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Diepholz, 1900-1906 — Evas Geburt und drei Todesfälle

Teil 11 - Diepholz, 1900-1906
Kapitel 8
Evas Geburt und drei Todesfälle

Auf der Pfingstkonferenz, die ich dieses Jahr wieder besuchte, lud mich Pastor Breck aus Mackensen im Solling ein, auf seinem Missionsfest zu sprechen. Einige Tage darauf erhielt ich einen Brief von Jacobshagen-Markoldendorf, er hätte gehört, dass ich nach Mackensen zum Missionsfest käme, er bäte mich, bei ihm Quartier zu nehmen. Ich folgte dieser Einladung gern. Von Hameln aus fuhr ich mit Haccius, der zu demselben Missionsfest wollte. In Markoldendorf holte mich Jacobshagen von der Bahn ab. Ich lernte seine (zweite) Frau kennen. Seine Söhne in zweiter Ehe wurden von Lehnchen im Wagen gefahren, die sich inzwischen mit Pastor Burgdorf verlobt hatte. Ich hörte Jacobshagen am andern Tage in seiner schönen aus Solinger Sandstein erbauten Kirche predigen. Das Missionsfest, das auf einer bewaldeten Sollinghöhe gefeiert werden sollte, musste aber wegen eines Gewitters in die Kirche verlegt werden. Ich blieb dann bei Jacobshagen bis zum andern Morgen, wo er mir das Du anbot. Auf dem Bahnhof traf ich Uhlhorn, der eben von einem mehrwöchigen Aufenthalt auf der Erichsburg nach Hannover zurückkehren wollte.

Ein Ereignis dieses Sommers war auch unsere Reise nach Bethel zu einem dort veranstalteten theologischen Kursus. Elisabeths Freundin Anna Kuhlo geborene Siebold hatten mit Interesse gehört, dass wir durch unsere Versetzung nach Diepholz so viel näher kämen, auch schon darauf hingewiesen, dass ich zu Bethel durch die kürzlich errichtete Moorkolonie Freistaat in den Kreisen Diepholz und Sulingen in eine gewisse dienstliche Beziehung kommen würde. So folgten viele der freundlichen Einladung des Kuhloschen Ehepaares, bei diesem Kursus ihre Gäste zu sein. Bethel hatte sich seit den 17 Jahren, dass wir zuerst dort gewesen, doch sehr vergrößert. Die Verhandlungen wurden in der damals im Bau begriffen gewesenen Zionskirche, bei schönem Wetter in der daneben liegenden Waldkirche gehalten. Vortragende waren Cremer-GreifswaldHermann Cremer (1834-1903) war ein lutherischer Theologe.Klick hier für Wikipedia [17] über die Rechtfertigung, SchlatterAdolf Schlatter (1852-1938) war ein Schweizer evangelischer Theologe und Professor für Neues Testament und Systematik in Bern, Greifswald, später dann in Berlin und Tübingen.Klick hier für Wikipedia [18], damals auch noch in Greifswald, über verschiedene Kapitel des Johannesevangeliums, und LüttgertWilhelm Lütgert (1867-1938) war ein protestantischer Theologe, Schüler von Hermann Cremer und Adolf Schlatter und Mitglied der so genannten Greifswalder Schule.Klick hier für Wikipedia [19], damals noch ein jugendlicher Extraordinarius, über den Heiligen Geist. Cremer imponierte mir durch seine Klarheit und ParrhesieParrhesia bedeutet "Redefreiheit" oder "über alles sprechen". Der Begriff wurde von Michel Foucault verwendet, um das Konzept eines Diskurses zu beschreiben, in dem man offen und wahrhaftig seine eigene Meinung und seine Ideen ausspricht, ohne rhetorische Elemente, manipulative Rede oder Generalisierungen zu verwenden. Heute würde man wohl "Brainstorming" sagen.Klick hier für Wikipedia [20], Lüttgert, der damals noch etwas Unfertiges hatte, zog an durch seine liebenswürdige Bescheidenheit, die sich auch Korrekturen gefallen ließ. Schlatter, mit seinem Schwyzer Deutsch in der Kirche nur, wenn man ihm möglichst nahe saß, in der Waldkirche dagegen bei ihrer vorzüglichen Akustik überall verständlich, glänzte besonders in seinen näheren Ausführungen, die er in der Diskussion gab. Kuhlo verglich ihn mit einem elektrisch geladenen Körper, der überall, wo man ihn anrührt, Funken sprüht. Den Vogel aber schoss doch der alte Bodelschwingh ab in seinen so schlicht und bescheiden klingenden Fragen, die er in die Diskussion warf, und auf die hin selbst Cremer seinen Ton änderte, nicht mehr so ex cathedravon oben herabKlick hier für Wikipedia [21] sprach, vor allen Dingen aber in seinem Vortrag über das, was wir von Rom zu lernen hätten. In der Versammlung wurde um Druck des Vortrags gebeten. Aber es kam nicht zur Drucklegung, wie ich später hörte, weil man fürchtete, dass Rom von den edlen Zugeständnissen unedlen Gebrauch machen werde. Außer den Hauptvorträgen hatten wir in der Singhalle noch einen Lichtbildervortrag von Kuhlo über den Burenkrieg und einen Abendvortrag von Masbergschen Liedern. Den alten Siebold sah ich bei dieser Gelegenheit auch wieder. Trotz seines hohen Alters war er noch frisch und hielt einmal die Morgenandacht.

