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50 Jahre nacherlebt, Rietheim 1924 bis 1974

Prolog

„Maikäfer, flieg! Der Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist im Pommerland und Pommerland ist abgebrannt” …

… heißt es in dem Kinderlied, das seinen Ursprung vermutlich im Dreißigjährigen Krieg hat. Wir alle haben die liebliche Melodie dieses Liedes in Ohr. Sie ist einlullend und suggeriert dem Kind, dass alles gut ist. Aber ist wirklich alles gut in diesen Kriegszeiten? Wird die grausame Realität hier heruntergespielt, gar verdrängt?

Der folgende Zeitzeugenbericht liest sich wie ein Bericht aus einer heilen Welt. Der Autor beschreibt, wie er das erste Mal 1924 an einer Kinderlandverschickung für Kriegerwaisen teilnahm und das ländliche Leben auf der schwäbischen Alb kennenlernte.

Und doch macht gerade dieser Bericht uns Nachfolgenden die Schrecken eines Krieges mehr als deutlich, wenn man bereit ist, zwischen den Zeilen zu lesen. Walter Ruge war zehn Jahre alt, als er das erste Mal 1924 als Ferienkind nach Rietheim geschickt wurde. Daraus folgt, dass er zu Beginn des Ersten Weltkriegs, also 1914, geboren wurde. Mutter und Vater finden in seinem Bericht keine Erwähnung, einzig dem Bruder hat er zwei Zeilen gewidmet und erwähnt, dass er ihn in den 1960er Jahren in Amerika besuchte. Dass die Kinderlandverschickung Kriegerwaisen vorbehalten war, lässt die Vermutung zu, dass der Vater als Soldat im Ersten Weltkrieg den Tod gefunden hat, oder später an seinen Kriegsverletzungen gestorben ist.

Walter Ruge ist in Lübeck aufgewachsen und hat als Kleinkind sicherlich die Hungersnöte miterlebt, insbesondere den Winter 1916/1917, der als Kohlrüben- oder Steckrübenwinter in die Annalen einging. Bei Kriegsende war er vier Jahre alt, unterernährt und von den Schrecken des Krieges geprägt. Die Familie, die er in Rietheim kennenlernte, hat den Krieg viel besser überstanden als die Bevölkerung in den Städten. Auf dem Lande war die Versorgung allgemein wesentlich besser, der Krieg kaum zu spüren. Wir erleben in seinem Bericht, dass er sich dieser Familie anschließt, unauffällig und anpassungsfähig, mit allen gut Freund ist und bis auf wenige Ausnahmen sich von der dörflichen Gemeinschaft vollständig assimilieren lässt. Die Ausnahmen sind das Zusammentreffen mit dem Lehrer, der sich nicht ordnungsgemäß gegrüßt fühlte und dem Büttel, dem das fröhliche Spiel des Jungen nicht gefiel. Drei Jahre hatte der junge Walter das Glück, dort seine Ersatzfamilie in den Ferien zu besuchen. 1939 wird er selbst Soldat und in Russland so schwer verwundet, dass er nicht mehr kriegsverwendungsfähig ist, wie es im damaligen Amtsdeutsch heißt. Den sechs Jahren, in denen der Zweite Weltkrieg tobt, widmet er ganze vier Zeilen und lässt die Zerstörung seiner Heimatstadt Lübeck dabei völlig unerwähnt. Wichtig ist ihm, darüber zu schreiben, dass er Stuttgart noch in seiner ganzen Pracht erleben durfte, bevor sie von den Engländern zerbombt wurde. Kein Wort der Kritik an der deutschen Führung, die mit ihren verbrecherischen Führern diesen Krieg angezettelt und ihr Volk zur Schlachtbank geführt hat. In diesem Punkt erleben wir eine völlige Verdrängung und die Deckelung aller schrecklichen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs.

