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Diepholz, 1900-1906 — Die "Schönheiten" von Diepholz

Teil 11 - Diepholz, 1900-1906
Kapitel 1
Die Schönheiten von Diepholz

Unsere Übersiedlung ging glatt vor sich. Auf der Strecke Lüneburg-Buchholz gewahrten wir im Waggon vor uns unsere Packer und konnten daraus schließen, dass auch das Einräumen der neuen Wohnung ungesäumt werde stattfinden können. In Bremen benutzte ich den Aufenthalt, um Gerhard und unserem uns aus Barskamp nach Diepholz folgenden Dienstmädchen Doris Hagemann aus Alt-Garge, die beide eine große Stadt noch nie gesehen, etwas von der Stadt, besonders den imposanten Dom, zu zeigen. In Diepholz erwartete uns Pastor Menke mit den beiden einzigen in dem Ort zu habenden Mietfuhrwerken, zwei stattlichen Landauern, am Bahnhof. Mit denselben fuhren wir in das Hotel Zum Grafen, der Superintendentur schräg gegenüber gelegen, wo wir unser erstes Nachtquartier nahmen, nachdem wir unsere nett hergerichtete Wohnung, in der wir auch einige Willkommensgrüße von Gemeindegliedern, zumeist Blumen, aber auch ein Körbchen mit frischen Kartoffeln, ein anderes mit Gemüse, vorfanden, in Augenschein genommen hatten. Am andern Morgen ging ich gleich zum Bahnhof und überzeugte mich, dass auch die Möbelwagen inzwischen angekommen waren. So konnte die Wohnung eingeräumt werden, und schon in der zweiten Nacht schliefen wir in unseren eigenen Betten.

Pastor Menke beeiferte sich gleich in den ersten Tagen, uns den Ort und die Umgebung desselben zu zeigen und uns auf alle Schönheiten derselben aufmerksam zu machen. Tante Martha [Borchers] erinnerte uns noch später lächelnd daran, wie er fast an jeder Wendung des Weges gesagt: Ist das nicht wunderbar schön? Wir konnten beim besten Willen nicht so viel Geschmack daran finden. Weder der Ort mit seinen aneinandergereihten, meist mit einer Holzverschalung an der Front überkleideten Häusern, zwischen denen kaum je und dann etwas Grünes hervorlugte, und mit seinem die Spuren der über die Straße getriebenen Kuhherden zeigenden Pflaster, noch die tellerflache moorige Umgebung, aus der abgesehen von den die Felder säumenden Hecken nur das den stolzen Namen Bürgerpark führende Gehölz von Lüdersbusch sichtbar hervorragte, zeigte besondere Reize. Wie viel schöner waren die Barskamp umgebenden Buchenwaldungen und die Ufer der Elbe. Auch die Lage der Superintendentur, hart an der Straße, dass, wenn wir an den vornheraus liegenden Fenstern saßen, wir das Gefühl hatten, als müssten die Passanten gleich hereinbrechen, beschattet von der unmittelbar davon nach Süden gelegenen Kirche, mit nur einem kleinen Gärtchen dahinter, konnte den Vergleich mit der Barskamper Pfarre nicht aushalten. Vor dem Ort hatte die Superintendentur zwar einen geräumigen Gemüsegarten an der mooriges Wasser führenden und deshalb stets braun gefärbten Lohne. Aber Menke erzählte uns gleich, dass die Diepholzer Jugend es als ihr verbrieftes Recht ansähe, wenn sie in der unmittelbar danebengelegenen Badeanstalt sich erfrischt, den Superintendenturgarten zu plündern, wir also gut daran täten, ihn nicht in eigene Bewirtschaftung zu übernehmen. Der landschaftlich anmutendste Teil des Ortes war der am Südende desselben gelegene Park des Grafenschlosses, das mit seinem wuchtigen Rundturm auch in dem auf der Bahn Vorüberfahrenden als Wahrzeichen auffällt, und die gegenüber liegende Münte, der einstige Wohnsitz des Münzmeisters des Grafen von Diepholz. In den Gärten beider Grundstücke, die von der Lohne bespült beziehungsweise umgeben waren, sangen im Frühjahr zahlreiche Nachtigallen.

