anderen spitz ausläuft.Klick für Wikipedia [10] kommt schon vielfach in Anwendung. Der Bau hat eine solche Leichtigkeit und Zierlichkeit. Er ist unvollendet; nur der hohe Chor ist fertig. Der einzige Turm war früher an die 500 Fuß hoch, doch ist die ursprüngliche Spitze abgetragen und ein Helm aufgesetzt, so dass er nur noch etwa 300 Fuß hoch ist. Doch soll die Spitze wieder gebaut werden, so wie auch der Dom seiner Vollendung entgegengeführt werden soll, wozu noch in diesem Jahre der Grundstein gelegt werden wird. Es lagen auch schon zahlreiche Bausteine herum. Von dem Innern des Doms konnten wir leider einen Gesamteindruck nicht gewinnen, da in dem Mittelschiff, das sehr hoch ist, ein großes Gerüst errichtet war. Der Kaplan führte uns herum und zeigte uns die Merkwürdigkeiten. In der Sigmundskapelle ist ein Christuskopf, eine altbyzantinische Malerei. Das Original soll 1.500 Jahre alt sein und befindet sich in der Kapelle Santa Santorium neben dem Lateran. Die Kopie wurde 1308 vor Kaiser Carl des IV. Augen abgenommen, doch behauptet man, dass der Maler absichtlich das Original statt der Kopie mitgenommen habe, dass also das Bild in der Sigmundskapelle das 1.500 Jahre alte Original selber sei. - In der Anna-Kapelle ist eine Reliquie von noch größerem Alter: ein Leuchterfuß, der aus dem Salomonischen Tempel stammen soll, der bei der Zerstörung Jerusalems erbeutet nach Rom, dann nach Mailand gebracht worden sei und von da 1162, nach der Zerstörung Mailands, von König Wladislaw nach Prag. - Sehr interessant ist dann die Wenzels-Kapelle, 1347 von Carl IV. dem heiligen Wenzel zu Ehren errichtet. Die Wände bestehen aus böhmischen Edelsteinen, wie Amethysten, Karneolen, Chrysoprasen und die Fugen sind übergoldet. - Es sind dort Abbildungen aus dem Leben des Heiligen, ferner seine Statue, von Peter Wischer aus hussitischen Haubitzen gegossen. Dann steht dort auch ein Taufstein von Serpentin. Als wir an das Grab des Heiligen Nepomuk kamen, verrichtete der Kaplan erst seine Andacht vor dem Sarge, ehe er uns das Grabmal erklärte. Der Sarg ist ja bekanntlich aus gediegenem Silber. Er wird von zwei Engeln getragen. In ihm befinden sich ein Kristallsarg und darin die Gebeine des Heiligen, von Golddraht zusammengehalten. Vier andere Engel, auch von massivem Silber, halten einen Baldachin darüber, der aber jetzt, vermutlich wegen des Baues, weggenommen war. Daneben ist eine Lampe, von Friedrich dem Großen geschenkt. Von anderen Merkwürdigkeiten ist mir noch ein Bild der Stadt, ganz in Holz geschnitzt, erinnerlich. - Als wir den Kaplan fragten, wie wir ihm unseren Dank ausdrücken sollten, bat er uns, etwas in die Gemeindekasse zu tun. Draußen empfing uns wieder unser erster Führer, führte uns an der Statue des Heiligen Georg und der Georgskapelle vorüber in das Schloss und zwar auf einen Altan, von dem wir eine prächtige Aussicht über die ganze Stadt genossen. Wir trafen es gut, dass gerade jetzt die Sonne schien. Da lag sie dann vor uns ausgebreitet, die Heilige Stadt der Böhmen, in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit. Unten wand sich die Moldau, und direkt unter uns sahen wir die Kleinseite, rechts den Laurenziberg mit der Hungermauer, die Carl IV. bei einer Hungersnot bauen ließ, um den armen Leuten Brot zu verschaffen. Auf der rechten Seite der Moldau die Altstadt mit ihren fast zahllosen Türmen, halb umgeben von der Neustadt, und links von der Judenstadt. Im Hintergrunde sahen wir rechts einige Moldau-Inseln und die eine Festung, links die Karolinenstadt und mehr nach der Mitte zu der Ziska-Burg, wo sich [der Hussitenanführer Jan] Zizka gegen Kaiser Sigismund verteidigte. - Auf der Kleinseite war unter den Gebäuden durch seine große Ausdehnung bemerkbar der Waldsteinsche Palast.