Nach dem Krieg fährt er, nun verheiratet, mit seiner Frau wieder und wieder auf die schwäbische Alb, besucht die Kinder seiner Wahleltern und deren Kinder, feiert dort Geburtstage und Hochzeiten, wird mehr und mehr ein Kind dieser Familie. Auch seine Frau wird ein Teil davon, eine eigene Familie baut er nicht auf. Diese Verdrängung, die Flucht in eine heile Scheinwelt ist typisch für viele Menschen, die sich den Schrecken des Krieges nicht stellen mochten. Teils aus Angst, teils aus Feigheit Stellung zu beziehen, zu denjenigen, die trotz ihrer Nazivergangenheit nach dem Krieg wieder zu Amt und Würden kamen. Wir erinnern in diesem Zusammenhang an die Ära Adenauer und den Chef des Bundeskanzleramts Hans Globke, der unter Hitler als Verfasser der Rassengesetzgebung dem Holocaust den Weg bereitete. Viele Zeitgenossen schauten nach dem Zweiten Weltkrieg einfach weg, kümmerten sich gerade in der Zeit des Wirtschaftswunders lieber um sich selbst. So wurden die Ursachen der beiden Kriege, die von Historikern heute als neuen Dreißigjährigen Krieg zusammengefasst werden, nie aufgearbeitet. Mit ein Grund dafür, dass heute wieder die Tendenz zu einem Rechtsrutsch erkennbar wird. Am 5. März 1933Siehe Zeittafel der Machtergreifung 1933 - 5. März 1933 - Reichstagswahl, NSDAP gewinnt wählten die Deutschen die NSDAP an die Macht, in Ostpreußen, Pommern und im Kreis Frankfurt/Oder sogar mehr als 55 Prozent der Wähler! Das war die letzte freie Wahl, danach wurden die Wahlen abgeschafft und eine Diktatur installiert. Wer also heute aus einem unbestimmten Bauchgefühl, oder weil er meint, den Parteien einen Denkzettel verpassen zu müssen, rechts wählt, hat aus der Geschichte wenig gelernt. Ostpreußen, Schlesien gingen verloren - Pommerland ist abgebrannt!

Die Redaktion der Erinnerungswerkstatt

Erstes Kapitel
Kinderlandverschickung 1924 nach Rietheim

Kinderlandverschickung für Kriegerwaisen 1924. Ich war dabei. Es begann für mich eben Zehnjährigen eine Reise achthundert Kilometer entfernt von Lübeck.

Eine Vorstellung, wie weit es überhaupt war oder was es für eine Gegend sei, in der ich nun zu ganz fremden Menschen kommen würde, hatte ich nicht. Auf der Fahrt mit der Eisenbahn hatte ich aber mittlerweile festgestellt, dass wir sechs Buben und ein Mädel waren, die nach Rietheim, Oberamt UrachDas Oberamt Urach war ein württembergischer Verwaltungsbezirk, der 1934 in Kreis Urach umbenannt und 1938 aufgelöst wurde, wobei seine Gemeinden an die Landkreise Reutlingen und Münsingen fielen. sollten.

Die Fahrt ging erst mal bis Stuttgart. Hier wurde der Transport der Kinder aufgeteilt. Wir fuhren mit einer Gruppe weiter bis Urach. Dort standen vor dem Bahnhof mehrere Pferdegespanne, um uns abzuholen. Wir, die Rietheimer, wurden samt unserem Gepäck auf einen Leiterwagen verladen. Die Fahrt dauerte fast zwei Stunden, bis man uns vor der Kirche in Rietheim ablud. Ja, und da waren dann unsere Ferieneltern. Bei mir war’s Mutter Haible*Der Name der Familie ist der Redaktion gekannt, wurde in diesem Text aber geändert. Für den Inhalt des Berichts ist er nicht relevant., die mein Köfferchen nahm. Meinen kleinen Rucksack behielt ich auf dem Rücken. Ich muss noch erwähnen, dass ich, seit wir in Urach ausgestiegen waren, kein einziges Wort mehr verstanden habe, was die Leute, die Schwaben, da so redeten. Aber wir hatten ja unsere Ausweise um den Hals hängen. Hier stand alles drauf, unser Name und zu wem wir nun hin sollten. So kam ich ins Haus Haible, das nun mein Zuhause für acht Wochen sein sollte. Ob ich Hunger hätte, war Mutter Haibles erste Frage. Natürlich nicht! Es war wohl das Neue, das Heimweh, eben das Ungewohnte. Aber trotzdem stellte sie mir einen großen Haferl voll Milch hin und strich mir ein GesälsbrotEin »Gsälz« ist im Schwäbischen eine Marmelade, es war ein RiebelIm Schwäbischen ein Kanten, ein Knust, der Anschnitt eines Brotes.

