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Mit dem Schlachtschiff Tirpitz in Norwegen

In Peer Gynt's Heimat

Es ist wieder einmal so weit, unser stolzes Schiff braust durch Peer Gynt's Heimat, vorbei an schroffen, wolkenverhangenen Felsen und flachen, begrünten Schären im Regen und ewiger Helligkeit nach Norden. Es ist sehr plötzlich gekommen, wie immer, denn Überraschungen allein sichern den Erfolg. Nach dem langen Warten geht es wie ein Aufatmen durch die Tausende, alles ist froh und gespannt. Augenblicklich hat mich der Schiffspfarrer beim Kriegstagebuchführen abgelöst.
Ich lese gerade in der heutigen Funkpresse, daß Flensburg einen Tagesangriff von 5 Bombern hatte, von denen 2 abgeschossen wurden. Ich bin sehr beunruhigt, daß es Verletzte gegeben hat, aber hierher werde ich kaum Nachricht bekommen, es ist schon ein Nervenkrieg. Abends: Die warme Abendsonne scheint wieder in die geöffneten Seitenfenster, die von den Panzerblenden befreit sind, wir liegen mit der ganzen Mahalla friedlich und abwartend in einem sehr nördlichen Fjord. Die meisten sind sehr traurig darüber. Heute abend gibt's den Film Fasching in der Messe, der mich ablenken wird. In der Nähe liegt übrigens auch Teichmann, gegenseitiger Besuch ist aber nicht. Ich war eben, um auszulüften, noch mal auf der Brücke und besah mir durch die guten Gläser die seltsame Gegend. Schnee liegt hier oben auf den höheren Bergen immer noch. Unser gutes Trondheim ist die reinste Riviera dagegen. In der Sonne ist es aber schön warm.
Eben komme ich von meiner Wache, der Pfarrer hat mich abgelöst. An der Kimm sind schon wieder die Berge zu erkennen, darunter das Nordkap, wo ich vor 17 glücklichen Jahren die Heiratserlaubnis bekam. Welch ein Wiedersehen! Ansonsten läßt alles den Kopf hängen, wir hatten uns das anders gedacht, aber da sind höhere Überlegungen, die den Ausschlag geben. Wir haben wegen Nebel in einer ganz unwahrscheinlichen Gegend geankert, in großer Nähe ragen steile Berge, diesmal noch ein gutes Stück nach oben begrünt mit Wiesen und Buschwerk, in den klaren Himmel, der nie dunkel wird. Am schmalen Uferrand einige rote bescheidene Häuschen, wenig Menschen, soweit man's durchs Glas sehen kann. Den Geleitzug hat ja nun leider die Luftwaffe schon kurz und klein geschlagen. Wir gehen noch nicht nach T. zurück, werden zunächst ein anderes Quartier wählen.

Mal endlose Weite, mal riesenhohe Berge ringsumher, letztere meist in Wolkenschleiern und Nebel, dann wird es kalt. Der Lotse sagte heute, oberhalb Tromsö sollte niemand mehr wohnen, das müßte verboten werden. Und der muß es ja wissen. Leben kann hier nur der, der hier geboren ist. Eben hat der Domprobst mich abgelöst am Kriegstagebuch, ich gehe in die Koje. Wir hoffen ja, nach dieser leider ergebnislosen Unternehmung von hier wieder nach T. verlegt zu werden, denn hier ist es trostlos, es sind immer noch 2 Stunden bis Narvik

Heute bin ich mit dem Schiffsarzt, dem Chirurgen und meinem Zweiten in Narvik gewesen, 1 ½ Stunden mit dem Schlepper. Eine feuchte, nicht sehr warme Temperatur, die Wolken tief in die Berge hinunter hängend, alles wie auf einer Bühne mit 2/3 herabgelassenem Vorhang. Unterwegs stieß der L.I. eines unserer Nachbarn zu uns, mit einem Vollbart behaftet, unangenehm geschwätzig, anscheinend animiert vom letzten Abend. In der Nähe von Narvik noch Anzeichen der historischen Geschehnisse, auf den Strand gelaufene Dampfer, immer noch Mastspitzen aus dem Wasser ragend, im Hafen zerstörte Landungsbrücken und Teile von gesprengten Kriegsschiffen – sonst leidlich in Ordnung. An Stelle vieler zerstörter Häuser, die jetzt russische Kriegsgefangene einebneten, Baracken. Es hatte viel geregnet, die Straßen, die leider kein Pflaster haben, ein einziger Schlamm, wir sahen schön aus unten herum. Ich fand mich bald zurecht, ließ meinen Kassenleiter Geld holen und traf einen älteren Ostmärker, ziemlich energisch für seine Landsmannschaft, der ist nun schon 1 1/2 Jahr hier! Er kann während des Krieges nicht an Ablösung denken. Alles will wieder nach T. in den Süden, wie bescheiden man doch wird.