Damit wir weiter im Schloss herumkämen, übergab uns unser Führer einem Lakaien, der uns in den großen Huldigungssaal führte mit den Portraits der späteren Habsburgischen Kaiser. Dann kamen wir in das merkwürdige Zimmer, in das Graf Thurn am 23. Mai 1618 drang und aus ihm zum südlichen FensterDer zweite Prager Fenstersturz ist die von Vertretern der protestantischen Stände begangene Gewalthandlung in der Form der Defenestration (lat. für Fenstersturz) an den königlichen Statthaltern Jaroslaw Borsita Graf von Martinitz und Wilhelm Slawata von Chlum und Koschumberg sowie dem Kanzleisekretär Philipp Fabricius. Er markiert den Beginn des Dreißigjährigen Krieges und stellt einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte Europas dar.Klick für Wikipedia [11] hinaus die Räte Martinitz und Slawada, zu dem einen östlichen hinaus den Geheimschreiber Fabricius, nach altböhmischem Brauch werfen ließ. Noch steht in der Stube der große grüne Tisch, an dem sie gesessen. Auch Martinitz' Stuhl steht noch da. Es hingen im Zimmer die Portraits der beiden Räte und auf dem von Martinitz ist auch besagter Stuhl in Portraitähnlichkeit sichtbar. Auch jetzt, wo der ehemalige Schlossgraben aufgefüllt ist und unter Maria Theresia Gartenanlagen angelegt worden sind, würde man dort noch eine ziemliche Höhe hinunterstürzen. - Darauf wurden wir in den sog. deutschen und den spanischen Saal geführt, von denen bei Hoffestlichkeiten ersterer der Esssaal, letzterer der Tanzsaal ist. Beide gehören vielleicht zu den größten und prächtigsten Sälen, die es überhaupt gibt. - Weiter wurden wir im Schloss nicht herumgeführt, da der Kaiser Ferdinand zu Hause war. - Unser erster Führer zeigte uns dann noch den Hirschgraben und den Turm, auf dem jene 27 protestantischen Edlen festgehalten worden sind, und auf der anderen Seite den weißen Berg. - Dann ließ uns der Mensch aus seinen Klauen los, nachdem wir ihm noch ein tüchtiges Trinkgeld hatten zahlen müssen. - Wir kamen nun hinter die Stadt nach dem Schloss- und Volksgarten und dem Ferdinandeum [heute: Belvedere], dem ehemaligen Lustschlosse Kaiser Ferdinand I. Von da kamen wir wieder in die Kleinseite nach der Chotekgasse, durch die Waldsteingasse auf den Kleinseitner Ring, wo wir dinierten. Von da strebten wir wieder der Altstadt zu, gingen bei den Brückentürmen vorbei auf die steinerne Karlsbrücke, die von 30 Heiligenstandbildern, resp. Gruppen geziert ist. Da haben wir den Heiligen Adalbert, Wenzel, St. Veit, Cajetan, Augustin, Christophorus, Xaver, Loyola, Dominicus, Thomas Aquinas, Bernhard von Clairvaux etc., alle von Stein. In der Mitte aber steht, in einer ordentlichen Kapelle, von zwei ewigen Lampen umgeben, die eherne Statue des heiligen Johannes Nepomuk; vor ihm, so wie vor einem vergoldeten Crucifixus mit der Umschrift in Goldbuchstaben: Kadosch, Kadosch, Kadosch Jehova Zebaoth nimmt jeder gute Katholik den Hut ab, bekreuzt sich jede gute Katholikin, und davon gibt es in Prag gar viele. Nur Wenige gingen vorbei, die diesen beiden Bildern nicht ihre Reverenz erwiesen hätten, und in den Kirchen, die wir besuchten, sahen wir stets zahlreiche Andächtige. Auch vor den Kirchtüren saßen gewöhnlich mehrere alte Weiber, zum Teil mit dem Rosenkranz, die von den Ein- und Ausgehenden beschenkt wurden.

