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Mit dem Schlachtschiff Tirpitz in Norwegen

Pilze suchen 5. September 1942

Ich war heute nachmittag mit dem alten guten Leitenden Ingenieur an Land, wir sind drei Stunden in den Bergen und Wiesen herumgepatscht, um ein paar Butter- und Birkenpilze zu finden, ich konnte sie im Taschentuch heimtragen, das ich nachher mit meinen Strümpfen selbst auswasche. Sie haben aber gesotten mit Trockenzwiebeln ganz gut geschmeckt. Der Oberstabsarzt hatte ein paar neue Kartoffeln dazu besorgt, vom normalen Abendbrot gab es eine Scheibe rohen Schinken. Heute abend sahen wir dann den interessanten Kriminalfilm Rote Orchideen mit Olga Tschechowa und Camilla Horn, sehr spannend und gut gespielt. Die Luft wehte heute kalt von den Riesen, die erheblichen Neuschnee in der Nacht erhalten hatten, es glitzerte kalt in der schwachen Sonne.

Ich habe Stunden einem Sportfest in frischer Luft beigewohnt und bin entsprechend müde. Heute am 5. 9. kam ich vom 2 stündigen nicht sehr fündigen Pilzesuchen mit dem L.I. wieder, als Erholung von einer Exekution, die an Bord stattfand, über die ich nicht schreiben kann. Abends, nach reichlichem Abendbrot, ich hatte für die Messen einen ganzen Thunfisch gekauft, 6 Meter lang, sahen wir den sehr lustigen Film Der Mustergatte mit Rühmann. Ich habe kleine Kinder immer schon gern gehabt und habe meistens einen Bonbon für sie in der Tasche, den sie auch in dieser Einöde mit einem artigen Tak annehmen, die Mädchen immer mit der Andeutung eines Knickses.

Gestern abend hatte ich 3 Oberfähnriche zum Essen eingeladen, meine beiden und den von einem Kreuzer in der Nähe. Es war sehr nett, wie es eben mit jungen Menschen immer am nettesten ist. Ich entwickelte ihnen u.a. meine Ansichten über den Ausbau der Laufbahn und sie waren begeistert. Der Roman Randi gefällt mir immer mehr, es ist so viel gesunde natürliche Lebensfrische darin und alle Eheprobleme sind ehrlich angepackt und geschildert. Unbedingtes Vertrauen zueinander und ein Eingehen auf die Eigenarten des anderen sowie eine gewisse Duldung sind die Voraussetzungen für eine glückliche Ehe, die natürlich in Liebe mit dem Willen zum Kind geschlossen sein muß. Alle anderen Ehen kranken irgendwie, wie oft haben wir uns darauf aufmerksam gemacht.

Eben um 14 Uhr komme ich mit dem Kommandanten und anderen Offizieren von einer Schlepperfahrt zurück, die uns in ein Städtchen und von dort mit der Bahn nach der schwedischen Grenze führte. Wir sahen tief unten am Ende der Fjorde die Überreste der aufgelaufenen Zerstörer liegen, letzte Zeugen eines heldenhaften Kampfes. Die wilde Gegend, mit den kleinen gelben Birken auf den hohen Hängen, den starren kahlen Häuptern, z.T. hoch oben mit Schnee bedeckt, blutrote Flecken herbstlich gefärbten Mooses, war malerisch und abstoßend zugleich. Der Zug fuhr durch viele Tunnel, es regnete oft und war recht kalt. Endstation im Hochmoor, keine Bäume mehr, nur noch Sträucher und Moos und Flechte, ein paar einsame Holzhäuser für die Grenzwache, dann kommt Schweden. Auch hier liegen Soldaten, die in der starren toten Gegend tapfer aushalten. Die Fahrt hat mir viele Eindrücke vermittelt, die Natur spricht immer wieder am stärksten zu mir und gibt mir mein Fundament wieder. Ganz kurz besuchte ich an Bord in dem Hafen einen ehemaligen Schüler, sehr nett, der mir alle Hilfe bei der Abreise, Gepäck, Platzkarte usw. versprach. Es ist nämlich nicht leicht, eine zu bekommen. Um 19.00 Uhr gaben die Divisionsoffiziere den fortgehenden Stabsoffizieren ein Essen: Neue Kartoffeln mit Blumenkohl. Gestern nachmittag war ich mit dem Schiffsarzt 2 Stunden in den Bergen, wir haben Preißelbeeren gepflückt, abends waren wir Gast bei meinem Proviantmeister.

Es war stilles Wetter bei unserem Pilzausflug, ziemlich bedeckt, aber mit malerischer Wolkenbildung. Die kleinen Birken hatten sich schon ziemlich gelb gefärbt, wunderhübsch anzusehen über dem dunklen Stein oder grünen Bewuchs. Wir kletterten tüchtig, fanden einige winzige Walderdbeeren und Himbeeren. Einige Kameraden hatten auf einem Hof einen Weißkohl erstanden, für uns ein Leckerbissen. Ich ging mit dem Schiffsarzt auf einen ärmlichen Hof, wo sich 4 Kinder tummelten, die erst sehr scheu waren, dann kam der Kleinste, ein frecher dicker Pummel mit einer Art roter Russenbluse, um mir den Bonbon aus der Hand zu reißen und schnell davon zu laufen. Dann folgte ein dickes freches kleines Mädchen mit Glubschaugen und erst auf wiederholte Aufforderung kamen die beiden größeren Mädchen etwa 4-5 Jahre und knicksten artig. Plötzlich kam ein noch größeres Mädchen, 7-8 Jahre, angerannt und erstaunte uns durch auffallende Schönheit und eine königliche Freiheit in Haltung und Miene, wie sie nur eine solche Nordgermanin zeigen kann. Der Arzt ist Psychologe, es war ein Genuß für uns beide, die Art zu beobachten, wie dieses Mädchen den Bonbon nahm und aß. Das Boot brachte uns in 20 Minuten durch die stille Bucht wieder zurück.

