Meine ersten Schuljahre in den 1950er Jahren in Hessen
Wie gesetzlich vorgesehen wurde ich 1952 im Alter von sechs Jahren in die Goetheschule meiner Heimatstadt Offenbach am Main eingeschult. An meine Schultüte kann ich mich noch erinnern, doch es gibt zu meinem Bedauern keine Fotos von meiner Einschulung. Es war zwar eine „gemischte“ Schule, doch wurden Mädchen und „Knaben“ getrennt voneinander unterrichtet. Damals begann das Schuljahr noch am 1. April, sodass wir für die erste Zeit auf dem Schulweg die helle Jahreszeit nutzen konnten.
Die schlimmsten Kriegsschäden waren damals bereits behoben, aber es fehlte immer noch an ausreichendem Schulraum, sodass die Klassen oft mit vierzig bis fünfzig Schülern belegt waren, so auch meine Klasse. Und die reformierten Unterrichtsmethoden wurden nur teilweise umgesetzt.
Dazu heißt es in der Schulchronik der Offenbacher Schillerschule:
- Der Neuanfang nach dem Krieg betraf auch die Unterrichtsformen und Lehrmethoden. Es mutet heute befremdlich an, wenn, wie im folgenden Teil aufgelistet, als Aufforderungen in Protokollen von Lehrerkonferenzen zu lesen sind:
- Die körperliche Züchtigung muss unbedingt unterbleiben!
- Kindern sind als Strafe keine Schilder um den Hals zu hängen, wie etwa mit der Aufschrift: „Ich habe nicht aufgepasst“!
- Beschimpfungen der Kinder durch den Lehrer haben zu unterbleiben!
- Kinder werden nicht mehr vor die Tür gestellt oder vom Unterricht ausgeschlossen!
- Dies zeigt auch eine große Verunsicherung der Lehrer, neuen Unterrichtsstilen und -methoden aufgeschlossen gegenüberzutreten.
- Die amerikanischen Projektansätze von John Dewey wurden studiert und teilweise übernommen, deren Umsetzung aber noch Jahrzehnte dauerte.
Von den zuvor beschriebenen Bestrafungen habe ich in meiner Schulzeit nichts mitbekommen. Allerdings erzählten Schülerinnen und Schüler anderer Schulen, dass dort solche drakonischen Bestrafungen durchaus noch üblich waren.
Nach einem FehlstartSiehe Schule zur Untermiete[… Klick] wechselte ich nach einem halben Jahr an die „Mädchenschule in der Bleichstraße“. Wie der Name schon sagt, war das eine reine Mädchenschule. Beide Schulen waren achtjährige Volksschulen.
Leistungsstarke Schülerinnen und Schüler konnten jedoch nach dem vierten Schuljahr auf die Mittelschule(heute Realschule) oder auf das GymnasiumIn manchen Bundesländern damals „Oberschule“ genannt überwechseln. Für Mädchen, die auf die höhere Schule gehen wollten, gab es in Offenbach nur zwei Möglichkeiten: Entweder die katholische Marienschule, die von Ordensschwestern der Ursulinen geleitet wurde und eine klassische Allgemeinbildung mit religiösen Werten vermittelte, oder die städtische höhere Mädchenschule mit naturwissenschaftlich-neusprachlicher Ausrichtung. Beide Schulen führten zum Abitur. Die anderen Gymnasien der Stadt sowie die traditionellen Gymnasien mit humanistischer Ausrichtung standen dagegen nur Jungen offen.
Die damalige Volksschule war jedoch nicht mit der später entstandenen Hauptschule vergleichbar. Sie war die Regelschule für die große Mehrheit aller Kinder. Nach dem Schulabschluss standen zahlreiche Ausbildungsberufe offen, für die heute häufig ein mittlerer oder höherer Schulabschluss Voraussetzung ist.
An allen Schulen war der Samstag auch regulärer Unterrichtstag. Es gab auch noch die sogenannten Kopfnoten im Zeugnis. Hier wurden Betragen, Fleiß, Aufmerksamkeit und Ordnung benotet.
Auch wenn ich gute Noten hatte, kam für mich ein Wechsel auf eine weiterführende Schule nicht in Betracht, denn ich war ja „nur“ ein Mädchen. Nicht nur in meiner Familie war man damals der Auffassung, dass Mädchen später ohnehin heiraten und Kinder bekommen würden. Wozu also eine längere Schulbildung? Bis zur Heirat sollten sie lieber Geld für ihre Aussteuer verdienen und zum Familieneinkommen beitragen. Demzufolge wechselten auch nur wenige meiner Mitschülerinnen auf die „Höhere Schule“. Laut Aufzeichnungen der Bundeszentrale für politische Bildung waren es Anfang der 1950er Jahre gerade einmal 3,6 Prozent der Schülerinnen. Mein jüngerer Bruder hatte dieses Problem später nicht. Unter großem Beifall und mit finanzieller Hilfe meiner Eltern konnte er eine akademische Ausbildung absolvieren.
