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Kriegstagebuch des Stabsgefreiten Werner Harms
Einsatz vom 1. April bis 8. Mai 1945 in der Slowakei und Österreich
Kriegsende und Gefangenschaft

Vom Iwan war nun gar nichts zu merken, aber kaum war es dunkel geworden, als er in Massen in unserm Nachbarabschnitt in die Stadt Laar eingebrochen war. Ein schwerer Feuerzauber herrschte dort und es dauerte nun nicht lange, dass bei uns die Gefahr im Rücken und in der Flanke drohte. Ohne besonderen Befehl ging der größte Teil türmen. Ich selbst und meine Kameraden waren übermüdet und in der Stellung eingeschlafen. Weglaufende Kameraden weckten uns mit dem Ruf der Iwan kommt!. Blitzartig sprangen wir auf und nahmen die Flucht auf. Nun wusste keiner, was gespielt wurde. Alles musste wieder vorgehen und Fühlung mit dem Iwan aufnehmen, der uns bald von allen Seiten zurückdrängte. Nun kam der strenge Befehl, die Stellung muss unbedingt gehalten werden. Auf den nassen Wiesen mussten wir uns eingraben, zahlreiche Hagel- und Regenschauer ergossen sich stündlich über uns, wobei es den Landsern sehr ungemütlich wurde. Der Tag verlief fast ruhig ohne Kampfhandlung, aber wie immer, setzte der Iwan auch in dieser Nacht zum großen Angriff an und es gelang ihm auch, an einer Stelle über den kleinen Kanal zu kommen und in unsere Stellung einzubrechen. Jetzt war wieder ein schweres Durcheinander, denn die Verbindungen waren überall abgerissen. Unsere Gruppe ging weiter zurück, um nähere Verbindung aufzunehmen.

Ein neuer Bataillonskommandeur, Major Rode, der vertretungsweise eingetroffen war, wollte alles erschießen, was zurückkam. Einige Spähtrupps führten wir durch, um Verbindung mit den einzelnen Teilen wieder aufzunehmen, aber überall stießen wir auf Teile der russischen Truppen. Das warme Essen wurde in der Nacht durch den Bataillonskommandeur zurückgehalten, weil die Stellung nicht gehalten wurde. Im Morgengrauen kam nun der Befehl zum Beziehen einer neuen Stellung an einem Fluss Damm, Nebenarm der Taya. Das Eingraben begann nun wieder mit vollem Eifer. Es schien jetzt, als ob der Iwan nun zu halten sei. Am 24. April dachte keiner mehr daran, wie der Krieg wohl enden könnte, der Iwan schien sehr erschöpft zu sein, da er mit seinen starken Angriffen nachließ. Am 28. April wurde ich mit verschiedenen Kameraden als Sturmgewehrschütze zum Bataillon als Stoßreservegruppe versetzt, die jedoch am nächsten Tag auf die Hälfte wieder verkleinert wurde, und kam somit zur fünften Kompanie. Hier wurde ich papiermäßig aufgenommen. Als Reservegruppe beim Kompaniegefechtsstand konnten wir die Tage einigermaßen ruhig verbringen und konnten die Stellung bis zum 5. Mai mit allem Eifer halten, wonach uns eine fremde Division völlig ablöste. Jeder dachte jetzt daran, einige Ruhetage zu genießen.

Fast die ganze Nacht wurde marschiert. Das Aufblitzen der Leuchtkugeln war immer sichtbar und wir stellten dadurch fest, dass wir uns von der Frontlinie wenig entfernten. In den Morgenstunden landeten wir in einem Dorf, wo wir zur Ruhe untergebracht wurden. Die Parole hieß zwei Tage Ruhe, aber leider überraschte uns in der Nacht vom 6. auf den 7. Mai um zwei Uhr die Nachricht, uns sofort fertig zu machen zum Abmarsch Richtung Front. In den Morgenstunden des 7. Mai war die Frontnähe wieder erreicht. Alles war noch ruhig, aber bald heulten auch schon die ersten Granaten feindlicher Artillerie, wonach schnell Quartier gesucht und unser Regiment untergebracht wurde. Der Feuerzauber verstärkte sich von Minute zu Minute, bald darauf folgten die ersten Geschwader feindlicher Bomber, die uns mit Bordwaffen beharkten. Die Stalinorgeln schossen Raketen, und sonstige schwere Waffen ließen ihre Granaten in Massen auf unsere Unterkünfte herunterprasseln. In so großen Massen, dass kaum noch ein Wort der eigenen Kameraden zu verstehen war. Die meisten Häuser standen in hellen Flammen. Dachziegel und Mauersteine flogen durch die Detonationen in den Straßen umher. In diesem Höllenlärm erhielten wir den Befehl, den Ortsrand zu sichern. Mit großen Abständen schlichen wir in unsere Bereitschaftsräume und besetzten die befohlene Stellung. Aus allen Richtungen näherten sich russische Infanteristen, die uns im großen Bogen umgingen, sodass uns eine Einschließung bevorstand. Eigene schwere Panzer waren uns unterstellt, konnten aber leider das Vordringen des Feindes nicht verhindern.

