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Mit dem Schlachtschiff Tirpitz in Norwegen

Trondheim – 16. Januar 1942

Nun sind wir bald an unserem Ziel angekommen, es ist so, wie ich mir schon dachte. Warm ist es gerade nicht, aber ich finde es nicht so kalt wie dort, woher wir kommen, es mag wohl der Einfluß des Golfstroms sein. Ich habe jedenfalls Gelegenheit, innerhalb der kurzen Stunden des Tageslichtes Vergleiche mit Eindrücken bei früheren Reisen in die gleiche Gegend zu ziehen, die allerdings unter freundlicheren Verhältnissen stattfanden. Zu irgendwelcher Sorge ist keinerlei Anlaß, ich habe vielmehr welche, weil jetzt fortwährend von Bombardierung norddeutscher Städte die Rede ist.

Hier haben wir bei Tage 11 Grad Kälte, brrr. Ich habe einen Marsch von 10 Minuten auf der Schanz gemacht, bin dann aber reumütig in meine warme Kammer zurückgekehrt. Alles ist weiß ringsum, die felsigen Berge, auf denen kümmerliche Fichten und Birken ihr Leben fristen, wo sie eigentlich ihre Wurzeln lassen, ist mir ein Rätsel. Die paar Stunden, in denen es hell ist, gaben der Landschaft ein schönes Gepräge, allerdings sind bei dem niedrigen Stand der Sonne nur die Bergspitzen beleuchtet. Das Wasser ist nicht gefroren, da es vom Golfstrom angewärmt ist, es entsteht nun die seltsame Erscheinung, daß in die kalte Luft Dämpfe aufsteigen und so die Unwirtlichkeit der Gegend noch erhöhen. Morgen fahre ich mit einem Schlepper in eine 2 Stunden weit entfernte Stadt, (Anm. JV: Trondheim) um mich nach Versorgungsmöglichkeiten umzusehen. Es ist natürlich alles viel interessanter als daheim, und man kann nun zeigen, was man kann. Ich habe jetzt ein Abkommen wegen meiner Wäsche getroffen: ich gebe meine künftig immer mit dem Kommandanten ab. Da wird nun doch ein bißchen besser acht gegeben, das ganze ist ein Problem für das Schiff, vor allen Dingen die Wäscheträger. Nach den Aufzeichnungen unseres Meteorologen – wir haben 2 an Bord – ist es bei euch bitter kalt. Mein Radio spielt klangvolle Weisen, die zum Träumen einladen, ich bin dann manchmal von einer traurigen Fröhlichkeit oder einer fröhlichen Traurigkeit, es ist eine Art Galgenhumor zur Selbsterhaltung. Es ist gut, daß meine Stellung mich zwingt, immer vorbildliche Haltung zu zeigen, besonders meinen Kameraden eine innere Haltung vorzuleben, ohne dabei Jesuit oder Puritaner zu sein. Es ist kein Pharisäertum, wenn ich sage, daß die Haltlosigkeit gewisser Kameraden mich in meiner Haltung bestärkt. Ich habe mich dem Bohnenkaffee hingegeben. Der PK Mann hat mir eben ein wundervolles Foto vom Ansturm des fremden Landes geschenkt.

Ich war vorhin 10 Minuten draußen, es sind 18 Grad Kälte, die ins Gesicht biß. Im Rundfunk sang Lale Andersen ein Seemannslied, ich mag die weiche tiefe Stimme gern hören.

So haben wir den Kaiser-Wilhelm-Kanal passiert, der schon kleine Eisschollen führte. Es war bitterkalt, aber die Mädchen von der Rendsburger Kolonialschule ließen sich nicht abhalten, uns begeistert zuzuwinken. Es ist ja immer ein Erlebnis, so mitten durch das Land zu fahren. Allerdings war es verschneit und den Krieg merkte man an den vielen Flakstellungen, besonders bei den Hochbrücken. Wie lange habe ich die Nordsee nicht befahren!

Was Kurt Voigt nicht schreiben durfte:

Da Hitler eine alliierte Landung in Norwegen fürchtete, gab er den Befehl, eine Kampfgruppe zu bilden, die als entsprechende Sicherung nach Norwegen verlegt werden sollte. Am 14.1.42 begann das Unternehmen Polarnacht, die Tirpitz verlegte mit vier Zerstörern in den Faettenfjord in der Nähe von Trondheim, war dort am 17.1. Schon am 29.12.41 hatte Großadmiral Raeder die Aufgabe der Tirpitz umrissen: Das Schlachtschiff soll die deutsche Position in Norwegen stärken und den arktischen Raum vor der Flankenbedrohung durch feindliche Operationen gegen die nördliche norwegische Küste schützen.

