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Prolog

Eenmaol katholsk! alltied katholsk? Getauft ist getauft und erzogen ist auch anerzogen, dat segg enmoal an Wiesepitt to me. Doar kümms nich vanaff. Dat sitt deep in die, dat sitt in dien Bload un in de Siäl. Ock wenn du vandage nich mehr so vull van de Kerk höllst. 1991 ausgetreten.

Nu men to, nen fasten Tratt upt Liäbenspättken - so of so - wieder so, wieder so bis an 'nen End. Jao, ick will nu miene Döönkes, miene Vertellskes in Platt versöken. Et is spassig, je länger ick liewe, desto faker denk ick an de Kindheit. Un mangs kuer ick met mie sülfs in Platt. Aok miene Droeme bünt mangs in Platt. Ick droem van all dat, wat in mien Liäven van Verweer was.

Is et waohr, datt olle Lue, de so old bünt as ick (92) terügg in de Kindheit kummt? Mag wärn! - dann men tao! Ick hoap, dat ock düsse Tied: De Kindheit so guod to me is as dat heele Liäben was. Dank toa God - Dank to use Vörvaters and Moers.

Tüsken Gronau, Groaes, Wettringen, Rheine, Mönster, Hamburg, Husum, Kolberg, Pomeiske, da spriäkt se overoall Platt. Oak de Sproak in Sweden was en bitken verwandt. An in Enschede, nein Kilometers of Gronau, dor in Holland, doa is de Sproak, dat Platt, datdat ick kür.

Joa, da proat the aol Platt, men in all de Döerpkes doar is de Outsprak an bitken anners, van Doerp to Doerp. Men ick kann se aoll wull verstorn. Wenn eener Platt kuert, dann hebb ick dat Geföhl, he is met me verwandt. Ock dann, wenn't an bitken anners is, as use Platt in Gronau an Ahausen. Ick hoap, - ick häv nich alls vergiäten. Ick liärse nu in Platt wat me vör die Aogen kümmp, düt un dat, dat hölp me.

Zur Hitlerzeit im katholischen Münsterland

Alle paar Jahre gab es Missionstage in Gronau. Es kamen Patres aus verschiedenen Orden zu uns, die das Wissen vom Schulunterricht und vom Kindergottesdienst ergänzen sollten. Aus einem interessanten Angebot konnte man wählen. Ich ging unter anderem in den Vortrag über den Papst und den Vatikan.

Der Pater sagte es sei nicht nötig, dass der Papst immer wieder aus den Reihen der Priester und Bischöfe gewählt würde. Jedermann könne bei entsprechenden Voraussetzungen: Frömmigkeit, Intelligenz, katholisch getauft etc. auch gewählt werden. Wir alle sind Missionare des Herrn!

Ich sprang auf und fragte: Dann kann auch eine Frau zum Papst gewählt werden?
Eine Frau doch nicht, das ist doch wohl klar! Setz dich!
Ich blieb stehen. Warum denn nicht? war meine nächste Frage.
Seine Antwort: Schweig und geh raus, du freche Blage!
Ich wusste schon damals nicht, warum er so außer sich geriet. War meine Frage unhöflich, unverantwortlich, unsittsam, aggressiv? Ich verstand die Welt nicht mehr, warum wurde ich so verächtlich behandelt? Oder hatte ich ihn etwa nicht richtig verstanden?
Nen Unwiesen kann mehr fraogen, as twe Wiese antworten könnt.Auf Hochdeutsch etwa:
Ein Dummer kann mehr fragen, als zwei Weise antworten können.

Heliandmädchen[1]

Der Bischof Graf von GalenClemens August Kardinal Graf von Galen (* 16. März 1878 in Dinklage Oldenburger Münsterland; † 22. März 1946 in Münster, Westfalen; vollständiger Name Clemens Augustinus Joseph Emmanuel Pius Antonius Hubertus Marie Graf von Galen) war ein deutscher Bischof und Kardinal. Er war von 1933 bis 1946 Bischof von Münster. Bekannt wurde er unter anderem durch sein öffentliches Auftreten gegen die Tötung so genannten lebensunwerten Lebens während des Dritten Reichs. Er wurde 1946 zum Kardinal erhoben und 2005 seliggesprochen.Siehe Wikipedia.org hielt in Münster Predigten gegen die Verbrechen der Nazis. Wir stenographierten sie mit, vervielfältigten sie und schickten sie an Vettern und Freunde an die Front. Bald kam einer meiner Briefe zurück mit der deutlichen Drohung: Erste Verwarnung wegen Wehrkraftzersetzung. Ich bekam Angst und schickte fortan keine Briefe dieser Art mehr ins Feld.