Anscheinend bleiben wir doch noch einige Zeit hier, der Kommandant will nun sehen, alles, was sich in Tromsö angesammelt hat, mit einem Flugzeug hierher zu bekommen. Und das wird nicht wenig sein. Die Männer vermissen natürlich viel, ihre mit viel Mühe angelegten Thingplätze, die Gärten und Blockhäuser auf dem Berge, die schöne Insel Tipitö, die jetzt wohl im warmen Sonnenglanze liegt, während hier die Felsen halb in den Wolken stecken und die Sonne mit aller Gewalt nicht durchkommt, um die kühle Erde zu wärmen. Aber das hilft ja alles nichts, man muß sich bescheiden. Ich begrüße es sogar, den in der Nähe gelegenen, durch die kriegerischen Ereignisse berühmt gewordenen Ort mal mit eigenen Augen gesehen zu haben. So bald wird man dann wohl nicht wieder hierher kommen.

Gestern mußte ich mit dem Stab der Befehlshaber und dem Kommandanten nach einer kleinen Stadt in der Umgebung, das erste Mal mit einem Schnellboot, das die Strecke in 1/3 der Zeit, nämlich 2 Stunden machte. Aber es war kein Genuß, die Motoren dröhnten, daß man sich nicht unterhalten konnte und ein eisiger Fahrtwind in dem sonnenlosen Wetter ließ einen bis auf die Knochen frieren. Viele Tage lang haben wir nun schon kein Stückchen blauen Himmel gesehen, geschweige denn die Sonne. Ich versuchte meine Aufträge in 2 Stunden in der schmutzigen kleinen Hafenstadt zu erledigen, die hohen Herrschaften hatten inzwischen besichtigt und Kaffee getrunken. Dann ging's im Heidi wieder 2 Stunden zurück. Ich war ziemlich kaputt und entschuldigte mich um 11 Uhr bei einer Einladung, die der I.O. an den Kommandanten, Reinicke vom Nachbarschiff und mich hatte ergehen lassen. Und jetzt muß ich gleich wieder die neue Reise inszenieren. Aber viel Arbeit lenkt ab, und diese Ablenkung brauche ich doch jetzt sehr. Heute kam im Radio wieder die Nachricht durch, daß auf Flensburg Störangriffe erfolgt seien. Was soll man darunter verstehen? Hoffentlich, daß sie keine Bomben geworfen haben. In Danzig haben sie ja wieder schrecklich gewütet.

Ich fahre heute mit einem kleinen Kriegsschiff dorthin, um mit 25 Soldaten aller Kategorien unsere Geschäfte abzuwickeln und den gesamten Nachschub zu holen. Wir werden etwa 30 Stunden fahren, da das Wetter aber endlich besser geworden ist und auch die Sonne sich
sehen läßt, kann es interessant werden. Ich hoffe, in 3 Tagen wieder zurück zu sein. Des Nachdenkens und aber auch des Briefeschreibens hat mich eben der I.O. enthoben, der über eine Stunde hier war. Na ja, wie gesagt, man muß nur die Nerven behalten.

Ich schreibe an Bord des braven Minensuchbootes, das mich mit meinem Abwicklungskommando viele Meilen südlich nach Tromsö trägt. Die Schrift ist etwas zittrig, weil das ganze Schiff schüttelt, viel mehr natürlich als unser dicker Kasten. Gestern mittag fuhren wir bei strahlendem Sonnenschein ab, durch phantastisch geformte riesige Felsenbrocken, in 1500 m Höhe große Schneefelder, im Schein der hier nicht untergehenden Mitternachtssonne, die rötlich verschleiert über dem Horizont stand. In halber Höhe einzelne Felsmassen, Wolkenbänder, darüber ragt wieder der Gipfel in die blaßblaue Luft. Um ½ 12 ging ich schlafen, nach einer kleinen Weile schlief ich wohl als Auswirkung der vielen frischen Luft schnell ein und wachte gegen Morgen mehrmals auf, um immer wieder einzuschlafen. Um ½ 9 stand ich dann auf, gab meinen Männern um 10 Uhr in einer Sitzung einige Richtlinien für die Arbeit in T. und aß dann um 12 Uhr Mittag mit den Offizieren des Schiffes, die natürlich nur abwechselnd kommen konnten. Ein Oberleutnant als Kommandant, 2 Wachoffiziere, ehemalige Handelsschiffsoffiziere, sehr freundlich. Es ist doch ein eigener Reiz, mit einem kleinen Schiff zu fahren, man kann die Vorliebe der jungen Soldaten dafür wohl verstehen.
Ich höre grade, daß wir in spätestens einer halben Stunde da sind. O wie lieblich ist diese Gegend hier schon im Gegensatz zum hohen Norden. Ich sitze in Strümpfen, denn ein treuer Matrose putzt mir gerade die Schuhe, die Sonne ist wieder da und es wird schön warm. Zuerst werde ich ersuchen, meine Männer ordentlich unterzubringen, denn an Bord können sie nicht schlafen.

