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Diepholz, 1900-1906 — Verdienste um Diepholz

Teil 11 - Diepholz, 1900-1906
Kapitel 13
Verdienste um Diepholz

Ein zweifaches Verdienst um die Gemeinde Diepholz habe ich mir in der letzten Zeit daselbst noch erworben. Das eine war, dass ich ihr eine Anzahl Kirchenstühle rettete. Vor den Toren von Diepholz, aber zur Gemeinde Mariendrebber gehörig, lag ein Gut Falkenhardt, einer Familie von Arenstorff gehörig. Da dieselbe zugleich mehrere Häuser in Diepholz besaß, hatte sie das Recht auf eine ganze Anzahl von Kirchenständen, so die erste Prieche bei der Kanzel, noch vor dem Stuhl der Superintendentur, und noch mehrere Stände im Schiff der Kirche. In jenen Jahren wurde Falkenhardt verkauft an einen Brennereibesitzer Kellenberg aus der Gemeinde Rehden-Hemsloh. Derselbe beanspruchte infolgedessen die Arnstorffschen Kirchenstände für sich. Einige Mitglieder des Kirchenvorstandes, unter ihnen auch Menke, waren geneigt, dem Verlangen stattzugeben. Ich widersetzte mich aber entschieden, da es im strikten Widerspruch mit der bei uns gültigen Lüneburger Kirchenordnung stand, obgleich Menke mir gegenüber betonte, die Kirchenordnung sei ja schon in so vielen Punkten außer Kraft gesetzt. So kam es zum Prozess beim Landgericht Osnabrück. Unser Sachwalter, dem ich die bezüglichen Bestimmungen der Kirchenordnung zeigte, war Rechtsanwalt Finkenstädt. Nach ziemlich langwierigen Verhandlungen teilte derselbe mir eines Tages mit, wir seien unterlegen. Kurze Zeit darauf erhielt ich den Bescheid des Landgerichts, in dem mich besonders der Passus empörte, dass der Kirchenvorstand bei Vermeidung von 100 Mark Strafe aufgefordert wurde, hinfort den p. Kellenberg ungestört im Recht der Kirchenstände zu lassen. Als ob wir Wegelagerer wären, die einem Menschen sein Eigentum mit Gewalt nehmen wollten, und nicht viel mehr unser auf Kirchengesetz gegründetes Recht geltend gemacht hätten! Finkenstädt riet uns denn auch, bei diesem Bescheide uns nicht zu beruhigen. Der Kirchenvorstand war hingegen wieder geteilter Meinung, und nur durch meine ausschlaggebende Stimme ging der Beschluss durch, Berufung gegen das Urteil des Landgerichts einzulegen.

So ging die Sache an das Oberlandesgericht Celle. Wir übertrugen sie dem Rechtsanwalt Westrum, bei dem als einem Sohne eines früheren Pastors von Jacobidrebber wir Interesse voraussetzen konnten und der uns auch von Finkenstädt empfohlen war. Die Sache zog sich immer noch ziemlich in die Länge, und Westrum schlug uns schließlich, da sie immerhin zweifelhaft läge, einen Vergleich vor. Wir gingen darauf ein, und so wurde - ich war inzwischen von Diepholz schon fort - bestimmt, dass Kellenberg die Prieche neben der Kanzel zwar behielt, aber die Stände im Schiff abgeben musste. Er war immerhin von dem Ausgang so befriedigt, besonders auch wohl, weil die Erlangung der Prieche für ihn eine Frage des Prestiges war, dass er der Kirche einen Taufstein schenkte.

