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Anreise nach Oslo 1925 - Anreise nach Oslo

Unsere Fahrt nach Oslo 1925
Teilnahme an der Allgemeinen Evangelisch-lutherischen Konferenz
Anreise nach Oslo

In der Frühe des 1. September machte ich mich mit Eva auf, um nach Kristiania, seit dem 1. Januar des Jahres von den Norwegern in Oslo umbenamset, zu reisen und dort an der Haupttagung der Allgemeinen Evangelisch-lutherischen KonferenzDie Allgemeine evangelisch-lutherische Konferenz wurde 1868 gegründet. Sie ist eine Vorläuferorganisation des Lutherischen Weltbundes. [1] teilzunehmen. Die Pässe waren rechtzeitig besorgt und von der Schwedischen und Norwegischen Gesandtschaft visiert. Auch Fahrkarten für den Schnellzug nach Sassnitz, von wo die Reise der deutschen Teilnehmer gemeinsam angetreten werden sollte, hatte Eva schon einige Tage vorher geholt. So setzten wir uns denn nach der kurzen Fahrt von Burg-Lesum in Bremen in den 6:03 Uhr abfahrenden D-Zug.

Die Reise ließ sich anfangs wenig verheißungsvoll an. Das Wetter war trübe und der Regen schlug an die Fenster. Die Türme von Hamburg, über deren Anblick ich mich früher so oft gefreut, waren völlig in Nebel gehüllt. Auch gewährte es mir einige Enttäuschung, dass ich dort nicht, wie gehofft weitere Teilnehmer aus dem Hannoverschen einsteigen sah. Doch hellte sich das Wetter auf. Die Türme von Lübeck konnte ich Eva zeigen, bedauerte aber, dass durch die neue Bahnhofsanlage das prächtige Holstentor, das sich sonst dem Durchreisenden aus nächster Nähe präsentierte, den Blicken entzogen war. Von Bützow aus, dessen Bahnhof der Zug ohne Aufenthalt durchbrauste, berührte er mir bisher unbekannte Gegenden. Mit besonderem Interesse sah ich mir die Universitätsstadt Rostock an, die sich auf der Weiterfahrt nach Stralsund den Blicken gut darbot. Zwischen den beiden genannten Städten nahmen wir unser Mittagsmahl ein. In Stralsund verursachte die Übersetzung des Zuges auf den TrajektEine Trajekt ist eine Verbindung von Eisenbahnstrecken mittels Fähren für den Transport von Schienenfahrzeugen. [2] zur Überfahrt über den Strelasund einigen Aufenthalt, der uns Zeit ließ, die wuchtigen Kirchtürme dieser einst Wallenstein trotzenden Stadt zu betrachten. Auch konnte ich hier, da ja manch Reisender den Zug verließ, um sich auf der Dampffähre etwas freier zu bewegen, den ersten Bekannten, Pastor Hardeland, Leiter der Hamburger Auswanderer-Mission, begrüßen. Dann ging's quer durch die Insel Rügen, wobei das auf dem Rugard bei Bergen errichtete Denkmal für Rügens größten Sohn Ernst Moritz Arndt beachtet wurde.

Als der Zug am Hafen von Sassnitz hielt, spie er doch noch einige andere Konferenzteilnehmer aus, unter anderen den Schweriner Landesbischof Bohm mit seiner Frau, die ganz den Eindruck eines schlichten Pastorenehepaares machten. Alle sammelten sich um Pfarrer Leidhold aus Sachsen, der uns vom Sekretariat als Führer auf der Reise Sassnitz-Oslo bezeichnet war und der mit einem an der Stange befestigten Plakat mit der Aufschrift Konferenz Oslo am Bahnhof uns erwartete. Nun ging's zur Pass- und Zollrevision, und nachdem noch ein weiterer Zug angekommen war, der auch meinen Schwager Friedrich Borchers mitbrachte, begab sich alles auf den zur Abfahrt nach Trelleborg bereitliegenden Trajekt, auf den unser Bahnzug inzwischen geschoben war. Auf Deck des Schiffes uns freier bewegend wurden wir allmählich mit den Mitreisenden bekannt. So stellte ich mich einem kleinen energisch blickenden Herrn mit ausgesprochen sächsischem Dialekt, dem die übrigen sächsischen Teilnehmer mit spürbarer Ehrfurcht begegneten und der mir als Oberkirchenrat JentschStephan Jentsch (1858-1946) [3] aus Chemnitz, Bruder meines Leibburschen bezeichnet wurde, als alten Bekannten vor. Da er auch eine Tochter mit sich hatte, wurden die beiden Mädchen rasch miteinander bekannt und schlossen sich aneinander an.

