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50 Jahre nacherlebt, Rietheim 1924 bis 1974

Rietheim, Kriegsbeginn 1939

Ich heiratete 1938 mein Gretchen und 1939, sechs Wochen vor Kriegsbeginn, habe ich die Alb wiedergesehen, nach elf Jahren. Ich wollte einfach wieder mal auf die Alb. So schrieb ich, ob ich nicht mal auf ein paar Tage kommen könnte. Es gab 1938 nur zehn Tage Urlaub, also konnte und sollte dieser Besuch nur kurz sein. Dass wir erst bei Katri und Hans in DegerlochDegerloch ist ein Stadtbezirk am Südrand der Stuttgarter Innenstadt auf der Filderebene. gelandet sind, war wohl Absicht oder Teststation. Kurzum, Katri erkannte ich auf dem Bahnhof sofort wieder, an ihrem schwarzen Haar und dem Mittelscheitel. Für mein Gretchen war alles neu, Hans war für mich auch fremd, man hatte ja inzwischen geheiratet. Aber das freundliche Du, welches Hans uns sofort anbot, machte es Gretchen und mir leicht, sodass wir uns gleich zur Familie hingezogen fühlten. Amanda war noch klein und sah genauso aus wie später ihre Susi. 1939 war in Stuttgart die erste Reichsgartenschau, die wir natürlich besuchten und heute noch oft davon erzählen, wie schön es doch damals alles war.

In Degerloch trafen wir auch Jakob mit seiner Marie. Sie machten einen Betriebsausflug zur Gartenschau, Erich war auch dabei. So haben wir schon ein Drittel der Familie wiedergesehen. Jakob und Marie haben uns dann auch eingeladen, auf der Fahrt nach Rietheim Station zu machen. Ich selbst hatte von Stuttgart auch noch nicht viel mehr kennen gelernt als einmal um den Bahnhof herum. Aber Hans hat uns damals einen ganzen Tag herumgeführt. Mein Gretchen hat von der Stadtführung am besten behalten, dass wir zu Mittag in einem Restaurant Maultaschen gegessen haben. Aber es war an dem Tag sehr schön. Wir haben noch alle Bauten um den Schlossplatz im alten Glanz gesehen. Vier Jahre später war alles von den Engländern mit Bomben kaputt geworfen. Später waren wir im festen Zirkus Althoff. Es wurde die Operette Zum weißen Rössl aufgeführt mit Willi Reichardt.

Auf der Fahrt auf die Alb sind wir an der Station Uracher Wasserfall ausgestiegen und mit Hans auf dem Hohen Urach und zum Wasserfall gewesen. Unsere Koffer gab Hans dem Zugführer mit einem Trinkgeld, er sollte sie nur aufgeben, wir holen sie am Nachmittag ab, das wäre in Preußen nicht möglich gewesen.

Gretchen hatte Pariser Schuhe an und die haben damals dem Querfeldeinabstieg nicht standgehalten. Aber der Schuhmacher Haible hat sie wieder repariert. In Seeburg haben wir eine Nacht geschlafen. Morgens, wie wir aufwachten, hat uns Erich, er war wohl fünf Jahre alt, in echt Schwäbisch erzählt, was er so mit seinen Spielkameraden den Tag über so umtreibt. Ich glaube heute noch, mein Gretchen hat nichts verstanden.

Am Mittag sind wir dann mit Hans übers Ochsenwegle nach Rietheim gegangen. Und auch hier, eben in das Dorf gekommen, machten wir mit der echten schwäbischen Mundart Bekanntschaft. Das Grüß Gott waren wir ja inzwischen schon gewohnt, aber dass ein Bauer noch zu mir sagte: Hao, dees ischt recht Walter, dasch dei Weib mitbracht hascht! Da habe ich gedacht, ja, jetzt bist wieder in Rietheim. Ich empfand in diesem Augenblick so etwas wie Stolz, Freude und Glück, dass ich wieder in Rietheim war. Ich hatte es doch lieb gewonnen in meiner Jugend. Wir begrüßten auf dem Weg durchs Dorf noch den Schmied Christian und waren kurz Gast bei Hans.

Zu Hause angekommen, empfing mich Mutter Haible mit den Worten: Ja, das ist er noch, unser Bub. Für mein Gretchen war das alles nicht so leicht. Alles war für sie fremd, am meisten hatte sie mit der Sprache zu tun.

An dem Samstag, als wir in Rietheim angekommen sind, war auch eine Hochzeit in Grünen Baum. Karl und Maria waren abends auch noch kurz im Elternhaus. Auch sie luden uns noch zu sich ein. Am Sonntag sind wir dann mit Karl und Maria zum Schäferlauf nach Urach gefahren. Der Festzug beeindruckte mich sehr und ich war glücklich, dass ich meiner Grete dies alles zeigen konnte, wo ich als kleiner Bub schon überall gewesen war. Auch haben wir mit Karl und Maria noch eine Fahrt mit dem Auto ins Lautertal gemacht. Ins Schloss Liechtenstein sind wir damals aber nicht mehr hineingekommen. Manfred war damals noch ein ganz kleiner Bub. Karl hatte schon ein Baugeschäft. In der Hauptsache machte er damals Spülsteine. Zu Hause in Rietheim war noch Elise. Wenn ich es noch richtig weiß, war sie damals verlobt. Georg war verheiratet und hatte neu gebaut auf der Hauswiese. Seine Frau Maria kannte ich ja, sie war die Tochter vom damaligen Gemeindepfleger Schöll. Ich kannte sie auch von der Gemeinschaft her bei Maria und Karl. Ich weiß noch, es gab damals nachts ein Gewitter. Die Tage waren ja kurz. Zehn Tage Urlaub ist nicht viel. Auf der Rückfahrt haben wir noch einmal in Degerloch bei Katri und Hans übernachtet. Dieses erste Wiedersehen nach zwölf Jahren hat mir gezeigt, dass mir Rietheim und eben die Haibles ans Herz gewachsen waren. Es waren meine Freunde geworden. Hier möchte ich aber auch noch festhalten, dass mein Gretchen sich sehr gut und schnell an meine Schwaben gewöhnt hat und genau wie ich nun das Schwabenland liebte.

