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Hauslehrerzeit 1874 bis 1875 — Umzug ins Winterquartier

Teil 6 - Hauslehrerzeit 1874 bis 1875
Kapitel 8
Umzug ins Winterquartier

Das schöne Sommerwetter hielt bis nach dem 20. Oktober an. Ich besinne mich wenigstens, dass wir am 20. Oktober noch im Freien Kaffee tranken und Krokett spielten. Es bestätigte sich die Regel, dass die Schneekoppe so lange nach Michaelis schneefrei bleibt, als sie vor Michaelis schon beschneit gewesen ist. Denn Ende August fühlte ich eines Morgens, während ich beim Unterricht mit dem Rücken gegen das offene Fenster stand, ein kaltes Gefühl im Rücken. Ich sah mich um und gewahrte, dass die Schneekoppe von einer Wolke verhüllt war. Nach einem Weilchen war sie verschwunden, aber die Schneekoppe weiß. Eitner erzählte mir hernach, dass er an diesem Morgen mit seinem Bruder, mit dem er sie bestiegen, sich droben geschneeballt hatte. Der Schnee ging bald wieder weg und das schöne Wetter hielt sich wie gesagt, bis nach dem 20. Oktober Dann kamen einige Tage mit stürmischem, rauem Wetter, in denen dunkle Wolken das ganze Gebirge einhüllten. Sonntag, den 25. Oktober, als ich gerade den Wagen besteigen wollte, der mich nach Lomnitz bringen sollte, wo ich Pastor Sowade vertreten wollte, sah ich im Westen ein silbernes Licht aufleuchten. Während der Fahrt verbreitete es sich, und schließlich sah ich die ganze Gebirgskette beschneit im Sonnenlicht glänzen. Das Riesengebirge hatte sein Winterkleid angezogen.

In den ersten Tagen des November erfolgte dann unsere Übersiedelung nach Jänkendorf in der Oberlausitz, wo die Familie den Winter zubringen sollte. Der ursprünglich gefasste Plan hatte allerdings in den letzten Wochen insofern eine Änderung erfahren müssen, als der Prinz an Stelle des in seine Heimat zurückkehrenden Herrn von GrävenitzHugo von Graevenitz (1822-1911) war ein deutscher Verwaltungsjurist und Rittergutsbesitzer im Königreich Preußen. Von 1867 bis 1871 saß er im Reichstag (Norddeutscher Bund).Siehe Wikipedia.org [34] zum Landrat des Hirschberger Kreises gewählt worden war, also in Neuhoff bleiben musste. Von da kam er nur je und dann auf Besuch zu seiner Familie nach Jänkendorf herüber.

Auf dem Kohlfurter Bahnhof, wo wir in einen andern Zug steigen mussten, trafen wir mit Roons zusammen, die von Bunzlau kommend, wo sie bei Langs Station gemacht hatten, nach CrobnitzDas Schloss Krobnitz im Landkreis Görlitz war der Alterssitz des preußischen Kriegs- und Marineministers Albrecht Graf von Roon (Onkel Roon). 1873 kaufte er Schloss und Gut von den Erben der Familie von Oertzen für 134.600 Taler.Siehe Wikipedia.org [35], Onkel Roons neu erkauftem Altersruhesitz, übersiedeln wollten. In Langs Fremdenbuch hatte Onkel Roon geschrieben: Der neuen unbekannten Heimat zu - wo seine letzte Erdenruh - dem alten, müden Pilger winkt - wo seine letzte Erdensonne sinkt - um schöner, heller wieder aufzugehn, - beim Auferstehn. Zwischen Jänkendorf und Crobnitz sollte nun zunächst ein reiner Verkehr sich anbahnen. Die beiden Familien begrüßten sich, wobei es Enzio höchst merkwürdig und interessant vorkam, dass ich von jemand mit Du angeredet wurde. Roons fuhren nach Görlitz zu, wir nach Niesky, der Bahnstation Jänkendorfs, wohin wir von da in zwei Wagen abgeholt wurden.

