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Leben in der DDR — 40 Jahre Diktatur

Flucht

Flucht, Vertreibung, Integration …

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Nachkriegskindheit in Ost-Berlin
Tante Ruth verdrückt sich

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  1. Zwischen Trümmern und Tram-Schienen
  2. Das alte Haus in Köpenick
  3. Der Rotweinsonntag
  4. Der Kochlöffel als „Erziehungshilfe“
  5. Milch und Lebertran in den 1950ern
  6. Volksaufstand in Berlin 1953
  7. Die Sintflut
  8. Brennholz für Kartoffelschalen
  9. Der letzte Weihnachtsmann
  10. Tante Ruth verdrückt sich
  11. Der Spätheimkehrer
  12. Stacheldraht und Mauerbau
Rosinenbomber 19481948, Landung eines Rosinenbombers auf dem Flughafen Tempelhof [Foto: Henry Ries, Gemeinfrei, via Wikimedia Commons] Flughafen Tempelhof 1984Luftaufnahme vom Flughafen Berlin-Tempelhof am Tag der offenen Tür 1984 [Foto: Jose Lopez, Gemeinfrei via Wikimedia Commons]

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Nachkriegskindheit in Ost-Berlin
Kapitel 10

Christel Dux

Tante Ruth verdrückt sich

Im Jahre 1957 gab es wieder einmal ein Geheimnis in der Familie, dem ich auf den Grund gehen wollte. Sollte sich jemand so merkwürdig anders verhalten als normal, dann wusste ich, eine Flucht stand bevor. So habe ich es dann auch erforscht. Damals wohnten wir noch in Karlshorst und jeden Mittwoch fuhr Mutti nach Köpenick zu Tante Ruth. Sie nahm mich nicht mit, denn ich musste ja in die Schule. Doch bei mir fuhren die Antennen aus. Onkel Alfred war nämlich spurlos verschwunden und alles tuschelte. Dann bestätigte Mutti meine Ahnung. Familie Holz will in den Westen.

Später erfuhr ich, dass Onkel Alfred bereits Anfang 1957 nach West-Berlin über die innerdeutsche Grenze ging, was damals noch relativ einfach war, um dann vom Westberliner Flughafen Tempelhof aus nach Hannover zu fliegen. Von dort ging es per Bahn weiter nach Hagen in Westfalen, denn dort wohnte seine Verwandtschaft. Die nahmen Alfred erst einmal auf. Er beantragte dann neue Papiere und die Verwandtschaft borgte ihm Geld für eine Wohnung und was man noch so braucht, wenn man ganz von vorn anfängt. Genau so wollte dann Onkel Alfred meinem Vater 1959 helfen, aber der wollte nicht im Westen bleiben, wohl auch wegen meiner Mutter, die er nicht allein lassen wollte.

Onkel Alfred schrieb nun aus Westfalen einen Brief an seine Frau, in dem er sie um die Scheidung bat, er hätte ein neues Glück gefunden, sie möge doch die Scheidung einreichen. Damit wollte er seine Frau vor den zu erwartenden Repressalien der Behörden schützen, außerdem sollte der Brief ihre Fluchtvorbereitungen verschleiern. Nun dauerte es nicht lange und die Volkspolizei stand vor Ruths Tür. Sie wollten wissen wo ihr Mann sei, da er nicht mehr auf der Arbeit erschienen war. Tante Ruth legte den „Scheidungsbrief“ vor und erklärte, sie werde die Scheidung einreichen. Erstmal zufriedengestellt ging die Polizei von dannen, stellte aber zwei Posten zur Beobachtung gegenüber ab. Sie beobachteten nun meine Tante und Tochter Gisela. Es gab aber nichts zu sehen, Gisela ging in die Schule und Ruth zum Frisörsalon Ettlinger in der Seelenbinderstraße zur Arbeit. Mittwochs hatte sie immer frei. An diesen Tagen kamem meine Mutter, die Schwägerin Elisabeth, die Frau von Alfreds Bruder Wolfgang, und nachmittags meine Oma. Ruth machte die Jalousien runter und verkaufte nach und nach ihren ganzen Haushalt. Wie sie die vielen Käufer fand, ist mir bis heute schleierhaft.

Jedenfalls verkaufte Tante Ruth alles, bis auf den Couchtisch, den nahmen wir noch. Sie hatte auch einen Fernseher, damals eine Rarität. Aber um nicht aufzufallen und die beiden Spazierspäher gegenüber nicht misstrauisch zu machen, wurde nichts mitgenommen wenn die Kunden kamen und gingen. Sie kamen leer und gingen leer. Nebenbei ging Tante Ruth noch aufs Wohnungsamt und gab an, umziehen zu wollen. Meine Mutter war scharf auf Ruths Wohnung in der Hämmerlingstraße, dort war die Luft nicht so dreckig wie bei uns in Karlshorst/Rummelsburg. Der Balkon lag nach hinten zum Hof raus, also mit frischer Luft. Das wurde bei der Wohnungsverwaltung so angegeben und so zogen wir dann ein. Aber als Ruth ihre Wohnung aufgab, brauchte sie ja eine neue Wohnung. Die suchte sie sich aus einer Zeitungsannonce aus und fand eine Familie, die in einer Kellerwohnung wohnte. Dort war alles verschimmelt und kalt. Wir besuchten die junge Frau und ihre Tochter. Sie war sehr erstaunt als wir ihr unsere erst ein Jahr alte Mietwohnung in Karlshorst anboten. Damals wurde nicht viel gefragt, warum und wieso, es wurde zugegriffen.

Fazit: Ruth und Gisela zogen in die feuchte Kellerwohnung, wir in die Wohnung von Ruth, während die Kellerfamilie in unsere Wohnung in Karlshorst zog.

An diesem großen Umzugstag holten dann auch alle Käufer ihre Sachen ab. Couch, Sessel, Betten, Fernseher, Teppiche und andere Haushaltsgegenstände. Ohne irgendwelche Störungen oder Kontrollen ging der Umzug gut vonstatten.

Luftbrückendenkmal am Flughafen Tempelhof 1968
Luftbrückendenkmal am Flughafen Tempelhof [Foto: H.Kennhöfer 1968]

Am ersten Advent, es war sehr regnerisch, machten wir, Alfreds Bruder meine Oma, meine Eltern und ich uns auf den Weg nach West-Berlin, zum Flughafen Tempelhof, um Ruth und Tochter Gisela dort zu verabschieden. Die beiden nahmen den Flieger nach Hannover und weiter mit der Bahn nach Hagen zu Onkel Alfred, der schon mit Wohnung und Arbeitsstelle auf seine Familie wartete. Beim Abschied versprach die Frisörsfamilie Ettlinger, Ruths Arbeitgeber: „Wir kommen im nächsten Jahr nach“.

Sie machten ihr Versprechen tatsächlich wahr und flohen 1958 auf dem gleichen Weg in den Westen, aber nicht nach Hagen, sondern in einen Nachbarort.

Tante Ruth kündige daraufhin ihre Arbeitsstelle in Hagen und fuhr jeden Tag in den neuen Salon der Ettlingers in den Nachbarsort, bis sie schwer erkrankte und mit 55 Jahren starb.


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  • Autorin: Christel Dux, 12. Januar 2026
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