Nachkriegskindheit in Ost-Berlin
Kapitel 8
Brennholz für Kartoffelschalen
Im August 1954 war es soweit, wir konnten unsere provisorische Bleibe in der Laube von Frau N. verlassen und nach Karlshorst in die Cäsarstraße 1 umziehen.
Das war ein total neuer Block, der an ein altes Haus angebaut war. Die Straße war abgelegen und ruhig. Es fuhr kaum mal ein Auto, oft sah man den ganzen Tag keins, ab und an kam mal ein Pferdewagen. Ob der jeden Freitag oder alle zwei Wochen kam, weiß ich nicht mehr, jedenfalls schickte mich meine Mutter dann, immer wenn gerufen wurde: „Brennholz für Kartoffelschalen“, mit einem Eimer Kartoffelschalen runter auf die Straße, denn dort wartete schon der Mann mit dem Pferdewagen. Keine Ahnung, wo der herkam, der Kutscher sammelte die Kartoffelschalen ein und warf in die leeren Eimer ein paar schmale Stückchen Brennholz. Das reichte gerade für einmal Feuer anzünden.
Für mich war es immer ein Horrortrip, jedenfalls im Winter, weil es so früh dunkel wurde. Wenn man den Kartoffelschalenruf hörte, der Mann kam immer zwischen 17 und 17:30 Uhr, war es bereits stockdunkel im Hausflur. Machte ich die Tür auf, musste ich mich erst zum Lichtschalter tasten. Bis dorthin war es dunkel und ich hatte Angst. Dann ging ich schnell die eine Treppe hinunter, damit das Licht nicht zwischendurch wieder ausging. Am Wagen musste ich anstehen, denn es standen immer viele Leute mit ihren Kartoffelschalen dort. Da es der Reihe nach ging, musste ich mich hinten anstellen. Wenn ich dann mit meinem Zehnlitereimer wieder ins Haus kam, war wieder das Licht aus und ich hatte Angst, bis ich den Schalter gefunden hatte. Ich ging dann, wenn Licht war, erleichtert nach oben, wo meine Mutter die vier oder fünf Holzstäbchen in Empfang nahm.
Karlshorst liegt nah an Lichtenberg, und in Lichtenberg war das Elektrizitätswerk, das dreckige Luft und Kohlenstaub in die Welt spuckte. Wenn wir mal auf dem Balkon essen wollten, ging es nicht, weil der Tisch schon eingestaubt war, bevor er richtig gedeckt wurde. Meine Mutter ärgerte das immer. Mich als Kind störte es nicht und Papa nahm es eben hin. Das Mittagessen sollte ja auch nicht allzu lange dauern.
Ich freundete mich mit der ein Jahr jüngeren Gisela an, die in dem alten Haus nebenan wohnte. Ich erinnere mich daran, dass wir den ganzen Tag zusammen verbrachten, auch zum Mittagessen. Ihre Mutter betreute uns beide. Gisela hatte aber noch einen jüngeren Bruder. Meine Mutter war dann mal so zwischendurch ein Stündchen unten bei Frau S. Sie siezten sich, solange wir dort in Karlshorst wohnten. Bei Gisela wohnte auch noch ihre Tante, die eine Krebsoperation am Kopf gehabt hatte und deshalb immer mit Kopftuch umherlief. Um nun der Familie nicht zur Last zu fallen, brachte meine Mutter immer, ich sollte es nicht merken, das Mittagessen zu Frau S. Die fragte mich dann, sie hätte noch etwas vom Vortage übrig, ob ich das essen würde. Ich wusste ja, dass es unser Essen war, und sagte: „Ja, es macht mir nichts aus.“ Giselas Vater hatte Magenkrebs und begoss ihn reichlich mit Alkohol. Sein Ende habe ich nicht mehr miterlebt, wir sind 1957 wieder umgezogen, in die Grünstraße.