So blieb ich also bis zum Ende der achten Klasse im selben Klassenverband, lediglich zum Schuljahresende änderte sich die Zusammensetzung etwas: Wenn einige der Klasse „sitzen geblieben“ waren und das Schuljahr wiederholen mussten oder von dem höheren Schuljahr die „Sitzenbleiber“ zu uns kamen. So waren im Laufe der Zeit einige der Schülerinnen mehr als drei Jahre älter als der Rest der Klasse. Damals war es möglich, mehrfach sitzenzubleiben. Mit Erfüllung der achtjährigen Schulpflicht musste man die Schule jedoch verlassen, unabhängig davon, welche Klassenstufe erreicht worden war.
Bis auf wenige Ausnahmen ging ich sehr gern in die Schule und fühlte mich dort wohl. Abgesehen von meiner Lehrerin in der ersten Klasse habe ich meine Lehrer und Lehrerinnen in der Volksschule durchweg in guter Erinnerung. Sie unterrichteten mit großem Engagement und bemühten sich, uns möglichst gut auf unseren weiteren Lebensweg vorzubereiten.
Meine Lieblingsfächer waren Geschichte, Erdkunde und Religion. Ich war zwar evangelisch getauft, bin aber nicht religiös, trotzdem hatte ich in Religion immer eine gute Note. Die biblischen Geschichten fand ich spannend, und außerdem machte es mir Spaß, den Religionslehrer mit kritischen oder provozierenden Fragen in Verlegenheit zu bringen. Zu meiner Überraschung nahm er mir das nie übel, sondern benotete meine Mitarbeit weiterhin gut. Für den Religionsunterricht wurden wir nach Konfessionen getrennt. Die Anzahl der katholischen und evangelischen Kinder verteilte sich in unserer Klasse ungefähr gleich. Zusätzlich gab es einige freireligiöse Kinder. Während wir Religionsunterricht hatten, mussten sie sich ohne Unterricht im Schulgebäude aufhalten. Wie mir meine freireligiösen Freundinnen erzählten, fühlten sie sich dadurch ausgegrenzt. Das tat mir sehr leid.
Auf die Ferien freute ich mich kaum. Für mich sowie für die meisten Mädchen meiner Klasse bedeuteten sie keine Urlaubsreise, sondern zusätzliche Arbeit im Haushalt. Ich hasste es, zu Hause die kleinen Geschwister zu hüten und ohne meine Freundinnen zu sein.
Eine Ausnahme bildeten allerdings die Bundesjugendspiele. Da ich völlig unsportlich war und deshalb bei den Siegerehrungen regelmäßig leer ausging, ließ ich mir häufig von meiner Mutter für diesen Termin eine Krankmeldung schreiben. So konnte ich anschließend glaubhaft bedauern, dass ich „leider“ krank gewesen war. Meine Mutter unterschrieb diese Entschuldigungen gern, denn dann konnte ich auf meine jüngeren Geschwister aufpassen, während sie Zeit hatte, Freundinnen zu besuchen.
Ganz anders erlebte ich den wöchentlichen Schwimmunterricht(Siehe „Sprung ins kalte Wasser“) [Klick …] ab der vierten Klasse. Schwimmen lernte ich dort zwar noch nicht – das brachte ich mir später selbst bei –, aber ich entdeckte, dass ich keine Angst vor dem Wasser habe und mich in diesem Element ausgesprochen wohlfühle.
Auch hatten wir immer wieder mal im Sommer Wandertage in dem nahegelegenen Stadtwald. Jeder musste sich etwas zu essen und zu trinken mitnehmen. Am besten gefiel es mir, mit meinen Freundinnen lange zu quatschen – ohne Pausenglocke. Die Gesprächsthemen gingen uns nie aus. Weniger gefiel mir allerdings, dass wir immer geschlossen laufen mussten, und das „Mir nach!“ war schon damals nicht mein Ding – und daran hat sich bis heute nichts geändert.
