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Ein Lebensabschnitt endet
… und ein neuer beginnt

Es war der letzte Schultag, wir bekamen alle unsere Abschlusszeugnisse, in alphabetischer Reihenfolge, wie immer. Ein Mädchen nach dem anderen verließ den Klassensaal und das Schulgebäude. Ich, mit meinem Geburtsnamen Wiegand und Renate Zimmermann, wir waren wieder die Letzten. Es war wie immer. Zusammen verließen wir das Gebäude.

Ich sah mich noch einmal um und betrachtete das schöne neue Schulgebäude, in das ich die letzten zwei Jahre gehen durfte. Zuvor waren alle Schülerinnen, nach dem Abriss der alten Schule bis zur Fertigstellung der neuen Schule, einige Jahre in anderen Schulen untergebrachtSiehe: Schule zur UntermieteKlick ….

Jahrein, jahraus waren diese Mädchenschule und die Klassengemeinschaft für mich wie ein zweites Zuhause und eine zweite Familie. Nun spuckte mich das große Gebäude einfach aus und wollte mich nicht mehr haben. Ich gehörte nicht mehr dazu. Wie gerne wäre ich noch geblieben. Aber die Volksschule war nach acht Jahren zu Ende, eine höhere Schulbildung wurde mir nicht erlaubtSiehe: Frauenrechte und #MeTooKlick ….

Wir hatten uns alle ein letztes Mal in einem Lokal in der unmittelbaren Umgebung verabredet. Leider konnten wir nicht lange bleiben, der Wirt wollte uns erst nicht bedienen, denn wir waren ja noch Kinder. Erst als wir ihm erzählten, dass heute unser allerletzter Schultag war, durften wir eine Limo bestellen. Wir gingen dann alle in verschiedenen Richtungen nach Hause. Ein Lebensabschnitt war beendet. Obwohl es mehrere Anläufe gab, kam es nie wieder zu einem Klassentreffen. Doch meine beste Freundin aus der ersten Klasse ist mir bis heute geblieben.

Es war im März 1960, im Februar hatte ich meinen 14. Geburtstag und war noch sieben Jahre von der Volljährigkeit entfernt, wurde kurz zuvor konfirmiert und am 1. April sollte ich meine Lehrstelle antreten. Ich fühlte mich so leer, die Schulzeit war zu Ende und ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde.

Nach hitzigen Debatten hatte meine Mutter bei meinem Stiefvater durchgesetzt, dass ich eine Lehre machen durfte. Er war der Meinung, dass Mädchen ohnehin bald heiraten und bis dahin in der Fabrik Geld verdienen sollen, um zu Hause Kostgeld abgeben und für die Aussteuer sparen zu können. Diese könnte ich in keinem Fall von ihm erwarten.

Ein entfernter Verwandter, mit dem sich mein Stiefvater gut verstand, arbeitete in einem großen Autohaus mit angeschlossener Reparaturwerkstatt. Dieser legte ein gutes Wort für mich ein und so wurde beschlossen, dass ich aufs Büro gehen solle, aber zuvor eine kaufmännische Lehre in diesem Autohaus machen könne. Nach meinen Wünschen wurde ich nicht gefragt.

Der erste Arbeitstag rückte näher und es kam die große Frage: Was ziehe ich an? Mein Kleiderschrank war nicht sehr gefüllt, und was darin hing, war preiswert, haltbar und praktisch.

Zu meiner Konfirmation hatte ich ein geliehenes, schwarzes Kleid unserer etwas älteren Nachbarstochter an, aber ich bekam dazu neue Stöckelschuhe. Sie waren höchstens fünf Zentimeter hoch, doch ich trug sie voller Stolz. Vor der Konfirmation, der ein zweijähriger Konfirmandenunterricht vorausging, gab es noch einen Vorstellungstermin vor der Gemeinde. Hier wurde vom Gemeindevorstand geprüft, was wir gelernt hatten und ob wir auch würdig waren, die Konfirmation zu erhalten. Zu diesem Vorstellungstermin zog man sich auch fein an, aber nicht schwarz.

Meine Tante Gustel kaufte mir das Vorstellungskleid. Wir fuhren mit der Straßenbahn in die Frankfurter Innenstadt und kauften in dem renommierten Kaufhaus M. Schneider auf der Zeil mein Wunschkleid. Es war aus lila Bouclé, sehr figurnah geschnitten, und hatte eine fliederfarbene Seidenschärpe um die Taille, die hinten mit einer Schleife gebunden wurde. Es war ein wunderschönes Kleid, weder preiswert noch praktisch und ich fühlte mich darin fast erwachsen.

Dieses Kleid wollte ich nun an meinem ersten Tag als Lehrling anziehen. Meine Mutter fand dieses Kleid schon von Anfang an zu elegant für mich, aber ins Büro – das ging schon gar nicht. Weil aber meine sonstige Garderobe auch nichts hergab, machte sie das schöne Kleid bürotauglich. Sie ließ den Saum etwas heraus, trennte die Schärpe ab, und gab mir einen einfachen schwarzen Gürtel dazu. Mutter hatte wohl recht, aber ich war lange stinksauer auf sie.