Rosenmontag
Wie gesagt, die Cäsarstraße war weitgehend autofrei. Nur ab und an kam ein Auto vorbei, manchmal auch ein Pferdewagen, und hinterher lief dann ein Mann mit Schippe und Handfeger, um die Hinterlassenschaften der Pferde aufzusammeln und in einen Eimer zu werfen. Das sah man damals öfter: Gärtner auf Düngersuche. An einem Rosenmontag sahen Gisela und ich drei lustig gekleidete Männer, die betrunken singend auf der Straße liefen. Es war noch verhältnismäßig früh, deshalb wunderten wir uns und erzählten es meiner Mutter. Die sagte: „Heute ist Rosenmontag, da trinken und feiern viele und verkleiden sich“.
„Oh ja, wir wollen uns auch verkleiden“, sagten wir. Meine Mutter konnte ja nähen, also suchte sie ein paar alte Klamotten zusammen und begann zu nähen. Das ging natürlich nicht so schnell, wie wir uns das gedacht hatten. Dann war es aber so weit, am frühen Nachmittag war sie fertig und hatte für uns ein schönes Hänsel-und-Gretel-Kostüm geschneidert. Mutti schminkte uns noch schön bunt, dann gingen wir zu Gisela. Wie fast immer öffnete die Schwester von Frau S. die Tür und hatte einen Besen oder Schrubber in der Hand, sie war der „Putzbär“ der Familie. Sie schaute uns an und fragte, wer wir sind und was wir wollen. Dann kam die Mutter dazu und stutzte auch, erkannte uns aber und war begeistert. So liefen wir den Rest des Tages als Hänsel und Gretel durch die Cäsarstraße. Daran kann ich mich noch ganz besonders erinnern.
Ein Jahr ist schnell vorbei, schon hatten wir 1955, das Jahr, in dem ich eingeschult werden sollte. Für die heutige Zeit ziemlich spät. Ich war immer die Älteste in der Klasse. Ich wurde damals zwar mit sechs Jahren eingeschult, wie es üblich war, aber da ich am 26. Dezember 1948 geboren wurde, feierte ich im Dezember 1955 dann schon meinen siebten Geburtstag.Bei der Einschulungsuntersuchung stellte der Arzt bei mir eine Unterernährung fest. Meine Mutter erzählte das meiner Oma, ihrer Schwiegermutter.
Oma war ein praktischer Mensch. Sie hatte selbst vier Kinder groß gezogen, die alle nie unterernährt waren. Also beschloss sie, mit ihren Enkeltöchtern Gisela und Christel in die Sommerfrische zu fahren, nach Zesch am See.
Zesch am See ist heute eingemeindet in Lindenbrück, heute ein Ortsteil von Zossen. Selbstverständlich fuhr am Sonntag kein Bus dorthin und natürlich mussten wir am Sonntag fahren, denn in der Woche mussten die Erwachsenen ja arbeiten. Also Tante Ruth, Onkel Alfred und Tochter Gisela, meine Eltern und ich und meine Oma – ab in den Zug nach Zossen. Dort stiegen wir aus, um die sechs bis sieben Kilometer nach Zesch zu wandern.
Die Erwachsenen wanderten und sangen das Lied verkehrt herum: „Des Müllers ist die Wanderslust“, dann kam die Strophe vom Wasser und alle mussten Wasser lassen. Also, das konnten wir nun überhaupt nicht verstehen, Gisela und ich. Was waren die Erwachsenen albern, nur weil sie Pipi machen mussten, als sie vom Wasser sangen und noch darüber lachten. Gott, was waren die albern. Der Hinweg war schon ziemlich anstrengend, bedenkt man, dass sie den gleichen Weg auch wieder zurück mussten. Im Hellen sind sie bestimmt nicht mehr nach Hause gekommen, auch wenn es Sommer war.
Endlich angekommen, erwartete uns eine alte Frau auf einem Hof. Meine Oma war schon einmal ein Jahr vorher mit Gisela allein dort gewesen und wollte deshalb mit uns beiden Kindern die „Kur“ noch einmal machen. Das Ganze war aus heutiger Sicht vielleicht schön, damals war es für mich eine Tortur.