Die Panzer hauten bald ab und wir paar Infanteristen hockten nun allein in unseren Löchern. Da bei unsern Nachbareinheiten starke Verluste eingetreten waren, riss die Verbindung völlig ab. Ohne die einzelnen Gruppen zu benachrichtigen, waren der Bataillons-Stab und der Kompanie-Trupp selbstständig zurückgegangen. Als uns dies bekannt wurde, machten wir das gleiche, aber es war schon reichlich spät, da der Iwan ins Dorf eingedrungen war. Mit einigen Kameraden war ich der letzte, der sich vom Feind löste, es war nun höchste Eile geboten. Ein junger 18-jähriger Kamerad aus der Gruppe lief dem Iwan in die Hände und geriet in Gefangenschaft. Da ich nur einige Schritte davon entfernt war, nahm ich fluchtartig einige Häuser als Schutz und versuchte, so schnell wie möglich zu entkommen. Bald darauf fand ich noch verschiedene Kameraden, die dasselbe machten. Als wir uns dem Dorfrand näherten, kamen dort 50 Russen in unsere Flanke und eröffneten das Feuer. Das Feuer zu erwidern bot sich kaum Zeit für uns und so konnte nur Laufen unser Glück sein. Die Geschosse schlugen immer kurz neben uns ein, wie durch ein Wunder wurde nur einer durch eine Fleischwunde am Oberschenkel verwundet und konnte dabei noch alleine fort.

Quer durch die Felder erreichten wir unsern Bataillonskommandeur mit noch einigen Regimentsangehörigen in einer Mulde, mit denen wir noch weiter zurückgingen. Bald bekamen wir vom Kommandeur den Befehl, in Stellung zu gehen, wo wir zwei Stunden ohne Feindberührung lagen. Links sahen wir nun, wie der Iwan in Massen vorging und somit unseren Rückzugsweg gefährdete. Daraufhin bauten wir ab stellten beim Zurück fest, wie uns  der Iwan aus der rechten Flanke entgegen kam. Durch Winken versuchte er uns einzufangen. Als er merkte, dass er nichts damit erreichen konnte, nahm er das Feuer auf uns auf. Zu unserem Glück stand am nächsten Ortsrand ein Panzerspähwagen, der sie mit seinem Maschinengewehr in Deckung zwang. Am nächsten Ortsrand wies uns ein Leutnant der Ortsverteidigung ein. Wir konnten aber wenig das Vorgehen der Russen hindern und dabei eine Absetzung vornehmen. Am späten Abend fanden wir unseren Kompanieführer mit einigen Regimentsangehörigen wieder. Mit diesem kleinen Haufen marschierten wir durch einsame Felder und Waldwege und erreichten in einer Ortschaft Teile des Bataillons. Nun wurde auf neuen Befehl gewartet. Jetzt wurde befohlen, dass in der Nacht 50 Kilometer zu marschieren sei. Wer die durchhielte, käme zum Amerikaner, und wer es nicht schaffte, bliebe beim Russen. Ohne jegliche Pause wurde dieser Marsch durchgeführt, jedoch war das Marschziel am nächsten Morgen, dem 8. Mai, noch nicht erreicht und wir mussten am Vormittag in brennender Hitze etappenweise weitermarschieren, da doch immerhin noch Fliegergefahr bestand.

