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Arnsdorf, 1852 bis 1857 — Das Dorf

Teil 1 - Arnsdorf, 1852 bis 1857

Kapitel 2 - Das Dorf

Das Dorf erstreckte sich von Süden nach Norden. Der südlichste Teil zog sich am Abhang eines ziemlich bedeutenden Vorberges der eigentlichen Gebirgskette, des Schützenberges, hinan. Die letzten Häuser waren so tief in den Berg hineingebettet, dass sie im Winter mehrere Wochen lang überhaupt die Sonne nicht zu Gesicht bekamen. Schützenberg hieß übrigens nur der eigentliche Gipfel. Der Abhang, an dem sich das Dorf hinanzog, wurde Dittrichsberg genannt, übrigens nicht etwa nach unserer Familie.

Stabkirche Wang
Stabholzkirche aus Vang (Norwegen) um 1900, via Wikimedia Commons

Über ihn führte der Weg zur Kirche WangEine Stabholzkirche aus Vang (Norwegen) Siehe Wikipedia.org [8], die König Friedrich Wilhelm IV. auf Anregung der Gräfin Reden in Buchwald hatte aus Norwegen kommen lassen, um die Bewohner des Gebirgsdorfes Brückenberg, das früher zur Kirchgemeinde Arnsdorf gehört hatte, aber sieben Monate des Jahres hindurch von jedem Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten war, kirchlich zu versorgen. Nach der Westseite lehnte sich das Dorf an den Gräberberg, etwas höher und schlanker als der Schützenberg, an dessen Westseite die Annakapelle mit einer Försterei lag, das Ziel vieler Ausflüge.

Das Dorf mochte damals etwa 1300 Seelen zählen. In seiner wundervollen Lage machte es einen überaus freundlichen Eindruck. Aber wohlhabend war es nicht. Die meisten Häuser waren Blockhäuser mit grauen Schindeldächern. Eine Ausnahme machte außer dem Schloß, ungefähr in der Mitte des Dorfes, ein massiver zweiflügeliger Bau mit seinem geräumigen Wirtschaftshofe, einem Besitztum der gräflich Matuschkaschen FamilieDas Adelsgeschlecht Matuschka (tschechisch Matuška, Plural Matuškové, polnisch Matuszki) ist seit dem 13. Jahrhundert nachgewiesen.Siehe Wikipedia.org [9], hauptsächlich die Bleicherei am Nordende des Dorfes und im Oberdorf das Besitztum des Laboranten Riesenberger, beide mit ausgedehnten Wirtschaftsgebäuden. Riesenberger war der letzte der früher ziemlich zahlreichen LaborantenKräutersammler, Wurzler, Wurzelmann, Krüder oder Laborant sind alte Berufsbezeichnungen für Menschen, die in der Natur Heilkräuter und Wurzeln sammelten. Diese wurden zu Medizin oder Kräuterlikör verarbeitet und fanden in der Volksmedizin Anwendung.Siehe Wikipedia.org [10] in Arnsdorf, die aus den im Gebirge wachsenden Kräutern Tee, Magentropfen und andere Hausmittel bereiteten, und mit ihnen Handel trieben und dadurch zu ziemlichem Wohlstand kamen. Durch eine neue Gewerbeordnung der Laboranten zur Zeit Friedrich Wilhelms III. war ihnen die Berechtigung genommen, den damals Lebenden aber dieselbe AD DIES VITAE gelassen. Sie standen also auf dem Aussterbe-Etat.