Gestern kam ich nicht zum Schreiben, da der ganze Tag mit einer abenteuerlichen Fahrt nach der zwei Stunden entfernten Stadt ausgefüllt war. Am 18.1. abends hatte ich mit einem kleinen Umtrunk die zur Heimatverwaltung Brake abkommandierten Soldaten, die dort die Friedensgebührnisse weiter berechnen sollen, verabschiedet und sie noch getröstet, da sie durchaus an Bord bleiben wollten. Es war nun etwas umständlich, mit allen Kisten und Seesäcken von Bord zu kommen, denn es ist um 9 Uhr noch stockfinster und dazu 24 Grad Kälte. Unten an der Bordwand schaukelte der kleine Schlepper, an einem Seefallreep klomm man herunter, alles übrige wurde an Leinen herabgelassen, u.a. auch ein Kranker mit einer Transporthängematte. Obgleich sich alle so warm wie möglich angezogen hatten, ich mit dicker Unterhose, Strickjacke und weißem Wollschal, krochen wir schleunigst in die kleine Kajüte, wo wir 2 Stunden wie die Ölsardinen gepreßt saßen, es war aber wenigstens schön warm. Ab und zu ging man hinaus, die eisige Schönheit der Landschaft zu bestaunen, die Sonne ging auf und rötete mit ihren schrägen Strahlen die Berggipfel, die in feierlichem starren Weiß prangten. Vom Wasser stieg in Schleiern der neblige Dunst herauf. Der Hafen war dann verreist und nun begann die Kletterei über die vereiste Reling auf die ebenfalls vereiste Pier. Das Gepäck mußte herauf, ein Wagen mußte beschafft werden und erst als alles in Ordnung war, stapfte ich mit meinem Stabe in die Stadt, die vielleicht so groß wie Flensburg ist und im Sommer sehr nett sein muß. Es war überall lebhafter Betrieb – langsames Gehen verbot sich von selbst – und man konnte nach langer Zeit wieder nichtuniformierte Menschen sehen, von denen vor allem die weiblichen in hübschen Pelzjacken und Pelzkappen auffielen. Nach allen dienstlichen Erledigungen landeten wir um 1/2 drei in einem Restaurant, das ganz nett war, wo viele deutsche Soldaten verkehrten. Es gab aber nur noch Fisch, der nicht so schön war, wie ich erwartete. Die Frischfischzeit ist noch nicht gekommen und Konserven sind rar, weil es kein Blech gibt. Die Versorgungslage der Bevölkerung ist ziemlich schlecht, es ist nichts mehr da und es kommt nichts nach. Um vier Uhr nachmittags sollte der Schlepper wieder abfahren. Leider mußten wir noch eine Stunde im Hafen warten. In der kleinen Kapitänskajüte, die über einen Radioapparat verfügte, drängte sich alles zusammen. Das Dunkel hatte sich über die Landschaft gesenkt und tausend Sterne strahlten in eiskalter Pracht. Um 7 Uhr waren wir wieder bei unserem treuen Schiffchen angelangt, ein letztes Klimmen über das Seefallreep und dann nahm die Messe uns gastlich auf. Sehr müde von den Eindrücken, dem ungewohnten Laufen und der Kälte ging ich bald in die Koje.

So gehen die Tage dahin, gottlob nicht immer so kalt, das Wetter wechselt auch hier stark. Gestern abend waren die neuen 10 Kriegsoffizieranwärter beim Kommandanten, dazu I.O., ich und zwei andere Offiziere. Man hört mal etwas aus einem anderen Gesichtswinkel heraus. Eben ¾ 8 fängt Hans Fritsche an zu sprechen. Heute nachmittag war ich beim Kommandanten, der den Admiral zu Besuch hatte. Es war interessant, da von ihm und seiner Umgebung viel über Land und Leute gesprochen wurde. Eben kommt mein guter Dinse wieder von Land zurück mit einer riesigen Tüte Krabben, die hier bedeutend größer sind als in Wilhelmshaven, aber leider auch mehr gesalzen.

