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Göttingen, 1873 bis 1874 — Auf dem Hermannsburger Missionsfest

Teil 5 - Göttingen, 1873 bis 1874
Kapitel 9
Auf dem Hermannsburger Missionsfest

Noch hatte ich mich diesen Sommer nicht endgültig entschieden, ob ich in Hannover bleiben wolle. Aber das Hermannsburger Missionsfest wollte ich jedenfalls kennenlernen. Auch von meinen Bekannten wollten verschiedene hinreisen. So Helmolt, Bartels, Hoppe, Holscher, der mit dem Vorgenannten befreundet und mir auch schon früher in Leipzig aufgefallen war, ein besonders hübscher und stattlicher Mensch, mit dem ich, wie es das Wiedersehen am andern Ort gab, infolgedessen auch schnell bekannt worden war, und Brauer. Dieser meldete uns bei seiner in Hermannsburg wohnenden Tante, Frau von der Lühe, an. So zogen wir denn in der Johanniswoche los. Brauer, Helmolt, Bartels und Holscher wollten sich auf den zweiten Tag, wo das Fest im Freien gefeiert wurde, beschränken. Ich wollte mit Hoppe das ganze Fest mitfeiern. So machten wir uns schon am Dienstag in der Johanniswoche auf den Weg. Bis Kreiensen war mir die Gegend bekannt. Von da an lernte ich neues kennen. Die Marienburg, die Stadt Hannover, Burgdorf, als der letzte Wirkungsort Spittas, interessierte mich besonders. In Eschede verließen wir die Bahn und gingen zu Fuß durch teilweise recht öde Heidestrecken, denn kurz zuvor hatte ein großer Heidebrand hier gewütet, dessen Spuren teilweise noch zu sehen waren, nach Hermannsburg zu. Unterwegs gesellten sich auch schon andere Festgäste zu uns. Nachmittags kamen wir an, wurden von Frau von der Lübe und ihrem Mann, Hauptmann a. D., gastlich empfangen und gleich an den Kaffeetisch gesetzt. Andere Festgäste waren schon da. Unter ihnen fiel uns gleich der Bruder unserer Wirtin, Pastor Brauer aus Dargun in Mecklenburg, auf, einer von den ehemaligen Hannoverschen Kandidaten, die zur Zeit des Kandidatenüberflusses in Mecklenburg Anstellung gesucht und gefunden hatten, ein origineller alter Herr. Er kam mit uns bald ins Gespräch und erkundigte sich nach unserm Studium. Als er über Delitzsch' Chiliasmussiehe Leipzig, Kapitel 6. [30] schalt, bemerkte ich, Luthardt wäre aber auch Chiliast. Ach, freilich ist er Chiliast, erwiderte er. Als er gelegentlich schon geäußert hatte: Wir haben ja nur einen lutherischen Dogmatiker, Philippiwahrscheinlich ist Friedrich Adolf Philippi (1809-1882) gemeint. Er war ein lutherischer Theologe jüdischer Herkunft und ein Freund der Familie Mendelssohn. Hengstenbergs Theologie beeinflusste ihn.Siehe Wikipedia.org [31], merkte ich, dass man ihm mit Kahnis gar nicht kommen dürfe. Hoppe sagte ganz harmlos: Aber die Krone von allen Leipziger Professoren ist doch Kahnis. Daraufhin er: Ja, ich höre, er soll ein guter Dozent sein. Aber hören Sie, das ist ja ein Erzketzer, und berichtete, sie hätten in ihrer Konferenz kürzlich Kahnis' Buch Christentum und Luthertum durchgenommen: Das ist ja ein elendes Buch, da ist aber auch nicht so viel wahr dran. Und zwar waren's nicht die gewöhnlichen Vorwürfe, die er gegen Kahnis vorbrachte, sondern sein Synergismus, den er in Verbindung brachte mit seiner Inspirationslehre. Wir versuchten natürlich, Kahnis möglichst zu verteidigen. Er antwortete: Das ist ja ganz natürlich, dass Sie sich von solch einem Herrn imponieren lassen, gegen dessen Wissen Sie ja gar nicht ankönnen, und erzählte, dass es ihm früher genauso gegangen wäre, als er als Neanders Famulus sich genötigt gesehen, denselben gegen seinen Bruder (der zur Missouri-Synode gegangen war) zu verteidigen. Jetzt sehe er auch ein, dass sein Bruder im Recht gewesen sei. Schließlich erkannte er aber an, dass Kahnis immerhin ein Christ sei, dass man ihn selbst in gewissem Sinne einen Lutheraner nennen könne, und er wünschte uns Gottes Segen zu unserm Studium. - Hoppe erwartete seinen Vater noch, und derselbe kam dann auch auf einem später von der Bahn kommenden Wagen an und sagte, als er uns begrüßte, er könne sich gleich denken, wer ich sei. Er hat mir seitdem Wohlwollen und Freundschaft bewiesen und bewahrt bis an seinen Tod.

