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Auf den Wogen des Lebens
Kapitel 4
Das Leben wird politisch

Unsere Oma nahm um 1933 aktiv an den politischen Diskussionen der Gäste teil und dabei ergriff sie oft, im Gegensatz zu unserem Papa, Partei für den neuen Hoffnungsträger Adolf Hitler. Hitler versprach Arbeit und wollte für Ordnung und Disziplin sorgen. Das war ihr alles sehr sympathisch. Schon bald zogen geordnete Marschkolonnen singend und Fackeln schwenkend durch die Stadt.

Beim Marsch zur Sonnenwendfeier hatten sich viele Bürger den Marschierenden angeschlossen. Auch ich verschwand heimlich und eilte dem Fackelzug hinterher. Wir marschierten und marschierten und marschierten, bis wir im Rüenberger Venn endlich zur Ruhe kamen. Es wurde ein großer Holzstoß angezündet und wieder wurde gesungen. Danach wurden Reden gehalten und ich schlief an der Schulter eines fast erwachsenen, großen Jungen sitzend, ein.

Auf einmal wurde es unruhig, ein Polizeiauto kam angefahren. Die Polizisten riefen meinen Namen. Unser Vater hatte die Polizei aktiviert, als man irgendwann daheim mein Verschwinden bemerkt hatte.

Schockierend war für mich, als eine Nachbarin mich auf dem Heimweg von der Schule anhielt, um mir zu erzählen, dass unsere Oma gestorben sei. Ich weinte lauthals meinen Kummer heraus und konnte mich nicht beruhigen.

Wir Kinder wurden abends wie gewöhnlich in unser Schlafzimmer zur Ruhe gebracht. Keiner hatte gemerkt, dass unsere Käthe sich ein Gummiband fest um ihr Fingerchen gewickelt hatte. In der Nacht schwoll der Finger an, verfärbte sich und schmerzte entsetzlich. Sie weinte so laut, dass man das Geschrei unten in der Gaststube hören konnte. Jeder wusste, dass die Leiche unserer Oma drei Tage lang in ihrem Bett lag, bis zur Aufbahrung in der Gaststube. Man ahnte nicht, was oben im Haus geschehen war, und unsere Eltern und einige Gäste stürzten erschrocken die schmale Treppe hinauf, um dann erleichtert den Grund des Gejammers zu erfahren.

Ich weiß nicht, was sich die Erwachsenen vorgestellt hatten, aber ich weiß, dass man früher sehr abergläubisch gewesen ist und auch, dass immer wieder von Scheintoten gesprochen wurde. So bekamen wir Mädchen mit drei Jahren nach alter Sitte den Kopf kahlgeschoren, damit die wiederkommenden Haare besser wachsen könnten, oder wir bekamen vor der Einschulung Korallenohrringe, damit kein Gerstenkorn an unseren Augenrändern gedeihen könne, oder wir bekamen den Blasiussegen, damit beim Essen keine Fischgräte im Hals steckenbleiben würde. Manche Menschen behaupteten, sie hätten das Zweite Gesicht und könnten das baldige Sterben eines geliebten Menschen voraussagen.

Unsere Mama wurde einmal zu einem schwerkranken Kind gerufen, das immerzu schrie und entsetzlich litt, weil es angeblich die Dornenkrone Christi unter seinem Kopfkissen erleiden musste. Unsere Mama blickte sich im Zimmer um und startete augenblicklich eine Reinigungsaktion. Sie wechselte außerdem den verdreckten Kopfkissenbezug und das durch Kopfbewegungen wie eine Dornenkrone rundgelegene und von Ungeziefer wimmelndem Heu im Kopfkissen. Und bald danach wurde das sauber gewaschene Baby still und schlief erschöpft ein.