Es war noch tiefe Nacht, als wir um 8 Uhr den Schlepper bestiegen, gleich kletterten wir in das kleine aber warme Logis des Kapitäns, wo sich alsbald zwei Skatgruppen bildeten. Ich las derweilen etwas, das Schifflein arbeitete sich unermüdlich durch die Kälte. Als wir nach etwa 2 Stunden glücklich ankamen, wollte die Sonne gerade in dem blaßblauen Himmel aufgehen, die Berge färbten sich auf ihren weißverschneiten Spitzen rosa, ein reizendes Bild. Ich hatte für mich und meinen Zweiten einen Wagen an die Pier bestellt, mit dem wir unsere Geschäfte erledigten, sonst schafft man es nicht, der Wind ist auch zu kalt für ein langes Laufen. Abends bin ich dann mit einem Omnibus zurückgefahren, insofern interessanter, als man von der (im Sommer) sehr reizvollen Gegend mehr sah als auf dem Wasser. Aber auch das dauerte 2 Stunden bis in die Dunkelheit hinein, um 7 Uhr nahm uns unser Luxusdampfer wieder in seine warmen Arme. Mittag gegessen habe ich mit dem Kommandanten, dem 1. Offizier, dem Leitenden Ingenieur und dem Arzt im besten Hotel, das leider sehr kalt war, da nicht genügend geheizt werden kann. In der Mitte des schönen Raumes ist ein Palmengarten, der oben mit Glas gedeckt ist. Für Spanien sehr praktisch eingerichtet. Es dauerte auch sehr lange, bis wir alles bekamen, Krabbensuppe und Fisch, leider nicht warm genug, dazu tranken wir Mosel.

Heute wurden meine Heizkörper nachgesehen. Mein elektrischer Ofen ist wie alle anderen eingezogen und in die obere Kartoffellast gewandert, damit die dortigen 450 Zentner nicht erfrieren, die hier eine Kostbarkeit darstellen. Für den inneren Schiffsverkehr lasse ich jetzt an Land für 70.000,- Kantinengeld drucken, da das andere aus dem Umlauf gezogen wird. Später werde ich statt der Notlösung Papier auch Metallgeld prägen lassen können. Unter Radiogedudel lese ich Selbstbildnis eines Gentleman, eine beißende Satire von einem Schotten MacDonald geschrieben, da ist alles dran.

Wir sind vom Autoausflug zurückgekommen und mit dem Abendbrot wieder aufgetaut. Ich hatte eine Pelzmütze mit Pelzohrenklappen geliehen, die man unten zusammenbinden kann, hohe gefütterte Stiefel, Schal und Pullover, aber es war sogar im geschlossenen Auto noch kalt. Es war eine prächtige weiße Landschaft, zerklüftet und wild, aber aber… . An einer Stelle brach der Wagen durch den überkrusteten Schnee und sackte mit den Rädern ein. Wir raus, geschaufelt, geschoben und gemacht, daß er wieder flott würde. Alles in wilden Bewegungen, damit man den eisigen Wind nicht so merkte. Schließlich erreichten wir einen Sommerausflugsort, der aber einen ziemlich verlassenen Eindruck machte. Wir fanden schließlich ein kleines Hotel, altmodisch eingerichtet, wo wir an Plüschmöbeln beim eisernen Ofen saßen und uns bei einem Ersatzkaffee und wenig schmackhaften Kuchen wärmten. Die Rückreise war nicht wärmer, denn langsam wurde es immer dunkler. Mond und Sterne glänzten in kalter Pracht. Zum Abendbrot um ½ 7 waren wir wieder zuhause. Ach wenn man sieht, wie die Kameraden von der Landflak in kleinen Gruppen in der unwirtlichen Einsamkeit hausen, kommt man sich beschämt wie ein Plutokrat vor.

Mein Gesicht glüht, theoretisch bin ich auf dem Wege zum Städtchen, praktisch habe ich mit einigen Kameraden auf den Autobus gewartet, der aber nicht kam, wahrscheinlich, weil im Städtchen Fliegeralarm war. Da sind wir dann um die hübsche Bucht herumgewandert und haben unser Schifflein von der anderen Seite bewundert, (Anm. JV: im Faettenfjord) ein Boot erschien und wir sind frostrot (so um 20 Grad herum) nach einer Stunde an Bord zurückgekehrt. Ich wollte nämlich mit einem Kameraden in ein WHW-Konzert fahren und versprach mir davon eine langentbehrte Abwechslung, da man hier ja nur Musik aus der Büchse hat. Viele sind auch einfach so in die Berge zum Skilaufen oder Rodeln. Eben kriege ich Nachricht, der Autobus ist gesichtet.

