Nachkriegskindheit in Ost-Berlin
Kapitel 1
Zwischen Trümmern und Tram-Schienen geboren
Mein Cousin, der im katholischen Brasilien lebt, erklärte mir einmal, dass wir hier auf Erden zwar nur einige Jahre verbringen dürfen, aber „die Ewigkeit gehört Gott“. Obwohl ich nicht an Gott glaube, denke ich, dass diese Aussage für alle Menschen gilt.
Mein Vater sagte immer über mich, wenn ich etwas wolle, dann am liebsten schon gestern. Er hatte recht – Langsamkeit und Warten waren noch nie meine Stärken. Das zeigte sich schon bei meiner Geburt, statt im Januar wollte ich bereits am zweiten Weihnachtsfeiertag auf die Welt kommen.
Mein Vater war am 26. Dezember 1948 allein zu einem Verwandtenbesuch aufgebrochen. Der Arzt, der meine Mutter betreute, war der Meinung, sie könne an Silvester noch tanzen gehen. Doch er hatte nicht mit meiner Eile gerechnet – Silvester wollte ich schon in meiner Wiege am heimischen Ofen liegen.
Als mein Vater von seinem kurzen Besuch zurückkam, wir wohnten damals mit seiner Mutter und seiner verheirateten Schwester in einer Drei-Zimmer-Wohnung in der Mittelheide, rannte meine Mutter, wie man mir später erzählte, in dem ihnen zugewiesenen Zimmer um den Tisch. Dort lebten meine Eltern, meine Oma sowie Schwester Ruth mit Mann und Tochter Gisela – jeder hatte ein Zimmer.
Nun war guter Rat teuer, denn „Telefon“ war damals für uns ein Fremdwort, kaum jemand besaß so ein Gerät. Also zog meine Mutter ihren leichten Wintermantel an und sie machten sich gemeinsam auf den Weg zur Straßenbahnhaltestelle. Die Stadt lag unter einer dünnen Schneedecke, die Luft war frostig, die Straße still. Langsam begann es zu dämmern. Das Rattern der Straßenbahnen war zu hören.
Das Fruchtwasser war bereits abgegangen, und ich begann, mich durch den Geburtskanal zu drängen. Von der Mittelheide bis zum Krankenhaus konnten gut 45 Minuten vergehen – an Feiertagen fuhr die Bahn nur alle 20 Minuten. Das Krankenhaus lag am anderen Ende von Köpenick. Die Fahrt dauerte 20 Minuten, danach ging es noch 10 bis 15 Minuten zu Fuß bis zum Eingang. Mit aller Kraft hielt ich mich an der Nabelschnur fest, um nicht auf die frostige, verschneite Straße zu fallen.
Doch im Krankenhaus nahm man meine Mutter wegen Überfüllung nicht auf – kein Bett war mehr frei. Sie wurde wieder weggeschickt. Warum ich nicht spätestens jetzt aus dem Schoß meiner Mutter fiel, wundert mich bis heute.
Die Fahrt ging mit der ruckelnden Straßenbahn zurück in die Lindenstraße, wo es ein Geburtenhaus gab. Aber auch dort schlug man die Hände über dem Kopf zusammen. Ich muss der Reise von Krankenhaus zu Krankenhaus wohl leid gewesen sein. Bei einer Untersuchung war mein Kopf bereits draußen, und ich strampelte mich unwiderruflich aus dem Mutterleib in die feindliche Welt. Damit es auch alle merkten, schrie ich erst einmal zur Begrüßung. Alle Anwesenden waren begeistert – so erzählte man es mir später.
Ich kam gleich in einen Brutkasten, denn ich war einen Monat zu früh auf die Welt gekommen. Fazit: Ich begrüßte die Welt nicht schreiend, wie ich dachte – nein, mein erster Auftritt war schwach und wenig tränenreich. Man musste mir erst einen Schlag auf den Po geben, damit ich anfing zu schreien. Es war klar: Ich musste in einen Brutkasten und aufgepäppelt werden. Allem Anschein nach hat es wohl geklappt, sonst könnte ich ja nun nicht alles hier aufschreiben.
Im Januar holten meine Eltern mich dann nach Hause; wir wohnten damals in der Lindenstraße in Berlin-Köpenick. Natürlich kann ich mich an das alles nicht erinnern, es sind die Erzählungen meiner Mutter, meine frühesten Erinnerungen beginnen erst ab 1950.


