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Mit dem Schlachtschiff Tirpitz in Norwegen

Im Trollfjord

Heute bin ich mit meinem Oberproviantmeister und einem kleinen Gefolge durch alle Räume der Verpflegung gekrochen, bis zu den tiefsten Tiefen des Schiffes. Ich habe 28 verschiedene Räume gezählt. Nun kommt noch der Verwalter, die Kantinen, die Schreibstuben. Ein beachtlicher Laden, beruflich war es sehr wertvoll, daß ich die Verwaltung eines solchen Riesenschiffes mal beherrschen lernte. Kummer genug und Arbeit habe ich damit gehabt, das hat mich aber auch von meinen trüben Gedanken abgelenkt. Ich sah heute abend einen Film: Gold in New Frisco mit viel Reiterjagd, Knallerei und Rabatz. Er lenkte aber ab. Dazwischen die Sondermeldung, daß der Versuch einer Invasion der Engländer in Frankreich glänzend abgeschlagen worden ist…

Heute erlebte ich etwas Sonderbares. Wir fuhren mit dem Boot ½ Stunde in die bizarren Berge hinein, zu einem berühmten Fleck: da war es der Trollfjord, den ich vor 18 Jahren mit dem Zieten besucht hatte, ganz enge Einfahrt zwischen steilen himmelstürmenden Wänden, dann auslaufend in ein kleines Rund von bewachsenen Bergen, dahinter als Kulisse gletschertragende Riesen und zwischen beiden, von unten unsichtbar, der Bergsee hoch oben, den damals der Professor und ich suchten und wobei wir uns beim Rückmarsch noch verliefen und bis zur Hüfte durch den Gebirgsbach mußten. Damals war es der winzig kleine Zieten, diesmal lag ½ Stunde weit ab das größte Schiff seiner Art.

Der Dampfer ist längsseits gekommen, der unsere Sache in T. und auf der Insel abgewickelt hat. Ein improvisierter Schweinestall barg ein großes und drei kleine Borstentiere, die vor Kohldampf lauthals schrien, so daß man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Sie waren auf der langen Reise seekrank geworden und dünn wie Windhunde. Heute abend muß ich mit dem Oberproviantmeister überlegen, ob wir sie gleich schlachten oder irgendwohin an Land tun zum mästen, dann haben wir sie aber nicht, wenn wir plötzlich fortmüssen. Sechs unglückliche Hühner waren auch in einer Kiste, dazu Kaninchen, deren eines gestern eine Unzahl Jungen geworfen hat, die so groß und dünn sind wie weiße Mäuse.

Jetzt will ich der Einladung eines meiner V.O. folgen, der mich zu eingelegten Heringen und neuen Kartoffeln (an Land besorgt) eingeladen hat. Die Heringe waren in einer Art Sahnesoße eingemacht, dazu neue, in Butter geschwenkte Kartoffeln. Ein Göttermahl. Anschließend haben wir im Marionettentheater des Stabsarztes ein reizendes Hans-Sachs-Spiel gesehen. Das Theater selbst ist übermannshoch, die Figuren halbmannshoch und sehr charakteristisch modelliert: der Bauer, die Bäuerin, der fahrende Schüler, der die dumm-gläubige Bäuerin ausnutzt und betrügt, der Esel als Reittier, eine unglaublich gelungene Darstellung, die Lachstürme hervorrief. Beleuchtungseffekte wie auf einer Opernbühne, Musik von unserer Kapelle eigens von dem Musikführer dazu komponiert. Es wird schon alles Mögliche getan. Aber wie weit sind wir doch am Rande des eigentlichen heroisch-grausamen Weltgeschehens, das sich doch nun in der Hauptsache im Osten abspielt. Der Schiffsarzt zeigte mir heute bei einer Kaffeestunde in seiner Kammer aus seiner Militärarztzeitung Bilder über Augenverletzungen, mein Gott, wie entsetzlich ist das, wie sehr leben auch heute noch Menschen an dem tatsächlich vorhandenen Schrecken des Krieges vorbei, wobei der rasche Heldentod noch Gnade und Befreiung erscheint. Jeder Tag im Osten wird einmal in goldenen Lettern im Buch deutscher Geschichte eingegraben sein, und das ist nicht in billiger Begeisterung geschrieben, Opfer – du lieber Gott – auch von uns aus gesehen, die wir ein Anrecht zu glauben haben auf Anerkennung – was sind unsere Opfer gegenüber denen, die gebracht werden von diesen Kämpfern, von den Müttern, Frauen und Bräuten der toten und schwerverwundeten Helden. Wir wollen gerecht sein, noch ist es uns sehr gut gegangen, noch können wir jubeln in der Aussicht auf baldiges gesundes Wiedersehen. Wie viele können das heute nicht mehr. Und sie leben doch tapfer weiter. So wollen wir uns auch fassen, es gibt Schwereres, als wir durchzumachen haben.

Hier ist es schon herbstlich kalt und regnerisch, alle Wasserfälle schwellen mächtig an, neue bilden sich überall an den Berghängen. Ich habe schon seit Wochen nur Trockenkartoffeln. Dazu z.B. gestern einen Blumenkohl, dieses bescheidene Gericht war ein Festmahl. Heute abend bin ich mit Düwel beim Kommandanten. Es gibt eine Hühnersuppe vom letzten Huhn aus Tipitö, Ente und Fisch. Zwei große Transportkisten stehen schon bereit, meine angesammelten Habseligkeiten fortzuschaffen. Es ist ja eine weite Entfernung, wenn ich aber den Schwedenexpress bekomme, geht es in drei Tagen. Der Schiffsarzt fährt etwa zur gleichen Zeit, er wird Chefarzt im Lazarett Preetz. Eben hat mir mein Oberproviantmeister noch berichtet, er war im strömenden Regen in das Nest gefahren und hat allerhand geholt. So ein Riesendampfer verzehrt ja ungeheure Mengen. Dann wollte er mich zu seinem Huhn heute abend einladen, zu seinem größten Leidwesen mußte ich absagen, da ich ja schon beim Kommandanten bin. Er wollte mir aber ein Bein aufheben. Ich habe schon treue Seelen bei mir, das ist ein großer Trost.