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Diepholz, 1900-1906 — Beschulung unserer Kinder

Teil 11 - Diepholz, 1900-1906
Kapitel 7
Beschulung unserer Kinder

Eine unserer vornehmsten Sorgen am neuen Ort galt der Beschulung unserer Kinder. Die kurz vor unserer Ankunft errichtete Mittelschule hatte vier Klassen, jede zu zwei Jahrgängen. Gretchen, die erst seit Ostern des Jahres die Schule besucht hatte, kam in die zweite Abteilung der vierten Klasse, Irmgard in die zweite, Käthe in die erste Abteilung der dritten, Magdalene in die zweite, Thekla in die erste Abteilung der zweiten Klasse, jede auf die in ihrem Alter entsprechend der Stufe, und sie sind alle im ganzen gut vorwärts gekommen, haben sich auch, soviel ich weiß, von den Durchstechereien und ähnlichen Schulunarten, die ihrer Einfalt etwas ganz Neues waren, freigehalten. Der Schulbetrieb ließ allerdings manches zu wünschen übrig. Der Schulleiter war kein Kaiser. Ich sprach diesem einmal mein Befremden aus, dass der Rektor der Mittelschule nicht mehr Anschluss bei ihm suche, bei dem er doch am besten Rat für seine Tätigkeit finden könne. Kaiser antwortete mir, die Sache läge umgekehrt, er selbst habe den Verkehr mit ihm abgebrochen, da er gesehen, dass sie sich nicht verständen. Der Rektor im war denn auch weder ein fleißiger Schulmann noch eine noble Persönlichkeit, was sich sowohl im Verhalten zu mir als auch zu den ihm unterstellten Lehrkräften und den Schülern wiederholt zeigte. Von den Lehrern sind mir manche lieb und wert geworden. Aber es fand ein zu häufiger Wechsel unter ihnen statt. In der Regel erhielten wir nur Lehrer mit Volksschulbildung. Die Regierung drang darauf, dass sie in bestimmter Frist die Mittelschullehrerprüfung machen müssten. Die Folge war, dass sie nach kurzer Zeit sich beurlauben ließen, um sich irgendwo die Qualifikation zu holen, und dann waren sie in der Regel für uns verloren, und dasselbe Spiel begann von neuem. Ich drang im Schulvorstand, dem ich selbstverständlich angehörte, wenn ich auch den Vorsitz, den mir der zeitige Vorsitzende, Bürgermeister Stüwen, übertragen wollte, ablehnte, auf Anstellung einer Lehrerin. Es gelang mir nicht ohne Mühe, dieselbe durchzusetzen, da im Vorstand ein Vorurteil gegen eine Lehrerin bestand. Die erste daraufhin angestellte Lehrerin erwies sich denn auch als wenig geeignet und verließ uns nach kurzer Zeit. Ihre Nachfolgerin, Fräulein Meyer, aber verstand es, sich sowohl bei den Kindern als im Ort durchzusetzen und war uns ein lieber Gast. Auch für die Volksschule gewannen wir in der Folge eine Lehrerin. Ständiger als seminaristisch gebildete Lehrer erwiesen sich Kandidaten der Theologie. Einige Jahre wenigstens behielten wir den cand. theol. Weber. Als derselbe ins geistliche Amt kam, folgte ihm Jürgens. Beide wurden natürlich vom Konsistorium auch meiner ephoralen Aufsicht unterstellt. Ich arbeitete daher viel mit ihnen, und sie waren auch häufige und gern gesehene Gäste in unserem Hause.

Gerhard war, wie ich schon früher sagte, über das Niveau der Mittelschule hinaus. Ich habe ihn daher bis Ostern 1901 weiter unterrichtet, um ihn für das Gymnasium vorzubereiten, wozu ich Zeit hatte, da ich, wie erwähnt, in diesem Winter keinen Konfirmandenunterricht hatte. Mein Ziel war Sekunda, und ich absolvierte mit ihm das Pensum der Obertertia. Das uns zunächst liegende Gymnasium war Osnabrück. Das wurde also ins Auge gefasst. Ohnehin führten dahin auch andere Verbindungsfäden. Ins Osnabrücksche war kurz vor uns Freund Bartels aus Stiepelse übergesiedelt. Dorthin, nach Barkhausen [Gemeinde Bad Essen], führte uns schon im ersten Winter unser Weg. Und wir haben mit ihm die ganze Diepholzer Zeit treue Nachbarschaft gehalten. Ebenso mit seinem Amtsnachbar Heintze in Lintorf. Wie wir beide in ihren Häusern besuchten und wieder von beiden besucht wurden, so traf ich sie wenigstens auf der Osnabrücker Konferenz, die halbjährlich, im Frühjahr und im Herbst, abgehalten wurde, und an der die Geistlichen der Osnabrücker Umgebung und aus Osnabrück selbst, Superintendent Bartels, Klatte und Goudefroy, teilnahmen. Bei einem Besuch nahm ich Gerhard mit, stellte ihm dem Direktor Knoke, dem Sohn des ehrwürdigen Landesbergener Pastors Knoke, bei dem ich sooft von Loccum aus gewesen war, vor und meldete ihn für Sekunda an. Eine passende und billige Pension für ihn besorgte uns Pastor Klatte, der ja für mich als nunmehriger Diepholzer Interesse hatte, im Hause von zwei Fräulein Meyers, Töchtern eines Arztes und Schwestern des Pastors von Achelriede, den ich auch auf der Osnabrücker Konferenz traf.