Bald danach wurde Herr Kaplan Stratmann von der Gestapo abgeholt und kam ins Gronauer Gefängnis, in den Rathauskeller des alten Rathauses. Unsere Freunde Gustav, Wolfram und Ulrich erkletterten am späten Abend die Mauer vor Wolbers Mühle und brachten ihm die heilige Kommunion.

Als die Nazis Strats in ein Gefängnis nach Münster überführten, wurden wir Mädchen aktiv. Wir machten mit Hilfe eines verwandten Fotografen, Bernd Mirbach, ungefähr hundert und mehr Kopien von Herrn Kaplans Foto und versahen sie mit der Überschrift: Betet für ihn!

Wir verteilten diese Fotos vor der Kirche, nach der Heiligen Messe, am nächsten Sonntag. Zu unserem Erstaunen und zu unserer Freude kam Herr Kaplan Stratmann nach einiger Zeit wieder zu uns zurück.

In der Kapelle der Sankt Antoniuskirche wurden wir Heliandmädchen von einem, aus Münster mit dem Zug angereisten Geistlichen mit dem Spitznamen Gandi feierlich auf Jesus Christus eingeschworen! Kerzen, Blumen, Musik unterstrichen die feierliche Weihe. Von nun an trugen wir das Abzeichen der Hitlerjugend, wie befohlen, auf dem Mantelkragen und das Heliandabzeichen unter dem Mantelkragen. So segelten auch wir an tausend Gefahren dieser Zeit, 1933-1945, vorbei.

Ein Heiratsantrag von Axel - in Rheine

Ich hatte als Schülerin Schwierigkeiten in Mathematik und bekam daher Nachhilfestunden bei einer Mathematiklehrerin der Jungenoberschule. Eines Tages hatte sie Besuch von einem jungen Mann, der als Soldat Heimaturlaub hatte. Axel saß täglich an unserem Tisch, mir gegenüber, und ließ mich nicht aus den Augen.

Einige Tage später, ich war in meiner Klasse in der Frauenoberschule, da klopfte es heftig an die Tür, als wir gerade eine Klassenarbeit schrieben. Die Lehrerin öffnete die Tür und begrüßte einen jungen Soldaten. Er bat sie, mich für eine kurze Besprechung herauszulassen. Sie rief mich heraus und da stand Axel als Soldat. Er lächelte mich an und konnte vor lauter Aufregung nicht sprechen.
Was ist? Was willst Du? Ist etwas passiert? fragte ich ihn drängend und sorgenvoll.
Nein, nein, nein, ich will dich nur etwas fragen, bevor ich wieder in den Krieg muss. Ich - ich - ich - möchte Dich gerne heiraten, brachte er langsam stotternd hervor und zeigte mir stolz einen Goldring. Dabei sagte er: Heirate mich, bevor ich bald wieder an die Front muss.
Ich war überrumpelt, verwirrt, atemlos, sprachlos. Ich wusste nicht ein noch aus. Er sah meine fragenden und verzweifelten Augen und sagte dann: Ich kann für dich sorgen, ich habe ein großes Haus mitten im Ruhrgebiet, in Bochum – mit mehr als 20 Wohnungen, alle gut vermietet, alle zentralgeheizt und mit fließendem heißen und kaltem Wasser. Heirate mich!
Und dann wollte er mich in den Arm nehmen, aber ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich kannte ihn doch kaum, aber er musste in den Krieg! Seine Augen waren so bittend, sein Antrag so ehrlich und jungenhaft. Ich war verzweifelt. Was tun, was antworten? Ich wusste nicht ein noch aus und fing an zu weinen.

Nun öffnete die Lehrerin die Tür, rief mich hinein und verabschiedete den jungen Mann. Weil ich nicht aufhörte zu weinen, nahm sie an, dass es einen Trauerfall in der Familie gegeben habe und wollte mich trösten, nahm mir mein Arbeitsheft fort und schickte mich letztendlich heim.

Ich fand Axel weder im Flur, noch auf dem Schulhof. So lief ich heim in mein Studentenzimmer, warf mich aufs Bett und weinte. Ich sah ihn nie wieder, hörte nie wieder etwas von ihm.

Viel später erfuhr ich, dass er 1945 in Russland auf dem Rückzug gefallen war. Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich mich sicher anders entschieden. Ich glaube bestimmt! Ich hätte ihm ein nie mehr erlebtes Glück schenken können! Hätte – hätte – wenn. Wat de hatt häas, daor giw ken Händler nicks mehr vör.Auf Hochdeutsch etwa:
Was du gehabt hast, da gibt dir kein Händler mehr was für.