Von der Brücke gelangten wir in die Karlsgasse. Dort ist das Clementinum, die von Carl IV. gegründete Universität, gegenwärtig die Hörsäle der theologischen und philosophischen Fakultät enthaltend. (Das andere Universitätsgebäude, Carolinum, auf der Eisengasse, das die Auditorien der Juristen und Mediziner enthält, wurde von Kaiser Wenzel hinzugefügt.) Neben dem Clementinum steht die Kreuzherrenkirche und das eherne Standbild Carls IV., 1848 zum 500-jährigen Jubiläum der Universität errichtet. Das Piedestal ist mit vier sitzenden weiblichen Figuren, die Fakultäten darstellend, geziert. Wir gingen im Hof des Clementinums herum und besahen uns auch ein Auditorium; es ist dort alles gewölbt. - Unterdessen fing es an zu regnen und wir gingen deshalb in ein Café, um den Regen abzuwarten. Er wollte aber nicht so schnell aufhören, wir gingen deshalb in die Husgasse hinab, bis wir an die Dominikanerkirche kamen, eine große, auch im Renaissance-Stil erbaute Kirche, ohne weiteres Bemerkenswertes. Von da kamen wir wieder an den kleinen Ring, von da an den großen, bei der Nikolaus-Kirche, die wir morgens schon besucht hatten, (nicht zu verwechseln mit der großen Nikolaus-Kirche [auf der Klein-Seite]) vorbei, mit der Absicht, nun auch die TeynkircheTeynkircheTeynkirche Ende des 19. Jahrhunderts, Ansicht von Osten zu besuchen. Sie war verschlossen, aber eine Frau erbot sich, sie uns zu öffnen und uns herumzuführen. - Das ist eine merkwürdige, in die Geschichte Böhmens verflochtene Kirche. Sie war außer dem Dom die einzige gotische, die wir besuchten. An Größe mag sie der Breslauer Elisabethkirche wohl nicht sehr viel nachstehen, obgleich mir das zuerst gar nicht so erschien. Sie ist vielleicht die älteste Kirche der Stadt. Einiges soll aus dem neunten Jahrhundert stammen, während im Großen und Ganzen sie um 1100 erbaut ward. Mit ihrer Glocke wurden die Bürger der Stadt zu den Waffen gerufen durch Johann, den Sohn Kaiser Heinrichs VII. anno 1310, mit deren Hilfe er den regierenden Herzog entfernte, um sich selbst zum König von Böhmen zu machen. In ihr wurde dann Johanns Enkel Kaiser Sigismund zum böhmischen König ausgerufen und später Georg Podiebrad gekrönt. Die Kanzel der Kirche ist noch dieselbe, auf der Johann Hus gepredigt hat. In der Kirche sind noch zu merken die Statuen der beiden Apostel Böhmens Methodius und Cyrillus so wie die des Tycho de Brahe. Die Kirche wurde ihrer Zeit von den Hussiten benutzt und nach der Reformation blieb sie lutherisch bis nach der Schlacht am weißen Berge, wo Kaiser Ferdinand sie den Katholiken zurückgab.

