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Göttingen, 1873 bis 1874 — Professor Peip

Teil 5 - Göttingen, 1873 bis 1874
Kapitel 5
Professor Peip

Endlich aber nahm ich an einem Privatissimum über Geschichte der Philosophie bei Peip teil. Schon am ersten Sonntag hatte mich Bartels auf den kleinen freundlichen Mann aufmerksam gemacht, mit dem er sich in der Universitätskirche begrüßte. Am Montag ging ich zu ihm in seine Wohnung in einem kleinen in einem Garten gelegenen Häuschen, das in jeder seiner zwei Etagen nur eine Wohnung für einen Einzelstehenden hatte, um mich zu seinem Privatissimum anzumelden. Er nahm mich aufs freundlichste nicht allein zu demselben an, sondern forderte mich auch auf, sonnabends an seinem Weendeum teilzunehmen. In Weende kam er nämlich an jedem Sonnabendnachmittag mit einer Anzahl Studenten, die an ihm empfohlen waren oder denen er sich sonst innerlich näher fühlte, in einem Gasthause zusammen und behandelte dort erst mit einem engeren Kreise irgend ein philosophisches Thema, dann mit einem weiteren etwas Schönwissenschaftliches. Peip war als außerordentlicher Professor der Philosophie angestellt, war aber im Grunde mehr Theolog als Philosoph, und ein allzeit kampfesfreudiger Apologet des Christentums. Als solcher suchte er insbesondere unter seinen Studenten zu wirken, deren er sich mit rührender Liebe annahm. Er pflegte deshalb auch außerhalb seiner Vorlesungen eifrigen Verkehr mit ihnen. Die Anknüpfung bot ihm sein Weeneum, mit dem er aber auch mehrere Male im Jahre größere Ausflüge machte, und das er alljährlich zur Martinsgans einlud. Besonders Nahestehende lud er wohl auch einmal zu Mittag an die table d'hoteTable d'hôte (frz. für Tisch des Gastgebers) ist ein Begriff für eine kleine, feste Karte in der Gastronomie. Eine typische heutige Ausformung ist der Mittagstisch.Siehe Wikipedia.org [21] im Hotel zur Krone oder nahm sie auf einen Nachmittagsspaziergang mit.

So nahm ich im Sommer 1873 an einem Sonntagsausflug nach Münden und ein andermal an einem solchen nach der Ruine Hardenberg bei Nörten teil. Der Hinweg wurde zu Fuß gemacht, zum Rückweg die Bahn benutzt. Wurde unterwegs Rast gemacht, so kriegte er ein Buch aus der Tasche, etwa Humoresken von KossakErnst Kossak (1814-1880): Humoresken. Aus dem Papierkorbe eines Journalisten, Berlin 1852.Siehe Wikipedia.org [22], den er so sehr schätzte, und las eine derselben vor. Auch die Martinsgans wurde mit Vorlesung gewürzt, ebenso der zweite Teil des Weendeums, bei dem er besonders gern auch Dramatisches wählte, etwa Freytags Journalisten oder ein Stück von Shakespeare. Und er war ein vorzüglicher Vorleser. Besonders charakteristisch las er den Shylock, ganz als Juden und doch nicht karikierend, nicht als lächerliche Person, sondern als fanatischen, rachsüchtigen Vertreter der getretenen Nation. Auch das Gesicht, das ohnehin zuweilen an einen polnischen Juden erinnern konnte, sprach mit. Für Humor hatte Peip viel Sinn, erzählte selbst gern eine lustige Anekdote oder einen guten Witz und freute sich, wenn andere es taten. Er zog dann wohl seine Schnupftabaksdose heraus und reichte sie dem Betreffenden zu einer Prise, indem er sagte: Mög's Ihnen gut gehen, Sie ausgezeichneter Arbeiter. Die Schnupftabaksdose reichte er überhaupt gern herum. Als ich einmal eine Prise ablehnte, sagte er: Sie meinen's doch nicht so wie jener, dem ich auch eine Prise anbot, und der mir darauf sagte: Rein ab und Christo an? Verstand er so, seine Umgebung zu erheitern, so konnte man in Scherz und Ernst auch viel von ihm lernen, da er das, was andere in gelehrter Schulsprache ausführten, in fasslicher Weise nahe zu bringen verstand. Es war ihm deshalb auch ein Ehrenpunkt, dass seine Freunde gute Examina machten, und wo es einem gelungen war, verfehlte er nicht, es bei Gelegenheit anzubringen. Auch um das persönliche Wohl und Wehe seiner Freunde kümmerte er sich eingehend, und da er viele Verbindungen hatte und eine ausgebreitete Korrespondenz nach den verschiedensten Seiten führte, so vermittelte er ihnen Hauslehrerstellen. Dass diese Verbindungen, die er auf diese Weise anknüpfte, auch über die Universitätszeit anhielten und viele ihm ein dankbares Gedächtnis bewahrten, versteht sich danach.