Der Autobus war glücklich angekommen, wir mit dem Boot an Land mit geringer Beteiligung hinein, immerhin war ein Prinzlein dabei, der Oberfähnrich Prinz von Holstein, ein sehr netter bescheidener Junge. Die Fahrt war schön, mit der Sonne am frühen Nachmittag noch über dem Horizont, eine Winterlandschaft. In der Dämmerung kamen wir in der Stadt an. Zuerst gingen wir in Müllers Restaurant etwas essen, Taschenkrebse in ziemlicher Größe gefielen uns nicht so, aber nachher gab's ein schönes Fischfilet, dazu aber 2 Pellkartoffeln. Im Deutschen Haus (früher Freimaurerloge) war im Musiksaal das Konzert, von einer vorzüglichen Militärkapelle ausgeführt. Besonders die Fanfarenmärsche verfehlten ihre Wirkung nicht. Zum größten Teil waren die Besucher natürlich Soldaten, es waren aber auch deutsche Frauen darunter. Nun, es war mal etwas anderes und der Obermusikmeister hatte es so straff und schön aufgezogen, nachher auch mit dem Soldatenchor, daß man seine Freude hatte.

Wir waren mit dem Kommandanten beim General in der Stadt. Untergebracht ist der Stab in dem dafür beschlagnahmten feinsten Hotel, nach 1 ¾ stündiger Fahrt in 4 Autos kamen wir kurz nach 19 Uhr an, wurden von vielen Armeeleuten freundlich in der Halle empfangen, reizende Serviermädchen in schwarz-weiß kredenzten einen Cocktail als Willkommenstrunk. Die hübschesten waren bereits mit deutschen Soldaten verlobt. Dann ging es zum Essen, das einfach aber schmackhaft war: erst Irish Stew, dann Brot mit Wurst bzw. Rollmops. Später zerstreute man sich auf nette Räumlichkeiten, man hat in Norwegen ja eine gute Wohnkultur. Drei Damen waren dabei, Offizierstöchter, die bei der Dienststelle arbeiten. Es gab noch eine Tasse dünnen aber guten Kaffee und nachher Bier. Die netten Herren am Tisch ließen aus eigener Tasche Sekt auffahren. Um 11 Uhr war Aufbruch, alles war enttäuscht, vor allem unsere Gastgeber, aber wir mußten ja noch fast 2 Stunden durch die weiße Mondlandschaft fahren, über Berg und Tal, und dann eine kurze Strecke an Bord. Kommenden Sonntag hat mich eine Division eingeladen zur Teilnahme an einem bunten Nachmittag im Deutschen Haus in der Stadt. Ich nehme meinen getreuen Zweiten mit, der wie mein Schatten und ganz auf mich eingestellt ist. Ich habe heute dem guten O. eröffnen müssen, daß er vermutlich am 1.4, abkommandiert wird und ein K.O. Anwärter für ihn aufrückt. Er ließ die Ohren hängen, ist seit Indienststellung an Bord und hat nichts erlebt. Ich kann's verstehen.

Gestern war ich im … .Stab, um die s.Zt. kennengelernten Damen zu einem Divisionsfest heute nachmittag im deutschen Haus einzuladen. Es sind 200 Mann und etwa 100 Mädchen. Kakao, Kuchen und Musik, ich habe dieselbe Tischdame, leider hat sie einen Hüftfehler und hinkt ein wenig, schätzungsweise Anfang 30. Aber nicht häßlich und sympathisch. Diese Damen leben wie Nonnen unter Aufsicht der älteren vorgesetzten Offiziere, müssen für jede Unternehmung Erlaubnis einholen.

Eben wird die stolze Nachricht vom Durchbruch der schweren Schiffe durch den Kanal unter der Führung von Ciliax durchgegeben. Von uns mit gemischten Gefühlen aufgenommen, aber nicht ohne daß eine gewisse Hoffnung verblieben ist. Eine schwere Schlappe für den Engländer, nach dem Verlust von Singapur. Wir haben wieder 6 Grad, ich zittere um 400 Zentner Kartoffeln, die ich mir heute über Land holen lassen muß. Kein Spaß bei viermaligem Umladen. Ich hatte neulich Pech, da ist mir durch Rohrbruch eine große Menge verbrüht und zu Grus und Mus, das war viel Schweine- und Schererei.

Was Kurt Voigt nicht schreiben durfte:

Am späten Abend des 11. Februar 1942 brachen die Scharnhorst, die Gneisenau, die Prinz Eugen aus Brest aus. Hitler hatte befohlen, daß die Schiffe durch den Kanal laufen sollten, um in Norwegen zur Tirpitz zu stoßen. Dieser waghalsige Rückzug war nach Hitlers Meinung notwendig, um die Schiffe vor den britischen Bombern zu schützen. Norwegen hielt er für einen künftigen Brennpunkt des Krieges. Er war fest überzeugt, daß die Westalliierten durch einen Angriff auf Nord-Norwegen näher an die Sowjetunion heranrücken wollten. Das Unternehmen Cerberus überraschte die Engländer völlig. Die englische Bevölkerung war wütend über die Unverschämtheit der Deutschen.