Eine wahllose Marschdisziplin herrschte auf allen Rückmarschstraßen, denn jeder Landser machte sich selbstständig. Gegen Mittag wurde jeder an einer Straßenkreuzung von Meldern nach einem Wäldchen zum Verpflegungsempfang und einer angeblichen Rast eingewiesen. Als der größte Teil der Kompanie sich gesammelt hatte, kam zu unserem Widerwillen der Befehl zum Stellung beziehen. Ganz kurz grub sich ein jeder ein, denn keiner dachte, dass der Iwan so schnell heran sein konnte. Die ersten Nachmittagsstunden wurden zum Schlafen genutzt. Aber es dauerte nicht lange, dass uns der Iwan mit der Spitze seiner Marschkolonne entgegenkam. Kurz wurde das Feuer aufgenommen, worauf er sich etwas zurückzog und schwere Waffen in Stellung brachte. Jetzt kam unsererseits der Befehl zum Absetzen. Durch die zahlreichen Wälder ging jeder so schnell wie möglich zurück, die Verbindung riss bald ab und alle machten sich selbständig. Mit dem einzigen Unteroffizier der Kompanie war ich nun noch allein und wir schlossen uns anderen Einheiten an. Im Eilmarsch, ging es Richtung Westen, denn ein Nachfolgen von Russen wurde in jedem Augenblick erwartet. In einer Ortschaft nach sieben Kilometern Marsch überholte uns eine aus der Stellung gefahrene Flakeinheit, die kurz abstoppte, damit wir beide aufsteigen konnten. Um unsere Einheit kümmerten wir uns nicht mehr und waren jetzt froh, dass wir endlich mal fahren konnten. Die Parole lautete, dass um 23.00 Uhr der endgültige Waffenstillstand sein sollte. Mit vielen Verkehrsstörungen konnten wir am Morgen des 9. Mai die Tschechischen Städte LischauLišov (deutsch Lischau) ist eine Stadt in Tschechien. Sie liegt zehn Kilometer nordöstlich des Stadtzentrums von Budweis und gehört zum Okres České Budějovice. Lišov, WittinghausWittinghaus (Nat Vitkou) ist ein Ort in Liberecky kraj, Tschechien. Nat Vitkou und BudweisBudweis (tschechisch České Budějovice; deutsch auch Böhmisch Budweis)ist mit etwa 93.000 Einwohnern (Stand 1. Jan. 2014) die größte Stadt in Südböhmen und Verwaltungssitz der Südböhmischen Region. České Budějovice durchfahren und die deutsche Grenze um elf Uhr in Krummau Oberdonau erreichen. Hier empfingen uns die ersten Amerikanischen Posten und wiesen uns in die Lagerrichtungen ein. Nach weiteren Kilometern machten amerikanische Posten Kontrollen und forderten uns auf, sämtliche Waffen und Pistolen abzulegen. In SchwarzbachČerná v Pošumaví (deutsch Schwarzbach) ist eine Gemeinde in Tschechien. Sie liegt sieben Kilometer südöstlich von Horní Planá im Böhmerwald und gehört zum Okres Český Krumlov. Černá v Pošumaví, 20 Kilometer von KrummauČeský Krumlov, deutsch Krumau, auch Böhmisch Krumau, Krumau an der Moldau oder Krummau, ist eine Stadt in Südböhmen (Tschechien). Český Krumlov, gab es ein Halten für alle Fahrkolonnen und es erfolgte die Einweisung auf den Lagerplätzen. Alles lief jetzt wild durcheinander, denn keiner wusste, woran man sei. Die einzelnen Einheiten stellte man zusammen, um sie auf bestimmte Räume einzuweisen. Jetzt lautete die Parole mal wieder: In den nächsten Tagen soll alles zur Entlassung in die Heimat auf deutschen Fahrzeugen abtransportiert werden. Jede Stunde kam uns nun langweilig vor, denn ein jeder wollte so schnell in die Heimat entlassen werden.

Es vergingen Tage und Wochen, aber an Abtransport war gar nicht mehr zu denken. An Essensvorrat stand uns einzelnen Infanteristen nichts zur Verfügung, sodass gleich eine Hungerperiode für einzelne begann. Für acht oder auch zwölf Mann gab es täglich ein Brot, für dreißig Mann eine Büchse Rindfleisch. Und für zwei Mann ein halbes Kochgeschirr voll Suppe. Mit Schlafen und Sonnenbädern wurden die meisten Stunden des Tages verbracht. Der Hunger schwächte jeden so stark, dass keiner größere Anstrengung durchführen konnte.

