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Mit dem Schlachtschiff Tirpitz in Norwegen

Orden und Ehrenzeichen

Ich war heute mit den Ärzten zu einem bäuerlichen Anwesen in einem kleinen Ort am Wasser. Frau Raven ist eine intelligente, einstmals sehr hübsche Bäuerin, die viel Arbeit hat, da die Pieken alle von der Tyske Wehrmacht eingestellt werden. Aber gastfrei und immer freundlich. Kaffee im guten Zimmer bereitet. Schön polierte helle Möbel in unbekleideten Holzwänden. Wie schon oft beobachtet, ein kleiner Bücherschrank mit erlesenen Büchern, die Geschichte des Landes, ein großes Lexikon, Mein Kampf in der Landessprache. Zwei Blumenköhler, etwas Sahne und 2 Eier waren die Ausbeute. Letztere habe ich aber an bedürftigere vergeben, ich bekomme genug zu essen. Ich habe vor allem verhandelt, um nochmal frischen Weißkohl für die ganze Besatzung zu bekommen. Und mit Erfolg.

Der I.O. hat es mir eben verraten. Morgen in der Offiziers-Sitzung wird der Kommandant dem Schiffsarzt und mir das vom Flottenchef verliehene EK II überreichen. Er macht es bei mir nicht ohne große Aufmachung.

Ich hörte, daß in der Oberfeldwebel-Messe eine Wilhelmshavener Zeitung ausliegt mit einem Nachruf für die 75 Toten des letzten Terrorangriffs. Ich ließ sie mir kommen bei lebhafter Beunruhigung. Heute nachmittag haben wir mit dem Kommandanten und etwa 10 Stabsoffizieren eine Fahrt mit dem sogenannten Fjordboot gemacht, einem schnellen Fahrzeug, das hinten ringsum eine Bank hat an der Reling, von der aus man die imposante Bergwelt mit ihren schon sehr tief über die Ohren gezogenen weißen Schlafhauben betrachten kann. Aber da die Sonne hinter dicken Wolken verschwand, war es ein etwas kühles Unternehmen, so daß man zeitweise gern zu einer Tasse Kaffee und einem Schnäpschen in ein kleines Logis zurückzog, in dem ein eiserner Ofen eifrig glühte und in dem wir alle gerade Platz fanden. Wir gingen dann 1 Stunde in einem kleinen Nest an Land und waren schließlich froh, wieder an Bord zu sein. Der vom Kommandanten angesetzte Film gab Ablenkung, es wurde gespielt Leinen aus Irland, ein ziemlich alter, aber guter Film, der immerzu riß, mit der reizenden Irene von Meyendorff. Vornehme junge Damen liegen ihr ja besonders.

Morgen ist Sonntag, da will ich vormittags mit dem Schiffsarzt zu dem Bauern, der mir Weißkohl für die ganze Besatzung verkaufen soll, Wir machen dann Hammelkohl daraus, ein fürstliches Gericht. Vorgestern bekamen wir auch endlich ein paar Ausgaben frischer Kartoffeln, alles stürzte sich darüber, ich mußte sie ordentlich unter Schutz nehmen. Es wird mir sonderbar vorkommen, daß ich nicht mehr die Sorge für 2 ½ Tausend Menschen haben werde – leicht ist es nicht immer gewesen, besonders, wenn die Menschen, mit denen man arbeiten muß, die Nerven verlieren. Da ich etwas psychologisches Geschick habe, ist es bis jetzt im Großen und Ganzen im Guten gegangen. Ich beneide meinen Nachfolger nicht, obgleich ich ihm ein eingefahrenes Instrument hinterlasse, das aber keinen Augenblick ungeführt bleiben darf. Man braucht ja dann und wann eine Aufmunterung zum Durchhalten, da hat mich ganz besonders herzlich gefreut, wie spontan die Zustimmung und von vielen aufrichtig gemeint der Glückwunsch zu meiner letzten Auszeichnung waren. Ein Kapitänleutnant, mit dem ich sonst wenig Berührung hatte, versicherte mir, wie sie alle es jetzt als Erleichterung empfänden, daß damit ein peinlicher Zustand beseitigt wäre. Dann darf ich es wohl mit gutem Gewissen tragen. Hier oben in dieser einmaligen Lage macht man sich über alles Mögliche Gedanken und nimmt vieles sehr ernst, weil man erkennt, um wie ernste Dinge es in diesem Krieg geht und weil man wirklich gelernt hat, nicht alles von der eigenen Person aus zu sehen, sondern alles in seinen Auswirkungen auf Volk und Vaterland zu betrachten.