Sechsjährig wurde ich eingeschult. Alleine, ohne Begleitung musste ich in die große Wilhelmschule gehen. Ich hatte auch keine mit Geschenken gefüllte Zuckertüte. Ich trug mein Alltagskleid und eine neue weiße Schürze. Auf dem Rücken saß, wie eine Zwangsjacke, mein steifer, schwerer Schulranzen mit dem baumelnden, weißen, gehäkelten Tafelläppchen, das an der Schiefertafel befestigt worden war. Mein Platz wurde mir in der letzten Bank zugewiesen, neben Luzie. Luzie, eine Lehrerstochter, hatte den ersten Platz in der Bank, den für besonders begabte Schülerinnen. Sie trug ein rosenbedrucktes, wunderschönes Kleid, dazu rosa Haarschleifen. Ich fühlte aus tiefster Seele Neid in mir aufsteigen.

Fräulein Dönnebrink, unsere strenge Lehrerin, erklärte uns vieles und dabei auch den Sinn der erstrebenswerten Fleißkärtchen. Für zehn Fleißkärtchen konnte man einen Goldgriffel ergattern und rückte einen Platz höher in der Hierarchie der Bankplätze. Nach und nach verlor ich meinen Platz in der letzten Bank und rückte weiter nach vorne. Ich fühlte mich bestraft. So sehr ich mich auch anstrengte, ich gewann meinen mit Vorurteilen behafteten guten Platz nicht zurück. Ich war eine ziemlich gute Schülerin, aber offenbar nicht eine der besten, nicht klug genug für die letzte Bank.

Ich saß nun hinter einer ungepflegten Schülerin, in deren krausem Haar es von Läusen wimmelte. Ich versank in der Betrachtung des aktiven Lebens dieser Tierchen, die bei Bernhardines Kopfschütteln immer wieder auch auf meiner Bank landeten. Sie vermehrten sich in meinem Haar und ich trug sie heim zu meinen Schwestern. Von nun an bekamen wir samstags beim Baden eine Fliegenholzpackung, die lange in Spiritus geweicht worden war. Sie sollte läusetötend sein.

Und dann bekam ich einen neuen Klassenlehrer, Herrn ter Vorde.
Eines Morgens kam ich 20 Minuten zu spät. Ich war nach der Heiligen Messe wie an jedem Tag zum KnabbelfrühstückMundartliche Bezeichnung für das erste Frühstück im Münsterland nach Hause geeilt. Dort hatte ich eilig das alte, getrocknete, in Milch geweichte Brot hinuntergeschlungen und betrat außer Atem keuchend den Klassenraum. Der Herr Lehrer drohte mir zur Strafe ein zweistündiges Nachsitzen an. Ich hatte die Verspätung zunächst gar nicht erkannt. Ich fühlte mich ungerecht behandelt. Der fremde Priester hatte die Zeit für die Schulmesse von mir unbemerkt zu lange überzogen. Ich wollte dem Herrn Lehrer meine Verspätung erklären, er aber gebot mir, mich zu setzen und zu schweigen. Ich wurde laut und frech und gab keine Ruhe. Als ich danach mit zweistündiger Verspätung nach Hause kam, wurde ich mit einer Tracht Prügel auf den nackten Hintern bestraft, nicht wegen des Nachsitzens, sondern wegen meiner frechen Antworten dem Herrn Lehrer gegenüber. Meinen Eltern war meine Frechheit schon zugetragen worden. Keiner hörte mich an! Man bezichtigte mich der Lüge! und für Lügen bekamen wir Schläge.

Als Walter Rensing, eine meiner heimlichen ersten Lieben, zehn Schläge mit dem Rohrstock auf die offen gehaltenen Hände bekam, ungerecht und unangemessen, ging ich nach dem Ende der Unterrichtsstunde in die Klasse vom Rektor, Herrn Pehle. Ich beklagte die ungerechte Bestrafung. Alle anwesenden Lehrer lachten mich aus, lachten über mich. Dann machte ich mir meine Hose voll. Als ich nach Hause geschickt wurde, beklagte ich die sehr dreckigen, nie geputzten und verschmierten Toiletten am Schulhof. Ich glaube, weder unsere Lehrerin, noch unsere Eltern hatten diese stinkende Einrichtung je betreten. Es gab weder Wasser noch Papier in diesem verschissenen Toilettenraum! Als ich ihn gesehen hatte, schwor ich mir, ihn nie wieder zu betreten. Und nun war das Malheur passiert. Ich hatte mir den Besuch dieser unzumutbaren Toilette verkneifen wollen.