Freilich fehlte ihm bei aller Liebe zu seinen Studenten die rechte Überlegenheit. Sie hatte etwas Hysterisches. Er selber erklärte wohl seine Studenten für den Ersatz einer eigenen Häuslichkeit, die ihm Gott versagt habe, hatte es auch nicht Hehl, dass er verschiedene verunglückte Versuche zur Gründung eines Hausstandes gemacht habe. So konnte sein Weendum wirklich fast den Eindruck eines Harems machen. Und wie der Sultan in seinem Harem stets eine Sultanin Walide hat, so hatte Peip auch in jedem Semester einen besonders vertrauten, den er als solchen öffentlich bekannte. In meinem Semester war dies Graff. Eine Zeitlang schien es, als würde ich nach dessen Weggang diese Stelle einnehmen, und Graff instruierte mich bereits für den Fall. Dann aber lief mir Hoppe den Rang ab. Peip selber gestand mir das zu, dass Hoppe sein Erster, ich nur sein Zweiter sei. An dem Tage, als er Hoppe kennen gelernt, habe er in sein Tagebuch geschrieben: Ein neuer Bückmann und Alpers gefunden. (Alpers gehörte dem Erlanger theologischen Verein an und war dessen Delegierter zu dem letzten Stiftungsfest, das ich in Leipzig erlebte, gewesen. Ein einzig liebenswürdiger, aber zur SchwarmgeistereiEin Schwarmgeist ist ein Mensch, für den nicht die Glaubenslehre, sondern das Gefühlserlebnis in seinem religiösen Leben an erster Stelle steht. [23] geneigter Mensch, der leider sich später den Irvingianern anschloss. Bückmann sollte ich erst später kennen lernen. Er war bisher Peips Renommierfuchs gewesen. Bückmann, der einzige in einem Zeitraum von 12 Jahren, die das erste theologische Examen mit der Eins bestanden.) Ihm zeigte er nun seine Liebe in einer Weise, die diesem selbst lästig gewesen sein muss und die den anderen anstößig war. Der gute Peip glaubte darin aber nur Eifersucht zu erkennen, was dann zu weiteren Missverständnissen führte. Schließlich kam es auch zu einem Krach zwischen ihm und mir, der, wenn ich auch gestehe, in einem Fall mich nicht richtig benommen zu haben, doch wesentlich in seiner Hysterie den Grund hatte. Seitdem hörte jede besondere Vertrauensstellung für mich auf, und ich ging für ihn im Gros unter, was mir geradezu Befreiung von einem Bann war. Denn er konnte einen mit seiner Liebe drücken und mit seiner Eifersucht quälen. Peip hat dann ein wahrhaft tragisches Ende gefunden. Noch in seinem 45. Jahre blühte ihm ein spätes Liebesglück. Er verlobte sich mit der Tochter des großen Historikers Waitz und Enkelin des noch größeren Philosophen Schelling, dem er als Student schon näher getreten war und als dessen Fortsetzer er sich ansah. Aber das war zu viel des Glücks für den kleinen erregbaren Mann. Der Typhus ergriff ihn und machte seinem Leben in der Blüte der Jahre ein Ende.


[21] Table d'hôte (frz. für Tisch des Gastgebers) ist ein Begriff für eine kleine, feste Karte in der Gastronomie. Eine typische heutige Ausformung ist der Mittagstisch.
[22] Ernst Kossak (1814-1880): Humoresken. Aus dem Papierkorbe eines Journalisten, Berlin 1852.
[23] Ein Schwarmgeist ist ein Mensch, für den nicht die Glaubenslehre, sondern das Gefühlserlebnis in seinem religiösen Leben an erster Stelle steht.