Ein Herz für brandverletzte Kinder
Der Sohn meiner Freundin hatte auf einem Faschingsgeburtstag lebensbedrohliche Verbrennungen erlitten, weil sein Batman-Kostüm schlagartig in Brand geriet, als es die Geburtstagskerze streifte. Durch dieses Unglück kam meine Freundin mit dem Verein Paulinchen – Initiative für brandverletzte Kinder e.V. in Verbindung, engagierte sich sofort und leitete bald in Norderstedt als zweite Vorsitzende das Büro des bundesweiten Vereins.
Alles über die Arbeit und Ziele des Vereins habe ich durch diese Freundschaft erfahren. Paulinchen e.V. berät Familien mit brandverletzten Kindern, arbeitet präventiv, um auf die Unfallursachen hinzuweisen, und veranstaltet Seminare für betroffene Eltern. Als Mutter von zwei Jungen war mir klar: Hier musste ich mich auch engagieren.
Als ich krankheitsbedingt meinen Beruf nicht mehr vollständig ausführen konnte, half ich zunächst im Paulinchen-Büro aus. Nach kurzer Zeit arbeitete ich bereits einige Stunden, beantwortete Mails, versendete Infomaterial, pflegte die Datenbank und bereitete für Vorträge der Vorsitzenden Excel-Diagramme und Power-Point-Präsentationen vor. Eine neue Tätigkeit, die spannend war, neue Erfahrungen und besondere Begegnungen brachte.
Auch an Informationsständen unterstützte ich, beispielsweise auf Messen, Feuerwehrfesten, Jubiläen und anderen Veranstaltungen. Damit wir dafür gut vorbereitet waren, führte Paulinchen e.V. jährlich eine Ehrenamtsschulung durch. Durch einen Seelsorger, der auch Psychologe war, lernten wir den Umgang mit Interessierten an den Ständen.
Ein Verein braucht natürlich eine Website, und die von Paulinchen musste modernisiert und vor allem aktualisiert werden. Eine Firma in Frankfurt erarbeitete das Grundgerüst im System TYPO 3. Das war alles neu für mich, aber in einem Kurs bei der Softwarefirma wurden meine Freundin und ich geschult. Später war ich die Einzige im Team, die die Homepage in TYPO 3 gestalten und aktualisieren konnte. Bildbearbeitung gehörte natürlich auch dazu. Die ersten Schritte in Photoshop, einem Foto-Bearbeitungsprogramm, zeigte mir mein Mann.
Auch als ich nach sechs Jahren die regelmäßige Büroarbeit bei Paulinchen e.V. aufgab, pflegte ich die Website noch zwei weitere Jahre im Homeoffice.
Die Messe „Interschutz 2010“ in Leipzig war eine besondere Zeit. Paulinchen e.V. war vom vfdb - Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes e.V. eingeladen, sich auf deren Messestand zu präsentieren, Besucher zu beraten und Broschüren und Flyer zu verteilen. Während der Interschutz wurde der Stand des vfdb auch vom damaligen Bundesinnenminister Thomas de Maizière besucht. Fernseh- und Radiosender interviewten mich einige Male zu Verbrennungen und Verbrühungen bei Kindern. Nicht immer war ich mit dem, was dann gesendet wurde, zufrieden. Ich war es nicht, wie die Politiker, gewohnt, einfach etwas anderes zu antworten, wenn die Frage nicht zum Thema passte.
„Paulinchen“ hatte für mich und meinen Mann eine Wohnung in Leipzig gemietet, groß genug, dass auch die zweite Vorsitzende gelegentlich bei uns übernachten konnte. Jeden Morgen machten wir uns mit der Straßenbahn auf zum Messegelände. In der Bahn waren mindestens 90 Prozent Männer, die alle auf der Messe arbeiteten. Mein Mann war als Begleitung mit und ging meist seinem Hobby der Fotografie nach. Aber an einem Nachmittag musste er mich auf der Messe vertreten, denn im Museum der bildenden Künste war eine große Ausstellung von Neo Rauch, einem bedeutenden deutschen Maler, die ich unbedingt sehen wollte.
