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Hauslehrerzeit 1874 bis 1875 — Kontakte und Verwandtenbesuche

Teil 6 - Hauslehrerzeit 1874 bis 1875
Kapitel 10
Kontakte und Verwandtenbesuche

Auch in Jänkendorf grüßte ich das Handwerk. Pastor Senf, mit dem ich überhaupt fast täglich spazieren ging, führte mich bei verschiedenen Geistlichen der Umgebung ein. So bei Pastor Dehmel in Diehsa, der unter der Chiffre Deinde Mitarbeiter der Allgemeinen Kirchenzeitung war. So bei Pastor Morgenbesser in Seifersdorf, dem Schwiegersohn des früh verstorbenen Breslauer Theologen Daniel von Cölle, einem Studiengenossen meines Vaters. Von besonderem Interesse war es natürlich für mich, Niesky kennen zu lernen. Vor allem besuchte ich, einmal auch mit meinen Zöglingen, den Direktor des Pädagogiums, Bruder Görlitz, da es beschlossene Sache war, dass Enzio und Hazilo zu Ostern dort Aufnahme finden sollten. Dann machte mich Senf mit dem Oberpfarrer Cürin bekannt und mit einigen im Ruhestand lebenden Geistlichen. Niesky wurde seit langem von solchen als Ruhesitz bevorzugt. Zu ihnen gehörte der Konsistorialrat Seegemund, der in seinen früheren Jahren mit Goßner Beziehungen gehabt hatte, und der Pastor Göbel, früher in Königshain, bei dem Goßner seinerzeit den Übertritt zur evangelischen Kirche vollzogen hatte. Damals, als ich ihn kennen lernte, war er ein Greis von einigen 80 Jahren, der meist in der Vergangenheit lebte. In den ersten Wochen stellte ich mich auch dem Superintendenten in Holscher vor, einem geborenen Hannoveraner, Vetter des Pastors von Nettelrode, einem liebenswürdigen und sehr gelehrten Manne. Senf meinte, wenn er seiner ausgeprägt konfessionellen Richtung wegen nicht missliebig wäre, müsste er General-Superintendent sein. Damals schrieb er an einer Geschichte des Bistums Minden.Ludwig August Theodor Holscher: Beschreibung des vormaligen Bisthums Minden nach seinen Grenzen, Archidiaconaten, Gauen und alten Gerichten. Ein historischer Versuch, Münster 1877. [37] Ich habe ihn noch wiederholt gesehen, einmal bei Senf, auch einmal zu Tisch bei den Herrschaften gelegentlich einer Sitzung des Synodalvorstandes, die beim Fürsten, der auch Mitglied desselben war, abgehalten wurde.

Vor allen Dingen war ich häufig in Crobnitz bei Roons. Onkel bewirtete sein Gut nicht selbst, sondern hatte es an seinen Schwiegersohn Wißmann verpachtet, der zu diesem Zweck auf seine Veranlassung als Rittmeister seinen Abschied genommen hatte. Roons bewohnten den einen, Wißmanns den anderen Flügel des Schlosses. Kusine Hedwig behauptete, die Zimmer seien in ihrem Flügel etwas niedriger, damit die Pächtersleute geduckt würden. Onkel und Tante nahmen an meiner Tätigkeit lebhaften Anteil. Mit Onkel kam ich gelegentlich auch in politische Debatte, zu der der damals noch hoch gehende Kulturkampf Anlass bot, und ich wundere mich noch, wie geduldig Onkel meine ziemlich unreifen Ansichten anhörte. Interessant war und ist mir aus seinem Munde die Erklärung, dass er zum Zivilstandsgesetze niemals seine Zustimmung gegeben haben würde. Mit Kusine Hedwig und ihrem Mann wurden mehr familiäre Angelegenheiten besprochen, die natürlich mit den alten Roons auch zur Sprache kamen. Wiederholt waren sowohl Roons als auch Wißmanns in Jänkendorf. Prinzess Klementine hatte eine geradezu schwärmerische Verehrung für Hedwig.

Weihnachten war ich - zum ersten Male wieder nach drei Jahren und zum letzten Mal in meinem Leben - zu Hause. Von Berlin an reiste ich mit [Bruder] Georg, der mir inzwischen über den Kopf gewachsen und auch entsprechend in die Breite gegangen, aber auch sehr viel reifer und verständiger geworden war. In Cöslin stand im Mittelpunkt des Interesses das jüngste Familienglied Vera, die in meinen Weihnachtsferien gerade den Schritt aus dem dummen Vierteljahr tat. Die Eltern hatten mir vorher schon geschrieben, wie sie von der ganzen Familie angebetet würde, und wie jeder stolz darauf wäre, der ein Lächeln von ihr erhaschte. Ich hatte reichlich Gelegenheit zu solchem Stolze, weil sie mich ganz besonders damit auszeichnete, vermutlich, weil der Glanz meiner Brille ihr ins Auge fiel. Die Prinzess, die eine Patenstelle bei ihr übernommen hatte, hatte mir's zur Pflicht gemacht, sie mir sorgfältig anzusehen, um ihr dann möglichst genauen Bericht über sie zu erstatten. Wir waren natürlich höchst vergnügt zusammen, tummelten uns, da wir teilweise recht strenge Kälte hatten, fleißig auf dem Eise und kamen auch sonst viel mit Jugend zusammen. Einen Tag war ich mit den Eltern in Schivelbein bei Hanskes. Tante Anna hatte uns ein Weihnachtspaket geschickt, in dem jeder bedacht war. Zu Neujahr verfertigten wir deshalb gemeinsam eine poetische Dankepistel. Von den Herrschaften bekam ich eine goldene Uhrkette, die mir die Prinzess eingepackt mitgegeben hatte, damit sie mir auf den Weihnachtstisch gelegt würde. Einige Bücher - Uhlhorns Kampf des Christentums und Vorträge über das zweite vatikanische Konzil, zwei Predigtbände von Huhn und die Bernhardsche Konkordanz - fand ich bei meiner Rückkehr in meinem Zimmer vor.


[37] Ludwig August Theodor Holscher: Beschreibung des vormaligen Bisthums Minden nach seinen Grenzen, Archidiaconaten, Gauen und alten Gerichten. Ein historischer Versuch, Münster 1877.