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Teil 4: Leipzig 1870-1873 — Kap.18, Schnedermann, von Helmolt, Bartels und Stempel

Teil 4 - Leipzig, 1870 bis 1873
Kapitel 18:
Schnedermann, von Helmolt, Bartels und Stempel

Die harmonischste Persönlichkeit unter uns allen war ohne Frage Schnedermann. Die gewölbte, von damals schon dünnem Haar umzogene Stirn verriet den Denker, das tiefe, seelenvolle dunkle Auge das Gemüt. Er führte den Kneipnamen Blondel. Die Treue und Zuverlässigkeit, die wir alle an ihm schätzten, sprach sich in der Zuerteilung dieses Namens aus. Und treu und zuverlässig war er vor allem in seinem Fleiß, der ihn überall selbstständig suchen, nie mit Übernahme fremder Resultate sich begnügen und doch überall lernen und von den verschiedensten Gebieten bienenartig zusammentragen ließ. Treu und zuverlässig war er aber auch in allen übrigen Beziehungen. Mit eigener Überzeugung im Bekenntnis der Kirche wurzelnd und wohl nie in seinem kindlichen Glauben wankend geworden, war er doch allem Parteifanatismus abhold und nach allen Seiten gerecht. Und so auch im Vereinsleben und in der Geselligkeit. Immer wusste er zum Frieden zu reden und Differenzen zwischen Vereinsgliedern auszugleichen. Dabei war er stets dienstfertig und gefällig. Und so gediegen sein Wissen war, drängte er sich niemals damit vor. Wir sind euch nicht beschwerlich gewesen, das Wort des Apostels konnte er wirklich von sich sagen. Es war uns allen eine Genugtuung, als er im ersten theologischen Examen - der Erste nach neun Jahren! - eine Eins erhielt. Er ist dann längere Jahre Religionslehrer an Gymnasien, erst in Chemnitz, dann in Leipzig gewesen und hat als Frucht seiner Lehrtätigkeit eine christliche Sittenlehre für den Religionsunterricht an Gymnasien veröffentlicht, besonders aber Schiller und der deutschen Nationalliteratur überhaupt seine Liebe zugewandt, mit einer Arbeit über Schiller vor und nach seinem Studium Kants den Dr. Phil. gemacht und später mehrere Aufsätze zur deutschen Literaturgeschichte in der Luthardtschen Kirchenzeitung veröffentlicht, die dann auch in Buchform erschienen. Dann aber ist er über 30 Jahre Pfarrer an der Gemeinde zu Leutzsch bei Leipzig gewesen, deren Entwicklung von einer großen Landgemeinde zur großstädtischen Massengemeinde durchmachend. Er verheiratete sich mit einer Tochter des berühmten Germanisten Hildebrandt, des Fortsetzers des Grimmschen Wörterbuches. Und wie er demselben Befruchtung seiner literargeschichtlichen Studien verdankte, so hat er durch seinen stillen Wandel ohne Worte den großen Gelehrten auch der Kirche näher gebracht. Er lebt jetzt als pensionierter Kirchenrat in seiner Gemeinde, von derselben hochgeehrt. Gerade mit ihm verbindet mich innigste Freundschaft bis auf diesen Tag. Sein jüngerer Bruder, der nochmalige Professor, trat erst nach meinem Weggang aus Leipzig dem Verein bei.

Aus dem Rostocker Bruderverein war, als ich eintrat, Genzken herübergekommen, ein schlanker hübscher Jüngling mit lockigem Haar, dem überall die Herzen zuflogen und der damals voll Frische und Lebensmut war, besonders auch sangesfreudig. Er redigierte den Sommer über die Kneipzeitung und leitete die Gesangesübungen des Vereins, mit dem Namen Bach geehrt. Er ist dann, auch nach vorübergehender Lehrwirksamkeit an einem Gymnasium, Pastor in Wismar geworden und dort zuletzt zum Stadtsuperintendenten aufgerückt. In seinem letzten Lebensjahren hat er besonders schweres Kreuz in seiner Familie gehabt.

In den beiden folgenden Semestern folgten ihm aus dem Rostocker Verein zuerst Möller, der nach Genzkens Weggang das Amt des Kantors übernahm, und dann Rühe, beides auch wackere Brüder, Möller auch ein scharfer Denker, Rühe ein tüchtiger Hebräer.