Eine andere Angelegenheit, die ich angeregt hatte, zog sich gleichfalls bis über meinen Weggang hinaus. Die Diepholzer Kirche war im Jahr 1806 erbaut, feierte also im Jahre 1906 ihr 100-jähriges Jubiläum. Ich stellte daher aus den Akten eine Geschichte des Baus zusammen und ließ sie in der Diepholzer Kreiszeitung, der ich schon immer Material aus der Mission und Sonstiges zur Verfügung gestellt hatte und von derselben immer bereitwillige Aufnahme dafür gefunden, unter dem Strich abdrucken. Außerdem regte ich aber im Kirchenvorstand eine würdige Ausschmückung die Kirche zu ihrem Jubeltage an. Die Kirche befand sich zwar in gutem baulichem Zustand, trug aber ganz den Charakter der Zeit ihres Baues an sich. Schon mein Vorgänger hatte gelegentlich der Bezirkssynode auf die kahlen getünchten Wände und die schmucklose Decke hingewiesen, deren Gewölbe unter dem Kalkanstrich gar nicht zur Geltung käme. Für die Rundfenster, die den Priechen Licht gaben, hatte er Glasmalereien besorgen lassen, die aber teilweise wieder beseitigt werden mussten, weil die Kirchgänger sich über die Verdunkelung beschwerten. Für einige der Hauptfenster waren auch Glasgemälde geschenkt worden, besonders zwei schöne von den Gebrüdern Klatte. Ich regte daher eine stilgerechte Vermalung der Decke an. Der Konservator der Kunstdenkmäler wies mich auf Professor Jordan in Hannover. Mit dem setzte ich mich daher in Verbindung. Er kam und lieferte uns eine Zeichnung für die Vermarktung, die beim Buchbinder Bernburg ausgestellt wurde. Ohne Widerstand im Kirchenvorstand ging der Plan auch nicht durch, da man die Kosten scheute. Nachdem aber der Kirchenrechnungsführer nachgewiesen hatte, dass die Kosten aus den laufenden Mitteln bestritten werden könnten und es nicht der Aufnahme einer Anleihe bedürfe, ging der Beschluss der Ausführung im Kirchenvorstande, ich glaube, auch wieder, indem ich meine Stimme in die Waagschale warf, durch, und allerdings erst im Sommer 1906 wurde die Ausführung begonnen, so dass ich in den letzten Sonntagen, in denen ich in Diepholz amtierte, das Gerüst in der Kirche hatte und erst nach meinem Abgang, ich glaube am 1. Advent, von Menke eine Jubelfeier gehalten werden konnte.

Meine Einführung in Lesum wurde auf den 19. August festgesetzt. In den letzten Wochen vorher wurden Abschiedsbesuche bei den Amtsbrüdern gemacht. In einer Konferenz im Grafen feierten sie mich weg. Am 12. August hielt ich meine Abschiedspredigt. Es war nicht nur dem Tage nach genau sechs Jahre nach meiner Abschiedspredigt in Barskamp, sondern auch dem Sonntage nach, da Ostern wieder auf denselben Tag gefallen war wie im Jahre 1900. So nahm ich auch wieder denselben Text zu meiner Predigt wie damals, die vorzüglich passende Sonntagsepistel 1. Korinther 10, 1-13. Nachdem die Möbel verfrachtet waren, blieb ich die letzten Nächte bei Menkes. Elisabeth und die Kinder waren schon vor mir fortgereist. Die Kinder von Käthe bis herab zu Annelise waren teils in Wehrstedt bei Onkel Rudolf [Borchers], teils in Sibbesse bei Onkel Friedrich [Borchers] untergebracht. Thekla und Magdalene waren nach Lesum vorangereist, um dort die Sachen in Empfang zu nehmen und beim Einräumen behilflich zu sein. Elisabeth war mit Eva in Kirchweyhe, wohin Goßmann etwa ein halbes Jahr zuvor als Superintendent versetzt worden war. Dorthin fuhr auch ich am Nachmittag des Abschiedssonntages und verbrachte dann noch einen vollen Tag der Ruhe und Erquickung bei den lieben Freunden, ehe wir Dienstag den 14. August in die neue Heimat übersiedelten.