Abends schlenderten wir durch die renovierten Jugendstilpassagen und gingen essen. Bei herrlichem Wetter konnten wir draußen sitzen. Auffällig war, dass man durch die Interschutz enorm viele Männer in Leipzig sah, besonders viele Feuerwehrleute in ihren Uniformen.
Regelmäßig beteiligten wir, von Paulinchen e.V., uns am Kinder-HIT-Tag in Hamburg Alsterdorf, ein Ferienspaß, der von Polizei und Feuerwehr in den Sommerferien organisiert wurde. Hier verteilten wir Luftballons an die Kinder und Ratgeber an die Eltern. Ganze Kindergartengruppen standen vor unserem Stand und warteten auf die Luftballons. Jedes zweite Jahr erhielt der Verein den Erlös aus der Veranstaltung vom Kaffee- und Kuchenverkauf.
Am Heiligabend 2011 wurde beim Krippenspiel in einer katholischen Kirche in Bad Segeberg ein Kind schwer brandverletzt, sein Schäfchenkostüm hatte sich an einer Kerze entflammt. Die Eltern suchten über die Paulinchen-Hotline Rat.
Der damalige Erzbischof Dr. Werner Thissen hatte uns nach dem Unglück zum Gespräch eingeladen, um sich über den Verein zu informieren. Die zweite Vorsitzende und ich tranken mit dem Erzbischof Kaffee und berichteten dabei über die Arbeit und Ziele des Vereins. Mit einem Spendenscheck der katholischen Kirche verließen wir den Amtssitz des Bischofs.
Seit 2010 gibt es den „Tag des brandverletzten Kindes“, einen Gesundheitstag am 7. Dezember, initiiert von Paulinchen. Überall im Land wird an diesem Tag auf die Gefahren von Verbrennungen und Verbrühungen von Kindern hingewiesen. Das Paulinchen Team nahm im Heidberg-Krankenhaus und im Kinderkrankenhaus Wilhelmstift an den Aktionen teil. Auch in Norderstedt wurde und wird auf den Aktionstag aufmerksam gemacht. Unter anderem wird die Vitrine in der Rathaus Passage zum Aktionstag dekoriert.
2011 wurde der Verein mit dem „Tag des brandverletzten Kindes“ „Ausgewählter Ort 2011” beim Innovationswettbewerb 365 Orte im Land der Ideen ausgezeichnet. Dafür gab es kein Preisgeld, aber viel Öffentlichkeit, und der Bekanntheitsgrad stieg enorm. Auch Norderstedt profitierte davon. Diese Auszeichnung wurde mit Unterstützung der Stadt Norderstedt und mit geladenen Gästen gefeiert. Das Rathaus-Restaurant sponserte das Catering. Zu den Gästen gehörten viel Prominenz vom Land und der Stadt, sowie die Spender, die den Verein regelmäßig unterstützten. Mein Mann war als Fotograf engagiert. Fernsehen und Presse begleiteten das Fest.
Gleichzeitig wurde im Herold-Center mit einem großen Informationsstand auf die Gefahren für Kinder aufmerksam gemacht, und zur Freude der Kleinen gab es ein Glücksrad mit vielen tollen Gewinnen. Ein Clown knetete Tiere aus Luftballons und schenkte sie den Mädchen und Jungen, auch das Kinderschminken war ein Hit. Zwei meiner Nachbarinnen halfen uns bei der Aktion.
Der Verein Paulinchen – Initiative für brandverletzte Kinder e.V. finanziert sich überwiegend aus Spenden, und so war ich öfters unterwegs, um Spendenschecks von Firmen, Feuerwehren, Geschäften usw. entgegenzunehmen.
Ein besonderes Erlebnis war die Spende vom Airport Hamburg. Einmal im Jahr versteigert der Flughafen die nicht abgeholten Fundsachen und spendet den Erlös einem sozialen Zweck. Bei der Aktion lernte ich nicht nur eine Nachbarin kennen, sondern auch den damaligen Geschäftsführer Michael Eggenschwiler. Man zeigte uns auch den Raum, in dem die Fundsachen etwa drei Monate lagerten. Ein etwa 15 qm großer Raum voller Jacken, Taschen, Schirme und ein Schrank voll mit Handys und Laptops, sogar eine Kinderkarre und ein Rollator waren dabei.
