© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2018
https://ewnor.de / http://www.erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit dem schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Hauslehrerzeit 1874 bis 1875 — Der Unterricht beginnt

Teil 6 - Hauslehrerzeit 1874 bis 1875
Kapitel 2
Der Unterricht beginnt

Doch nun zum Zwecke meines Daseins! Montag den 4. Mai begann ich den Unterricht. Ich hielt es mit meines Vaters Grundsatz: Nicht zu viel Unterrichtsstunden. Den Tag vier Lektionen, jede zu drei Viertelstunden. Um sieben Uhr wurde im Sommer angefangen. Nach zwei Lektionen war eine Pause, während deren meine Schüler hinunter zur Morgenandacht und zum ersten Frühstück gingen und ich mein erstes Frühstück erhielt. So hatte ich es mir selbst erbeten. Nach zwei weiteren Lektionen kam das zweite Frühstück, zu dem ich auch die Zeitung erhielt, und dann waren nur noch Arbeitsstunden. Mit Hazilo musste Latein, mit Enzio Griechisch und Mathematik angefangen werden. Im Religionsunterricht lasen wir die Apostelgeschichte. Am Sonnabend wurde das Sonntagsevangelium durchgenommen, das dann von Hazilo zum Teil, von Enzio ganz gelernt wurde. Auch Kirchenlieder wurden tüchtig gelernt. Ich folgte im Wesentlichen nach den Stiehlschen RegulativenFerdinand Stiehl (1812-1878) war Beamter im preußischen Kultusministerium. Auf ihn gehen die umstrittenen Preußischen Regulative für das Volksschul-, Präparanden- und Seminarwesen vom Oktober 1854 zurück, besser bekannt als die drei Stiehlschen Regulative.Siehe Wikipedia.org [10]. Französisch gab ich Enzio in den ersten Tagen noch selbst. Kurz nach mir aber traf eine Erzieherin, Fräulein Hedwig Ganzel, erheblich älter als ich und schon mit Unterrichtserfahrung, ein, und soweit ich einen Eindruck davon hatte, sehr tüchtig in ihrem Fach. Ihr war ja hauptsächlich Prinzess Marie anvertraut, die einige Tage nach mir auch der französischen Schweiz eintraf. Aber im Französischen nahm sie mir auch Enzio ab, was mir ganz lieb war. Prinzess Marie gab ich dafür Religionsunterricht, hauptsächlich Kirchengeschichte, aber auch Katechismus. Sie sollte Ostern 1875 konfirmiert werden, aber nicht in Schmiedeburg, sondern in JänkendorfJänkendorf, der Sommersitz der Familie Reuß, ist eine Ortschaft im Landkreis Görlitz.Siehe Wikipedia.org [11] mit ihrer gleichaltrigen Tante Prinzess Elisabeth zusammen, von dem dortigen Geistlichen, der der ganzen Familie besonders nahe stand. Für den Winter war bereits übersiedelung der ganzen Familie nach Jänkendorf geplant, damit Prinzess Marie dann am dortigen Konfirmandenunterricht teilnehmen könne. Was dann bei ihr an Katechismuskenntnis vorausgesetzt wurde, musste ich ihr also beibringen. In der ersten Zeit nahm sie aber auch an dem Mathematikunterricht teil, den ich Enzio gab.