Mit Bodelschwingh bin ich später noch einmal wegen der Arbeiterkolonie FreistattDie Diakonie Freistatt war ein diakonischer Träger für soziale Einrichtungen (Arbeiterkolonie und Erziehungsheime) in Freistatt, Samtgemeinde Kirchdorf, Landkreis Diepholz.Klick hier für Wikipedia [22] im Wietingsmoor zusammengekommen. Zweimal bin ich meines Wissens in Freistatt gewesen. Das eine Mal handelte sich's um die Errichtung der Pfarrstelle. Präsident Vogts war vom Landeskonsistorium gekommen, um die Verhandlungen zu führen, mit ihm Konsistorialrat von Berger vom Provinzialkonsistorium. Ich wurde zu den Verhandlungen hinzugezogen, da Pastor Simon aus Barver einstweilen mit der Seelsorge beauftragt wurde, andererseits Superintendent Voigt aus Sulingen, da Freistatt im Kreise Sulingen liegt. Im Anschluss an die Verhandlungen fuhren wir nach Sulingen, wo Landrat Helmentag uns ein Mittagessen gab. Das andere Mal von Bodelschwingh selbst mit dem westfälischen Landeshauptmann Rolle, dem späteren Kultusminister, um den Betsaal der Anstalt einzuweihen. Er hielt die Weiherede in den Anstaltsräumen in seiner einfachen, herzlichen Weise, die Insassen der Anstalt zwischendurch direkt anredend. Nachher wurde in der Anstalt selbst zu Mittag gegessen, wobei ich zwischen Bodelschwingh und Elisabeths Freundin Anna Kuhlo saß, die die Honneurs als Hausfrau machte.

Doch ich bin noch bei dem Jahr 1901. Am 2. Dezember wurde unser jüngstes Kind Eva geboren. Wenn ich später meine Kinder nach dem Geburtsort klassifizierte, wie Moisburger, die Barskamper und dann als einzig in Diepholz geborenes Eva anreihte, bedauerte sie sich selbst, dass sie allein in Diepholz geboren sei. Dienstag, den 17. Dezember, taufte ich sie und weihte damit das Exemplar der AgendeAls Agende wird in den evangelischen Kirchen das Buch bezeichnet, in welchem die feststehenden und wechselnden Stücke des Gottesdienstes sowie der Amtshandlungen aufgeführt sind. Sie enthält Gebete und Texte für jeden Sonntag im Kirchenjahr.Klick hier für Wikipedia [23] ein, das ich für meinen persönlichen Gebrauch hatte kommen lassen, nachdem sie erschienen war. Es war das einzige meiner Kinder, das ich im Hause taufte. Nachdem ich von Moisburg und Barskamp gewohnt war, die Taufen im Gottesdienst vor versammelter Gemeinde zu verrichteten, kam mir die Form der Kirchentaufen in Diepholz gar zu unfeierlich vor. Ich zog es daher vor, mein Kind im Hause zu taufen. Von den sechs Gevattern, die wir gebeten hatten, kam nur Freund Bartels aus Barkhausen persönlich.