Das Wetter war am andern Tage allerdings nicht verheißungsvoll. Wir trösteten uns damit, dass wir ihn ja in der Kirche zubringen würden. Um 10 Uhr sollte der Gottesdienst beginnen. Um 9 Uhr fanden wir uns schon in derselben ein und fanden auf der Orgelempore mit Mühe einen Platz. Und immer noch strömten die Leute zu, mit immer weniger Platz musste man sich behelfen. Schließlich saßen wir ganz eingekeilt, ohne uns vor- oder rückwärts regen zu können. Ich dachte: Wie soll das so lange gehen? Aber es ging doch besser als ich dachte. Der frische Gesang der rhythmischen Melodien ließ mir die längsten Lieder, die ohne Ausnahme vom ersten bis zum letzten Verse gesungen wurden, nicht zu lang erscheinen. Auch sonst wurde man hingenommen durch die spürbare Beteiligung der Gemeinde, sodass mir der dreidreiviertel Stunden währende Gottesdienst, zu dem noch das einstündige Warten vorher hinzukam, nicht zu lang wurde. Die Liturgie hielt P. coll. Gabriel. Als Vorlesung, der aber eine dreiviertel Stunde lange Auslegung folgte, diente ihm die Geschichte der Berufung Gideons, bei der er das zweifache Zeichen, der Tau auf dem Fell, dann auf der Tenne - auf die Segnung Israels unter Beiseitelassung der Heidenwelt, dann der Heidenwelt durch das Evangelium unter Zurückstellung Israels deutete. Eine Taufe folgte dann, mir auch etwas durchaus Neues. Harms fing seine Predigt an mit der Bemerkung, dass die Vorlesung reichlich lang gewesen, und dem Versprechen, dass die Predigt daher kürzer werden solle. Sie dauerte aber immer noch reichlich eine Stunde. Text war Jes. 30,15. Die Mahnung, stille zu sein und zu hoffen, wandte er u. a. auch auf die gedrückte Stimmung an, die wegen des ungünstigen Wetters und der Unsicherheit, ob wir am Tage darauf im Freien würden feiern können. Zum Schluss teilte er mit, dass anderthalb Stunden nach Schluss des Vormittagsgottesdienstes der Nachmittagsgottesdienst beginnen würde. Die anderthalb Stunden waren die Essenspause. Es war gut, dass wir keinen weiten Weg zu von der Lühes hatten, denn die ganze Zeit hätten wir von der Kirche nicht wegbleiben können, weil sie nachmittags ebenso voll war. Nachmittags predigten die Missionsinspektoren, erst von LüpkeCarl von Lüpke (1832-1881), deutscher Pastor, Lehrer und MissionsinspektorSiehe Wikipedia.org [32], dann Speckmann. Lüpke, der gewöhnlich das lutherische Bekenntnis noch vor der Schrift nannte, gefiel mir weniger als Speckmann, der frisch und volkstümlich über Eph. 6, 10-20 predigte. Dann kam der Jahresbericht von Harms, aus dem mir besonders erinnerlich ist, dass der Verkauf der KandazeDie Candace war ein Missionsschiff der Hermannsburger Mission, mit dem die eigenen Missionare zu ihren Arbeitsgebieten in Äthiopien ausgesandt wurden. Es blieb bis 1875 in Dienst.Siehe Wikipedia.org [33] in Aussicht genommen sei. Harms erklärte, dass ihm der Gedanke nicht leicht werde. Aber der Notwendigkeit würde man sich eventuell nicht entziehen können. Abends war dann noch Zusammenkunft im 1. Missionshause, dem die von der Lühesche Wohnung gegenüberlag. Des Wetters wegen konnte sie nicht im Freien sein. Da musste dann in den Räumen des Missionshauses Sitzgelegenheit geschaffen werden. Bartels und die anderen waren inzwischen nachgekommen und nahmen an dieser Versammlung teil. Ich lernte bei ihr Bartels' Kusine Eva, die nachmalige Frau Missionsdirektor HacciusGeorg Haccius (1847-1926) war Theologe und von 1890 bis 1926 Direktor der Hermannsburger Mission, zunächst gemeinsam mit Egmont Harms. Nach dessen Tod leitete er die Mission allein.Siehe Wikipedia.org [34], damals ein 17- bis 18-jähriges Mädchen, kennen.