Die Unterhaltung mit der Mutter über wie und wo wollte nicht klappen. Ich verstand einfach nichts. So nahm die Mutter zuletzt Elises Schiefertafel und schrieb Frage und Antwort drauf. So ging es nun. Aber ich war müde und so schickte man mich früh ins Bett. Es war hinten in der Kammer, so sagt man dazu. Dort schliefen noch Georg, Katri, Maria und Elise. Vater Haible lernte ich erst am nächsten Mittag kennen. Ebenso Katri, Georg und Marie.

So, nun war ich da, fernab von der Heimat und hatte alle Familienmitglieder kennen gelernt, bis auf die beiden Jungs. Die waren in Reutlingen in der Lehre, hießen Ernst und Jakob und kamen nur am Sonntag nach Hause. Ernst lernte Kaufmann und Jakob Schmied. Ich kann von mir wohl sagen, dass ich mich an alle schnell und gut gewöhnt habe.

Mutter Haible war wie eine Mutter zu mir, es gab kein böses Wort. Vater Haible sah in mir das Ferienkind aus der Stadt, das sich erholen sollte. Er war ein frommer Mann. Katri, die älteste Tochter, war tagsüber in der Strickerei beschäftigt. Sie war es, die mir in der Mittagszeit des Öfteren das Essen machte, wenn alle anderen auf dem Feld waren. Sie nahm auch des Öfteren an mir die Generalreinigung vor, das ging auf der hinteren Wiese, in einem Zuber vor sich. Da wurde ich richtig geschrubbt, es musste sein! Georg war im Zementwerk in Münsingen beschäftigt. Ich hatte den Eindruck, dass es schwere Arbeit war, die er dort verrichten musste. Vor allen Dingen war wohl auch der Zementstaub schuld daran. Marie war teilweise zu Hause, sie ging auf die Haushaltsschule in Münsingen oder auch mal in die Strickerei. Elise, genannt Elli, ging noch zur Schule und konnte es gar nicht verstehen, dass ich es nicht musste. Aber ich habe ihr oft bei ihren Hausaufgaben geholfen. Wir haben aber auch viel gestritten und waren dennoch immer gute Freunde.

Aber nun wieder zu meinen Eindrücken und Erlebnissen in meiner neuen Umgebung. Wenn ich morgens aufwachte, war das Haus fast leer. Der Kaffee stand auf dem Herd. Das Ei lag in dem Kartoffelkessel. Ich hatte es schnell gelernt, mich des Morgens selbst zu beköstigen. Und dann warteten auch meine Lübecker Spielkameraden auf mich. Aufs Feld nahm man mich selten mit. Ich war eben Ferienkind und mir gefiel es. So streiften wir über Felder, Wiesen und durch den Wald, wo und wie es uns gerade passte. Aber dem BüttelBüttel steht für: Gerichtsdiener (veraltet), Fronbote, Scherge, auch abwertend für Polizist, Bannwart oder Stadtbüttel, alte Berufsbezeichnung für den Flur-, Wald- oder Weinbergshüter sowie Amts- oder Gerichtsboten. (Siehe: Lexikon der alten Wörter und Begriffe) war’s nicht immer recht. Wenn er dann am Abend sein letztes Verslein ausgeschellt hatte und bevor er in den Baum ging, um seinen Abendschoppen zu trinken, schimpfte er zur Mutter Haible zum Fenster rauf, was wir wieder alles angestellt hätten über den Tag. Dass wir wie die Hühner über die Felder und Wiesen laufen. Wir hatten uns nämlich Hühnerfedern an Kopf, Jacke und Hose gesteckt. Wir spielten Indianer, wie wir es von der Stadt her gewohnt waren.