Prinzess Marie war der ganze Liebling ihres Vaters. Den Abend als sie angekommen war, sah ich sie, als ich hinunter zum Tee kam, von ihm umschlungen im Sofa sitzen, worauf er uns vorstellte: Ihre Schülerin, - dein Lehrer. Sie musste ihn auch zuweilen auf den Anstand begleiten. Einen der ersten Tage schlenderte ich auf den Bergen herum, die Neuhoff umgeben. Da hörte ich mich plötzlich angerufen. Als ich aufsah, sah ich aus einem Gebüsch den Prinzen hervorblicken, das Gewehr im Arm, und neben ihm seine Tochter. Ich fuhr zusammen und entschuldigte mich, dass ich ihm so in den Weg träte. Er sagte lächelnd: Schon gut, stören Sie mir nur meine Rehböcke nicht. Prinzess Marie war ein kluges, empfängliches Mädchen, die zu unterrichten Freude machte. Die beiden Jungen dagegen machten aus ihrer Unlust zum Lernen gar kein Hehl. Hazilo fragte mich einmal geradezu, wozu denn das olle Lernen eigentlich sein solle. Ich sagte ihm darauf: Du willst doch wohl kein Nachtwächter werden?, worauf er prompt antwortete: O ja, dann brauchte ich doch nicht mehr zu lernen. Höchstens das Lernen deutscher Gedichte machte ihm Spaß. Ich nannte die Knaben anfangs Sie, weil ich annahm, dass das von den Eltern erwartet würde. Als der Prinz es bemerkte, sagte er: Sie werden doch die Jungen nicht Sie nennen! Die Prinzess fügte hinzu: Sie sind ja gar nichts anderes gewohnt als du Schafskopf, du Esel. Hazilo ergänzte: Und du Rindvieh. Als ich dann mit ihnen allein war, sagte ich: Also soll es von jetzt an du heißen?! Sie antworteten: Ja, das ist viel besser. Auch zur Strenge wurde ich von den Eltern ermahnt. Einmal folgte ich der Weisung des Prinzen und sagte es ihm, als Hazilo gar zu zerstreut und unaufmerksam war. Er wurde sofort zitiert und Enzio sagte mir noch am Tage darauf, dass Hazilo gar nicht ordentlich sitzen könne. Die Herrschaften sagten mir auch, dass ich selbst den Jungen ordentlich was drauf geben möchte, wenn sie nicht aufpassten oder nicht lernen wollten, und fügten hinzu: Glauben Sie nicht, dass wir an der Strenge Ihres Vorgängers etwas auszusetzen hatten, wenn wir ihn vor Ihnen kritisierten. Nur seine Rohheit war es, die uns verletzte. Schließlich ließ ich mich dazu herbei, einmal zu schlagen, und als ich's zum ersten Mal getan, sagte mir Enzio, seine Eltern hätten, als er es ihnen berichtet, geantwortet: Also doch. Ich wollte übrigens, ich hätte das Schlagen nicht erst angefangen. Denn ich fühlte selbst, dass ich, seitdem ich meinem ursprünglichen Vorsatz untreu geworden war, mich weniger in Zucht hielt. Auch die Prinzess hielt es, als sie einmal unversehens zu einer Szene hinzukam, für angebracht, mich vor Heftigkeit zu warnen, Ich schadete mir dadurch selber.

Im Allgemeinen blicke ich mit einer gewissen Beschämung auf meine Hauslehrerzeit zurück. Denn ich habe das Gefühl, dass ich nicht das geleistet habe, was ich hätte leisten sollen und können. Ich sagte mir damals schon, dass, wenn ich noch einmal von vorn anfangen könnte, ich es besser machen würde. Und später habe ich wohl geäußert, Hauslehrer müssten eigentlich etwas zugeben. Andere Kandidaten mögen es ja besser gemacht haben als ich. Aber sonst muss ich sagen, dass ein so frisch von der Esse gekommener Mensch, als ich damals war, und als doch die meisten Hauslehrer sind, in einem wirklich feinen und gediegenen Hause, wie das war, in dem ich sein durfte, viel mehr empfängt als gibt.

