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Kampf um den Hinterhof

Schon in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts war es schwierig, in Hamburg eine Wohnung zu finden. Ich hatte im Oktober 1974 mein Jurastudium begonnen, und im Jahr drauf, mit 20 Jahren, dachte ich, dass es Zeit wäre, das Elternhaus zu verlassen. Ich hatte mich mit einigen Kommilitonen angefreundet, und wir wollten eine Wohngemeinschaft aufmachen. Letztlich hat es anderthalb Jahre gedauert, bis wir eine Wohnung fanden. Ein Freund sprang in dieser langen Suchzeit ab, so dass wir zu dritt weiter suchten. Letztlich haben wir nur durch Vitamin B eine Wohnung bekommen. Der Freund meiner Freundin wohnte bereits in dem Mehrfamilienhaus im Mühlenkamp in Hamburg-Winterhude, und durch seine Vermittlung konnten wir mit dem Vermieter für die Wohnung darüber im dritten Stock einen Mietvertrag abschließen.

Wir wohnten dort sehr gern. Winterhude war damals ein quirliges Arbeiter- und Studentenviertel, es war laut und gemütlich, mit vielen urigen Kneipen. Als wir im Dezember 1976 einzogen, fuhr die Straßenbahn der Linie 2 noch. Sie rumpelte direkt unter unserem Wohnzimmerfenster und hat uns nie gestört. Wir fuhren mit dem Fahrrad zur Uni und stellten die Räder immer in den Hinterhof, weil es auch damals schon sehr eng im Mühlenkamp war und es nie genügend sichere Abstellplätze gab.

Leider blieb es nicht so schön. Eines Tages machte jemand im Erdgeschoss unseres Hauses eine Imbissbude auf, der sich als sehr unsympathisch entpuppte. Nach eigener Aussage hatte er auch den Hinterhof dazu gemietet und verbot uns nun, dort unsere Räder abzustellen. Er verwandelte den Hinterhof auf eine unschöne Weise. Von morgens früh bis abends spät, oft bis 22 oder 23 Uhr war er im Gange. Er riss die schönen Fliederbüsche und Forsythien heraus, den einzigen wilden Schmuck im tristen kahlen Hinterhof. Für mich war der Hof nun endgültig eine Ödnis. Da er Platz zum Parken brauchte, maß er Parkplätze aus, exakt zwei mal vier Meter pro Auto, schüttete dunkelgrauen, mit Glas gemischten Kies auf die Parkfläche, zeichnete mit weißer Kreide die Parklinien darauf, jätete das letzte Stückchen Unkraut aus der aufgestörten, ärmlich-proletarischen Hinterhoferde und harkte alles liebevoll. Jede Katzenspur wurde sofort pedantisch entfernt. Sein Kommentar: Gegen diese streunenden Katzen sollte etwas unternommen werden. Als absolute Krönung säte er auf einer eineinhalb Meter langen und 70 Zentimeter breiten Fläche neben einem kleinen Bunker Rasen an, echten, feinen, vermutlich englischen Rasen. Zum Schutz gegen naturfeindliche Störenfriede schützte er dieses Heiligtum, in das er zu allem Überfluss noch drei Gladiolen gepflanzt hatte, mit dicken, starken Bohlen, auf dass ja niemand hineintrete und diese Veredlung des Hofes zerstöre.

Für uns begann eine Zeit der ständigen Auseinandersetzungen. Wir stellten wie gewohnt unsere Fahrräder neben den kleinen Bunker vor die Rasenfläche. Der Imbissbudenbesitzer aber meinte, wir würden das Parken der Autos erschweren, womöglich noch Schrammen verursachen und außerdem den Rasen kaputt machen. Es wären auch zu viele Räder, und wir würden sie zu unordentlich aufstellen.

Einmal habe ich einfach die Bohle zur Seite geschoben und mein Rad auf den Rasen gefahren. Mein Kontrahent muss sich darüber wahnsinnig geärgert haben. Er muss sich abends im Dunklen herangeschlichen und das Fahrrad versteckt haben. Und wahrscheinlich hat er sich diebisch gefreut und mich heimlich beim Suchen beobachtet, bis ich es nach einer langen Weile versteckt hinter einem Müllcontainer 100 Meter entfernt in einem Hinterhof, der bereits zu anderen Häusern gehörte, gefunden habe. Schon damals wurden nämlich viele Räder gestohlen, und so hatte ich natürlich Angst, mein Fortbewegungsmittel zu verlieren.

Oft hat er uns verwarnt und sogar verboten, die Räder dort zu parken, er habe schließlich den ganzen Hof gepachtet. Aber schärfere Methoden anzuwenden traute er sich nicht, weil wir uns als Mieter gut mit dem Hauswirt verstanden und immer auf angebliche Abmachungen mit diesem hinwiesen. Mit dem Hauswirt war aber nicht zu reden, der wollte nur seinen Frieden und es allen recht machen. Wir mussten den Kampf um Ordnung und Besitzrechte am Hof also allein mit dem Imbissfritzen ausfechten. An den doofen Spielchen, Verstecken und Suchen und giftige Unterhaltungen führen, konnte keiner seine Freude haben. Der Imbissfritze kostete seine Macht aus und genoss seinen Triumph, während wir Studenten vor Wut platzten, aber aus Stolz und weil's nichts bringt, lieber zurücksteckten.

Mit anderen Worten: Der Imbissfritze gewann die Verteidigung seines Hofes; die Autos und die drei Blumen im Rasen blieben fürderhin ungeschoren. Er war uns aber ständig ein Dorn im Auge und stachelte unsere Fantasie zu schlimmen Gedanken an. Wir schmiedeten fürchterliche Rachepläne, die allerdings dazu verurteilt waren, Pläne zu bleiben. Denn feige, Intellektuelle neigen eher zu verbalen Attacken, haben wir nichts weiter unternommen. Und das Leben ging weiter, irgendwann zogen wir aus und vergaßen das Thema und den Imbissfritzen.