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Loccum, 1875-1877 — Die Ausbildung beginnt

Teil 7 - Loccum, 1875-1877
Kapitel 2
Die Ausbildung beginnt

Als die Besuchszeit gekommen war, wurde Besuch gemacht bei den Studienleitern, dem Konventual-Studiendirektor und dem Stiftsprediger. Der Studiendirektor SchusterCarl Schuster (1833-1907) war ein lutherischer Theologe, Konsistorialrat und Generalsuperintendent der Generaldiözesen Calenberg und Hannover. Von 1865 bis 1880 war er Studiendirektor in Loccum.Siehe Wikipedia.org [17], damals ein angehender Vierziger, war ein auffallend kleiner Mann mit glattem, schwarzem Haar und Backenbart und freundlichen, durch eine goldene Brille blickenden Augen, seine Frau, eine Polin, allgemein Tante Julinka genannt, eine vornehme Dame. Beide hatten ein niedliches fünfjähriges Töchterchen, Else, das, wie es bei einzelnen Kindern leicht geht, etwas Altkluges hatte. Stiftsprediger SteinmetzHermann Christian Ludwig Steinmetz (1831-1903) war ein lutherischer Theologe und 1886 bis 1903 Generalsuperintendent der Generaldiözese Bremen-Verden.Siehe Wikipedia.org [18], ungefähr gleichaltrig mit Schuster, war auch nicht eben groß, eine hagere, leicht vorn übergebeugte Gestalt, an den Schläfen schon mit angegrautem Haar, aber bedeutenden leuchtenden Augen. So schweigsam er anfänglich war, so frisch und lebhaft war seine Frau. Außerdem wurden Besuche gemacht - hier natürlich nach und nach - bei den Lehrern, Stiftskantor Kretschmann, Stiftsküster Nacke und dem dritten noch unverheirateten Lehrer Schmädeke, beim Stiftseinnehmer Rühmekorb, dessen Frau im Hospiz die Mutter ohne Komma hieß.

Abends sechs Uhr fand wie an jedem Wochentage die HoraStundengebet [19] im Chor der Stiftskirche statt. Auf den Schall der Klosterglocke versammelten sich die Konventualen und Hospites und nahmen ihre Plätze in den Chorstühlen ein. Der Gesang eines Liedes machte den Anfang. Darauf verlas einer der Klosterangehörigen - wochenweise wurde gewechselt - einen Schriftabschnitt und nach gemeinsamem Gesang des Kyrie ein Gebet - sonnabends stets die Litanei - und sprach das Vaterunser. Darauf Schlussvers und stilles Gebet, während die Klosterglocke dreimal drei Schläge tat. Das Ganze dauerte nicht länger als eine Viertelstunde. Es ruhte aber doch eine Weihe auf dieser kurzen Andacht.

Nach der Hora jenes Tages also hatten wir das erste Kolleg. Die regelmäßige Stunde des Kollegs war bis eins. Wie wichtig dasselbe genommen wurde, davon zeugte die Rede, dass, wenn ein Hospes so krank wäre, dass er nicht gehen könne, er ins Kolleg getragen würde. Ausprobiert ist das Wort in den zwei Jahren, in denen ich im Kloster war, nicht worden. Am Donnerstag hielt der Stiftsprediger, der sich in die praktischen Fächer mit dem Studiendirektor zu gleichen Teilen teilte, das Kolleg. An den übrigen Tagen leitete es der Studiendirektor. Eine Stunde war der Exegese des Alten, eine der des Neuen Testaments, eine der Kirchengeschichte, eine der systematischen Theologie, eine neuerer theologischer Literatur, eine praktischer Schriftauslegung gewidmet. Die vier übrigen Kollegstunden wurden je nach Bedarf ausgefüllt mit der Besprechung von Propositionen oder Dissertationen oder der praktischen Arbeiten der Hospites. Und wenn nichts vorlag, trug der Studiendirektor Kirchenrecht vor. Das war der einzige Gegenstand, in dem das Kolleg aus Vorträgen des Studiendirektors bestand. Sonst waren sämtliche Kollegia Besprechungen. Doch konnten natürlich auch beim Kirchenrecht von den Hospites Fragen aufgeworfen werden. Die Propositionen bestanden in größeren Ausarbeitungen, die gewöhnlich sämtliche Gebiete der Theologie streiften. Das Thema wurde vom Studiendirektor proponiert, der auch einen ausführlichen Plan ausarbeitete und die Bearbeitung der einzelnen Teile verschiedenen überwies. Bei meinem Eintritt wurde die Frage behandelt: Wie stellt sich Jesus zu den verkehrten Richtungen seiner Zeit, und wieweit ist sein Vorbild dabei für uns maßgebend? Dann wurde die Frage der Kindergärten und Kleinkinderschulen behandelt. Wie groß das allgemeine Interesse für diesen Gegenstand war, zeigte sich unter anderem auch darin, dass die Bearbeiter sich mit dem Freiherrn von Bissing-BeerbergAdolph Freiherr von Bissing auf Beerberg (1800-1880) war ein eifriger Verfechter der christlichen Kleinkinderschule.Siehe Wikipedia.org [20], dem eifrigen Förderer der Kleinkinderschulen, brieflich in Verbindung setzten. Eine weitere Proposition behandelte die soziale Frage, die damals immer mehr die brennende wurde.

