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1949 bis 1989 - 40 Jahre DDR

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Leben in der DDR — 40 Jahre Diktatur
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Nachkriegskindheit in Ost-Berlin
Volksaufstand in Berlin 1953

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  1. Zwischen Trümmern und Tram-Schienen
  2. Das alte Haus in Köpenick
  3. Der Rotweinsonntag
  4. Der Kochlöffel als „Erziehungshilfe“
  5. Milch und Lebertran in den 1950ern
  6. Volksaufstand in Berlin 1953
  7. Die Sintflut
  8. Brennholz für Kartoffelschalen
  9. Der letzte Weihnachtsmann
  10. Der Spätheimkehrer
  11. Stacheldraht und Mauerbau
Familie im Garten, 1952Familie 1952 im Garten von Tante Anni (links), rechts daneben ihre älteste Schwester Gustl, meine Oma und ich bin die krumme Kleine in der Mitte Gedenktafel an den Volksaufstand 1953Gedenktafel, Müggelheimer Damm 143, in Berlin-Köpenick [Foto: OTFW, Berlin, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons] Gedenktafel an den Volksaufstand 1953Sowjetischer T-34/85-Panzer in der Schützenstraße in Berlin im Juni 1953 [Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F005191-0040 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons]

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Nachkriegskindheit in Ost-Berlin
Kapitel 6

Christel Dux

17. Juni 1953 – Volksaufstand in Berlin

Es passierten Dinge, die ich zunächst gar nicht verstand. Am 17. Juni 1953 waren wir, meine Eltern und ich, in Thüringen auf einem Bauernhof im Urlaub. Dort hörten wir den Bayrischen Rundfunk. Die alten Leute, die noch ihren Hof privat bewirtschaften konnten, man muss ja eher sagen, durften, standen aber schon auf der Abschussliste zum LPG-Anschluss. Falls es so weit kommen sollte, wollten sie dort nicht mitarbeiten, sondern in den Ruhestand gehen, und vielleicht auch wegziehen. Ich war damals sechs Jahre alt und auf dem Bauernhof sehr glücklich. Es gab Hühner, Enten, Gänse und Schweine, alle in „freier Wildbahn“ auf dem Hof, nur mit Zäunen getrennt. Die Hühner hatten ein großes Gehege, aber die Enten und Gänse liefen frei herum.

Die kleine Entenfamilie hatte es auf uns abgesehen, sie lief uns immer hinterher, wenn wir spazieren gehen wollten. Es kam so weit, dass sie bis auf die Chaussee mitliefen und deshalb immer, wenn wir weggingen, eingesperrt werden mussten. Kamen wir von unseren Wanderungen zurück, empfing die Entenfamilie uns, rasch auf uns zukommend und wieder hinterherlaufend. Das war für uns lustig und für mich besonders. Aber eben auch gefährlich. Leicht konnten die kleinen Federtiere unter die Räder kommen, die Chaussee lag genau am Bauernhof. Es war nicht eine einfache Straße, sondern eine Schnellstraße. Wir mussten an einem Graben entlang der Straße zum Wald laufen und Familie Federvieh immer hinterher, vorneweg die Mutter, die Kleinen hinterher, und sie unterhielten sich auch mit uns. An einer bestimmten Stelle drehten wir dann um und brachten die Entenfamilie zur Bäuerin, die sie in den Stall sperrte, bis wir weg waren.

Die Schweine hatten ihre Suhle vor dem Stall, die Hühner ein großes, umzäuntes Territorium zur Verfügung. Ich durfte zu meiner Freude die Hühner füttern. Einmal hatte ich von der Bäuerin eine große Butterstulle bekommen, denn Hunger hatte ich in dieser Zeit immer. Ich hatte das Brot schon fast aufgegessen, als mir die Idee kam, in den „Hühnerhof“ zu gehen. Kaum war ich drin, sprang ein Hahn hoch und riss mir meinen letzten Happen Brot weg. Oh, war ich böse und schimpfte den Hahn aus. Es war aber nicht mehr zu ändern, der Happen war weg. Von nun an ging ich immer nur ohne Brot zu den Hühnern, um sie zu füttern. Aber auch da kam der freche Hahn und pikte an meine Hand.