Manchmal konnte ich Privates mit dem Ehrenamt verbinden, so besuchte ich Verwandte in Brandenburg und übernahm einen Spendenscheck von einem Benefiz-Konzert für Paulinchen e.V. Vor der Burg in Friedland wurde mir der Scheck pressewirksam vom Bürgermeister und seiner Assistentin, die zufällig mit der Tochter meiner Cousine befreundet war, überreicht.
Als im Jahr 2012 die ersten Großflächenplakate zur Paulinchen-Grillkampagne in Berlin zu sehen waren, machten wir, das Paulinchenteam, einen Ausflug in die Hauptstadt. Inzwischen kann man jedes Jahr zur Grillzeit Großflächenplakate in verschiedenen Großstädten sehen, und auch ein Video zum Thema „Grillen“ läuft in den U-Bahnen. Trotz aller Präventionen passieren leider jedes Jahr immer wieder Grillunfälle, oft durch flüssige Grillanzünder.
Bei einer Ehrenamtsmesse in Henstedt-Ulzburg war die Besucherzahl übersichtlich, so dass meine Kollegin und ich nicht gleichzeitig am Stand sein mussten. Ich schaute mich auf der Messe um und besuchte andere Aussteller. Am Glücksrad einer Partei, die auch wie wir rote Jacken trugen, wurde ich aufgefordert, das Rad zu drehen. Nach anfänglichem Zögern, weil ich „ja doch kein Glück habe“, drehte ich und gewann den zweiten Preis, einen Gutschein für ein Essen zu zweit in einem netten Restaurant in Kaltenkirchen.
Seit 2008 bekommt Paulinchen e.V. die Startgelder vom Feuerwehrlauf in Bad Segeberg. Die Verbindung zum damaligen Kreiswehrführer, einem Schulfreund von mir, hatte ich hergestellt. Der Feuerwehrlauf wurde 2017 in den Segeberger Volkslauf integriert, aber die Startgelder der Feuerwehrmannschaft bekommt Paulinchen bis heute. Eine Paulinchen-Mannschaft nimmt auch immer daran teil, dazu gehörten auch mein Mann und mein Sohn. Zweimal waren meine Freundin und ich auch dabei mit 8,5 km Nordic Walking um den Großen Segeberger See. In meiner damaligen Altersgruppe hatte ich den zweiten Platz erreicht. Meine Freundin, gleich schnell aber jünger, ging leer aus.
Bis Ende 2024 vertrat ich den Verein bei allen Presseterminen zum Segeberger Volkslauf und bei der Entgegennahme der Spende. Die Sponsoren kannten mich schon und ich konnte immer unsere neusten Ratgeber und Flyer vorstellen.
Im Herbst 2016 erhielt ich einen Brief von der Staatskanzlei in Kiel. Ich erwartete nichts Gutes, war beim Lesen sicher, dass es sich um eine Verwechslung handelte, die Auszeichnung konnte unmöglich für mich sein. Doch nach einem Telefonat mit dem Paulinchen-Büro und deren Bestätigung, hatte ich in Kiel zugesagt, die Ehrung anzunehmen.
Am 24. November 2016 wurde ich dann in der Landesbibliothek mit der Ehrennadel des Landes Schleswig-Holstein für meine langjährige ehrenamtliche Tätigkeit ausgezeichnet. Ein besonderer Moment. Die damalige Sozialministerin Kristin Ahlheit in Vertretung von Ministerpräsident Albig überreichte mir und weiteren acht Schleswig-Holsteinern die Ehrennadel, eine Urkunde und einen Blumenstrauß. Für jede der ausgezeichneten Personen wurde eine Laudatio gehalten. Interessant auch, wofür sich die anderen so engagierten. Eine kleine Rede im Namen aller Ausgezeichneten war meine Aufgabe. Die Staatskanzlei hatte mich vorher gefragt, ob ich das übernehmen würde. Warum man mich ausgesucht hat, weiß ich allerdings nicht. Zur Feier durfte man bis zu fünf Personen mitbringen, die man anmelden musste und die nur mit Personalausweis eingelassen wurden. Die beiden Vorsitzenden von Paulinchen e.V. wurden separat von der Staatskanzlei eingeladen.
