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Göttingen, 1873 bis 1874 — Pflichtkollegia und praktische Seminare

Teil 5 - Göttingen, 1873 bis 1874
Kapitel 3
Pflichtkollegia und praktische Seminare

Kollegia habe ich in Göttingen nur wenige gehört. Die Pflichtkollegia waren ja fast sämtlich in Leipzig absolviert. Ich arbeitete stattdessen mehr für mich und las vor allem jeden Tag ein Kapitel im Alten Testament, um meinen immer noch recht mangelhaften Kenntnissen im Hebräischen aufzuhelfen, zuerst die kleinen Propheten, dann, als die neue Auflage von Delitzsch' Psalmenkommentar erschien, zu der ich ihm wieder Register liefern sollte, die Psalmen. Außerdem repetierte ich mit andern Dogmatik und Kirchengeschichte. Eine ziemliche Zeit beanspruchte sodann das praktische Seminar. Von Privatkollegien hörte ich im Sommersemester nur ein theologisches. Liturgik bei Schöberlein, auch dieses nur zweistündig, daneben Religionsphilosophie bei LotzeHermann Lotze (1817-1881) war ein Mediziner und Philosoph, eine der zentralen Persönlichkeiten der akademischen Philosophie des 19. Jahrhunderts und gehörte bis in die 1920er Jahre zu den bekanntesten und meist diskutierten Philosophen Deutschlands, der auch weltweit hohes Ansehen genoss. Heute ist er weniger bekannt.Siehe Wikipedia.org [11].

Schöberlein war eine außerordentlich liebenswürdige Persönlichkeit, mild, innig, mystisch gerichtet - sein bekanntestes Buch war betitelt: Geheimnisse des Glaubens - daher auch Rocholl besonders sympathisch, von dem seine Geistesart sonst ziemlich weit ablag. Doch war er diesem auch verwandt in dem stark entwickelten kirchlichen Schönheitssinn. Deshalb war Liturgik sein Hauptfach. Zur Hebung mittelalterlicher Schätze hat er seinerzeit wohl das meiste getan. Sein Kolleg über Liturgik sagte mir deshalb auch viel mehr zu als die etwas oberflächlichen Ausführungen Baurs in seiner praktischen Theologie. Sein Vortrag wurde allerdings dadurch beeinträchtigt, dass er nicht frei sprach. Auch die Erläuterungen zu seinem Diktat, die er an dasselbe anschloss, las er wörtlich vor. Es wurde erzählt, dass er auch, wenn er predigte, was zu meiner Zeit allerdings niemals geschah, sein Konzept läse. Es lag ihm wohl daran, keine Feinheiten seines Vortrages verwischen zu lassen. Er hatte in seinem ganzen Wesen überhaupt etwas ungemein Zartes. Das zeigte sich schon im Äußeren. Ich habe ihn im Kolleg, auch bei größter Sommerwärme, nie ohne Überzieher gesehen. Und war es im Winter nur etwas kalt, so behielt er auch den Pelz an. Vor allen Dingen aber scheute er vor allem, was auch nur entfernt nach Frivolität aussah, wie ein Noli me tangereDeutsch: Rühr mich nicht an. Bezeichnung für das Springkraut, das bei Berührung seine Samen verschießt oder für die Mimose, die ihre Blätter zusammenklappt. [12] vor Berührung mit plumpen Fingern zurück. - Hinter ihm im wesenlosen Scheine lag, was uns alle bändigt, das Gemeine. Äußerungen studentischen Übermuts, wie sie ja auch in seiner Gegenwart nicht immer ausblieben, verletzten ihn spürbar. Mir steht noch eine Szene lebhaft vor Augen. Wir kamen zu liturgischen Gesangübungen unter seiner Leitung im Waisenhause zusammen, wo ein Harmonium stand. Eines Tages, als wir auf ihn warteten, setzte sich Bartels ans Harmonium und fing an, einen Walzer zu spielen. Die Wirkung war so unwiderstehlich komisch, dass wir uns alle bogen vor Lachen. Mitten in unsere Heiterkeit öffnete sich die Tür und Schöberlein trat herein. Aber dieses betrübte Gesicht! War er hier von einer gewissen Enge nicht freizusprechen, so trug er doch niemals nach.