Ich liebte den Besuch der Schule immer weniger. Ich fing an, so nach und nach Ticks zu entwickeln. Zunächst grimassierte ich nur, dann lispelte ich, dann biss ich mir meine Fingernägel so tief es ging ab. Jede dieser Handlungen wurde mir daheim durch drakonische Strafandrohungen ausgetrieben.

Ich zog mich immer mehr zurück, träumte vor mich hin und fing an, Geschichten zu schreiben, die leider kaum beachtet und irgendwann zerstört wurden. Ich konnte alle meine Gefühle in sie hineindichten. Ich wollte keine Hausaufgaben mehr machen, nur noch Erlebtes und Erdachtes fantasievoll in Worte fassen. Ich versuchte, mir all meinen Kummer von der Seele zu schreiben.

Eine schmerzhafte Geschichte, an die ich mich erinnere, war die über meine Herzlieb. Herzlieb war meine Puppe, gemacht aus Pappmaché. Sie hatte lange, schwarze Zöpfe und Schlafaugen. Ich liebte sie sehr und schmuste oft mit ihr. Sie wurde davon grau und schmutzig. Meine beiden Schwestern Hilde und Käthe wollten mir helfen, sie wieder sauberzumachen. Sie bereiteten ein Seifenbad, zogen Herzlieb aus und legten sie hinein. Dann wurden sie zum Essen gerufen und vergaßen meine Herzlieb. Nach und nach löste sich ihr Körper auf und Pappmachéteile schwammen im Badewasser. Als ich das Unglück gesehen hatte, weinte ich immer wieder und wollte nie wieder eine andere Puppe haben.

Eines Tages spielten wir im Innenhof eines Kaufhauses mit den dort in der zweiten Häuserreihe der Wallstraße wohnenden Kindern. Die beiden Mädchen der jüdischen Familie Kaufmann-Silverschmidt, der Kaufhausbesitzer, schauten uns vom Balkon aus zu. Sie wagten es schon längere Zeit nicht mehr, zum Spielen herunter zu kommen. Paul K. stoppte mitten im Spiel und fing an, die beiden Judenmädchen zu beschimpfen. Er rief ihnen umläufige Parolen zu: Kauft nicht bei Juden!Spielt nicht mit JudenZach - zack! Judenpack! Ich erboste und gebot ihm, mit dem Gespött aufzuhören! Schließlich hatte ich die beiden Judenmädchen hinten im Kirchenraum mit Weihwasser getauft. Ich tat das im vollen Bewusstsein meiner Berufung als Christin. Ich wollte nicht, dass sie nicht in den Himmel kämen, wenn sie eines Tages sterben müssten. Ich musste sie nun aber auch beschützen. Als mein Befehl ohne Erfolg blieb, griff ich den Jungen an und schlug ihn und trat auf ihn ein. Ich zerriss seine kurze Hose und zertrat ihm die Schienbeine, bis sie bluteten.

Die Mädchen verschwanden und Mutter K. erschien! Sie ergriff mich am Pullover und zerrte mich durch die ganze Wallstraße bis zum Eingang unseres alten Hauses. Unser Papa sah sich den Schaden an, hörte unsere Berichte und zahlte für eine neue Hose. Er schloss danach eine Haftpflichtversicherung für mich ab. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass ich mich mit Jungen geprügelt hatte.

Ich versuchte, etwas älter geworden, immer wieder, mein Ich zu entleiben, mich fort zu träumen. Ich versuchte, meinen Körper zu verlassen. Ich hatte das Gefühl, dass ich sterben könnte, dass meine Seele meinen Körper verlassen könnte, wann immer ich wollte. Aber bevor ich dieses unheimliche, leere, bedrohliche Gefühl erreichte, fing ich vor Angst an zu zittern und zu schreien. Das geschah dann nicht nur zu Hause, sondern auch in der Kirche und letztlich auch in der Schule. Verkrampft musste man mich dann von dem nächststehenden Opfer, Kind oder Erwachsenen, lösen.