Auf der Jubiläumsfeier vom Kunstverein Malimu saß mir die damalige Norderstedter Oberbürgermeisterin gegenüber. Ich erzählte vom Verein Paulinchen und sie hatte gleich ein offenes Ohr dafür. Seitdem werden die Broschüren „Aktion Paulinchen – So schützen sie ihr Kind vor Verbrennungen und Verbrühungen“ zusammen mit einem Norderstedt-T-Shirt an alle Familien, die Nachwuchs bekommen, von der Stadt Norderstedt verteilt.
Die jetzige Oberbürgermeisterin hatte ich schon Jahre vorher bei einem Neujahrsempfang im Rathaus kennengelernt. Sie verfolgt unsere Arbeit und interessiert sich für brandverletzte Kinder.
2018 feierte Paulinchen e.V. 25-jähriges Bestehen, ein großes Fest in der Halle der Feuerwehr Glashütte. Viele Unterstützer waren eingeladen, auch die Oberbürgermeisterin und natürlich die Politprominenz. Ein Abend mit vielen Ansprachen und Musik. Zur Erinnerung erschien statt eines Heftes ein Jubiläumsfächer, in dem auch eine Seite über mich zu lesen war.
Bis heute engagiere ich mich ehrenamtlich für Paulinchen e.V., und auch Freunde und Bekannte habe ich motiviert. Der Verein „Himmlische Wurstbude“ zum Beispiel, in dem mein Mann aktiv ist, spendete ebenfalls an den Verein.
2020 erzählte ich einer Freundin, dass Paulinchen den Ratgeber „So schützen Sie Ihr Kind vor Verbrennungen und Verbrühungen“, den es bereits in acht Sprachen gab, jetzt auch in Ukrainisch drucken lassen möchte. Die Broschüre gab es zwar schon in Russisch, das alle Ukrainer verstanden, aber das wollte man ihnen in Kriegszeiten mit Russland nicht zumuten. Viele brandverletzte Kinder aus dem Ukrainekrieg wurden und werden in Deutschland behandelt. Diese Freundin erzählte ihrem Mann, der Mitglied bei den Rotariern ist, davon, und so haben die Rotarier Norderstedt die Druckkosten des Ratgebers mit einer großzügigen Spende unterstützt.
Ich erlebe immer wieder, wie viele Leute ein Herz für brandverletzte Kinder haben und bereitwillig teils großzügig spenden.
Information über Paulinchen e.V.
Alles über die Arbeit und Ziele des Vereins habe ich durch diese Freundschaft erfahren:
Paulinchen e.V. berät Familien mit Brandverletzten Kindern und Jugendlichen in jeder Phase des Unfalls und ist täglich über die kostenlose Hotline erreichbar. (0800 0 112 123)
Der gemeinnützige Verein verfügt über ein großes Kompetenznetzwerk wie Spezialkliniken, Plastische Chirurgen, Therapeuten.
Jährlich sind 30.000 Kinder mit thermischen Verletzungen in ärztlicher Behandlung, davon 7.000 in Kliniken und 1.500 in Spezialkliniken. Nach dem Klinikaufenthalt folgt eine jahrelange Behandlung, denn die Narben wachsen nicht mit. Für Familien wird Austausch und Unterstützung in Seminaren, Jugendwochenenden und Regionaltreffen angeboten.
Um auf die Gefahren hinzuweisen wurde die Broschüre „So schützen Sie Ihr Kind vor Verbrennungen und Verbrühungen“ in neun Sprachen gedruckt und bisher millionenfach kostenlos an Kliniken, Arztpraxen, Feuerwehren, Kitas und Eltern verteilt, ebenso ein Faltblatt speziell für Babys, weitere Broschüren und Präventionsplakate, alles auch zum Downloaden.
Auf YouTube laufen Präventionsfilme zum bundesweiten „Tag des brandverletzten Kindes“.
Im Sommer startet immer die Grill Kampagne mit Großflächenplakaten und Videos.
Sozial Media wird genutzt, auch für Podcasts.
Als Mutter von zwei Jungen war mir klar, hier musste ich mich auch engagieren.