In meinem letzten Semester kam dann das Thema Abendmahlslehre und Abendmahlsgemeinschaft zur Verhandlung. Ich hatte die Aufgabe, die reformatorische Abendmahlslehre darzustellen und studierte dazu die Abendmahlsschriften Luthers, Zwinglis und Calvins. In den Dissertationen gaben die Einzelnen Erträge ihrer privaten Studien. Doch lieferten nicht alle eine solche. Besonders gegen Ende meiner Loccumer Zeit, wo der Kandidatenmangel auch in Loccum sich fühlbar machte, da einerseits nicht alle Stellen besetzt, andrerseits verschiedene vor der Zeit ins Amt berufen wurden und auf den Einzelnen infolgedessen mehr regelmäßige Arbeiten fielen, kamen viele nicht zur Ausarbeitung einer Dissertation. Ich ließ mich schließlich, um nur die Zeit auszufüllen, bereitfinden, eine der von mir zum zweiten Examen gelieferten Arbeiten, Wiedergeburt und Bekehrung, in etwas überarbeiteter und erweiterter Gestalt als Dissertation vorzulegen.

Ich habe allerdings den Eindruck, dass wir wohl mehr hätten arbeiten können. In Exegese, Kirchengeschichte und systematischer Theologie hatte jedes Mal einer das Referat, und zwar wurde das Neue Testament ausschließlich von den älteren, das Alte Testament von den jüngeren Semestern bearbeitet, dieses in lateinischer Sprache. Das Latein war auch nicht immer das Beste. Zwar dass wir sermo, serminisDer korrekte Genitiv von sermo (das Gespräch, die Rede) lautet sermonis. [21] deklinierten - sermo war terminus technicus für jede zu liefernde Arbeit - geschah absichtlich und galt als berechtigte Loccumer Eigentümlichkeit. Ob früher einmal einer diesen Schnitzer aus Unwissenheit oder infolge Versprechens gemacht und er nun in die Tradition aufgenommen worden war, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber auch andere Schnitzer wurden gemacht. Gewöhnlich wurde ein solcher dann dem Betreffenden von einem andern auf einem Zettel quittiert. Kirchengeschichte wurde nach GieselerJohann Karl Ludwig Gieseler (1792-1854) war ein lutherischer Theologe und Kirchenhistoriker.Siehe Wikipedia.org [22] traktiert, meist unter übersetzung der Quellenbelege. Mir machte es besonderes Vergnügen, wenn ich Gieseler einen Irrtum nachweisen konnte. Dogmatik trieben wir nach Luthardts Kompendium. Für die Ethik, die in meinem zweiten Jahre an die Reihe kam, wählte Schuster Themata aus, und hier wurde das Interesse im Ganzen etwas reger.

Wenig befriedigten mich auch die Verhandlungen über neuere theologische Literatur und die praktischen Auslegungen. Die praktischen Auslegungen bestanden gewöhnlich darin, dass der jedesmalige Referent eine PerikopeAbschnitt aus der Bibel, der für die Lesung im Gottesdienst bestimmt ist. [23] in der Weise einer Predigt bearbeitete, seine Arbeit dann vorlas und verschiedene Dispositionen, die er zu dem betreffenden Text gefunden, angab, die Schuster dann noch durch einige weitere ergänzte. Von der theologischen Literatur aber lernten wir auf dem betretenen Wege nur allzu wenig kennen. Der Studiendirektor gab ein ihm geeignet erscheinendes Buch einem von uns, der es dann im Kolleg fast wörtlich vorlas, nur zuweilen etwas zusammenfasste. Dass dabei nicht viel herauskam, leuchtet ein. In meiner Zeit wurde zuerst Steinemeyers Logik auf diese Weise behandelt. Darin folgte Geffckens Buch über Staat und Kirche, Brämels homiletische Charakterbilder, und als ich fortging, war man glücklich zu Ehrenfeuchters Christentum und moderne Weltanschauung gekommen.


[17] Carl Schuster (1833-1907) war ein lutherischer Theologe, Konsistorialrat und Generalsuperintendent der Generaldiözesen Calenberg und Hannover. Von 1865 bis 1880 war er Studiendirektor in Loccum.
[18] Hermann Christian Ludwig Steinmetz (1831-1903) war ein lutherischer Theologe und 1886 bis 1903 Generalsuperintendent der Generaldiözese Bremen-Verden.
[19] Stundengebet
[20] Adolph Freiherr von Bissing auf Beerberg (1800-1880) war ein eifriger Verfechter der christlichen Kleinkinderschule.
[21] Der korrekte Genitiv von sermo (das Gespräch, die Rede) lautet sermonis.
[22] Johann Karl Ludwig Gieseler (1792-1854) war ein lutherischer Theologe und Kirchenhistoriker.
[23] Abschnitt aus der Bibel, der für die Lesung im Gottesdienst bestimmt ist.