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Unsere Fahrt nach Oslo 1925 — Abstecher nach Bergen

Unsere Fahrt nach Oslo 1925
Teilnahme an der Allgemeinen Evangelisch-lutherischen Konferenz
Abstecher nach Bergen

Das Wetter hatte am Abend nicht sehr verheißungsvoll ausgesehen. Am anderen Morgen [6. September] aber begrüßte uns heller Sonnenschein und Stadt und Fjord präsentierten sich vor unseren Fenstern in geradezu entzückendem Lichte. So standen wir wohlgemut auf, packten unsere Sachen und setzten uns in das uns wieder bereitgestellte Auto. Herr Mustad ließ es sich nicht nehmen, unsertwegen früher aufzustehen und uns an das Auto zu begleiten. Durch den frischen Morgenwind ging die Fahrt nach dem Ostbahnhof, wo von der Trenck unser bereits wartete. Noch ein anderer Teilnehmer gesellte sich zu uns, der wenigstens den größten Teil des Weges mit uns zurücklegte, Pastor Voigt von der Markuskirche in Leipzig.

Die Eisenbahn geht im Bogen um die Stadt, und da sie rasch ansteigt, hatten wir einen schönen Blick auf diese. Da auf den D-Zügen der BergenbahnBergenbahn hier lässt sich die Route verfolgenKlick hier für Wikipedia [31] der Gang nicht wie sonst in diesen Zügen an der einen Seite, sondern durch die Mitte des Wagens läuft, konnten wir die Gegenden, die wir durchfuhren, bequem nach beiden Seiten übersehen und so einen Eindruck von der rasch wechselnden Szenerie gewinnen. Die Bahn hält sich nach dem ersten Aufstieg etwa im Drittel des Weges auf wesentlich gleicher Höhe, geht sogar von der Station, wo sich die Bahn nach Norden abzweigt, nicht unbeträchtlich hinab, und die Landschaft erinnert mit ihren bewaldeten Höhen, lachenden Tälern und freundlichen Dörfern an Thüringen. Nur die Bauart der Häuser, die aus Holz gebaut, meistens braun getönt mit weißen Kanten einen überaus freundlichen Eindruck machten, zeigt, dass wir in einer anderen Gegend sind. Auch das Gehölz, in dem Tannen und Kiefern mit Birken als dem einzigen Laubholz abwechseln, trägt einen wesentlich nordischeren Charakter. Besonders anmutend sind die zahlreichen Seen, die uns oft auf langen Strecken begleiten, ja manchmal gar nicht aufzuhören scheinen, da sie ja meistens nur Erweiterungen von Flussläufen sind, an denen die Bahn entlang fährt. So sahen wir schon bald nach der Station Roa vor und nach Jevnaker zur Rechten den Randsfjord, dann von Ørgenvika bis Gulsvik den Krøderen-See mit bizarren aus ihm hervorragenden Felseninseln. Allmählich wurden die Berge höher, die Felswände schroffer, die Landschaft erinnerte an Partien im Riesengebirge oder in der Schweiz, etwa an die Interlaken unmittelbar umgebenden Höhen. Unaufhörlich ging der Zug durch bald kürzere, bald längere Tunnel die die Gegend zeitweilig unsern Blicken entzogen, um uns dann, wenn wir wieder ans Tageslicht kamen, umso überraschender ein neues Bild oder das alte in neuer Umgebung sehen zu lassen. Etwa von Gol an, der nördlichsten Station der ganzen Fahrt, beginnt die stärkere Steigung der Bahn. Bei Geilo befinden wir uns schon auf der Durchschnittshöhe der deutschen Mittelgebirge. Die Tannen und Kiefern, die in den tieferen Regionen einen so überaus malerischen Anblick gewähren, - auch den Mustadschen Garten rahmten sie ein wie bei uns die Eichen - werden immer kümmerlicher und verkrüppelter und hören schließlich ganz auf, worauf nur noch niedriges Birkengebüsch uns begleitet, bis auch dieses aufhört und nur noch Moose den Boden bedecken. Immer alpiner wird die Landschaft. Die schneebedeckten Häupter der Berge treten uns immer näher. Von der Station Finse an fahren wir über Schneefelder und sehen in den Seen die Eisschollen schwimmen.