Es war eine schöne Zeit für uns Stadtjungen, ich erlebte viel Neues in diesem ersten Jahr in Rietheim. Ob es die Bestellung des Feldes war, oder das Einbringen des Heus. Ja, selbst das Vieh war für mich etwas ganz Neues. Das Leben in einem Dorf, dazu noch eins auf der schwäbischen Alb. Die Leute selbst, ihre Gläubigkeit. Das alles hat mich wissbegierig gemacht. So bin ich auch immer da gewesen, wo etwas los war.

In guter Erinnerung ist mir die Hochzeit vom Schmied Christian und seiner Elise aus Ennabeuren geblieben. Das Brautpaar vorweg in einem schön geschmückten Wagen. Hinterher der Leiterwagen mit der Aussteuer. Am Hochzeitstag durfte ich neben dem Brautpaar sitzen im grünen Baum. Ich weiß noch, dass Mutter Haible dort gekocht hat.

Der Brand beim Hofbauern war für mich auch ein Ereignis. Nachts gingen die Glocken und das Feuerhorn. Georg sprang aus dem Bett und wir Jungen auch. Es regnete die Nacht. Der Hof ist bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Ja, ich habe viel erlebt und gesehen in Rietheim. Vor allem in den Jahren 1925 und 1927, als ich ganz allein als Ferienkind in Rietheim war. Für mich eine unvergessene Zeit. Was habe ich da alles erlebt, überall war ich dabei. Zum Beispiel wollte ich in der Kirche auch mal dort sitzen, wo die Gemeinderäte saßen, hinter dem Altar. Natürlich habe ich das geschafft. Der Herr Lang war damals Bürgermeister und an ihn habe ich mich gehalten. Ich war ja auch immer fleißig beim Glockenläuten. Rietheim hatte übrigens keinen eigenen Pfarrer, er kam aus Seeburg oder aus Dottingen. Viel Zeit habe ich bei den Zimmerleuten zugebracht. Die machten mit dem Breitbeil aus Baumstämmen Balken. Zu der Zeit wollte ich auch Zimmermann werden. Ein Möbelschreiner ist dann aus mir geworden.

Oft bin ich auch bei der Familie Göttsch von der Strickerei gewesen. Es lebte noch die Urahne, die jedoch erblindet war. Bei ihr habe ich gern gesessen und wir haben uns gut unterhalten. Von den Kindern habe ich in der Hauptsache mit Ottilie gespielt, Helmut war jünger als ich. Ich habe oft bei den Göttsches zu Mittag gegessen. Bei Oessners abends in den Bibelstunden war ich auch dabei. Es war so eine Gemeinschaft von jungen und alten Frauen. Der alte Oessnern war der einzige Mann in der Gemeinschaft. Mir gefiel es, ich durfte auch mit vorlesen. Auch als Zeitungsausträger habe ich mich betätigt. Georg brachte abends den Abendboten mit aus Münsingen und ich habe ihn dann verteilt.

Einen richtigen Einblick in das Dorfleben bekam ich in der Hauptsache durch meinen fast täglichen Aufenthalt in der Dorfschmiede. Was ich dort alles erlebte, sah und hörte, war für mich als wissbegierigen Stadtjungen unvergesslich. Hier waren Otto und Babett auch noch zu Hause und auch den alten Schmied habe ich noch kennen gelernt. Ich habe oft bei ihm oben in seinem Stüble gesessen. Er war auch Jäger und so hingen die Wände voll von Rehgeweihen. Leider ist die Schmiede nicht mehr, es war ein Angelpunkt für die Gemeinde, wo man sich zufällig traf. Die Kühe wurden damals noch beschlagen. Das gibt es heute nicht mehr, schade drum. War das ein Ereignis für mich, wenn der Reifen auf das Rad aufgezogen wurde, es dampfte und brannte und geflucht wurde dabei.

