Nachkriegskindheit in Ost-Berlin
Kapitel 7
Die Sintflut – Rohrbruch und Verlust der Wohnung
Wie heißt es so schön: „Nach mir die Sintflut“. Bei uns kam sie aber vorher, die Sintflut, nämlich im Sommer 1954.
Meine Mutter und ich waren kurz bei der Tante meines Vaters. Es war ein warmer Tag. Wir kamen kurz vor 16 Uhr zurück, denn mein Vater hatte jetzt Feierabend und kam nach Hause, und das Essen hatte wartend auf dem Tisch zu stehen. Als wir um die Ecke bogen, standen Feuerwehrleute umher, und die Hausbewohner liefen wie die aufgeschreckten Hasen umher. Ahnungslos wollten wir ins Haus gehen, als Frau N. rief: „Wo bleiben sie denn nur?“ „Wir haben schon auf sie gewartet und mussten ihre Tür aufbrechen. Es gab oben einen Rohrbruch und ihre Wohnung stand unter Wasser, später dann auch das Treppenhaus.“ Im Vorderhaus war damals ein Friseur, es war ein umgebautes Kaufhaus zu dieser Zeit, was sich später wieder änderte. Telefone waren damals noch etwas Abstraktes, aber Geschäfte hatten es schon, und so konnte meine Mutter meinen Vater im Funkwerk anrufen. Es war kurz vor Feierabend und so konnte er gleich kommen. Aber bis er zu Hause war, dauerte es noch eine Stunde, in der meine Mutter und ich „im Land-unter“ des Zimmers standen. Es gab nichts Trockenes mehr in unserem Haushalt. Die Schränke waren bis obenhin nass.
Frau N. nahm uns unter ihre Fittiche. Sie hatte einen Garten und ließ uns in ihrer Laube schlafen. Die hatte zwar nur ein Zimmer mit einer Liege darinnen, doch irgendwie konnten wir dort übernachten. Am nächsten Tag ging mein Vater zur Wohnungsverwaltung. Dort versprach man ihm eine Neubauwohnung mit anderthalb Zimmern, Küche und Bad in Karlshorst, Cäsarstraße 1. Aber die Wohnung würde erst in ein paar Tagen fertig werden. Frau N. gab uns natürlich weiterhin Asyl in ihrer Gartenlaube. Sie kam jeden Tag in den Garten, um den Hund zu füttern. Ich spielte mit Teddy, er war lieb und wir kuschelten zusammen. Ich mochte Tiere, Hunde und Katzen besonders. Es kam vor, dass ich, während meine Mutter im Laden einkaufen war, draußen wartende Hunde von meiner Schrippe abbeißen ließ. So teilten wir uns das warme Brötchen.
Meine Mutter versuchte nun noch zu retten, was zu retten ging. Bettwäsche und Klamotten. Das Geschirr und die Töpfe konnten noch gebraucht werden, sie waren ja nur gut durchgespült. Das Haus wurde nach uns nicht mehr bewohnt. Es diente als Lagerstätte für das Kaufhaus, nach dem Umbau des Frisörladens. Heute sind mehrere kleine Geschäfte im Vorderhaus. Ich kannte sogar die ehemalige Eigentümerin des Vorderhauses. Sie wurde enteignet und wanderte dann eines Tages heimlich in den Westen aus zu ihrer Tochter. Es war eine nette alte Dame, die immer eine Schale Konfekt auf dem Tisch stehen hatte. Große, dicke rote Plüschvorhänge hatte sie an den Fenstern und Türen hängen, trotzdem war es im Winter in ihrer Wohnung immer kalt.
Dass sie eine Beziehung zum Westen hatte, war sofort sichtbar durch die Schale Konfekt auf dem Tisch. Meine Mutter kassierte eine Zeit lang dort Miete und ich ging gerne mit, um zu sehen, wie andere Leute wohnten. Das war nun aber vorbei, denn im Juli 1954 zogen wir in die Cäsarstraße 1, in einen neuen Block. Vorher fragte ich aber noch meine Mutter, was ein Bad ist. Ich wusste aber, dass ein Bad eine Badewanne hatte. Mutti wurden mal vom Arzt im Carulosbad in Köpenick ein Bad und eine Massage verschrieben. Ich durfte immer mit in die Wanne, doch wenn Mutti massiert wurde, musste ich mich anziehen, was ich nie alleine schaffte. Mit feuchter Haut etwas anzuziehen, geht ja bekanntlich nicht so gut, schon gar nicht schnell, und mit fünf Jahren noch langsamer. So kam ich immer mit der Zeit, die meiner Mutter zustand, in Konflikt. Ich musste mich dann im Flur fertig anziehen, weil ich, wie Mutti behauptete, trödelte.Hatte sie völlig vergessen, wie sich ein Kind anzieht, da wird schon mal ein Strumpf verdreht oder es klemmt irgendwo.
So eine Wanne hatten wir nun auch in der neuen Wohnung, wie schön. Ich war begeistert, als ich den Ofen und die Wanne sah, und eine Toilette war auch gleich dabei, wie wunderbar.
Nun wohnten wir also in Karlshorst. Ich hatte zum erstem Mal ein Zimmer für mich ganz alleine, daran musste ich mich erst gewöhnen, und als ich mich daran gewöhnt hatte und es schön fand, zogen wir wieder um. In Karlshorst bestellte ich den Weihnachtsmann ab, ich hatte die jährlich wiederkehrende Komödie um den Herrn mit weißem Bart durchschaut.