Zwischen all diesen Abenteuern bemerkte ich eine gewisse Unruhe unter den Erwachsenen. Sie hörten ständig Nachrichten und redeten dann über das Gehörte. Die Worte „wir wollen hoffen“ und „Unruhe“ fielen laufend.

Damit konnte ich natürlich nichts anfangen, denn ich war erst fünf Jahre alt, aber ich spürte die angespannte Stimmung meiner Umwelt. Als wir dann, nachdem wir eine Woche auf dem Bauernhof verbracht hatten, mal wieder von der Entenfamilie nach einem Ausflug empfangen wurden, rief uns die Bauernfamilie gleich in ihr Haus ans Radio. „Hören Sie mal“, sagte die Bäuerin, „in Berlin ist was los“. Meine Eltern hörten dann die Nachrichten, und es war klar, für sie jedenfalls, für mich in keiner Weise: „Wir fahren morgen nach Hause.“

Als ich dann meine Eltern fragte, warum wir unseren schönen Urlaub abbrechen müssen, hier wäre doch keine Unruhe, warf mich die Antwort meiner Mutter um. Sie meinte ganz kalt: „Wir müssen nach Hause, vielleicht gibt es Krieg.“ Mir blieb das Herz stehen. Krieg, was für ein schreckliches Wort. Ich wusste, dass der Krieg noch nicht lange vorbei war. Ich wusste auch, dass der Krieg alles zerstört hatte, ich wusste, wie der Alexanderplatz aussah und dass für seinen Zustand der Krieg verantwortlich war. Und so etwas sollte nun, für mich aus heiterem Himmel, wieder passieren? Ich sah ja nur die Ruinen und die kaputten Häuser, wusste aber doch nicht, unter welch schrecklichen Umständen sie entstanden waren. Nein, so etwas wollte ich nicht erleben, und welchen Grund es auch gab, das war doch kein Anlass, alles wieder zu zerstören.

Wir besaßen damals ein Motorrad, eine BMW mit BeiwagenBMW-Motorrad mit BeiwagenMeine Mutter und ich im Beiwagen unserer BMW, ich hasste dieses Gefährt und wollte am liebsten auf dem Sozius sitzen. Da saß aber manchmal meine Mutter, und weil sie dort aber häufig einschlief, saß sie oft mit im Beiwagen, besonders bei weiten Touren.

Dieses Seitengefährt war sehr hart gefedert und wurde bei Regen sofort nass, denn das Wasser der Straße schwappte in den Beiwagen. Fazit: Ich saß immer im Wasser bis zum Po, wenn wir von einer Reise zurückkamen. Wir konnten das Wetter ja nicht ändern.

Wie auch immer, der 18. Juni begann und wir fuhren mit unserem Motorrad zurück nach Berlin. Ich musste nun wieder mit meiner Mutter in den Beiwagen krabbeln. „Hoffentlich regnet es nicht“, dachte ich, „sonst werden wir wieder durch und durch nass.“ Aber der liebe Gott hatte ein Einsehen mit uns. Es regnete an diesem Tag nicht und es gab keinen Krieg.

Zu Hause angekommen wurde natürlich gleich RIAS gehört, um den Status zu erfahren. Die größte Gefahr war wohl zunächst gebannt. Aber es gab Tote, Verletzte, verhaftete und eingesperrte Arbeiter. Russische Panzer drängten den Aufstand blutig nieder. Es gab danach nie wieder Demonstrationen gegen die Machtverhältnisse in der DDR, bis zum November 1989. Es war bekannt, dass lebend gefasste Flüchtlinge eingesperrt und andere an der Mauer erschossen wurden.

Die Lage beruhigte sich wieder, notgedrungen, was sollte sich ändern, wenn die Machthaber es nicht wollten und Panzer auffahren ließen? Es gab aber eine Ausgangssperre ab 21 Uhr, danach musste die Straße leer sein.