Zu Hause hat man oft mit mir geschimpft, weil ich oft das von mir gab, was ich tagsüber alles in der Schmiede aufgeschnappt hatte. Den Schuhmacher Haible, die Langs, die Schölls, die alle irgendwie zur Verwandtschaft gehörten, mit allen war ich immer gut Freund. Auch zu den Schiller’schen und ihrer Mutter bin ich gegangen. Wohin eigentlich nicht?

Den Lehrer, den Herrn Staatsmann, habe ich auch erlebt. Er ließ oft durchblicken, dass er mich auch gerne in der Schule gehabt hätte. Einmal ganz hart, weil ich ihn nicht mit Grüß Gott gegrüßt hatte.

Ein lustiges Mädel war auch die Babett, ich glaube, sie hieß Kurz. Sie holte sich abends Milch bei uns und war immer so lustig. Eines Sonntagsnachmittags waren auch mal zwei Soldaten der Reichswehr in Rietheim. Sie kamen aus dem Aninger-Lager. Einer der beiden sprach uns an, er hatte gehört, dass wir Plattdeutsch miteinander sprachen. Er fragte, wo wir her seien, er sei aus Eutin, das liegt 35 Kilometer von Lübeck entfernt. Er hat uns dann eingeladen, ihn zu besuchen. Ich bin dann auch mit einem meiner Kameraden dort gewesen. Wir bekamen dort auf der Stube sogar ein gutes Vesper, so gab es immer etwas Neues für mich.

Zum Viehmarkt in Münsingen war ich auch mal mit. Auch das war für mich neu, wie vieles hier im Schwabenland. Dieses Feilschen und dann dieses in die Hände schlagen, wenn man sich handelseinig war. Es wurde dort auch nur schwäbisch geschwätzt. Doch ist mir aufgefallen, dass jedes Dorf einen anderen Dialekt sprach. Die Rietheimer, würden wir in Norden sagen, sprechen breit. Ich will versuchen, es zu erklären. Als ich vom Besuch des Vieh- und Krämermarktes müde wurde, ging ich in die Wirtschaft, in der wir uns für den gemeinsamen Heimweg treffen wollten. Meine Leute waren noch nicht da. Da sprach eine Bäuerin aus Rietheim zu mir und sagte Bua, nimm dei Kapp‘ raa und sitz hintreJunge, nimm deine Mütze ab und setze dich nach hinten.

Auch an das Kinderfest in Münsingen kann ich mich noch erinnern. Überhaupt, ich bin oft in Münsingen gewesen. Sogar wegen einer Postkarte, die ich mir beim Koch holte, lief ich nach Münsingen. Im Jahr 1927 war ich etwas später im Jahr dort als in den ersten zwei Jahren. Damals habe ich noch mit gemostet auf der Scheunendiele. Wir holten uns die Äpfel von einem Waggon, der im Münsinger Bahnhof stand. Dieses Mosten war für mich auch wieder ganz was Neues, dieses Auspressen der Äpfel. Aber das Probieren des süßen Apfelsaftes war die angenehme Seite davon. Viel durfte man davon nicht trinken, sonst bekam man die Lauferei. Überhaupt war der MostDer Most war also schon gegorener Apfelsaft.
In Hessen nennt man ihn Rauscher 😊 Beim Wein ist es der Federweißer.Margot Bintig
das Hauptgetränk der Schwaben in der damaligen Zeit. Verdünnt löschte er den Durst, aber sonst bekam man einen Rausch davon.

Das Einbringen des Getreides habe ich auch miterlebt. Auf dem Feld durfte ich die Seile hinlegen und die Ernte mit zusammentragen oder die Kühe festhalten, damit sie nicht durchgingen. Auch beim Dreschen habe ich mithelfen dürfen. In der Erntezeit oder im Heumonat braucht man jede Arbeitskraft auf der Alb. Ich erinnere mich gut, dass wir im Heumonat in der Mittagszeit mit Katri und Marie das Heu gewendet haben, welches der Vater morgens gemäht hatte. Und wenn es gutes Wetter hatte, wurde es des Abends noch mit Georg heimgefahren.