Außer den Unterrichtsstunden spielte ich viel mit meinen Zöglingen oder machte Spaziergänge mit ihnen. Die Spaziergänge brachten nur die Schwierigkeit mit, dass sie dabei zugleich ihre Jagdlust befriedigen wollten und ich nicht immer wusste, wie weit ich das gestatten dürfte, welche Vögel ich abzuschießen erlauben durfte und welche nicht. Sie kannten sich in der Vogelwelt gut aus und interessierten sich dafür. Als mir die Prinzess das eben erschienene Nest der Zaunkönige von Freytag zu lesen gegeben hatte, wollten sie auch daraus allerlei von mir wissen und hofften, ihre ornithologischen Kenntnisse daraus zu bereichern.

Der Prinz reiste ziemlich bald nach meiner Ankunft für einige Wochen zur Kur nach Johannisbad in Böhmen. über die Pfingsttage verreiste auch die Prinzess mit Prinzess Marie zu Verwandten. So blieb ich als Selbstherrscher aller ReußenHerrscher aller Reußen (Russen) ist der Beiname der Russischen Herrscher. Der Autor wandelt diesen Titel ab auf sich als Selbstherrscher über seine Schüler aus dem Hause Reuß. [12] mit meinen Zöglingen allein zurück. In der Zeit machten wir einen Ausflug nach Wang. Bis Krummhübel wollten die Jungen fahren. Ein leichter Jagdwagen wurde angespannt. Wie es aber kam, ob die Pferde durch das lange Stehen während der Abwesenheit der Herrschaften mutig geworden waren, oder woran es sonst lag, kurz sie gingen mit dem leichten Gefährt durch, und es war ein Glück zu nennen, dass der Wagen in den Straßengraben hinein geriet. Ich saß gerade an der Seite, an welcher der Wagen in den Graben fiel, so dass ich ganz sanft auf den Grabenrain zu sitzen kam. Enzio schoss im Bogen über mich hinweg und kam auch ohne Beschädigung weg. Hazilo aber, der neben dem Kutscher gesessen hatte, geriet zwischen die Vorderräder und wäre zu Schaden gekommen, wenn die Pferde den Wagen aus dem Graben wieder hätten hinausziehen können. So gelang es auch, ihn, ohne dass er Schaden genommen hatte, aus seiner Lage zu befreien, und wir setzten nun unsern Weg zu Fuße fort, während der Kutscher mit seinem Gefährt heimwärts trottete. Als ich mich oben bei der Kirche Wang mit meinen beiden Prinzen im Freien ausruhte, kam eine alte Frau an mich heran und sagte: Verzeihen Sie, ich bin sehr neugierig. Sind Sie nicht ein Sohn des Herrn Pastor Dittrich aus Arnsdorf? Es war die Witwe des Kantors Hindemit, der, weil er zugleich Lehrer von Wolfshau Parochie Arnsdorf gewesen war, mit Vater im Dienstverhältnis gestanden hatte. Ich ging natürlich ins Haus, um die Familie zu begrüßen. Der Schwiegersohn des Verstorbenen, Kantor Knappe, eine sympathische Persönlichkeit, hatte die Stelle erhalten. Dann traten wir den Heimweg an. Enzio beschrieb in einem Brief an seinen Vater unsere Fahrt und veranschaulichte unser Malheur durch eine Zeichnung, unter die er schrieb: So saß aus, was natürlich Stoff zu viel Erheiterung gab.

Das winterliche Wetter hielt, natürlich unterbrochen durch sonnige Stunden, nach meiner Ankunft noch genau 14 Tage an. Noch am Sonntag Exaudi fuhr ich im schönsten Schneetreiben mit der Prinzess nach Arnsdorf. Sie wollte die Gräfin Matuschka besuchen. Ich erbat mir die Erlaubnis, mitzufahren, um der Familie Riesenbergersiehe Teil 1 - Arnsdorf, Kapitel 2 [13] einen Gruß von Hause zu bringen, womit ich nicht säumen wollte, da ich durch die Bärsdorfer Tanten schon gehört hatte, dass es dem alten Riesenberger gar nicht gut ginge. Ich kam in ein Trauerhaus. Riesenberger war gerade den Morgen gestorben, und ich fand die Familie beschäftigt, mit Hilfe einiger Bekannten, deren Namen mir auch noch erinnerlich waren, Todesanzeigen zu adressieren.