Für das Nachtquartier waren unter dem Dach des gastlichen Hauses durch Verwendung spanischer Wände eine Menge Schlafkammern hergerichtet. Soviel ich weiß, schliefen wir sieben Studenten alle zusammen, konnten aber durch die spanische Wand die Gespräche unserer Zimmernachbarn mit anhören. Neben uns schlief der alte Pastor Brauer zusammen mit seinem Neffen, Arzt in Hermannsburg, dem Bruder unseres Freundes. Das Wetter war am folgenden Tage ebenso wenig günstig. Des ungeachtet zogen wir in langem Zuge hinaus nach dem Festplatz, auf einen Bauernhof, dessen Besitzer, wie Harms erzählte, seine Eichen fällen wollte und deshalb sich erbeten hätte, dass das Missionsfest noch einmal bei ihm gefeiert werden sollte. Hier dicht bei, sagte Harms, d. h. fünf Viertelstunden, das ist nach Heidebegriffen dicht bei. Die Feier wurde ja leider durch das Wetter beeinträchtigt. Auch die Zahl der Festteilnehmer war, wie uns gesagt wurde, weit geringer als sonst. Immerhin waren es mehrere Tausende. Wir Studenten beanspruchten natürlich keine Sitzplätze für uns, sondern legten uns, wenn uns das Stehen zu lang wurde, in unsere PlaidsAls Plaid (gäl. plaide) bezeichnet man relativ dünne gemusterte Wolldecken. Plaids sind oft aus hochwertigen Schurwollen gefertigt, beispielsweise aus Alpaka-Wolle. Siehe Wikipedia.org [35] gehüllt, um uns vor Nässe zu schützen, auf die Erde. Von den vielen Ansprachen, die gehalten wurden, sind mir die beiden Missionare Fröhling und Brunotte, von denen die zweite durch die Frische ansprach, und die des Pastors Hoffmann aus Harburg, der durch seinen Humor und Sarkasmus fesselte, aber beispielsweise des alten Brauer Missbilligung erregte, in Erinnerung geblieben. Auch die Bauart der niedersächsischen Häuser lernte ich hier zuerst kennen.

Da ich am Freitagnachmittag Arabisch bei Bertheau hatte, das ich nicht versäumen wollte, fuhr ich schon den Abend wieder ab. Auch Hoppe fuhr wieder mit mir, und da Hoppes Vater auch schon abreiste, fuhr ich mit beiden nach Unterlüß. Dann kam eine Nachtfahrt nach Hannover, wo wir früh anlangten und mehrere Stunden Aufenthalt hatten. Hoppe ging mit mir in der Stadt herum und zeigte mir namentlich die damalige Glanzpartie, den Schiffgraben und die Königstraße, die mir das Geständnis abnötigten, dass ich eine so schön gebaute Stadt noch nicht gesehen, sowie das Henriettenstift, wo eine Pflegeschwester von ihm als Probeschwester war, die er besuchte. Zur rechten Zeit waren wir dann wieder in Göttingen.

Kurz darauf feierte ich noch ein Missionsfest, und zwar in Lenglern bei Göttingen, durch das mein Weg mich schon wiederholt geführt hatte, wenn ich nach Harste gegangen war. Auch hier nahm eine ganze Anzahl Studenten teil. Die Predigt am Vormittag hielt Kreusler über Offenbarung 3,11. Die Nachmittagsfeier, die auch wiederholt von Regen begossen wurde, leitete Rocholl, der die Zuhörer mahnte, die Regenschirme nicht auszuspannen, da wir nicht von Zucker seien. Ansprachen hielten Hardeland, Brunotte und Kreusler, der seine Geschichte von Siemsen mit den Knöppen und einem Nachspiel zum Besten gab.


[30] siehe Leipzig, Kapitel 6.
[31] wahrscheinlich ist Friedrich Adolf Philippi (1809-1882) gemeint. Er war ein lutherischer Theologe jüdischer Herkunft und ein Freund der Familie Mendelssohn. Hengstenbergs Theologie beeinflusste ihn.
[32] Carl von Lüpke (1832-1881), deutscher Pastor, Lehrer und Missionsinspektor
[33] Die Candace war ein Missionsschiff der Hermannsburger Mission, mit dem die eigenen Missionare zu ihren Arbeitsgebieten in Äthiopien ausgesandt wurden. Es blieb bis 1875 in Dienst.
[34] Georg Haccius (1847-1926) war Theologe und von 1890 bis 1926 Direktor der Hermannsburger Mission, zunächst gemeinsam mit Egmont Harms. Nach dessen Tod leitete er die Mission allein.
[35] Als Plaid (gäl. plaide) bezeichnet man relativ dünne gemusterte Wolldecken. Plaids sind oft aus hochwertigen Schurwollen gefertigt, beispielsweise aus Alpaka-Wolle.