Im Wintersemester trat dann [Johannes Jonathan Gerhard] Ehlers ein, Sohn des altlutherischen Pastors in Liegnitz und Kirchenrats EhlersLudwig Otto Ehlers (1805-1877) war ein evangelisch-lutherischer Pastor in Liegnitz, Kirchenrat und Superintendent.Siehe Wikipedia.org [109]. Er war schon ein Semester vor mir nach Leipzig gekommen, aber dann in den Krieg gezogen, und kehrte erst Michaelis 1871 nach Leipzig, zurück. Ich lernte ihn zuerst bei Kahnis kennen, bei dem er auch Mittwochsgast wurde. Er meldete sich dann auch zum Eintritt in den Verein und wurde rezipiert. Er war ein frischer Mensch und wurde ein tätiges, eifriges Mitglied des Vereins und in jeder Beziehung ein guter Kamerad.

Wir traten uns schon durch das allwöchentliche Beisammensein bei Kahnis näher. Oft gingen wir von da zu ihm auf seine Bude, wo er uns dann noch einen Kaffee braute. Bei einem solchen machten wir am 6. März 1872 das ErdbebenDas Epizentrum des Erdbebens lag 50 km südlich von Leipzig in Schmölln. Es führte zu Schäden an Gebäuden, etwa am Mauerwerk der Burg Posterstein. [110] durch, von dem wir aber kaum etwas spürten. Erst hinterher besannen wir uns, dass wir ein Klirren gehört, als ob ein Fenster oder eine Glastür heftig zugeworfen würde. In andern Gegenden der Stadt soll es viel fühlbarer gewesen rein. Ehlers wurde dann nach dem jähen Tode seines Vaters dessen Nachfolger in Liegnitz, bis ihn die separierte Gemeinde in HermannsburgIn Hermannsburg verbrachte der Autor seinen Ruhestand. [111] gewann, wo er noch heute wirkt. Der kirchliche Gegensatz tut unserer Liebe und ebenso der unserer von ihm ja noch viel näher berührten Kinder keinen Eintrag.

In meinen beiden letzten Leipziger Semestern kamen dann zwei Hannoveraner hinzu, die mir besonders auf meinem späteren Lebenswege nahe treten sollten, von Helmolt und Bartels, beide früher schon Mitglieder des Erlanger Brudervereins gewesen. Von Helmolt, das geliebte Land, wie er genannt und womit, wenn auch das nicht der Ursprung der Namensgebung war, bei uns auf seinen Partikular-Patriotismus angespielt wurde, war wohl der feurigste und entschiedenste Welfe, den ich unter meinen Studiengenossen kennen gelernt habe, in seinem Eifer gegen alles Preußische wohl zuweilen blind und ungerecht, sonst aber eine lautere Seele voll Demut und Selbsterkenntnis, eher geneigt, sich zu unterschätzen als sich zu überschätzen und bereit, anderer Vorzüge neidlos anzuerkennen, dabei ein wirklicher Edelmann von nobelster Gesinnung. Bartels war eins jener Sonntagskinder, denen alles spielend in den Schoss fällt. Er hatte ein Semester später angefangen zu studieren als ich. Zwei Semester hatte er dann an Gelenkrheumatismus krank gelegen. Und er war nicht etwa ein Ochsgenie, sondern ein frischer, fröhlicher Student, der alles mitmachte, besonders auch der edlen Sangeskunst ein gut Teil seiner Zeit widmete. Denn er war hochmusikalisch und hatte einen schönen Bariton. Dennoch nahm er's in der Theologie mit uns allen auf. Dabei war er einer jener Ausnahmemenschen, denen man den Mangel einer Kinderstube nicht anmerkt. Er war der Sohn eines einfachen Dorfschuhmachers. Aber er konnte sich überall in der Gesellschaft bewegen. Herz und Mund auf dem rechten Fleck nahm er überall eine Sonderstellung ein und spielte eine Rolle unter den Studenten, auch Gegnern Achtung abnötigend.

Beide haben kein hohes Alter erreicht. Von Helmolt erhielt nach seines Vaters Tode dessen Pfarre Grone bei Göttingen, wo er sein eigener Kirchenpatron war. Er starb dort, wenig über Jahre 50 alt, an einer Blutvergiftung. Er war das Bild männlicher Kraft. Auch Bartels kam nicht über die Fünfziger hinaus. In seinem Amtsleben hat es ihm nicht an Anerkennung gefehlt. Nachdem er einige Jahre eine kirchliche Gemeinde bei Lüneburg bedient hatte, wurde er mit großer Majorität an die Lambertikirche in Hildesheim gewählt, wo er zum Senior ministerii aufrückte und schließlich auch Stadtsuperintendent wurde. Aber persönlich hat er viel Schweres erfahren. Seine rechte Mutter hatte er schon als Kind verloren. Seinen Vater hat er als Kandidat auf besonders erschütternde Weise verloren. Dann hat er zwei Frauen und zwei Kinder begraben müssen. Ich sah ihn zuletzt in Hildesheim Pfingsten 1907 und freute mich über seine Frische und sein gutes Aussehen, denn einige Jahre vorher, als ich ihn auf einer Konferenz in Hannover sah, nachdem er kurz zuvor eine Operation überstanden hatte, bei der ihm einige Rippen weggenommen waren, hatte ich ihn kaum wieder erkannt und war erschrocken gewesen über sein leidendes Aussehen. Damals, wie gesagt, schien er mir wieder viel jünger geworden. Aber acht Tage später erhielt ich seine Todesanzeige. Eine Lungenentzündung hatte seinem Leben ein schnelles Ende gemacht. Seine dritte Frau überlebte ihn nur um wenige Monate.