Am 29. Mai 1945 fand unsere Untersuchung vor der Amerikanischen Kommission statt. Nun dachte ein jeder, dass die Entlassung nicht mehr fern sei, denn verschiedene unserer Kameraden, die bereits am 20. Mai untersucht wurden, waren schon am 24. Mai entlassen worden. In den weiteren Tagen gelangten viele Kameraden von der Amerikanischen und Französischen Zone massenweise zur Entlassung. Anfang Juni kam die Parole von der Verlegung ins Englische Gebiet nach Munsterlager. Aber die Freude war wieder zu groß gewesen, denn die Autokolonne brachte uns geschlossen in ein Sammellager nach Friedberg (Oberdonau). Dort erzählte man uns von einem Abtransport nach Passau und anschließend sollten wir auf die Bahn verladen werden. Aber auch dies trat nicht ein und so wurden aus Tagen Wochen. An verschiedenen Tagen brachte uns der Amerikaner zum Straßenausbessern in verschiedene Gauen. Nasse, kalte Tage brachten uns langweilige ungemütliche Stunden in den nassen Wiesentälern der Moldau.

Am 11. Juli 1945 kam endlich der Befehl zum Abtransport in die Britische Zone, dafür waren wir 1.300 Mann. 50 Mann mit Gepäck mussten auf einen Lastwagen gestopft werden. Die Marschstrecke betrug 300 Kilometer und ging entlang in der Tschechei bis zwei Kilometer südlich Pilsen. Auf einer großen Wiese wurden wir waggonweise gelagert. Da es an Transportraum mangelte, dauerte unser Aufenthalt dort wieder sieben Tage. In einigen Nächten waren durch starke Gewitterregen unsere Zelte fast weggeschwommen. Aber auch dies ging vorüber, so kam auch für uns am 18. Juli die Stunde zum Verladen. Da unsere nächste Strecke noch nicht voll fahrbereit war, ging es in Richtung Fürth zur Grenzstation und weiter über Weiden, Bayreuth, Bamberg, Schweinfurt, Weißenfels, Aschaffenburg, Hanau, Friedberg, Gießen, Kassel, Altenbecken. In Wunstorf war Endstation, wir waren dort am Sonntag dem 22. Juli 1945 gelandet. Nach dem Ausladen in der Sonntagsfrühe erfolgte ein sofortiger Abmarsch ins englische Entlassungslager. Hier wurde die gesamte Einteilung von deutschen Gefangenen, die eine weiße Armbinde trugen und aus der russischen Zone waren, geleitet. Mit regelmäßigen Mahlzeiten wurde ein jeder versorgt, auch Butter gab es hier zum ersten Mal in der Gefangenschaft. Ein jeder wurde im Raum seines Regierungsbezirks eingewiesen. Nach einer unangenehmen Übernachtung kam am Montag früh der Befehl zum Verladen nach Uelzen. Auf offenen Kohlenwaggons fanden wir Verladeplätze. Durch die unangenehme Witterung war die Fahrt etwas ungemütlich, aber ein jeder war zufrieden, denn die Entlassung kam näher. Um 19 Uhr hatten wir den Bahnhof Uelzen erreicht. Englische Lastwagen standen schon am Bahnhof bereit, die uns abholten und alles ins alte Arbeitsdienstlager schafften. Dort erhielt ein jeder noch eine Marschportion und am selben Abend die rote Arbeitskarte. Das Lager durfte an diesem Abend noch keiner verlassen, deshalb suchten wir in einer abgelegenen Baracke auf dem Zementboden unser Nachtlager. Am andern Morgen kam die Kreiseinteilung, wonach wir geschlossen zum Arbeitsamt marschierten und dort eine Arbeitsbescheinigung erhielten. Damit war ein jeder aus der Wehrmacht entlassen und konnte selbständig seinen Weg in die Heimat antreten.

Da die Zugverbindung nach Bodenteich noch nicht wieder aufgenommen war, marschierten wir zu Fuß nach Hause.