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Mein Leben - ein Blick zurück
Kapitel 5
Flucht aus der DDR, 1953

In der Nacht vom 17. oder 18. Juni 1953 gab es einen Alarm. Wir verluden schweres Schanzmaterial auf Lastwagen und bekamen scharfe Munition für unsere Waffen. Mit uns wurde eine Einheit motorisierter Schützen alarmiert. Mit Lastwagen ging es Richtung Stralsund. Dort wurde uns befohlen, in der Nähe der Volkswerft eine Straßensperre zu errichten und zu sichern. Wir wussten nicht, was los war, und es wurde uns erklärt, Feinde der Republik wollten den Staat stürzen!

Und dann kamen sie, unsere Feinde: Werftarbeiter, Bauarbeiter und andere. Man hatte uns das Märchen vom ersten Arbeiter- und Bauernstaat suggeriert, und jetzt sollten wir auf Arbeiter schießen? Wir waren zwischen 18 und 30 Jahre alt, teilweise im Sozialismus erzogen und hatten den letzten Krieg miterlebt. Wir verweigerten die Befehle, entluden unsere Waffen und schlossen uns den Demonstrationen an. Nicht alle, aber die Mehrheit. In den nächsten Tagen wurde der Aufstand von russischen Panzern niedergeschlagen! Mir war klar, dass es nur noch die Flucht in den Westen gab. Ich besorgte mir bei dem befreundeten Ehepaar in Hüttenhof Zivilkleidung, denn ich trug noch die erdbraune Uniform, nahm meine dort hinterlegten Zeugnisse und machte mich auf den Weg nach West-Berlin.

Mit dem Zug fahren konnte ich natürlich nicht. Aber es gab ja Güterzüge, das kannte ich ja schon. Ich erreichte West-Berlin, stellte einen Notaufnahme-Antrag und wurde als politischer Flüchtling anerkannt. Zu dieser Zeit wechselten täglich 500 bis 900 Flüchtlinge die Seite, darunter viele junge Menschen. In den Tagen nach dem 17. Juni 1953 gingen auch viele Angehörige der kasernierten Volkspolizei in den Westen. Die westlichen Militärverwaltungen in West-Berlin befragten und prüften uns sehr sorgfältig. Ihnen war das Ganze auch nicht geheuer, es wurde aber keiner zurückgeschickt.

Nach der Anerkennung zum Flüchtling wurden wir in die BRD ausgeflogen. Die weiblichen Jugendlichen kamen nach Westertimpke, die männlichen nach Sandbostel in der Nordheide. Schlechte Aussichten für Beziehungen, die sich in West-Berlin angebahnt hatten. In Sandbostel gab es unter den Betreuern noch viele Nachgebliebene aus dem Dritten Reich … Wir wurden insgeheim als Rebellen angesehen. Wenn ich damals gekonnt hätte, wäre ich in die DDR zurückgekehrt. Ich wusste aber, ich konnte es nicht. Meinem Wunsch, nach Hamburg auf eine der Werften zu gehen, wurde nicht stattgegeben.