Das Jänkendorfer Schloss war ein geräumiger, aber einfacher, hufeisenförmiger Bau. Mir wurde meine Wohnung in einem nach dem Garten zu hinausgehenden Mansardenzimmer angewiesen. Als ich meine Sachen auspackte, kam der alte Fürst selbst herauf, um zuzusehen, ob für mich auch alles Nötige da wäre, versorgte mich besonders auch mit Schreibmaterial. Als er hinaus war, klopfte es abermals an meiner Tür und Pastor Senf trat ein, mich zu begrüßen. Er stand damals im 50. Lebensjahr. Das feine kluge Gesicht zeigte, dass er kein ganz gewöhnlicher Mann war. In der Tat war er ein geistvoller Mann und ausgeprägter Charakter, der in den damaligen kirchlichen Kämpfen eine sehr bestimmte Stellungnahme zeigte und sich auch zum Führer für andere eignete. Er war konfessionell, aber jeder Überspannung des Amtsbegriffes abgeneigt. Er würde, wenn er heute lebte, sowohl zur hochkirchlichen als zur Gemeinschaftsbewegung eine freundliche Stellung einnehmen. Von Pearsall SmithTriumphreise des Robert Pearsall Smith (1827-1898) im Jahr 1875 in Deutschland. Er war zeitweilig eine prägende Gestalt der Heiligungsbewegung.Siehe Wikipedia.org [36], der damals seine Predigtreisen durch Deutschland gerade anfing, erwartete er großes. Er konnte wohl sagen: Mein Ideal sind fromme Schuster und Schneider auf der Kanzel. Er hat mir von Anfang an viel Wohlwollen gezeigt, und ich habe viel von ihm gehabt. Gleich am folgenden Tag holte er Fräulein Ganzel, mich und die Jugend zu einem Spaziergang ab, dessen Ziel ein Basaltbruch war. Hier lernte ich, dass er nicht nur in der Theologie sondern auch in der Geologie wohl beschlagen war. Jänkendorf liegt schon in der Ebene. Die nächste Bodenerhebung sind die etwa anderthalb bis zwei Stunden [etwa 10 km] südlich davon gelegenen Königshainer Berge. Es bildete mit der ganz nah dabei gelegenen mater combinata Ullensdorf eine Parochie. Die Jänkendorfer Kirche, zu der man vom Schlosse aus über den Wirtschaftshof gelangte, erinnerte an den Herrnhuter Stil des nahen Niesky. Nach Ullersdorf gelangten wir durch den Jänkendorfer und den unmittelbar daran stoßenden Ullersdorfer Schlosspark. In zehn Minuten erreichten wir die dortige Kirche, eine freundliche gotische Dorfkirche. Der Hauptgottesdienst wechselte sonntäglich in beiden Kirchen. Die Gemeinde war wie durchweg die Lausitzer Gemeinden kirchlich. Sonntag für Sonntag war die Kirche dicht besetzt. Während der Abendmahlsfeier blieb die Gemeinde Mann für Mann in der Kirche und sang die Abendmahlslieder, und ich habe nirgends so erbauliche Abendmahlsgottesdienste erlebt wie hier.


[34] Hugo von Graevenitz (1822-1911) war ein deutscher Verwaltungsjurist und Rittergutsbesitzer im Königreich Preußen. Von 1867 bis 1871 saß er im Reichstag (Norddeutscher Bund).
[35] Das Schloss Krobnitz im Landkreis Görlitz war der Alterssitz des preußischen Kriegs- und Marineministers Albrecht Graf von Roon (Onkel Roon). 1873 kaufte er Schloss und Gut von den Erben der Familie von Oertzen für 134.600 Taler.
[36] Triumphreise des Robert Pearsall Smith (1827-1898) im Jahr 1875 in Deutschland. Er war zeitweilig eine prägende Gestalt der Heiligungsbewegung.