Gleichzeitig mit Bartels lernte ich Stempel aus Hardt in der Rheinpfalz kennen, einen Enkel des Geschichtsschreibers Dittmar. Er hatte schon vor meiner Zeit dem Leipziger Verein angehört und kehrte nun nach längerer Abwesenheit nach Leipzig zurück. Stärkere Gegensätze als Bartels und Stempel konnte man nicht wohl denken. So weltoffen Bartels war, so in sich gekehrt war Stempel. Atmete Bartels' ganzes Wesen fröhlichen Optimismus, so neigte Stempel zum Pessimismus. Er war seinerzeit von Leipzig wegen eines Gemütsleidens weggegangen, über das er nicht gern sprach, und in dem Kahnis sich seiner väterlich angenommen hatte, dem er dafür in glühender Dankbarkeit zugetan war. Er war dann in Behandlung von Blumhardt in Boll gewesen und hatte nach seiner Wiederherstellung in Tübingen studiert, wo er, wie die meisten damals, die durch Tübingen gegangen waren, ein begeisterter Anhänger BecksJohann Tobias Beck (1804-1878) war ein evangelischer Theologe, Prediger und Schriftsteller.Siehe Wikipedia.org [112] geworden war. Und nach meinem Eindruck hatte er ihn besser verstanden als manche. An selbständigem Arbeiten und bohrender Gründlichkeit war er mit Schnedermann zu vergleichen, wenn er auch längst nicht an dessen Vielseitigkeit hinanreichte. Wir wohnten in dem Semester ziemlich nahe bei einander und haben viel miteinander verkehrt. Er war nicht gerade liebenswürdig. Aber er war ein aufrichtiger Mensch, und man konnte viel von ihm lernen. Er ist schon als Kandidat gestorben.

Es war eine ganze Reihe tüchtiger Leute, mit denen mich der Verein zusammenführte. Außerdem verkehrten bei uns als außerordentliche Mitglieder einige ausländische Theologen, denen man wegen mangelnder Beherrschung der deutschen Sprache eine Antrittsarbeit nicht wohl zumuten konnte, und einige Kandidaten der Theologie, die noch einmal studieren wollten und denen gegenüber wir uns natürlich nicht als quasi Examinatoren aufspielen konnten, von denen wir vielmehr zu lernen hatten. Auch unter ihnen waren mehrere tüchtige Leute. So der Schwede Rystedt, ein fröhlicher Mensch, der uns bisweilen schwedische Lieder voll wilder Lustigkeit vorsang, so der Schotte Gillieson, ein feiner Mensch, so der innige amerikanische Baptist Wright, so Gautier, der später Professor der Theologie in Lausanne wurde. Auch ein Neugrieche verkehrte eine Zeitlang bei uns, Philaretos Maphides aus Konstantinopel, der bärtige Türke genannt, was er sich lächelnd gefallen ließ, wenn er auch sonst von den Türken natürlich nichts wissen wollte. Er wurde Archimandrit und Professor in Chalkis. Endlich der treffliche Livländer Gäthgens, schon damals eine imponierende Persönlichkeit voll reichen Wissens und klarer Erkenntnis, dabei ein Charakter. So hat er sich auch als Generalsuperintendent von Livland in den bolschewikischen Wirren bis in den Tod bewährt.


[109] Ludwig Otto Ehlers (1805-1877) war ein evangelisch-lutherischer Pastor in Liegnitz, Kirchenrat und Superintendent.
[110] Das Epizentrum des Erdbebens lag 50 km südlich von Leipzig in Schmölln. Es führte zu Schäden an Gebäuden, etwa am Mauerwerk der Burg Posterstein.
[111] In Hermannsburg verbrachte der Autor seinen Ruhestand.
[112] Johann Tobias Beck (1804-1878) war ein evangelischer Theologe, Prediger und Schriftsteller.