Montag nach Quasimodogeniti sollte die Aufnahmeprüfung sein. Wir fuhren daher Sonntagnachmittag zusammen dorthin. Der Prüfung durfte ich beiwohnen. Ich merkte bei derselben, dass ich Gerhard nicht fleißig genug Extemporale hatte schreiben lassen. Besonders in den griechischen Formen war er nicht sicher genug und machte daher bei dem ihm bei der Prüfung diktierten Extemporale massenhaft Fehler. Er wurde daher nur für Obertertia aufgenommen, wohin er auch nach seinem Alter und seiner Körperentwicklung - er war noch nicht 14 Jahre und auch für sein Alter ziemlich klein - besser passte. Eine kleine Enttäuschung für mich war es doch.

Von Osnabrück fuhren wir zunächst nach Sibbesse, um die Hochzeit Marthas [mit Julius Roese] mitzufeiern. Sie war, nachdem sie uns beim Umzug geholfen, nach Sibbesse zu Mama zurückgekehrt und hatte sich dort mit Pastor Roese in Sehlem, der sie als Mutter für seine sieben mutterlosen Kinder begehrte, verlobt. Eine restlos fröhliche Hochzeit war es nicht, da der Bräutigam in einer unsere Empfindungen nicht immer schonenden Weise seine Anhänglichkeit an seine erst vor Jahresfrist verstorbene erste Frau zeigte, während die Angehörigen derselben, die auch auf der Hochzeit waren, uns durchweg sehr gut gefielen. Auch hat unsere liebe Martha, die uns und unseren Kindern so viel gewesen war, kein leichtes Los gezogen. Ihr Mann war in mancher Beziehung wunderlich und von Haus aus etwas anders geartet, als sie es von ihrem Vaterhause und auch von uns aus gewöhnt war. Roese war verwandt mit Frau Schwarze in Diepholz, und dieselbe flüsterte, als Martha sie in Diepholz besuchte, meiner Frau zu: Was ist Ihre Schwester für eine reizende Frau, viel zu schade für den alten Kerl! Aber sie hat es doch verstanden, sich in seine wunderlichen Seiten zu finden, dieselben auch in mancher Hinsicht überwunden, und seinen Kindern ist sie eine Mutter geworden, wie diese sie sich nicht besser hätten wünschen können.

Meinen Rückweg nahm ich wieder über Osnabrück, wo ich einen Zug überschlug und mich überzeugte, dass Gerhard sich bereits gut eingelebt hatte. Elisabeth blieb noch einige Tage länger in Sibbesse bei ihrer Mutter. Unser häusliches Leben brachte insofern in Diepholz manche Änderungen mit sich, als wir uns genötigt sahen, zur Stütze meiner Frau im Haushalt junge Mädchen ins Haus zu nehmen. Wir haben mancherlei und verschieden geartete Wesen durch unser Haus gehen sehen, gute und weniger gute. In besonders angenehmer Erinnerung haben wir die beiden behalten, die gleich im ersten Winter zu uns kamen, Lina Kaase aus der Barkhausener Gemeinde, eine Bauerstochter und Braut eines Lehrers, und Erna Tietjen aus Osterholz. Beide vortrugen sich auch untereinander gut. Sie haben beide im Leben Schweres durchgemacht, Lina Kaase, sofern ihr Bräutigam, noch während sie bei uns war, starb, Erna Tietjen als Frau eines Bäckermeisters und Gastwirts. Beide sind auch längst heimgegangen. Auch im Dienstpersonal fand eine Änderung statt. Unsere gute Doris Hagemann wurde bald vom Heimweh gepackt. Ein Trost war es ihr, dass der Kaufmann, bei dem wir unsere Materialwaren holten, auch Hagemann hieß. Zu dem ging sie deshalb gern. Der Magnet war aber doch nicht stark genug für sie, als dass sie nicht für Ostern uns kündigte. Als sie das erste Heimweh überwunden hatte, wäre sie gern bei uns geblieben. Aber inzwischen hatten wir uns bereits anders versorgt. Bartels in Barkhausen hatte auch unser neues Mädchen uns vermittelt, Nore Kruse. Dieselbe blieb freilich nur ein Jahr bei uns, hat uns aber dauernde Anhänglichkeit bewahrt. Besonders unsere Annelise liebte ihre Nonga, wie sie sie nannte, sehr.

Gerhard war nun also das erste unserer Kinder, das das Vaterhaus verließ. Die Korrespondenz mit auswärtigen Kindern nahm nun ihren Anfang. Wir konnten uns freuen, dass er sich mehr und mehr in Osnabrück gut einlebte. Auch seine Lehrer, die ich besuchte, sprachen sich befriedigt über ihn aus. Zu den großen Ferien hatte ihn die Swinemünder Großmutter [Meta] eingeladen, damit er bei ihr mit dem Vetter Joachim [Dittrich] aus Graudenz zusammenkäme. Wir hatten Onkel Jonathan [Dittrich] gebeten, ihm in Berlin von einem Bahnhof auf den anderen zu helfen, aber als wir ihn eben zur Bahn gebracht, erhielten wir eine Karte von Jonathan, nach der ihn derselbe an einem andern Tag erwartet und vergeblich gesucht hatte. Wir waren nun in einiger Angst, wie Gerhard sich in der fremden, großen Stadt zurechtgefunden haben würde, und telegrafierten an Jonathan. Das Telegramm erreichte diesen nicht. Aber eine Karte von Gerhard benachrichtigte uns bald, dass er auch ohne Hilfe sich zurechtgefunden hatte. Er hatte also gelernt, selbstständig seine ersten Schritte in der Welt zu tun.