Ich wurde darum im vierten Schuljahr vorübergehend ausgeschult und zu einer sehr lieben Tante zur Ausheilung geschickt. Dort wurde ich in den Arm genommen, gestreichelt, gedrückt, offensichtlich geliebt. Ich durfte in ihrer Bäckerei an jedem Tag ein süßes Hefeteilchen (Fünfpfennigsteilchen) meiner Wahl essen. Ich durfte auch die Tante zur gegenüberliegenden Kirche begleiten, wo sie Küsterdienste tat. Dort wurde mir sogar erlaubt, an den Sonntagen die Kirchenglocken zu läuten. Sie hingen im unten offenen Kirchturm. Sie waren an dicken Seilen im Turm befestigt. Wenn sie den richtigen Schwung hatten, hielt ich mich am Seil fest und flog einige Meter hoch, am Seil hängend! Wer achtete schon darauf, dass meine weiten Röcke dabei hoch flatterten und wunderschön flogen?

Vieles durfte ich bei Tante Katharina, nur nicht wieder so furchterregend schreien und mich dabei an einen zufällig anwesenden Erwachsenen angsterfüllt klammern. Man versprach mir, dass ich wieder nach Hause dürfe, wenn ich vier Wochen lang nicht geschrien hätte. Irgendwann hatte ich das geschafft. Ich kam heim!

Wie selbstverständlich kam ich nun in die Höhere-Töchter-Schule. Ich war fleißig und still und durchlief nun einige Schuljahre ohne Störungen. Unsere Gertrud half mir beim Lernen der französischen Grammatik. Endungen ohne Ende! Sie schrieb eine ganze Akte voller Endungen und Regeln für mich, die ich brav und immer wieder sinnlos vor mich hin sagte, die mir aber zur Versetzung verhalfen. Später bekam ich Schwierigkeiten in Mathematik. Wir hatten eine Klassenarbeit in Mathematik geschrieben und ich war nicht fertig geworden. Ich wusste, dass die Hefte im unverschlossenen Schrank lagen. Die Fenster der alten Schule waren meistens nur noch angelehnt. Sie ließen sich nicht mehr alle verschließen. Ich erkletterte am Nachmittag das Klassenfenster, stieg ein und vervollständigte meine Klassenarbeit. Mit Hilfe der anderen Hefte bekam ich so ungerechterweise die rettende gute Note. Wie ich es so nach und nach geschafft habe, die Mittelschule reibungslos zu durchlaufen, weiß ich selber nicht.

In den Ferien waren wir wochenlang bei Tante Liesbeth und Tante Rika in Münster. Das war schön, weil Tante Liesbeth für uns neue Kleider nähte und bestickte. Und bei Tante Rika genossen wir die Besuche im Schwimmbad zusammen mit Onkel Wilhelm. Dabei musste ich die von Tante Rika angehäkelten Beinchen an meinem Badeanzug erdulden. Nach ihrem Urteil waren unsere mitgebrachten Badeanzüge an den Beinen zu unkeusch, zu kurz. An den Samstagen kamen wir aus Sparsamkeit einer nach dem anderen in dasselbe Badewasser und wurden dabei keusch, mit unseren Badeanzügen angekleidet, gewaschen.

Ein Drama erlebte ich in Münster, als meine elf Jahre ältere Cousine Regina zum Haus hinausgeworfen wurde, weil sie ihren evangelischen Freund heiraten wollte. Die handfeste Szene spielte sich vor unseren Augen ab und Regina verschwand - für immer! Sie lief davon und zog zu ihrem Freund in den Harz und heiratete ihn. Sie kehrte nie in ihr Elternhaus zurück. Sie war volljährig. Das war man damals mit 21 Jahren und sie liebte ihren Freund.

Jahrzehnte später besuchten Papa und ich sie im Harz, in Wolfenbüttel. Ich hatte tatsächlich den Namen des Ortes ihres Glücklichseins behalten. Und ich erinnerte mich an den Familiennamen ihres Ehemannes. Er war so klangvoll und fremdartig: Achilles. Regina bewirtete uns freundlich, erkundigte sich nach Neuigkeiten aus der Familie und verabschiedete uns dann sehr bald. So erfuhr sie, dass ihre einzige, viel jüngere Schwester Elisabeth ins Kloster eingetreten war.