Schlaflosigkeit und Reisen
Neulich nachts nutzte ich Schlaflosigkeit nicht zum Augen zukneifen sondern als Trainingszeit für mein schlaganfallgeplagtes Hirn und der Feinmotorik. Die nächtliche Recherche auf einem Tablet-Computer brachte ein Mikroabenteuer. Den Anfang machte die Frage nach der Stärke des Shitstorms gegen die hiesigen Bewohner wegen des Wals, der sich ins Baltikum verirrte. Dabei fand ich keine glaubwürdige Begründung. Der Shitstorm entspringt fantastischen Emotionen. Es war auch zu sehen, wie die bewegte Walschützergruppe mit ausgebreiteten Armen im Gelände stand, um dem Wal positive Energie zu senden. Auf die beobachtenden „Eingeborenen“ wirkte das grenzwertig.
Der Suchmodus des Tablets zeigte ein weiteres emotional besetztes Thema aus dem Whale- Watching. Die Flugscham und politisch korrektes Anreisen. Wal-Emotionen und richtig Reisen sind in Deutschland über das Thema Umwelt anscheinend gemischt. Man reist privat, oder heimlich inkorrekt.
Für das richtige Reisen fand sich ein Beispiel. Stolz berichtete ein Journalist in einer Internet-„Flugschamzeitschrift“ über eine Reise mit der Eisenbahn von Deutschland nach Mallorca. Sein Reisegrund war emotional. Er räumte ein, dass die Reise zu dem Zeitpunkt 350 € Fahrtkosten hatte. Etwa das Dreifache eines Flugtickets. Die Fahrt mit dem Zug über Frankfurt, Paris, Barcelona und mit der Fähre nach Palma fand er gut. Vor allem, weil er in Paris zwei Nächte und in Barcelona eine Nacht im Hotel blieb. Das wurde notwendig, weil man in Deutschland keine Fahrkarte für die Gesamtstrecke buchen kann, sondern alle Zugfahrkarten einzeln kaufen muss. Wenn man im Ausland einen gebuchten Zug nicht erreicht, dann ist das Geld weg. Deshalb benötigt man großzügige Umsteigezeiten. Das ergab für ihn eine entspannte Reise. In seinem deutschen Wohnort fuhr er gegen null Uhr dreißig los und kam vier Tage später um fünf Uhr dreißig in Palma an. Vier Tage Reisezeit für 1.000 Kilometer Luftlinie ist in unserer individualverkehrorientierten Gesellschaft bemerkenswert. Die Kosten für seine drei Hotelübernachtungen in den Metropolen und die Reiseverpflegung erwähnte er nicht. Diese dürften den Preis für die Zugfahrkarten übersteigen.
Nach der Lektüre des Reiseberichts wollte ich wissen, wie das mit so einer Reise vom Wohnplatz vom ostdeutschen Baltikum aus wäre. Das Ergebnis zeigte sich schnell, hatte aber Haken. Stunde Fußmarsch zum Bahnhof durch den Wald. Abfahrt aus Bahnhofsruinen vom halb zugewachsenen Bahnsteig um 23:42 Uhr. Letzter Zug des Tages. Ankunft am Eisenbahnknotenpunkt um 23:59 Uhr, dem ersten Umsteigebahnhof. Die dortigen Bahnhofsgebäude sind rückgebaut. Es gibt nur noch Bahnsteige. Abfahrt mit dem ersten Zug um 04:05 Uhr. So ein Reisebeginn erscheint mir nicht sonderlich Flugscham fördernd. ÖPNV und Taxis fahren zu der Zeit in dieser Gegend nicht. Das Internet offenbarte weitere kleine Haken. Die deutsche Zugauskunft nennt zwar Verbindungen und Fahrzeiten, aber keine Preise. Buchen kann man die Gesamtstrecke nach Barcelona und Palma nur bei den nationalen Bahngesellschaften in Teilstrecken. In den ungefähr 29 Stunden Zugfahrzeit, mit achtmal Umsteigen bis zum Fährhafen in Barcelona, sind ein Drittel Umsteigezeiten mit sehr langen Wegen enthalten. Zu Unzeiten. Das ist wenig verlockend. Bleibt also die Empfehlung der Praktiker, kostenpflichtige Hotelübernachtungen während der verlängerten Umsteigezeiten in Metropolen. Bei meinem Weg hätte ich in Lübeck, Hamburg oder Berlin das erste Mal übernachten müssen. Je nach in Deutschland gewählter Bahnstrecke. Einige Streckenempfehlungen des Internets enthielten auch Fernbusfahrten. Auffällig ist, dass heute die in meiner Jugendzeit noch häufigen Bahnhofsgaststätten und Wärmestuben fehlen. Nachts an Haltepunkten gestrandete Reisende sind den Verkehrsunternehmen eher lästig. Diese Firmen wollen mit ihren Fahrzeugen, dem laufenden Gut, Geld verdienen.