Sein Haus, auf das er so stolz gewesen war, und welches mir vollkommen unwichtig war, wurde ausgebombt. Ich weiß nicht, ob er das noch erfahren hat. Er tat mir leid, ich tat mir leid.

Mannspien

Ich war 17 oder 18 Jahre alt, wohlerzogen, zurechtgebogen, bescheiden, einsam, enthaltsam und unglücklich. Ich weinte oft und viel. Schon beim geringsten Anlass kamen mir Tränen. Ich fing sogar an, die Nahrung zu verweigern. Ich magerte drastisch ab. Ich wurde schwermütig, gedankenverloren, geistesabwesend und traurig.

Das alles nervte unsere Mutter. Sie wusste sich keinen Rat mehr. Eines Tages lief sie ärgerlich davon, als ich wieder mal weinte, und sagte sehr ungehalten und verächtlich: Mannspien! All das ist nur: Mannspien. Nimm dich zusammen! Schäme dich! Du hast unkeusche Gedanken und Wünsche.

Nun wusste ich nicht mehr ein noch aus! Heute denke ich, dass sie wahrscheinlich Recht hatte mit dem Verdacht, dass ich Sehnsucht hatte, geliebt zu werden. Sehnsucht nach Liebe, Sehnsucht nach Liebesbeweisen von einem Mann! Solch altersgemäße Gefühle und Gedanken und Wünsche verstießen gegen das sechste Gebot! Ich fühlte mich unschuldig-schuldig.

Ich magerte immer mehr ab, bis... ja bis schließlich meine Menstruation ausblieb. Nach bangen Wochen endlich sagte ich es meiner Mutter. Sie erschrak! Sie sagte nichts, fragte nichts, sondern ging umgehend mit mir zu einem Arzt, zu Herrn Dr. Teupe. Der befragte mich mit für mich unglaublichen, unfassbaren Fragen.

Ich ließ alles über mich ergehen und beantwortete verstört, aber wahrheitsgemäß und etwas ungehalten seine Fragen. Zum Beispiel die, ob ich mit einem Mann zusammen gewesen sei. Ich sagte wahrheitsgemäß, dass das nicht der Fall gewesen wäre. Auch nach mehrfacher Verneinung dieser unzumutbaren, unverständlichen Fragen, schien man mir nicht zu glauben.

Nun wollte der Arzt mich untersuchen und wies auf den Untersuchungsstuhl hin. Ich rief laut: Nein, nein! Ich hatte Angst und schämte mich. Er nahm eine Betäubungsmaske und träufelte etwas Chloräthyl oder Äther darauf und legte sie mir aufs Gesicht. Ich schlief ein. Der Arzt untersuchte mich und bestätigte meiner Mutter meine Virginität. Ich wachte bald wieder auf. Mama war erleichtert, gab aber keine Erklärungen. Ich grübelte nach und dachte, ich hätte eine unheilbare Krankheit.

Wir fuhren in die Klinik nach Münster. Dort erkannte man meine Magersucht. Man drohte mir: Wenn du so weitermachst, dann wirst du nie eigene Kinder bekommen! Fortan wurde ich zum Essen gezwungen. Ich nahm wieder zu und gesundete körperlich. Zu meinem Geburtstag sangen sie mir das folgende Kinderlied:

Klein Reginken freut sick,
klein Reginken dreiht sick
Klein Reginken häv´nen nien Rock
Well will dat Mäken frien?
Et is ant grien'n.
O du liewe Diärn, waohen met die?
Well häv die giärn?
Morgen büss du suöbentein Jaohr!
Is dat kloar? Is dat woahr!
Et kann nich wern, mei leive Diärn.

[1] Der Heliand-Bund (auch: Heliand-Mädchenkreis) ist ein aus der katholischen Jugendbewegung hervorgegangener römisch-katholischer Mädchen- und Frauenverband in Deutschland. Er entstand 1926 aus Mädchengruppen, die dem auf Jungen beschränkten Bund Neudeutschland nahestanden. Er ist benannt nach dem Heliand, einer christlich-frühmittelalterlichen epischen Bibelparaphrase in altsächsischer Sprache. Eingetragen ist der Bund im Vereinsregister des Amtsgerichtes Köln.
Die Gründung des Bundes war geprägt durch die Ideen der Jugendbewegung, der liturgischen Bewegung, sowie dem Streben nach Naturverbundenheit. Das Ziel war, Jesus Christus in das eigene Leben zu integrieren und der damaligen Zeit zugänglich zu machen. Die Anzahl katholischer Mädchen an höheren Schulen war damals gering, sie verstanden sich daher als privilegiert und sahen darin eine Verpflichtung, Verantwortung in Kirche und Gesellschaft zu übernehmen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Heliand-Bund