In Göttingen gewesen sein und Hermann Lotze nicht gehört haben, hieß in Rom gewesen sein und den Papst nicht gesehen haben. Denn er war wohl damals die glänzendste Gestalt an der dortigen Universität. So hörte ich denn bei ihm Religionsphilosophie. Ehrenfeuchter meinte allerdings, Metaphysik, die er in diesem Semester auch las, sei sein bestes Kolleg. Aber die Zeit passte mir meines Wissens nicht. Außerdem wäre dieses Kolleg für mich auch vielleicht zu schwer gewesen. Denn auch in der Religionsphilosophie, die mir doch näher lag, mutete er mir ziemlich viel zu. Noch sehe ich ihn vor mir. Das feine, bleiche Gesicht in die Hand gestützt - er litt an chronischem Kopfweh - saß er auf dem Katheder und sprach langsam und wägend, ganz ohne rhetorische Effekte. Beleuchtete er die religiösen Probleme auch von anderer Seite, als ein Theologe es getan hätte, so berührte er doch wohlwollend die heilige, ehrerbietige Scheu, mit der er sie anfasste.

Die Leitung des praktischen Seminars teilten sich die vier Professoren Ehrenfeuchter, Schöberlein, Wiesinger und Wagemann, dergestalt, dass Ehrenfeuchter und Wiesinger abwechselnd das homiletische Seminar leiteten, Schöberlein allein das liturgische, Wagemann die erste, d. h. untere Abteilung des katechetischen Seminars, Wiesinger die obere. Jeden Sonnabend fand ein Gottesdienst in der Universitätskirche statt, bei dem ein Student den Altardienst, ein anderer die Predigt hielt. Doch wurden zu beiden nur die Mitglieder der oberen Abteilung zugelassen. Im Auditorium fand dann die Kritik statt, nachdem vorher ein Mitglied der oberen Abteilung die Vorlesung, d. h. das erklärende Vorwort zu einer Schriftlesung gehalten. Die Mitglieder der unteren Abteilung mussten eine vergleichende Predigtanalyse liefern. Zwei Musterpredigten, die nicht denselben Text zu behandeln brauchten, aber doch verwandte Gegenstände haben mussten, wurden dem Seminaristen übergeben.