Anfangs machte die Seefahrt viel Vergnügen. Die Steilküste Rügens mit den leuchtenden Kreidefelsen Stubbenkammers flog an uns vorüber. Der Seewind tat nach der langen Eisenbahnfahrt allen wohl und gelegentliche Spritzer der Salzflut wurden mit allgemeiner Heiterkeit quittiert. Als aber das Schiff die Höhe Rügens verlassen hatte und seine Schwankungen stärker wurden, flaute die Stimmung merklich ab, die Gesichter wurden blässer, und einer nach dem anderen verschwand von Deck, um das Übrige mit Nacht und Grauen zu bedecken. Ich kam noch vergleichsweise gut weg, da ich, sobald das Elend mich packte, mich mit Evas Hilfe, die mir auch ein Kissen unter den Kopf schob, lang auf eine Bank ausstreckte, im unteren Raum und still bis zur Landung liegen blieb. Da es dunkelte, verlor ich damit auch nicht viel von der Fahrt. Auch Eva, die den Atlantischen Ozean und das Stille Meer durchquert hatte, ohne von dem gefürchteten Übel ergriffen worden zu sein, musste ihre Hilfsbereitschaft gegen den alten Vater bezahlen.

Nun, alles Ding hat ein Ende, auch eine Seefahrt mit Seekrankheit. Nach gut vierstündiger Fahrt war Trelleborg erreicht und unser Zug, vom Trajekt runtergeschoben, führte uns zu Lande weiter nach Malmö. Hier fand Wagenwechsel statt. Zwei Waggons waren für die Konferenz bereitgestellt, einer für Nichtraucher. In diesen stieg ich, wurde aber dabei von Eva getrennt, da die mit mir dasselbe Abteil suchenden Mitreisenden alle Plätze besetzten. Die Nachtfahrt, bei der für mich wenigstens an Schlafen nicht zu denken war, wurde mir natürlich etwas lang. Zu sehen war nichts außer einem gelegentlichen Lichteffekt, den der Mond auf den Öresund warf, an dessen Küste wir fuhren. Endlich, als der Zug in Göteborg hielt, fing es an zu dämmern, und nun ermunterte sich allmählich die Stimmung. Eva, die ich, sobald der Morgen [des 2. September] graute, aufzusuchen mir vorgenommen hatte, kam mir zuvor und begrüßte mich seelenvergnügt. Sie hatte zwar auch nicht viel geschlafen, sich aber bald mit ihren Mitreisenden, besonders mit Pfarrer Leidhold, unserem Leithammel, wie er natürlich genannt wurde, angefreundet, so dass ihr die Nacht nicht zu lang geworden war. Wir banden uns nun nicht mehr an unsere Plätze, sondern wogten im Waggon hin und her, um die wechselnden Bilder der schwedischen Landschaft in uns aufnehmen zu können. Und sie ist überaus reizvoll. Bewaldete Höhen, lachende Täler mit freundlichen Ortschaften, die in die Täler eingebettet waren oder an den Höhen sich hinaufzogen, meist aus Holz gebaut, hier und da ein Kirchturm, dann wieder Seen, von Grün umrahmt, Flüsse, die hier und da Wasserfälle bildeten, zogen an uns vorüber und wurden von dem einen dem anderen gezeigt und gebührend bewundert. Bei der Station Trollhättan sahen wir den Göta älvDer Göta älv (dt. gotische Elbe) ist ein Fluss, der den See Vänern, aus dem er bei Vänersborg austritt, mit dem Kattegat verbindet. [4], die Trollhättan-Fälle allerdings nicht. Doch wurde uns versichert, dass der Fall des Glommen, den derselbe kurz vor seiner Ergießung ins Meer bildet, denselben mindestens gleich sei. Auch einzelne Buchten des mächtigen Venner-Sees berührten wir auf unserer Fahrt. Charakteristisch war das massenhaft besonders an den Wassern aufgeschichtete auch in ihnen schwimmende Holz. Auf einer Station, an der der Zug einige Minuten hielt, versorgten wir uns zur Auffrischung unserer Lebensgeister mit Kaffee und etwas Gebäck. Bei Kronsjø passierte der Zug die norwegische Grenze. Es waren immerhin von da noch einige Stunden bis zum Reiseziel. Unsere Karten des weit ausgedehnten Landes sind nur meist in so kleinem Maßstab gezeichnet, dass man es nicht denkt. Als gegen halb zwölf Uhr mittags Oslo, terrassenförmig über dem mit mehreren Schären bedeckten Kristianiafjord auftauchte, ging ein allgemeines Ah durch den ganzen Waggon, so überwältigte uns das wundervolle Bild. Zur fahrplanmäßigen Zeit fuhr der Zug in den Ostbahnhof ein.


[1] Die Allgemeine evangelisch-lutherische Konferenz wurde 1868 gegründet. Sie ist eine Vorläuferorganisation des Lutherischen Weltbundes.
[2] Eine Trajekt ist eine Verbindung von Eisenbahnstrecken mittels Fähren für den Transport von Schienenfahrzeugen.
[3] Stephan Jentsch (1858-1946)
[4] Der Göta älv (dt. gotische Elbe) ist ein Fluss, der den See Vänern, aus dem er bei Vänersborg austritt, mit dem Kattegat verbindet.