Mein Gott, wie ich mich noch heute ekle, wenn ich daran denke. Morgens aufstehen, frühstücken mit Brötchen und zwei Eiern, dazu einen halben Liter frisch gezapfte Kuhmilch, durch ein Sieb gegossen. Gisela machte es nichts aus, die Milch zu trinken, ich ekelte mich schon, weil ich wusste, wo sie herkam, aus dem Euter der Kuh – igittigitt! Ich versuchte jedes Mal, sie heimlich wegzugießen, aber es klappte nie so richtig. Gisela sollte es auch nicht sehen, sie sollte kein Druckmittel gegen mich haben. Sie war nicht so unbescholten, wie ich dachte, was ich mal wieder zu spüren bekam.
Meine Mutter erzählte mir, dass Gisela mich schon als Säugling geärgert hat. An einem Morgen sagte Oma beim Frühstück zu mir: „Christel, du musst nicht so viel Schokolade essen, das ist nicht gesund, teil sie dir ein, so wie es Gisela macht.“ Entsetzt sah ich meine Oma an: „Ich mag gar keine Schokolade und habe von der Tafel, die uns Tante Ruth hiergelassen hat, noch kein Stück gegessen.“ Natürlich war ich entrüstet und beschwerte mich über diese Rüge. Das war Gisela. Oma glaubte mir, weil sie sah, dass Giselas Schokolade noch nicht angebrochen war, obwohl sie gern Schokolade aß. So bekam ich nun Giselas Schokolade und habe ihr dafür meine halb aufgegessene Tafel geben. Ich hatte von Tante Ruths Schokolade noch keinen Krümel gegessen. Gisela hat sich dann auch noch bedankt.
Der Hof war offen und es gab einen angebundenen Hofhund in Terriergröße, den streichelte ich gerne. Gisela traute sich nicht, ich aber kuschelte mit ihm. Außer dem immer angebundenen Hofhund, der mir sehr leidtat, gab es noch zwei Jungen, von irgendwoher. Die waren immer da und ihre Hauptbeschäftigung war es, durch das Herzchen des Donnerbalkens zu gucken. Also ging ich dort auch nur im Notfall hin. Ich versuchte immer, das Herz mit Papier zuzustopfen, was immer gerade so ging. Ich versuchte dann einen Lappen aufzutreiben, um das Loch zu stopfen. Toilettenpapier gab es damals nicht, es wurden Zeitungen geschnitten und weich gerubbelt. Die Jungen ärgerten mich so, dass ich jeden Tag, der vorüber war, betete, die Zeit hier auf dem Hof möge schnell vergehen.
Eines Tages kam meine Mutter. Sie kam während der Woche und konnte mit Bahn und Bus fahren. Ich freute mich und dachte, jetzt kann ich endlich nach Hause, aber nein, noch nicht, denn am Wochenende kommen Onkel Alfred, Tante Ruth und die Eltern von Onkel Alfred, also Giselas Oma. Das war aber kein Trost für mich, im Gegenteil, ich heulte, als es niemand sah. Meine Mutter flocht dann noch für mich und Gisela je einen Blumenkranz. War alles kein Trost und es wurde noch schlimmer.
Oh Gott, Pilze sammeln
Das versprochene Wochenende kam, und am Sonntag marschierte die ganze Familie an. Onkel Alfred, Tante Ruth, der Vater von Onkel Alfred, genannt Opa Holz, und Oma Holz, die Mutter von Alfred. Oma begrüßte sie herzlich, kochte Kaffee, brachte Kuchen, und wir saßen alle am Tisch.
Wie üblich gingen Gisela und ich dann spielen und die Jungs ärgerten uns mal wieder. Am späten Nachmittag saßen dann alle am Tisch und Opa Holz, der wie sein ältester Sohn Alfred hieß, sagte, es würde ihm so gut hier gefallen, er würde, wenn er könnte, noch hierbleiben. Seine Frau sagte, er könne ruhig eine Woche bleiben, sie würde allein zurechtkommen. Meine Oma war damit einverstanden, und so war die Sache besprochen. Heute weiß ich nicht mehr, wie sie überhaupt gekommen sind, ob noch vor dem Wochenende, als noch der Bus fuhr, oder ob sie gelaufen sind, keine Ahnung. Ein Zimmer für Opa Holz war wohl auch noch frei. Uns Kindern war es eigentlich egal, wir wussten ja noch nicht, was auf uns zukam. Dann der erste Tag mit Opa Holz: aufstehen frühstücken, Milch trinken und Eier essen, und dann ab in den Wald, diesmal alle zum Pilze suchen. Oma kam diesmal noch mit, sie musste uns ja den Weg zeigen.
