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Göttingen, 1873 bis 1874 — Anreise und erste Orientierung

Teil 5 - Göttingen, 1873 bis 1874
Kapitel 1
Anreise und erste Orientierung

Nach Beendigung der Osterferien verließ ich Freitag den 25. April 1873 das Elternhaus, um diesmal nicht nach Leipzig, sondern nach Göttingen zu fahren. Nach meinen bisherigen Erfahrungen war ich stets, wenn ich nach den Osterferien von Hause wieder zur Universität fuhr, aus dem Winter in den Frühling gekommen. Von Station zu Station konnte ich das Fortschreiten der Vegetation beobachten, Stettin schon zeigte einen erheblich fortgeschrittenen Stand gegen Cöslin, Berlin wieder gegen Stettin, und erst recht Leipzig gegen Berlin. Da Göttingen nur wenig nördlicher, dagegen erheblich westlicher als Leipzig lag, nahm ich nach dem Gesetz des Parallelogramms der Kräfte an, dass Göttingen ein mindestens ebenso mildes Klima haben werde, zog mich deshalb zur Reise frühlingsmäßig an und ließ wie sonst nach den Osterferien den Winterüberzieher zu Hause. Ich konnte dann auch unterwegs das Fortschreiten der Vegetation wieder beobachten. Doch schon als ich in Berlin mit der Droschke vom Stettiner Bahnhof nach dem Kriegsministerium fuhr, fühlte ich, wie mir eine ziemlich eisige Luft entgegenwehte. Sogar einige Körnchen Graupelschnee flogen mir in den Wagen. Herr von Blankenburg, den ich bei Roons bei Tische traf und der hörte, dass ich die Nacht durch nach Göttingen fahren wollte, sagte zu mir: Ich habe da einen Sommerüberzieher im Korridor hängen sehen und bewundere Sie, dass Sie es wagen, so leicht gekleidet die Nacht durchzureisen.

Als ich mich am Abend reisefertig machte, kam Tante Anna noch einmal zu mir und sagte: Herr von Blankenburg hat es mir zur Pflicht gemacht, darauf zu halten, dass du wenigstens zweiter Klasse fährst. Sie steckte mir deshalb etwas zu, dass ich die Preisdifferenz begleichen könnte. Ich hatte mir das zwar schon sowieso vorgenommen, nahm aber die Unterstützung mit Dank an. Ich kam in ein Abteil, in dem außer mir noch zwei andere saßen, von denen der eine nach Münden, der andere nach Frankfurt a. M. fahren wollte. So hatten wir also vorläufig keine Störung während der Nacht zu befürchten, machten es uns daher bequem. Jeder nahm ein Sofa für sich in Besitz, das vierte zogen wir heraus und gebrauchten es als gemeinsame Fußbank. Ich schlief denn auch bald ein. Auf einem Bahnhof, auf dem der Zug längeren Aufenthalt hatte und mehrere Male hin und herfuhr, erwachte ich und gewahrte beim Hinausblicken die Türme des Magdeburger Domes. Bei näherem Zusehen gewahrte ich, dass die Landschaft ein weißes Kleid trug. Hat es denn hier geschneit?, fragte ich den hereintretenden Schaffner. Ja, es schneit noch, war die Antwort. Und es schneite, als der Tag graute, und je näher wir dem Harz kamen, desto ärger wurde das Schneetreiben, desto höher lag der Schnee. Bei Lutter am Barenberge blieb der Zug buchstäblich im Schnee stecken und musste herausgeschaufelt werden. Ich tröstete mich anfangs. Sobald wir um den Harz herumkommen und an seine West- und Südseite gelangen, wird es besser werden. Nun ja, ganz so hoch lag Schnee in Kreiensen nicht mehr, wo ich mich mit einem Frühstück aufwärmte. Aber es schneite dort auch noch und schneite auch in Göttingen, so dass ich mich genierte, mit meinem Sommerüberzieher über die Straße zu gehen.