Bei solchen Aussichten dachte ich an das Reisen mit dem peinlichen klimaschädlichen Verbrennerauto. Von der in Deutschland relativ zentral gelegenen Stadt Kassel konnte man die 1.400 Kilometer nach Barcelona in einem Durchfahren. Vierzehn Stunden einschließlich Pausen. Vom ostdeutschen Baltikum aus sollte man zwei entspannte Fahrtage mit einer Übernachtung einplanen.
Neugierig geworden, sichtete ich das Fahren mit dem politisch korrekten E-Auto. Ich wählte den Citroen e-C3 mit 320 km Prospekt-Reichweite und Schnellladefunktion. Man hat schließlich Gepäck und will das auf Reisen nicht lange rumschleppen. Für die E-Autofahrt gibt es spezielle Routenplaner im Internet. Der erste gefundene Planer rechnete 1.800 Kilometer bis Barcelona, vom ostdeutschen Baltikum aus. Er wählte auch passende E-Tankstellen für die Ladepausen. Die waren immer abseits der Autobahn irgendwo in der Stadt. Oft bei Lebensmittelgeschäften oder so. Weil es in meiner Wohngegend wenig E-Tankstellen gibt, riet der Routenplaner, den Akku auf 100 % zu laden und bis zur nächsten Ladestation auf 10 % leerzufahren. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 70 km/h. Danach alle 100 km fünfzehn Minuten bis eine halbe Stunde lang Strom tanken. Immer von etwa 10 % auf etwa 50 % Akkuladung. Die akkuschonende 20 % / 80 % Laderegel beachtete der Routenplaner nicht. Als Gesamtfahrzeit nannte die Software neunzehn Stunden. Bei genauem Hinsehen entdeckt man, die Ladepausen kommen dazu. Erst dann zeigt sich die Reisezeit. Die Pausen betragen 18 x 0,5 = 9 Stunden. Das klappt aber nur, wenn man an der Stromzapfsäule zahlen kann, den richtigen Stecker und die richtige Ladesoftware hat, gleich laden kann und die Ladegeschwindigkeit der Annahme des Routenplaners entspricht. Die Reisezeit einschließlich der stündlichen Ladepausen beträgt so im günstigen Fall 28 Stunden. Da sollte man zwei Übernachtungen in Erwägung ziehen. Plus Fähre ab Barcelona nach Palma 6 bis 8,5 Stunden. Die vom Routenplaner bedachte Restenergie von 10 % der Akkukapazität birgt einen weiteren kleinen Haken. Mit den damit verbundenen fünf bis fünfzehn Kilometern Reichweite kann man möglicherweise keine andere Ladestation anfahren und ist gezwungen, an der Station zu warten, bis man an der Reihe ist. Auch das meist nebenher erwähnte Bezahlen an der Stromzapfsäule darf nicht unterschätzt werden. Wenn man nicht die richtige Plastikkarte hat, bekommt man keinen Ladestrom. Das Beschaffen der richtigen Bezahlkarte kann ein bis zwei Tage dauern. Ungünstig, wenn sich dadurch das Ladegeschäft verlängert. Alternativ kann man den 230-Volt-Notanschluss des E-Autos für das Laden nutzen. Es dauert an der gefundenen Steckdose fünfzehn bis dreißig Stunden.
Auf mich wirken diese politisch korrekten Reiseprozeduren nicht verlockend. Alle Stunde Zapfsäulenkampf mit anschließend halbstündiger Wartezeit ist nervig. Irgendwann will man keinen überteuerten Kaffee mehr trinken und nichts mehr essen. Lesen während unerwünschten Wartens hilft auch nicht. Mir scheint, diese Mobilitätsform passt nur dann, wenn man das Reisen mit Muskelkraft als Maßstab nimmt. Die Zeit um einhundertzwanzig Jahre zurückdreht. Schade, dass heute die vielen Poststationen, Wirtshäuser, Klöster und Herbergen an den Reiserouten fehlen. Die Elektromobilität könnte hier auch unter Christen eine Marktlücke erschließen. Soweit ich weiß, sind E-Ladestationen mit Übernachtungsmöglichkeiten in Klöstern nicht verboten.
Die nächtliche Erkenntnis im warmen Bett: In solche innovativ politisch korrekte Reiseverhältnisse kann ich mich noch nicht einfügen. Dieses Reisen ist mir zu umständlich. Außerdem sind meine persönlichen Ziele besonders provinziell, liegen in der ÖPNV-Wüste und haben keine E-Ladestationen. Meine anderweitigen Reisebeobachtungen bei Tage zeigen zusätzlich, in belebten Gegenden sind an Lebensmittelläden und Einkaufszentren befindliche E-Ladestationen meist besetzt. Teilweise stundenlang mit den immer gleichen Luxuslimousinen, die man auch in der nächsten Woche dort wieder findet.
Zum Glück war das nur eine nächtliche Recherche wegen ausufernder Wal-Fantasien. Einstweilen hat sich der junge Wal den Rettungsversuchen besorgter Bürger durch Wegschwimmen entzogen. So kann die Fantasie neue Gedankenblüten und Aktivismus treiben. Einstweilen erfreuen sich die Tourismusmanager an dieser Form des Whale Watchings.