Der jedesmalige Direktor forderte in dem der Kritik vorangehenden Kolleg den betreffenden auf, sich die Predigtbände bei ihm abzuholen, so dass bis zur Ablieferung nicht ganz zwei Wochen blieben. Auch die Predigttexte wurden von den Direktoren ausgewählt und die Reihenfolge nach dem Los bestimmt. Hier musste aber zwei Wochen vor dem Termin der Predigt schon ein Entwurf abgegeben werden. Die Analyse bestand darin, dass man den Gedankengang der beiden Predigten genau angab und daran eine Vergleichung des Charismas und der Predigtweise der betreffenden Prediger knüpfte. Mir wählte Ehrenfeuchter, auf dessen Sonnabend meine Arbeit fiel, eine Predigt von Rothe und von Petri aus, beide vom Gebet handelnd, die Petrische über das Gebet im Namen Jesu aus Licht des Lebens, die Rothsche über einen Psalmentext, zur Eröffnung des akademischen Gottesdienstes in Heidelberg gehalten. Meine Arbeit wurde als ungemein fleißige von ihm anerkannt. Nur daran hatte er Anstoß genommen, dass ich, während ich gezeigt, wie Petri seinem Text nachgeht, Rothe ihn als Motto behandelte. Er erkannte an, dass ich das nicht in tadelndem Sinn gemeint, aber ein Mottoprediger, der seinen Text vorliest und danach bezeichnender Weise die Bibel zumacht, um seine eigenen Gedanken daran zu knüpfen, sei Rothe nicht. Ehrenfeuchters Kritiken waren stets fein, mit wenig Worten die Sache treffend, und doch überaus mild, alles Gute anerkennend. Nur wo ihm Unaufrichtigkeit in irgendeiner Form begegnete, konnte er scharf werden. Wehe dem Seminaristen, der etwa seine Vorlesung oder gar seine Predigt ablas. Mancher glaubte, es riskieren zu können. Aber so gebückt Ehrenfeuchters Haltung war, es entging ihm nichts. Ein Student hatte sich von einem anderen die Predigt machen lassen. Dieser andere nahm an Ritschls exegetischer Gesellschaft teil, in der in jedem Semester der Jakobusbrief behandelt wurde, und da er sich für ein großes Licht hielt, verfasste er zum Jubiläum des Seniors BödekerHermann Wilhelm Bödeker (1799-1875) war ein evangelischer Pastor in Hannover, der vor allem durch seine gemeinnützige Arbeit bekannt wurde.Siehe Wikipedia.org [13], das damals bevorstand, um sich ihm für mancherlei Förderung dankbar zu erweisen, eine kleine Schrift über den Lehrgehalt des Jakobusbriefes, für die er Ritschl stark benutzte. Nun musste die Schrift aber fertig gestellt werden, ehe Ritschl ganz fertig war. Deshalb fand sich unter einer Seite die Fußnote: Von hier ab folge ich Weiß. Uns fiel nun bei Haltung der mit dem fremden Kalb gepflügten Predigt gleich die reichliche Verwendung des Jakobusbriefes auf. Ehrenfeuchter fing seine Kritik mit den Worten an: Wenn diese Predigt uns als ein Denkmal früherer Zeit überliefert wäre, so würde sie ein Gegenstand dessen sein, was man die höhere Kritik nennt. Es würden nämlich Leute aufstehen, die haarscharf bewiesen, dass diese Predigt aus zwei voneinander unabhängigen Stücken bestände, und würden sogar ganz genau die Stelle bezeichnen, an der das fremde Stück begönne, u.s.w. Weiter sagte er nichts über diesen Gegenstand. Der Prädikant sah sich aber erkannt.

Wiesinger kritisierte im Allgemeinen schärfer. Er war ja recht ledern, ein hagerer, spindeldürrer Mann. Aber zuweilen blitzte es auch bei ihm. So begann er eine Predigtkritik mit den Worten: Wenn man die Einleitung einer Predigt mit einem Neste vergleicht, in das das Ei der Disposition gelegt wird, so muss man sagen: Der Herr Prädikant hat sein Ei danebengelegt, um sich dann mit großem Gekakel davon zu machen. Die Wirkung wurde erhöht durch die heisere Stimme, die ihn bewogen hatte, die Stelle als zweiter Universitätsprediger niederzulegen, und durch die scharfe bayrische Aussprache der Konsonanten.


[11] Hermann Lotze (1817-1881) war ein Mediziner und Philosoph, eine der zentralen Persönlichkeiten der akademischen Philosophie des 19. Jahrhunderts und gehörte bis in die 1920er Jahre zu den bekanntesten und meist diskutierten Philosophen Deutschlands, der auch weltweit hohes Ansehen genoss. Heute ist er weniger bekannt.
[12] Deutsch: Rühr mich nicht an. Bezeichnung für das Springkraut, das bei Berührung seine Samen verschießt oder für die Mimose, die ihre Blätter zusammenklappt.
[13] Hermann Wilhelm Bödeker (1799-1875) war ein evangelischer Pastor in Hannover, der vor allem durch seine gemeinnützige Arbeit bekannt wurde.