1939 war’s. Vier Wochen später brach der Krieg aus. Es war furchtbar. Es wurde still, man hörte nichts mehr voneinander.

Auszug aus der Chronik des Dorfes Rietheim:

Ein Protokoll, das der damalige Lehrer Erich Siegel im Jahre 1956 aufzeichnete, gibt die Ereignisse der letzten Kriegstage von 1945 wieder. Darin heißt es unter anderem:
In der Nacht vom 25. auf 26. Februar 1944 überflog ein brennender amerikanischer Bomber Rietheim und stürzte beim Seeburger Schlösschen ab. Zwei Besatzungsmitglieder suchten sich durch Absprung mit dem Fallschirm zu retten. Ein Flieger, der unverletzt auf den Seeäckern niederging, wurde am anderen Morgen um 9 Uhr von Rietheimer Bürgern gefangengenommen. Der andere, dessen Fallschirm sich nicht öffnete, lag tot neben einer Buche in der Alten Steige. Bevor er starb, hatte er seinen Namen in den Stamm des Baumes eingeritzt.

Zur Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse wurde 2010 auf der Schwende bei Rietheim ein Gedenkstein enthüllt. Ortsvorsteher Gerd Söll erläuterte, warum gerade dieser Ort vom Ortschaftsrat dafür ausgewählt wurde, weil hier viele Wanderer vorbeikommen und da von hier aus die Orte des Geschehens überblickt werden können. Bürgermeister Mike Münzing lobte die Rietheimer für ihr Engagement und rief die Erinnerung an die verheerenden Folgen des Krieges wach. Der Gedenkstein solle ein Stolperstein der Erinnerung werden, damit sich solches Elend nie mehr wiederhole.

Ottmar Gotterbarm hat die Geschehnisse gründlich erforscht und berichtete anschaulich und ausführlich darüber. Augsburg wurde an diesem Tag von 594 Bombern angegriffen und weitgehend zerstört. Zu den etwa 800 Toten kamen achtzig- oder neunzigtausend Flüchtlinge, die ihre Heimat verloren hatten. Der abgeschossene kanadische Lancaster-Bomber hatte zehn Tonnen Munition abgeworfen und war auf seinem letzten Einsatz mit sieben Mann Besatzung. Nur ein Besatzungsmitglied entging der Katastrophe, indem es mit dem Fallschirm abspringen konnte.

Die anderen Toten wurden in der Grablege der Familie Warburg auf dem Uhenfels bestattet.

Die Gedenktafel berichtet zur Erinnerung:
Am 26. Februar 1944 entging Rietheim nur knapp einer Katastrophe, als um halb zwei Uhr nachts über dem Dorf ein kanadischer Lancaster-Bomber (Kenn-Nr. DS 791) explodierte und Trümmer bis an den Ortsrand fielen. Auf dem Rückweg von der Bombardierung Augsburgs war er von einem Nachtjäger in Brand geschossen worden und stürzte größtenteils auf den Uhenfels. Das einzige überlebende Besatzungsmitglied wurde bei Tagesanbruch in Rietheim gefangen genommen.

An anderer Stelle dieses Berichts von Erich Siegel wird von den Verteidigungsmaßnahmen an der Seeburger Steige berichtet, die sich aber als nutzlos erwiesen, da die Amerikaner nicht durch das Seeburger Tal kamen, sondern über Dottingen. In diesem Zusammenhang heißt es:
Am 24. April 1945 fuhren um 15.45 Uhr zwei amerikanische Spähwagen (von Dottingen kommend) in den Ort. Ein deutscher Feldwebel, der einen Erkundigungsritt ins Dottinger Ösch machen wollte, wurde dabei am Schulhaus vom Pferd geschossen und schwer verletzt. Daraufhin zogen sich die amerikanischen Spähwagen zurück. Gegen Abend, um 18.50 Uhr, griffen dann die Amerikaner von Dottingen her mit etwa zehn Panzern und einigen hundert Mann Infanterie den Ort an und besetzten ihn kampflos. Die noch anwesenden deutschen Soldaten wurden entwaffnet und gefangen genommen …

1942 wurde ich in Russland verwundet und 1943 aus dem Lazarett entlassen. Ich musste nach Ulm. Ich war durch widrige Umstände in Russland zu den Ulmer Jägern gekommen. Es war die 5. Division J.R.56, 6. Kompanie. Da ich so verwundet wurde, dass ich nicht mehr kriegsverwendungsfähig war, wurde ich im Mai 1943 reklamiert. So kam ich im April 1943 wieder nach Stuttgart. Ich übernachtete bei Katri und Hans. Nachts war ein Bombenangriff. Der Bahnhof war am Morgen nicht mehr da. Hans brachte mich zu einem Bus und so bin ich von Bietigheim nach Colmar im Elsass gefahren. Dahin war meine Einheit verlegt.