Außer Riesenberger wohnten damals in der Gemeinde nur noch zwei Laboranten, diese in dem auch zur Parochie gehörenden KrummhübelKarpacz [ˈkarpaʧ] (deutsch Krummhübel) ist eine Stadt im Powiat Jeleniogórski der polnischen Woiwodschaft Niederschlesien.Siehe Wikipedia.org [11], dem heute viel besuchten klimatischen Kurort. Übrigens erstreckte sich die erwähnte Konzession meines Wissens nur auf den alten Riesenberger. Der junge Riesenberger, zu der Zeit, wo wir in Arnsdorf waren, ein Mann zwischen 40 und 50 Jahren, führte das Geschäft wohl nur unter stillschweigender KonnivenzVerleitung eines Untergebenen zu einer Straftat [12] weiter. Wir sind als Kinder viel im Hause gewesen. Er sowohl als seine freundliche gemütvolle Frau, und nicht minder seine beiden damals schon erwachsenen Söhne, bewiesen uns viel Interesse. Uns interessierte besonders der StruwwelpeterStruwwelpeter ist der Titel eines Werkes des Frankfurter Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann aus dem Jahr 1844 und zugleich die Titelfigur des Buches. [13], der dort von der Kinderzeit der Söhne her noch lagerte. Unser Vater hasste ihn, weil es seinen pädagogischen Prinzipien widersprach, den Kindern erst die Unarten anderer Kinder zu zeigen. Natürlich verschlangen wir im fremden Hause umso begieriger die zu Hause uns vorenthaltene Ware. Da Riesenberger auch auf dem Jahrmarkt von Liegnitz seine Bude hatte, blieb die Verbindung auch als wir von Arnsdorf fort waren noch erhalten. Vom LiegnitzerHeute Legnica Siehe Wikipedia.org [14] Jahrmarkt besuchte er uns wohl auch in BärsdorfHeute Niedźwiedzice Siehe Wikipedia.org [15], brachte den Eltern Tee und Tropfen und uns Honigkuchenpakete mit, und hielt sich dadurch bei uns in guter Erinnerung.

Zu erwähnen wäre in Arnsdorf noch die Papierfabrik, die in der Nähe des Riesenbergschen Hauses, aber abseits von der Dorfstraße stand, so dass wir sie von Schlaf- und Wohnstube vor Augen hatten. Die Fabrik brennt, sagten wir wohl, wenn das Licht der Morgensonne in ihren zahlreichen Fenstern widerstrahlte. Auch mit den Leitern und Beamten der Fabrik hatten unsere Eltern wenigstens in den ersten Jahren Verkehr, und einige der Damen haben Patenstelle bei uns vertreten. Doch habe ich mit Ausnahme der Gattin des ersten Direktors, Frau Gebauer, deren Mann aber die Leitung aufgab oder starb in einer Zeit, in die meine Erinnerung nicht mehr reicht, keine Erinnerungen an dieselben mehr.


[8] Die Stabkirche Wang ist eine mittelalterliche norwegische Stabholzkirche aus Vang, die 1841 vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. erworben und in Brückenberg (heute Karpacz Górny), mittlerweile Ortsteil von Krummhübel (heute Karpacz) im Riesengebirge wieder aufgebaut wurde.
[9] Das Adelsgeschlecht Matuschka (tschechisch Matuška, Plural Matuškové, polnisch Matuszki) ist seit dem 13. Jahrhundert nachgewiesen.
[10] Kräutersammler, Wurzler, Wurzelmann, Krüder oder Laborant sind alte Berufsbezeichnungen für Menschen, die in der Natur Heilkräuter und Wurzeln sammelten. Diese wurden zu Medizin oder Kräuterlikör verarbeitet und fanden in der Volksmedizin Anwendung.
[11] Karpacz [ˈkarpaʧ] (deutsch Krummhübel) ist eine Stadt im Powiat Jeleniogórski der polnischen Woiwodschaft Niederschlesien.
[12] Konnivenz = Verleitung eines Untergebenen zu einer Straftat
[13] Struwwelpeter ist der Titel eines Werkes des Frankfurter Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann aus dem Jahr 1844 und zugleich die Titelfigur des Buches.
[14] Bis 1945 war Liegnitz, heute Legnica, Hauptstadt des Regierungsbezirkes Liegnitz in der preußischen Provinz Schlesien.
[15] Niedźwiedzice (bis 1945: Bärsdorf-Trach, davor Bärsdorf) ist ein Dorf in der Gmina Chojnów im Powiat Legnicki in Niederschlesien. Es liegt wenige Kilometer östlich von Chojnów (Haynau) und nordwestlich von Legnica (Liegnitz).Quelle: Wikipedia.org