Freundlichere Eindrücke hatten wir, als wir einige Tage darauf mit Menkes einen Ausflug nach den Lemförder Bergen machten. Wir trafen gleich auf der Bahn mit dem Senior der Inspektion, Pastor Lamprecht aus Barnstorf, und mit Pastor Hollmer aus Jakobidrebber zusammen. In Lemförde gesellte sich der Ortspastor Ostertag und der in Lemförde als Emeritus lebende aber noch ziemlich jugendliche westfälische Pastor Lauffher zu uns, und in der Gastwirtschaft auf dem Berge kam auch noch Pastor Matthias aus dem westfälischen Dielingen, zu dem ich aber als dem Ortsschulinspektor des zu Dielingen gehörigen, aber im Hannoverschen liegenden Stemshorn auch dienstliche Beziehungen haben sollte und dessen ich mich von der Universität her erinnerte, mit seinen Söhnen hinzu. Auch Pastor Wöhrmann aus dem zwischen Diepholz und Lemförde gelegenen Burlage nahm mit seinen Schwestern an der Konferenz, die wir da oben hatten, teil. Es war ein nettes Zusammensein, das mich gleich mit einem Teil der Amtsbrüder bekannt machte und mir die Hoffnung eines freundlichen Zusammenarbeitens gewährte. Und die von oben sich darbietende Rundsicht, besonders die von dem nach einer kleinen Fußwanderung durch den Wald sich öffnende Aussicht von dem Hollen-Scharfenberge über den Kreis Lübbecke, begrenzt vom Wiehengebirge, imponierte.

Als wir in der Wohnung eingerichtet waren, ließen wir uns auch unsere während des Umzugs bei den Verwandten in Misselwarden und Osterholz untergebrachten Kinder nachkommen. Als ich sie eines Vormittags von der Bahn abholte, sah ich, wie aus der Schule, an der der Weg vorüberführte, die Kinder interessiert herausblickten, und hörte sie deutlich zählen. Und bei meiner Einführung behauptete der Rektor Kaiser, jemand hätte mich bei dieser Gelegenheit für einen fremden Lehrer gehalten, der mit seiner Schule einen Schulausflug hierher unternähme.

Die Einführung selber fand nicht schon am nächsten Sonntag nach meiner Ankunft statt. Sowohl der kommissarische Generalsuperintendent Konsistorialrat Philipp MeyerPhilipp Meyer (1854-1927) war ein lutherischer Theologe und Kirchenhistoriker.Klick hier für Wikipedia [1] als der Landrat waren auf Urlaub abwesend. Ich war daher vom Konsistorium vorläufig nur mit der kommissarischen Versehung der Ephoralgeschäfte beauftragt und führte mich am ersten Sonntag, dem 10. nach Trinitatis, mit einer Antrittspredigt selber ein. Die offizielle Einführung erfolgte am 12. Trinitatis, den 2. September. Assistent war neben Pastor Menke Pastor Ostertag aus Lemförde. Dieser hielt die Predigt über das Sonntagsevangelium, während Menke den Altardienst versah. Konsistorialrat Meyer nahm zum Text seiner Einführungsrede den dafür von selbst sich ergebenden Anfang der Sonntagsepistel 2. Korinther 4. Nach dem Gottesdienst und der Geschäftsübergabe fand im Grafen das Einführungsessen statt, an dem nach der in Diepholz geltenden Sitte außer dem Kirchenvorstande und den offiziellen Persönlichkeiten auch eine größere Zahl der Ortshonoratioren teilnahm. Konsistorialrat Meyer blieb hinterher, bis sein Zug abfuhr, noch bei uns im Hause und schloss bei dieser Gelegenheit Freundschaft mit unserm Martin, der aus eigenem Antrieb in sein Logierzimmer gekommen war und ihm beim Packen seines Koffers zugesehen hatte. Meyer zeigte sich auch bei seinen späteren Besuchen stets als ein angenehmer Gast, der persönliche Teilnahme an unserem Ergehen und Interesse für unsere Kinder, besonders wie gesagt für Martin, zeigte.


[1] Philipp Meyer (1854-1927) war ein lutherischer Theologe und Kirchenhistoriker.