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Nachkriegskindheit in Ost-Berlin
Der letzte Weihnachtsmann

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  1. Zwischen Trümmern und Tram-Schienen
  2. Das alte Haus in Köpenick
  3. Der Rotweinsonntag
  4. Der Kochlöffel als „Erziehungshilfe“
  5. Milch und Lebertran in den 1950ern
  6. Volksaufstand in Berlin 1953
  7. Die Sintflut
  8. Brennholz für Kartoffelschalen
  9. Der letzte Weihnachtsmann
  10. Der Spätheimkehrer
  11. Stacheldraht und Mauerbau
Ak SchlossplatzAnsichtskarte Schlossplatz und Grünstraße in Köpenick um 1920

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Nachkriegskindheit in Ost-Berlin
Kapitel 9

Christel Dux

Der letzte Weihnachtsmann

Meine Mutter war immer der Meinung, ich wäre unartig. Als der Weihnachtsmann kam und fragte, ob ich auch artig war, sagte sie immer „Na, na so“. Ich weiß bis heute nicht, was unartig an mir war, aber gelobt hat sie mich nie und Drücken und Küsschen gab es auch nicht. Gut, ich machte alle Spielsachen, die ich bekam, gleich kaputt, ich wollte wissen, wie es innen aussieht. So zerlegte ich eine Zither, ein Klavier, mehrere Teddys, und einer Puppe schlug ich mit dem Kochlöffel den Arm ab. Der wurde aber wieder angeklebt. Das waren alles psychische Störungen nach der Kochlöffelzerschmetterung auf meinem Hintern.

Da wir nur Küche und Schlafzimmer hatten, war es bei uns im Winter immer warm. Aber trotzdem waren die Fenster jeden Morgen gefroren und wir hatten die schönsten Eisblumen am Fenster. Aber durch das Kochen war es immer warm in der Küche, im Zimmer nicht so. Am Heiligabend eines jeden Jahres wurde ich gleich nach dem Mittagsschlaf auf den Topf gesetzt. Meine Mutter ließ mich nicht gerne nach oben zum Klo gehen, besonders nicht im Winter. Wir waren ja all die Jahre gespannt, wie lange die verrosteten Rohre noch halten würden. Außerdem ging im Treppenflur schnell das Licht aus und ich stand dann im Dunkeln auf der Treppe. Heiligabend wurde ich wie immer zum Mittagsschlaf hingelegt.

Zwischen 15 und 15:30 Uhr wurde ich wach und gleich auf den Topf gesetzt. Als ich auf dem Töpfchen saß, sagte meine Mutter: „Papa muss Kohlen aus dem Keller holen, ich muss mit runter, um zu zeigen, welche Kohlen er nehmen soll.“ Das kam mir dann doch ein bisschen komisch vor. Mutti muss zeigen, welche Kohlen geholt werden müssen, damit Papa nicht die falschen raufholt? Na gut, wenn es so war. Ich saß derweil artig auf meinem Topf und wartete, bis beide wieder hochkamen. Es dauerte ziemlich lange, musste ich feststellen. Dann kam Mutti aber allein wieder hoch und sagte: Papa wären die ganzen Kohlen umgefallen, die fein säuberlich gestapelt waren, jetzt muss er alle Kohlen wieder aufstellen. Das kam mir dann doch mit meinen fünf Jahren ziemlich komisch vor. Wieso kann Papa nicht die Kohlen liegenlassen und sie ein andermal aufstapeln? Ich war dann gerade vom Topf aufgestanden, als es draußen polterte und an die Tür klopfte. „Huch“, sagte meine Mutter, „der Weihnachtsmann kommt, gerade jetzt wo Papa im Keller Kohlen stapelt.“ Naja, obwohl ich über alles staunte, war ich dann doch etwas ängstlich. Der Weihnachtsmann trampelte in die Küche und die übliche Frage wurde gestellt: „Warst du auch artig?“ Mutti wie immer: „Naja, so.“

Der Weihnachtsmann war aber gutmütig und packte seinen Sack aus. Ich sah nach unten und war erstaunt, hatte doch der Weihnachtsmann die gleichen Pantoffeln wie Papa an. Komisch. Ich sagte mein Gedicht auf: „Lieber guter Weihnachtsmann, schau mich nicht so böse an, stecke deine Rute ein, ich will immer artig sein“, und bekam ein Geschenk. Schon drehte sich der Weihnachtsmann um und ging in Papas Pantoffeln wieder weg. Als kurz danach dann Papa kam: „Ach herje, Erwin, nun hast du den Weihnachtsmann verpasst!“ waren dann immer Muttis Worte, als „die Kohlen gestapelt waren“ und Papa wieder nach oben kam. Diesmal aber empfing ich ihn gleich mit den Worten: „Papa, der Weihnachtsmann hatte deine Latschen an, hast du sie ihn geliehen?“ Die Antwort kann sich jeder denken.

Als wir dann Weihnachten 1954 umzogen, wollte ich keinen Mann mehr mit Rute und einem Jutesack.


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  • Autorin: Christel Dux, im November 2025
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