Am Tage darauf las ich in der Zeitung Uhlhorns Tod. Es bewegte mich doch tief, dass der Mann nicht mehr unter den Lebenden war, unter dessen Anleitung ich die ersten Schritte ins geistliche Amt getan hatte. Und unwillkürlich fragte man sich, was wird aus der Landeskirche?! Denn Uhlhorn war die Landeskirche. Man hatte in den letzten Jahren verschiedentlich von Schwächeanwandlungen bei ihm gehört, die er infolge von Arterienverkalkung gehabt. Aber er war, wie er es sich gewünscht hatte, in den Sielen gestorben. Das Wort, über das Hoppe an seinem Sarge sprach: Ich habe viel mehr gearbeitet denn sie alle, passte noch mehr auf ihn als auf seinen Vorgänger, auf den es seinerzeit Steinmetz angewendet hatte.

Noch zwei Todesfälle in diesem Winter gingen mir nahe. Der eine war der von Helmolts in Grone noch vor Ausgang des Jahres 1901, den ich übrigens erst hinterher und ganz beiläufig erfuhr durch einen Brief Ehrenfeuchters, der andere im Februar 1902: Wagners in St. Dionys, auf den ich schon vorbereitet war, da er seit längerer Zeit an perniziöser BlutarmutDie perniziöse (schädliche, verderbende) Anämie ist eine Form der Blutarmut, die auf einem Mangel an Vitamin B12 beruht.Klick hier für Wikipedia [24] litt. Ich fuhr zu dessen Beerdigung hinüber und lud mich bei der Gelegenheit bei Meyer in Lüne zu Gast, blieb bei demselben auch noch einen Tag und ließ mir die Kunstschätze des Klosters Lüne zeigen, machte auch der Äbtissin meine Aufwartung.

Das Frühjahr 1902 brachte uns den Besuch Mutters und Ellys. Mutter blieb fast den ganzen Mai bei uns bis nach dem Pfingstfest, während Elly zu Pfingsten wieder bei ihrem Mann sein wollte. Wir hatten fast die ganze Zeit über sehr unfreundliches Wetter, sodass unsere Gäste fast immer im Zimmer bei uns sein mussten. Doch luden wir einige Male Gäste zu uns ein, und auch wir wurden mit unseren Gästen wiederholt eingeladen. Die Eindrücke, die Mutter mitnahm, waren durchweg freundlicher Art. Besonders freute sie sich an unseren beiden Jüngsten. Annelise war damals in einem besonders niedlichen Alter. Sie sprach schon vollständig richtig und sang sehr hübsch. Wenn sie morgens aufgewacht war, konnte sie noch stundenlang in ihrem Bett liegen und vor sich hin singen. Das gefiel Mutter, die im Zimmer nebenan schlief, besonders. Ihren Rückweg nahm Mutter über Osnabrück, wo wir einige Stunden mit Gerhard zusammen waren und ihr die Stadt zeigten.

Gerhard hatte ich übrigens am Palmsonntag konfirmiert. Den Konfirmandenunterricht hatte er bei Pastor Klatte erhalten. Lieber hätte ich ihn eigentlich zu Bartels geschickt, der frischer und energischer als Klatte war. Aber Klatte hatte uns so viel Freundlichkeit erwiesen. Außerdem lag die Wohnung der Fräulein Meyers in der Parochie St. Katharinen, und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit gingen alle Diepholzer, die Osnabrücker Schulen besuchten, zu Klatte in den Konfirmandenunterricht, so dass ich nicht gut eine Ausnahme machen konnte. Gerhard hatte übrigens nach seiner Aussage von dem Konfirmandenunterricht nicht viel gehabt, da, wie es scheint, Klatte unter seiner großen Schar - 120, die zusammen unterrichtet wurden! - nicht Disziplin halten konnte. Die Untersekunda hatte Gerhard Ostern erreicht.