Dann kam der erste Arbeitstag, ein Freitag. Wir waren vier Lehrlinge im ersten Lehrjahr, und ich war das einzige Mädchen. Schon vor Arbeitsbeginn standen wir verlegen vor der Eingangstür und beäugten uns. Die Jungen waren älter als ich, hatten mindestens mittlere Reife oder Abitur. Zwei waren vom Typ Schnösel, der dritte ein langer blonder Lockenkopf mit fröhlichem Lachen.

Als der Bürovorsteher kam – ich nenne ihn mal Tetzlaff, denn als ich später Das Ekel Alfred Tetzlaff in der Fernsehserie Ein Herz und eine Seele sah, erinnerte ich mich sofort an ihn – stellte er uns kurz und knorrig den Abteilungsleitern vor und verteilte uns auf die verschiedenen Bereiche. Die Jungs kamen ins Lager, zur Reparaturannahme und in den Neuwagenverkauf. Und ich? Natürlich in die Buchhaltung.

Die Buchhaltung war ein großer Raum, in dem Tetzlaff, drei Kontoristinnen und zwei Kassenangestellte saßen. Hier war auch ein großer Tisch, an dem die Post bearbeitet wurde, und es gab jede Menge Post. Ich wurde zuerst dem Lehrmädchen im zweiten Lehrjahr zugeteilt, das froh war, dass es endlich den Postdienst an mich weitergeben durfte und das miefige Büro verlassen konnte. Ich musste nun Briefe wiegen, dann an der Frankiermaschine das entsprechende Porto einstellen und frankieren, indem ich die Briefe durch die Maschine laufen ließ. Die Einschreibebriefe, mit denen die Kfz-Briefe zugeschickt wurden, bekamen einen Aufkleber und ihre Adressen mussten in das Postbuch eingetragen werden.

Einmal brachte ich es fertig, mindestens 100 Briefe mit 0,00D-Mark freizumachen. Tetzlaff merkte es und schrie mich an: Sie müssen mal zum Friseur gehen!, als ich ihn fragend anguckte, schrie er weiter: Damit mehr Luft an Ihren blöden Kopf kommt!, und dann schmiss er mir die gesamte Post vor die Füße. He, he, he lachte er meckernd und sah sich triumphierend um. Überhaupt konnte es ihm niemand recht machen und er freute sich diebisch, wenn er jemanden bei einem Fehler erwischte und ihn vor allen anderen heruntermachen konnte. Kann denn keiner etwas richtig machen, jeder macht hier was er will, schrie er immer wieder. Dabei hatten alle Angst vor ihm und trauten sich kaum, etwas zu sagen.

Tetzlaff war sehr klein und saß auf einem höhenverstellbaren Bürostuhl, den er ganz nach oben stellen musste, hinter seinem großen, uralten Schreibtisch. Einmal passierte Folgendes: Es gab damals noch keine offizielle Frühstückspause, aber pünktlich um 9 Uhr öffnete er die Schreibtischschublade und aß daraus verstohlen sein mitgebrachtes Frühstücksbrot. Wenn jemand den Raum betrat, machte er ganz schnell die Schublade wieder zu. Einmal schob er die Schublade mit solcher Wucht zu, dass sich durch die Erschütterung die Arretierung des Stuhles löste und er nach unten krachte. Jetzt guckte er nur noch mit dem Schnurrbart und der Nase über den Schreibtisch. Dieses Bild, das ich bis heute nicht vergessen habe, war so komisch, dass ich mich ausschüttete vor Lachen. Alle anderen hielten den Atem an. Tezlaff sagte nichts, sah mich nur an wie ein giftiges Insekt. Er hat mir mein Lachen, solange er lebte, nicht verziehen und strafte mich mit völliger Nichtachtung. Das dauerte aber nicht lange, denn er starb schon bald plötzlich und unerwartet an einem Herzinfarkt. Keiner war richtig traurig, aber wir gingen alle mit zur Beerdigung.

Nachdem ich das erste Lehrjahr mit einigen Fettnäpfchen und Widrigkeiten hinter mich gebracht und manche Träne ins Kopfkissen geweint hatte, glaubte ich jetzt zu wissen, wo es lang ging. Ich hatte mich mit der Situation arrangiert, wobei der lange blonde Lockenkopf mit dem fröhlichen Lachen einen großen Anteil hatte.

Im Nachhinein gesehen, hat sich alles gut gefügt und ich habe später mit großer Freude meinen Beruf ausgeübt.

Trotzdem freue ich mich für die heutige Jugend und beneide sie manchmal, vor allem die jungen Mädchen, um ihre Freiheit, die Zukunft von Anfang an selbstbestimmt gestalten zu können.