Ein besonderes Erlebnis war unsere einwöchige Klassenfahrt in das rund vierzig Kilometer entfernte Büdingen. Ich kann mich nicht erinnern, dass es etwas kostete. Hätte meine Mutter dafür bezahlen müssen, wäre ich vermutlich wieder „krank“ gewesen. Während dieser Woche hatten wir deutlich mehr Freiheiten als im Schulalltag und durften uns zeitweise in kleinen Gruppen frei bewegen.
Dass Büdingen eine der schönsten Fachwerkstädte Hessens ist, interessierte uns damals herzlich wenig. Viel wichtiger war für uns das gemeinsame Erlebnis. Für den obligatorischen Aufsatz nach der Rückkehr versuchte ich mich sogar an einem Gedicht. Den Anfang weiß ich noch heute:
„In Büdingen haben wir vor kurzem gastiert,
in einem kleinen Städtchen in Hessen.
Die Tage haben mich kaum interessiert,
aber die Nächte werde ich nicht vergessen …“
Nach heutigen Maßstäben war das herrlich harmlos. Wir kamen einfach vor lauter Erzählen und Lachen nicht zum Schlafen.
Besonders freute ich mich jedes Jahr auf eine Woche Unterricht im Schulgarten. Die Stadt Offenbach hatte am damaligen Stadtrand einen zentralen Schulgarten eingerichtet. Dort standen auch zwei Klassenräume zur Verfügung, die jede Schulklasse einmal jährlich kostenlos nutzen konnte. Ziel war es, den Naturkundeunterricht praxisnah ins Freie zu verlegen und kreative Fächer wie Zeichnen unmittelbar in der Natur stattfinden zu lassen.
Der Weg von unserer Wohnung bis dorthin betrug etwa vier Kilometer. Ich musste laufen, denn ein Fahrrad besaß ich nicht, und es gab keine öffentlichen Verkehrsmittel bis zum Stadtrand. Doch das war nichts Besonderes, denn ich war lange Schulwege gewohnt. Für die Zeit im Schulgarten sollten wir uns praktisch anziehen. So kamen einige in Sportkleidung und andere hatten Schürzen umgebunden. Wir waren oft im Freien und unter Anleitung des Schulgärtners pflanzten wir im Frühjahr Gemüse. Die Klassen, die im Herbst das Glück hatten, dort zu sein, konnten das Gemüse ernten.
Im Schulgarten gab es außerdem einen kleinen Teich, der für unseren Biologieunterricht als Anschauungsobjekt herhalten musste. Hier waren aus dem Froschlaich gerade die Kaulquappen geschlüpft. Der Lehrer erklärte uns die Metamorphose vom Ei über die Kaulquappe zum Frosch. Das war äußerst spannend. Am nächsten Tag sollten wir leere Schraubgläser mitbringen. Wir füllten sie mit Wasser, einigen Kaulquappen und ein paar Wasserpflanzen und nahmen sie mit nach Hause, um die Entwicklung zu beobachten. Hinweise zur Pflege der Tiere bekamen wir jedoch nicht. Als wir später unsere Beobachtungen in der Schule besprachen, hatten wir alle das Gleiche zu erzählen: Die Kaulquappen lebten ein paar Tage, bekamen Hinterbeine, einige sogar Vorderbeine, und dann waren sie alle tot. Sie wurden mit dem Inhalt des Glases die Toilette heruntergespült. Weder Lehrer noch Schülerinnen dachten sich etwas dabei, es gab doch so viele Kaulquappen, und wir hatten unseren Anschauungsunterricht gehabt. Heute wäre ein solches Vorgehen undenkbar, alle heimischen Amphibien in jedem Entwicklungsstadium stehen inzwischen unter gesetzlichem Schutz.
Dabei spielte Naturschutz schon damals eine Rolle. In der Schule erhielten wir regelmäßig die bunt bebilderte „Naturschutzfibel“, herausgegeben vom Bund für Vogelschutz, dem heutigen NABU. Wir freuten uns immer über diese Hefte, auch wenn Theorie und Praxis früher – wie auch heute –, weit auseinanderliegen.
Anfang der 1960er Jahre verschwand der zentrale Schulgarten. Das Gelände wurde eingeebnet und mit einem großen Schulgebäude bebaut. Offenbach wuchs stetig weiter, neue Wohnsiedlungen(Siehe „Die Kopftuchsiedlung“) [Klick …] entstanden, und der ehemalige Stadtrand wurde zum innerstädtischen Bereich. Später erhielten viele Schulen eigene, kleinere Schulgärten.
Unser gemeinsamer Schulgarten bleibt aber eine schöne Erinnerung an meine Schulzeit.