Zwischen Finse und Hallingskeid erreicht die Bahn mit 1301 Metern über Meereshöhe ihren höchsten Punkt. Kennzeichnend für diese oberen Partien sind die zahlreichen Schneeschirme, Holzverschläge, die die Bahn überdachen, damit sie von den Lawinen nicht verschüttet wird. Nachdem die Bahn ihren Höhepunkt erreicht hat, fällt sie rasch. Bei Myrdal zeigt sich schon wieder reichere Vegetation. Dann fährt der Zug durch den über 5000 Meter langen Gravhalstunnel, hinter dem sich das Rauntal öffnet mit seinen gewaltigen Schluchten.

Bei Vossevangen verließ uns Pastor Voigt. Wir fuhren an dem Wangsee entlang, von dem die Kirche WangDie Stabkirche Wang liegt oberhalb von Arnsdorf im Riesengebirge, wo Johannes Dittrich geboren wurde.Klick hier für Erinnerungen [32] stammt, die Friedrich Wilhelm IV. in das Riesengebirge schaffen ließ, um den Brückenbergern oberhalb Arnsdorfs eine gottesdienstliche Stätte zu geben. Von der Station Bolstad begleitete uns der Sørfjord, der gerade in der beginnenden Abenddämmerung zwischen den hier und da sich verschiebenden bewaldeten Höhen sich verlierend und dann wieder aus ihm hervorbrechend einen überaus malerischen Anblick uns gewährte. Ein Viertel nach neun Uhr nach einer fast 14-stündigen Fahrt fuhr unser Zug in die alte Hansestadt Bergen ein. Die Lichter der Stadt, die wir bis zu einem Sehwinkel von vielleicht 45 Grad erblickten, deuteten die grandiose Lage an der Steilküste der Nordsee an. Gesehen haben wir die Stadt allerdings nicht. Nachdem wir auf dem Bahnhof gut gegessen, machte ich im Dunkeln einen kleinen Spaziergang. Die mir entgegensprühenden Regentropfen rechtfertigten mir sofort den Ruf Bergens als einer Stadt, in der es viel regnet. Aber auch die weiche, milde Luft zeigte mir, dass ich in den Bereich des Golfstroms gekommen sei. Ich ging vom Bahnhof ein Stück südwärts über die Brücke, die Lille und Store Lungegaardsvann voneinander trennt und dann umkehrend nordwärts, bis der Berg beginnt, an dem die Stadt sich hinaufzieht. Dass die Häuser zum Teil klein und unansehnlich waren, konnte ich sehen.

Um elf Uhr bestiegen wir den Schnellzug, der uns nach Oslo zurückführen sollte. Schlafwagen hatte ich bestellt, damit mich die fast 30-stündige Hin- und Rückfahrt nicht zu sehr angriffe. Geschlafen habe ich freilich nicht viel, aber das Liegen in bequemer Lage tat auch schon seine Wirkung. Als die Schnee- und Eisregion nach meiner Berechnung hinter mir liegen musste, stand ich auf und beobachtete eine Zeitlang von dem Gang des Schlafwagens aus die Nebelschwaden, die an den Bergen hingen und über die deren Häupter emporragten. Der erste, der mir begegnete, als ich Eva aufsuchte, war Dr. Kropatschek, der eifrige Vorkämpfer der Bekenntnisschule, der unterwegs, wohl schon in Bergen, sich herzugefunden hatte und mich nun auf den Waggon hinwies, wo ich Eva treffen würde. Ich fand sie denn auch bald mit von der Trenck, und wir konnten eine Repetition des zuerst Gesehenen vornehmen, die umso dankenswerter war, als die Eindrücke der mehr lieblichen Landschaft, die wir zu Anfang gesehen, durch die großartigen nachfolgenden verdrängt waren, nun aber wieder aufgefrischt werden konnten. Fünf Minuten von zwölf waren wir wieder in Oslo.


[31] hier lässt sich die Route verfolgen
[32] Die Stabkirche Wang liegt oberhalb von Arnsdorf im Riesengebirge, wo Johannes Dittrich geboren wurde.