Es wurde ja nicht gerade viel gebaut in den 1920er Jahren, aber eine Richtfeier habe ich auch mitgemacht. Eine Feldscheune wurde gebaut. Da gab es Most zu trinken und FastnachtsküchleDie gibt es auf dem Hamburger Dom als SchmalzgebäckMargot Bintig zu essen, das war wichtig und deshalb war ich dabei.

Ein ganz besonderes Ereignis war der Tag, an dem gebacken wurde. Schon die große Mulde, in der der Brotteig angemacht wurde, beeindruckte mich. Dann der Backofen, in dem Reisig (Büschele) und Holz zur Glut gebracht und im Ofen zusammengekehrt wurde. Der Ofenboden wurde dann mit einem nassen Lappen ausgewischt. Dann wurde der Teig mit einer langen Stange, an der ein Topf befestigt war, in den Ofen gekippt. War das Brot fertig gebacken und aus dem Ofen heraus, kamen noch ein paar Bleche mit Kuchenteig hinein. Diese Kuchen schmeckten warm am besten. So war ich denn auch pünktlich im Backhaus, wenn sie herausgenommen wurden. Aber ich hatte es auch verdient, denn ich habe oft das Brot mit dem kleinen Wagen nach Hause gefahren, wo es dann im Keller aufbewahrt wurde.

Unvergessen war auch das Zusammentreffen mit einer alten Frau. Sie war, wie fast alle älteren Frauen, schwarz gekleidet. Auf dem Kopf trug sie einen großen Korb, den sie nicht einmal festhalten musste. Ich habe das zu Hause erzählt. Aber was sie zwischen Kopf und Korb hatte, konnte ich nicht ausfindig machen, so habe ich damals von einem Kaffeedeckel gesprochen.

Manchmal musste ich zum Haareschneiden nach Münsingen. Ich weiß aber auch noch, dass ich mit Georg nach Trailfingen ging und ein Arbeitskollege uns die Haare schnitt. Nach Urach bin ich nicht so viel gekommen, es waren ja auch immerhin acht bis zehn Kilometer. Wenn man durch den Harrassenweg lief, war es näher. Urach gefiel mir sonst besser als Münsingen. Es lag wohl daran, dass die Stadt zwischen den Bergen lag, eine Ruine und einen Wasserfall hatte. An zwei schöne Ausflüge denke ich immer noch. Einmal nach St. Johann und zum anderen zu dem Wasserfall und der Ruine Hohen Urach mit Katri, Marie und Elise. Es war herrlich, mit Gitarre und Mandoline durch den Wald zu wandern. In die umliegenden Dörfer bin ich nur nach Seeburg, Pottingen und Trailfingen gekommen. Wobei mir Seeburg wieder am besten gefiel. Hier haben es mir wohl die Felsen angetan.

Ich wollte immer so gerne in das Schloss Uhenfels hinein, das ist mir als Kind nicht geglückt und in den nächsten 50 Jahren auch nicht, trotz der Zusage vom altem Maier. Aber das kann ja noch werden.

Dreimal bin ich als Ferienkind in Rietheim gewesen, in den Jahren 1924, 1925 und 1927. Ich bin immer gerne wiedergekommen, aber auch mit Wehmut weggefahren. So ist es heute noch und deshalb komme ich immer wieder auf die Alb.

Seh‘ ich sie wieder, macht es mich froh,
schön ist’s hier, am kleinen Bach,
da werden Kindheitserinnerungen wach.
Wie vor Jahren, auf der gleichen Bank
Sitz‘ ich und lausche dem Vogelsang.
Lang‘ vernahm ich das fröhliche Treiben,
hier ist es schön, um zu verweilen.
An diesen Platz will ich immer geh’n,
hier herrscht Ruhe, hier ist es schön.
So lieb ich eure Berge und den Wald
Es ist eben schön auf der schwäbischen Alb.