Am folgenden Tage schon war es sommerlich warm, und es folgte ein ausnehmend schöner Sommer, in dem ich die wundervolle Gegend nach allen Richtungen genießen konnte. Gewöhnlich machte ich schon früh vor den Unterrichtsstunden einen Spaziergang. Gleich hinter dem Park stieg eine Kette von kleinen Höhen - eine derselben hieß der Birkberg - hauptsächlich mit Edeltannen bestanden, hinan, auf denen ich das Spiel der Eichkätzchen beobachten konnte. Von da ging's hinan nach der erheblichen Höhe der Friesensteine - fast 1000 Meter über dem Meeresspiegel. Der Hauptfels auf dem Gipfel hieß der Clementinenstein, so genannt nach der ersten Gemahlin des Fürsten Reuß in Jänkendorf, der Mutter meines Prinzipals. Der Name Clementine prangte an ihm in metallenen Buchstaben. Von da oben hatte man eine Aussicht in ein wildes Wald- und Bergland. Auf der entgegengesetzten Seite stieg gleich hinter der Stadt Schmiedeberg der Schmiedeberger Kamm schroff an, dem Kamm des Riesengebirges nur wenig nachstehend an Höhe, von dem im Winter die bekannten Hörnerschlittenfahrten veranstaltet wurden. Bis zur Höhe des Kammes bin ich nie vorgedrungen, nur bis zu der auf halber Höhe gelegenen Ortschaft Forst. Nach Westen zu wurde das Hirschberger Tal durch einen niedrigen Höhenzug gegen den Kreis Landeshut abgeschlossen.

Als nach Pfingsten der Familienkreis wieder vollständig war, wurde viel im Garten gespielt. So kam man abends nach dem Tee in der sogenannten Kiberylle, einem achteckigen zeltartigen Bau, zusammen und spielte Ratespiele. Ich musste einmal die Mienen raten, die ich aufgesteckt, als ich dem Prinzen Hazilos Unaufmerksamkeit berichtet. Oder es wurden um ein Rondeel Wettläufe veranstaltet. Der Prinz saß mit der Uhr in der Hand dabei und stellte fest, wieviel Sekunden jeder zu einem Umlauf gebraucht.

Besonders beliebt aber war das Krokettspiel, das ich hier zuerst kennen lernte und für das ein schöner großer Rasenplatz vor dem Schlosse benutzt wurde. Der Prinz verstand es aufs Beste, als Kampfrichter durch strengste Gerechtigkeit allen Streitigkeiten vorzubeugen. Fräulein Ganzel hatte, als sie zuerst zur Teilnahme aufgefordert wurde, dieselbe mit dem Hinweis auf den erfahrungsgemäß häufig bei diesem Spiel vorfallenden Zank abgelehnt, überzeugte sich aber bald, dass es unter des Prinzen Leitung ohne Zank abging, und erwarb sich durch ihre Leistungen bald des Prinzen Anerkennung, während ich von ihm die Note erhielt: Guter Theologe, schlechter Krokettspieler.


[10] Ferdinand Stiehl (1812-1878) war Beamter im preußischen Kultusministerium. Auf ihn gehen die umstrittenen Preußischen Regulative für das Volksschul-, Präparanden- und Seminarwesen vom Oktober 1854 zurück, besser bekannt als die drei Stiehlschen Regulative.
[11] Jänkendorf, der Sommersitz der Familie Reuß, ist eine Ortschaft im Landkreis Görlitz.
[12] Herrscher aller Reußen (Russen) ist der Beiname der Russischen Herrscher. Der Autor wandelt diesen Titel ab auf sich als Selbstherrscher über seine Schüler aus dem Hause Reuß.
[13] siehe Teil 1 - Arnsdorf, Kapitel 2