Der Wald war nicht weit, aber sehr merkwürdig. Bisher kannte ich nur glatte Waldwege, doch hier war es ganz anders, ein Graben neben dem anderen. Es ging nur rauf und runter, man konnte kaum laufen. Aber Pilze gab es, zu Opas Freude. Er sammelte und sammelte und meckerte, weil wir keine fanden. Wir dachten nun, es wären genug Pilze gesammelt worden. Aber nein, diese Prozedur mussten wir jetzt jeden Tag mitmachen. Am Mittwoch war es dann uns beiden zu viel, das erste Mal, dass ich mit Gisela einig war. Als Oma sagte: „Macht euch nicht schmutzig, ihr müsst gleich mit Opa in den Wald zum Pilzesammeln“, ignorierten Gisela und Christel den Satz und gingen vom Tisch gleich in die Buddelkiste, holten Wasser und modderten uns ordentlich ein. Oma war verzweifelt, sie strafte uns mit sofort ins Bett gehen, so wie wir waren, mit den Pampehänden. Opa ging allein Pilze suchen und kam wieder mit einem Korb voll an.
Mittags durften wir dann aufstehen und zu Mittag essen, es gab Pilze wie schon in den drei Tagen vorher. Indessen wurde es meiner Oma auch schon zu viel und sie begann, die Pilze zu trocknen. Dazu wurden sie auf einen Bindfaden gezogen und zum Trocknen aufgehängt.
Die trockenen Pilze nahm Opa Holz dann mit nach Hause. Nun war aber erst Mittwoch und wir hatten noch drei Tage vor uns, an denen wir jeden Tag mit in den Wald gehen mussten. In den Wald, in dem man kaum laufen und von einem Schützengraben in den anderen klettern musste, nur um den Wald von seinen Pilzen zu befreien. Aber alles hat ein Ende, auch die Woche mit Opa Holz.
Er fuhr mit seinen getrockneten Pilzen zurück nach Berlin zu seiner Frau. Wie er fuhr und an welchem Tag, weiß ich nicht mehr. Hauptsache, er war weg und wir hatten wieder unsere Ruhe. Der August neigte sich dem Ende zu und im September sollte ich eingeschult werden. Dann war eines Tages die Zesch-am-See-Tortur vorbei und wir fuhren mit Bus und Bahn wieder nach Hause. Die Kur hat aber gut angeschlagen, ich hatte zugenommen, wurde dick und bin es bis heute.
Gisela kam in die zweite Klasse und ich wurde im September 1955 eingeschult. In unserer Nähe in Karlshorst waren Studentenheime und eine schöne neue Schule. Ich war sehr enttäuscht, als wir am ersten Schultag in die Baracken, die es auch noch gab, geführt wurden. Wie gern wäre ich in das schöne neue Schulhaus gezogen. Na gut, was nicht ist, kann ja noch werden. Wurde aber nicht, weil wir wieder einmal umgezogen sind.
Wie schon erwähnt, war meine Mutter von dieser Gegend nicht sehr angetan. Der Schmutz in der Luft von Klingenberg störte sie sehr. Nun kam die Gelegenheit, wieder wegzuziehen.
Das große Elektrizitätswerk stand in Rummelburg, ich dachte als Kind, es stand in Lichtenberg. Es wurde nach der Vergrößerung Berlins zwischen 1920 und 1927 von den Architekten Walter Klingenberg und Werner Issel gebaut. Es war das leistungsfähigste Steinkohlekraftwerk Europas. Zu meiner Zeit konnte man in diesem Gebiet nur Kohlengase riechen, und eine Nebelwand stand immer dort. Wer heute da lang fährt, erinnert sich als DDR-Bürger an die damalige „Stinkanstalt“ und freut sich über frische Luft und klare Sicht.