Wieder einmal ein Zwischenbericht, den ich morgens um 7 Uhr in der kleinen Messe des braven Schleppers schreibe, dessen Schrauben unermüdlich die kalten Wasser der Fjorde mahlen und deren Erschütterung sich auf meine Schrift überträgt. Gestern haben wir den ganzen Tag geladen, leider peitschten am Vormittag Regenböen mit Hagel gemischt herunter und verwandelten die ungepflasterten Wege in Wasser und Schlammfelder. Das nächste Mal fahre ich mit Seestiefeln. Das Wasser war sehr bewegt, was das Einladen nicht gerade erleichterte. Wir lagen vor dem Schuppen des Verpflegungslagers, aber noch hinter einem weiteren kleinen Fahrzeug, das gleichzeitig entladen werden sollte und aus dem wir auch etwas bekommen sollten. Nun tanzten die beiden Fahrzeuge nebeneinander wild auf und ab, die Kräne rasselten, Ladebäume schwankten und Säcke und Kisten schwirrten durch die Luft, von vielen kräftigen Armen aufgehalten und verstaut. Auf dem Pier stapften in ihren grüngrauen dicken Mänteln russische Kriegsgefangene hin und her, die meisten mit ausgesprochen mongolischem Typ, mit verwunderten Augen die fremde Welt um sie herum betrachtend. Gegen Abend riß noch einmal die Wolkendecke auf, der Regen hatte endlich aufgehört, was ich wegen des Mehles, Kaffees und Salzes sehr begrüßte. Abends war dann glücklich alles binnen. Ich war wieder in dem Hotel untergebracht, jetzt lernte ich schon das dritte Zimmer kennen. Am Bett hatte ich nur auszusetzen, daß das Deckbett entweder oben oder unten zu kurz war. Gegessen habe ich natürlich immer an Bord, denn mit den Hotels in T. ist diese Niederlassung kaum zu vergleichen. Für den nächsten Tag hatte ich seeklar für 6 Uhr festgesetzt, da es jetzt erst spät hell wird. Ich war natürlich schon um 5.45 auf. Bald kam auch der Soldat, um mein Gepäck zu holen, da sah ich, daß der erste Schnee auf das Land gefallen war. Die Berggipfel sind ja schon lange bedeckt. Natürlich war in den Straßen ein gewaltiger Matsch entstanden, die Höhen hinauf standen die gelben Birken seltsam über dem losen dünnen Schnee. Bald ging es denn nach dem Ablegen wieder los, ein liebliches Gemisch von Regen und Schnee. So wird es nun bleiben, bis der Winter sich durchgesetzt hat und klare Kälte kommt. Punkt 12 Uhr kamen wir wieder bei unserem Schiff an, ein schöner Sonnenschein beleuchtete die jetzt bis zur Hälfte verschneiten Berge. Das Ausladen ist jetzt, um drei Uhr, glücklich beendet, denn ein Hagelwetter braust zur Abwechslung hernieder. Um ½ 8 Uhr bin ich mit mehreren Herren beim Kommandanten eingeladen, es soll frische Kartoffeln und Gemüse geben, dazu Pfannkuchen. Ich habe mich einem umständlichen Bade hingegeben und mich für heute abend geschmückt. Erdmenger wird auch dabei sein, außer anderen auch noch ein Professor aus Holland, der Vorträge hält.

Es ist Sonntag, friedlich in meiner Kammer, der Lautsprecher gibt Frontberichte aus dem Osten, ich bin allein. Nach dem Essen will ich mit dem Schiffsarzt in eine etwas entlegene Gegend fahren, sonst ist ja alles von Soldaten überschwemmt, auf die Berge steigen und Land und Leute betrachten. Gestern abend war es mal sehr nett beim Kommandanten, außer Erdmenger mit Ritterkreuz war ein älterer Kommandant von einem Flakkreuzer und 2 junge Torpedobootskommandanten da, von denen ich mich mit einem Kapitänleutnant gut unterhielt. Es kam dann mal ein anderes Thema auf, H.J.-Erziehung, Elternhaus, Religion, so war es anregend und nicht als verlorene Zeit zu betrachten.

Gleich nach dem Essen habe ich mit dem Schiffsarzt, dem Chirurgen einen Preißelbeer-Pflück-Ausflug in die weitere Umgebung gemacht. Sagenhafte Vorkommen, in kleinen Trauben hingen die reifen Früchte teilweise auf dicken Moospolstern hingebettet. Wunderschöne Ausblicke von Bergeshöhen in die große Bucht, drei Stunden waren wir unterwegs. In ein nettes Häuschen auf halbem Wege traten wir ein, ein Opi, eine Oma und weitere Insassen empfingen uns nicht unfreundlich, obgleich wir als Offiziere ja verdächtig sind. Aber wir bekamen einen großen Krug guter Vollmilch, dazu Grammophonmusik, ein junger sympathischer etwa 20 Jahre alter Mensch setzte sich zu uns, konnte sich auch etwas mit uns unterhalten. Er hatte alles aus dem Umgang mit deutschen Flaksoldaten gelernt. Im kleinen Bücherschrank Konservationslexikon, Brehms Tierleben, Norwegische Geschichte. Ich hinterließ einige Zigaretten und Bonbons.