Wegen des Urlaubs hatte mein Vater nicht die Besetzung des Funkwerkes miterlebt, wo er arbeitete. Aber natürlich mussten wir wieder auffallen und kamen in die Polizeikontrolle, weil wir es nicht bis 21 Uhr nach Hause geschafft hatten, und das kam so:

Wir fuhren alle vier Wochen zu Tante Mietze (Marie) und Onkel Robert. Sie wohnten in Neukölln in der Pflügerstraße 72. Nun war die Zeit ziemlich knapp bemessen, aber mein Vater meinte: „Wir schaffen es.“ Um 15 Uhr Aufbruch mit der Straßenbahn und weiter mit der S-Bahn, und dann Warschauer Straße umsteigen. Es dauerte, ich denke, eine Stunde, obwohl es 45 Minuten sein sollten. Aber es gab ja auch noch einen Weg zu Fuß durch die Pflügerstraße. Also 15 Uhr los von Köpenick, 16 Uhr Ankunft bei Tante und Onkel. Bis 19 Uhr dauerte unser Besuch, dann hätten wir noch bis 21 Uhr Zeit und würden es nach Hause schaffen, war die Absicht meines Vaters. Wir wollten mit der 20-Uhr-Tram nach Hause in die Grünstraße. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: Um 19:30 Uhr pünktlich standen wir an der Straßenbahnhaltestelle, doch es kam keine Bahn. Das muss wohl einer von der BVG gewesen sein, den Papa fragte, wann die Bahn fährt. Der gute Mann, oder war es eine Frau, sagte: „Guter Mann, ab 20 Uhr fährt keine Bahn mehr, sonst würde sie ja zur Sperrminute irgendwo stehenbleiben müssen.“ Nun standen wir auf einer verbotenen Straße und mussten auf Schusters Rappen nach Hause watscheln, wie die kleine Entenfamilie auf dem Bauernhof. Es war jedoch ein ganzes Ende, bis wir den Weg bewältigt hatten. Unterwegs sahen wir niemanden. Wir mussten die 1,7 Kilometer eine gute halbe Stunde zu Fuß gehen. Und ich konnte noch nicht so schnell laufen wie Papa und Mutti allein. Jedenfalls war es nach 21 Uhr, als wir um die Ecke bogen und geradewegs in eine Kontrolle der Volkspolizei gerieten. Sie standen direkt vor unserer Haustür im Vorderhaus und verlangten, die Ausweise zu sehen. Als wir uns ausgewiesen hatten, natürlich nicht ohne eine Entschuldigung und dass es nicht mehr vorkommen würde, durften wir in unser Hinterhaus marschieren. Unsere BMW mit Beiwagen stand dort, da es keine Garage gab. Damit hätten wir es rechtzeitig nach Hause geschafft. Es gab aber kein Nachspiel und auch keine Verwarnung.

Der größte Schock war nun vorbei, es hatte Tote und Verletzte gegeben, aber keinen Krieg – nur die Füllung der Gefängnisse. Alle Geschäfte wurden pünktlich geschlossen, ich denke, ab 18 Uhr war Ruhe. Das Ausgehverbot war dann ab 21 Uhr, mit dem Dunkelwerden. Wir hatten ja damals keine Sommerzeit und es wurde um 21 Uhr dunkel, nicht so wie heute, eine Stunde später. Da wir ja jetzt früher von unserer Reise zurückgekommen waren, hatte Papa noch eine Woche frei. In dieser Woche waren wir dann mal bei Frau N. nachmittags im Garten und sie gab uns Johannisbeeren mit, die Papa wieder zu Wein verarbeitete. Am Sonntag waren dann wieder Tante Gerda und Onkel Alex dran. Wir mussten damals noch am Sonnabend bis Mittag arbeiten. Das Leben nahm wieder seinen normalen Gang.


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  • Autorin: Christel Dux, im November 2025
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