Helmoltzu Helmolt und Bartels siehe Teil Leipzig, Kapitel 18Siehe EWNOR.de [1] hatte mir eine Wohnung besorgt, Groner Straße 10 bei Buchbinder Freise. Dorthin ließ ich mich durch einen Gepäckträger führen und traf da auch eine ganz behaglich durchwärmte Bude zwei Treppen hoch und eine Schlafkammer daneben. Das Mädchen, dessen Platt mich anheimelte, nachdem ich in Leipzig, immer nur den sächsischen Dialekt gehört, sagte, Herr von Helmolt sei selbst in der vergangenen Nacht hier gewesen und hätte das Bett ausprobiert. Ich merkte gleich, dass ich in kleinstädtische Verhältnisse gekommen war, wie ich auch meine Haus-Nummer gar nicht erfahren hatte und nur nach Nennung meines Hauswirts vom Gepäckträger richtig geführt worden war. Nachdem ich meine Sachen ausgepackt, ging ich nach dem Kollegiengebäude am Ende der Weender Straße. Dort konnte ich Bartels begrüßen, der mir nun als getreuer Mentor zur Seite blieb. Obgleich er bisher auch nicht in Göttingen studiert hatte, war er doch über alles Wissenswerte, über Persönlichkeiten u.s.w. orientiert und gab mir über alles Mögliche Auskunft. Er führte mich an einen Mittagstisch und teilte mir mit, dass nachmittags im Stift, in der Bude eines Stiftlers, eine Zusammenkunft von Theologiestudierenden stattfinden sollte. Sie sei zwar von dem Unternehmer, stud. theol. Crome, wie es schien, mit der Absicht geplant, für den studierenden Gesangsverein zu keilen. Aber man brauche sich ja nicht keilen zu lassen, und es sei jedenfalls eine Gelegenheit, Bekannte zu machen. Ich ging denn auch hin und lernte eine ganze Anzahl Studenten kennen, sah auch verschiedene Gesichter wieder, die mir schon von Leipzig bekannt waren und die mich nun auch als Bekannten begrüßten. So war mir schon in Leipzig der interessante Kopf eines Pauliner aufgefallen, der mit mir Dogmengeschichte bei Kahnis gehört und im Gespräch mit Bekannten sehr gediegene Ansichten geäußert hatte. Er stellte sich mir nun als Studiosus Brauer vor, und ich lernte ihn im näheren Verkehr als den sympathischen, gediegenen Menschen kennen, als der er mir schon immer erschienen war.

Nachdem wir uns so im roten Ochsen, wie das Stift nach dem Anstrich seiner Wände genannt wurde - im Herbst erhielt es einen neuen Anstrich von grauer Farbe und wurde seitdem der stille Ochse umbenannt - eine Weile berochen hatten, machten wir zu mehreren einen Spaziergang über einen Teil des die innere Stadt umgebenden Walles, durch die Albani-Vorstadt hinauf dem Rohns zu. Bis hinauf bin ich, glaube ich, an dem Tage nicht mehr gekommen. Die Sonne war inzwischen hervorgetreten, der Schnee war zum Teil hinweggetaut, und die freundliche Umgebung der Stadt mit den zum Teil doch schon belaubten Bäumen präsentierte sich im vollen Glanz. Auf manches wurde der Neuling aufmerksam gemacht. So, dass es auf der breiten Hauptstraße der Stadt, der Weender, auf der auch die elegante junge Welt Göttingens gern flirtete, nicht slyli sei, auf die andere Seite der Straße hinüber zu grüßen. So auf den botanischen Garten, auf den man da, wo der Wall die Weender Straße, das Kollegiengebäude zur Linken lassend, durchschnitt, rechter Hand hinabsehen konnte und dessen Pfähle mit den daran geschriebenen Namen der Gewächse dem Neuling als die Grabdenkmäler der Privatdozenten bezeichnet wurden, die in Göttingen verhungert seien. Natürlich wurde daran die Warnung geknüpft, es sich nicht etwa beikommen zu lassen, in Göttingen sich zu habilitieren. Mit dem Eindruck, in Göttingen bereits etwas bekannt geworden zu sein, ging ich abends zu Bett. Als ich am andern Morgen noch im Bette lag, wurde ich mit einer weiteren Göttinger Eigentümlichkeit bekannt. Ein Mann guckte zu meiner Schlafkammer herein und fragte, ob er meine Stiefel putzen sollte. Es war einer der Stiefelfüchse, die in Göttingen eine eigene Gilde bildeten - Studenten behaupteten, sie hätten auch eine besondere Verbindung. Da von der Bedienung im Hause die Stiefel nicht geputzt wurden, musste man sich einen eigenen Stiefelfuchs halten, der dies Geschäft gegen ein Trinkgeld besorgte.


[1] zu Helmolt und Bartels siehe Teil Leipzig, Kapitel 18