Als wir aus der Kirche heraustraten, hatte der Regen aufgehört und wir führten nunmehr unser Vorhaben aus, in die Judenstadt zu gehen, die seit 1848 offiziell Josefstadt heißt, aber im Volksmund noch immer die Judenstadt genannt wird. Hier wohnen, wie es scheint, die Protestanten, d.h. die Lutherischen und Juden, denn auch die eine von den drei evangelischen Kirchen fanden wir hier, jedoch verschlossen. Es ist ein sehr schmutziger und finsterer Stadtteil und die Gassen sind so eng, dass ein Wagen kaum dort wird fahren können. Aus jedem Hause wird man angeredet, ob man was kaufen will, oder was zu handeln hat. Wir gingen zuerst in die reformierte Synagoge, ein Gebäude im orientalischen Stil, das sich übrigens durch Nichts auszeichnet. Es war eben Gottesdienst. - Hernach suchten wir uns den alten Friedhof auf, in den wir auch bald Einlass erhielten. Da stehen Tausende von Leichensteinen dicht gedrängt, teils gerade, teils schief kreuz und quer durcheinander, alle mit hebräischen Buchstaben und auch in hebräischer Sprache. Es wäre ein Ding der Unmöglichkeit, zwischen den Leichensteinen durchzugehen, so nahe stehen sie aneinander. Als wir hinausgingen, griff uns wieder ein Jude auf und erbot sich uns in die Altneusynagoge zu führen, ein Gebäude ebenso voll Widerspruch wie sein Name. Sie ist sehr alt und merkwürdigerweise im gotischen Stil erbaut. Man kann darin sehr wohl einen älteren und einen jüngeren Teil unterscheiden; an vielen einzelnen Pfeilern und auch an den Wänden zum Teil ist die untere Hälfte alt die obere neu. Aber merkwürdiger Weise ist die obere Hälfte geschwärzt, die untere nicht. Die Synagoge wurde nämlich ursprünglich, wie unser Führer sagte, vor 1300 Jahren unterirdisch in orientalischem Stile erbaut und später verschüttet. Im 13. Jahrhundert wurden ihre Trümmer wieder entdeckt und den Juden erlaubt, sie sich auszubauen. Ein christlicher Baumeister baute nun auf den vorhandenen Trümmern die Synagoge, wie sie jetzt noch steht in dem schenen, modernen, christlichen Stil. Weil nun die Synagoge aus Altem und Neuem zusammengesetzt war, nannte man sie Altneusynagoge. In Folge ihres Alters ist sie nun durch den steten Lampenqualm bis oben hin geschwärzt, da sie aber sehr tief liegt, wurden durch die häufigen Überschwemmungen gerade die älteren, unteren Teile wieder weiß gewaschen. An diesen Teilen kann man auch noch deutlich den verschiedenartigen Stil unterscheiden. Unser Mentor erklärte uns dies alles in einem sehr geläufigen und wohl schematisierten Vortrage. Als wir uns durch die Judenstadt wieder heraus gewunden hatten, suchten wir uns, da es allgemach Abend wurde, einen Ort, wo wir unser Haupt niederlegen könnten und gingen in einen Gasthof, der uns schon am Morgen durch sein anständiges und doch einfaches Aussehen angemutet hatte, Stadt Wien. Das Nachtquartier war freilich doch noch das teuerste, das wir auf der ganzen Reise gehabt.

Abends saßen wir in der Gaststube und restaurierten uns etwas; da kamen wir mit zwei ehemaligen Prager Studenten zusammen, die nunmehr all bereits doctores juris waren. Wir gaben uns als Leipziger Studenten zu erkennen und es ward über Leipziger und Prager Verhältnisse gesprochen. Sie klagten darüber, dass ihre Universität immer mehr zur Schule herabsinke, die eigene Gerichtsbarkeit habe sich schon längst verloren. Im Laufe der Unterhaltung erzählten sie, dass am folgenden Tage von zehn Uhr an eine Doktorpromotion eines Juristen statt finde, bei der auch der Kardinal-Fürstbischof, der Kanzler der Universität, zugegen sein werde. Da wir um elf Uhr abreisen wollten, wollten wir versuchen, den Anfang uns noch anzuhören. Wir gingen bald darauf zu Bett und schliefen, müde wie wir waren, ganz köstlich.


[10] Die Fischblase ist eine geschwungene Ornamentform, die an einem Ende kreisförmig abgerundet ist und zum anderen spitz ausläuft.
[11] Der zweite Prager Fenstersturz ist die von Vertretern der protestantischen Stände begangene Gewalthandlung in der Form der Defenestration (lat. für Fenstersturz) an den königlichen Statthaltern Jaroslaw Borsita Graf von Martinitz und Wilhelm Slawata von Chlum und Koschumberg sowie dem Kanzleisekretär Philipp Fabricius. Er markiert den Beginn des Dreißigjährigen Krieges und stellt einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte Europas dar.