Auf der Pfingstkonferenz, die ich dies Jahr wieder besuchte, wurde ich zu meiner Überraschung in den Ausschuss gewählt. Ich habe seitdem die Pfingstkonferenz kein Jahr versäumt und freute mich, mit Männern wie Büttner, Steinrath und Bückmann öfter zusammenarbeiten zu können. Aus dem jüngsten Mitglied bin ich inzwischen das älteste geworden und habe nun schon manchen an mir vorübergehen sehen.

Kurze Zeit nach der Pfingstkonferenz führte mich mein Weg noch einmal nach Hannover, da ich die Predigt auf dem Jahresfest des Henriettenstifts zu halten hatte. Von da machte ich noch einen Abstecher nach Sibbesse zu Schwager Friedrich [Borchers] und besuchte bei dieser Gelegenheit auch [Martha geb. Borchers und Julius] Roese in Sehlem.

In den Sommerferien hatten wir Besuch von Nichte Erika [Dittrich] aus Graudenz, die inzwischen herangewachsen war und sich auf das Lehrerinnenexamen vorbereitete. Sie gehörte auch zu den Paten Evas, und das war wohl der Anlass, dass sie von ihren Eltern Erlaubnis zu dieser Reise erhalten hatte. Sie interessierte sich besonders für Bremen, wohin ich eines Tages mit ihr fuhr. Bei dieser Gelegenheit besichtigte ich zum ersten Mal den dortigen Dom nach seiner Wiederherstellung. Den BleikellerBleikeller ist der umgangssprachliche Name der Ostkrypta des St. Petri-Doms in Bremen, bekannt vor allem durch die hier gefundenen Mumien.Klick hier für Wikipedia [25] mit den mumifizierten Leichen besuchten wir natürlich auch und tranken im Ratskeller ein Glas Wein.


[17] Hermann Cremer (1834-1903) war ein lutherischer Theologe.
[18] Adolf Schlatter (1852-1938) war ein Schweizer evangelischer Theologe und Professor für Neues Testament und Systematik in Bern, Greifswald, später dann in Berlin und Tübingen.
[19] Wilhelm Lütgert (1867-1938) war ein protestantischer Theologe, Schüler von Hermann Cremer und Adolf Schlatter und Mitglied der so genannten Greifswalder Schule.
[20] Parrhesia bedeutet "Redefreiheit" oder "über alles sprechen". Der Begriff wurde von Michel Foucault verwendet, um das Konzept eines Diskurses zu beschreiben, in dem man offen und wahrhaftig seine eigene Meinung und seine Ideen ausspricht, ohne rhetorische Elemente, manipulative Rede oder Generalisierungen zu verwenden. Heute würde man wohl "Brainstorming" sagen.
[21] von oben herab
[22] Die Diakonie Freistatt war ein diakonischer Träger für soziale Einrichtungen (Arbeiterkolonie und Erziehungsheime) in Freistatt, Samtgemeinde Kirchdorf, Landkreis Diepholz.
[23] Als Agende wird in den evangelischen Kirchen das Buch bezeichnet, in welchem die feststehenden und wechselnden Stücke des Gottesdienstes sowie der Amtshandlungen aufgeführt sind. Sie enthält Gebete und Texte für jeden Sonntag im Kirchenjahr.
[24] Die perniziöse (schädliche, verderbende) Anämie ist eine Form der Blutarmut, die auf einem Mangel an Vitamin B12 beruht.
[25] Bleikeller ist der umgangssprachliche Name der Ostkrypta des St. Petri-Doms in Bremen, bekannt vor allem durch die hier gefundenen Mumien.