Nun bin ich schon wieder auf der Rückfahrt, unermüdlich stampfen die Maschinen des kleinen Kriegsschiffes dem großen Bruder zu, ein weiteres keucht hinterdrein. Ich habe meinen Auftrag erfüllt, wenn es auch manchmal etwas abenteuerlich zuging, um in der kurzen Zeit fertig zu werden.

Heute vormittag war schönstes Wetter, man sah die Leutchen auf dem kärglichen Land spazieren gehen oder zur Kirche gehen. Ein kleines Schiff hat auch seine Vorzüge, ich habe mich schnell eingelebt auf Grund meiner Zieten Erinnerungen, bin natürlich auch prompt wieder in eine offene Last vor der Messe gefallen, aber kein Bluterguß wie damals, nur belanglose Abschürfungen am Schienbein. Wir haben noch eine kleine Verspätung gehabt, jetzt laufen wir gerade in unsere Bucht ein, unser stolzes Schiff ist schon zu sehen.

Hier wechselt das Wetter sehr, gestern schrieb ich von Tropenhitze, heute ist es kühl. Ich habe mit dem L.I. einen 3 ½ stündigen Gang nach einem kleinen Nest am Wasser gemacht, ganz interessant, zuletzt liefen wir immer im Regen.

Meiner Mahnung, nichts zu glauben als die amtlichen Berichte, sei ja immer eingedenk. Der Feind weiß, wie leicht der Deutsche auf Greuelmärchen hereinfällt und versucht es immer wieder, oftmals mit Erfolg. Übrigens kann ein U-Boot unser Schiff nicht versenken, höchstens beschädigen, aber auch das ist nicht so einfach.

Heute am Sonntag war ich von 10 – 12 mit dem Kommandanten und I.O. nach einer Richtung der Bucht, von 16 – 19 Uhr mit dem L.I. nach dem anderen Ende, das zu einem Bergmassiv führt, auf dem noch Schneefelder liegen. Leider fing es mächtig an zu gießen, schließlich stellten wir uns in den Hauseingang eines kleinen Bauernhofes. Eine junge Frau kam nach einer Weile neugierig heraus und gab uns dann frische Ziegenmilch, die wir gut bezahlten. Die Verständigung war etwas schwierig, aber die Zurückhaltung legte sich, wir wurden sogar in die Küche geführt. Unter dem Einfluß der englischen Hetze sind die deutschen Offiziere die Kriegstreiber, die armen Soldaten die Verführten, daher bekommen letztere auch schon mal Eier usw. gegen Zigaretten.
Ich bin heute nachmittag allein an Land gefahren, ein Stück durch die Felder und Wiesen an den Berghängen gelaufen, und wenn ich ein kleines Kind sah, so arm ist man manchmal in der Fremde, warb ich um ein kleines Lächeln durch ein Bonbon. Aus einem Haus scholl am Wegrand Gesang und Spiel, selten hier oben. Ich setzte mich auf einen großen Stein in der Nähe und hörte zu. Da fand mich der Kommandant, der von einem längeren Spaziergang kam und nahm mich mit. Ich pflückte ein paar seltene Gräser und fuhr mit ihm in seinem K.-Boot noch ein Stück spazieren und dann an Bord.

Ich war mit einem Kameraden von 5-7 nachmittag in den Bergen, trotz fortwährendem Regen, aber es war schön, sich auszulaufen. Es ging auf teilweise sehr nassen und glitschigen Wegen zu einem kleinen Bergsee, der rings von starren Wänden eingeschlossen war, von denen unzählige Wasserströme und Fälle rannen. Unter den kleinen Birken und Erlen waren lauter Heidelbeerpflanzen, wir fanden aber keine reifen Beeren. Menschen waren nicht da, ab und zu bimmelte eine kletternde Kuh. Heute regnet es wieder, es ist herrlich hier!...

Seit gestern ist Sommerwetter, mit einem Schlage ist alles wie verzaubert, die mürrische, triefende Bucht mit den kalten grauen Bergen hat sich in eine heitere bunte Landschaft verwandelt, die in seltsamem Kontrast steht zu den fernen, hohen schon wieder mit Neuschnee bedeckten Gipfeln, die früher immer in dichten Wolkendecken steckten. Gestern bin ich mit einem Teil der Besatzung zu den Unterkünften einer Flakbatterie gefahren, wo eine K.D.F-Gruppe Vorführungen geben sollte. Vorher hatte ich alle Hände voll zu tun mit der Organisation einer kleinen Expedition nach T., um unsere letzten Reste abzuholen, u.a. auch die Schweinchen, die jetzt völlig verwaist waren. Da wir hier an Land kein neues Idyll gründen können, wollen wir sie schlachten und aufessen. Eines war leider schon gestorben, wahrscheinlich vor Trennungsschmerzen. Nachdem also die Expedition zusammengestellt war, fuhr ich bei herrlichem Wetter hinüber. In einer geräumigen Baracke war ein ziemlich großer Festraum eingerichtet worden mit einer kleinen Bühne, auf der sogar ein gichtbrüchiges Klavier stand. Ein im Weltkrieg 12 mal verwundeter Kammersänger aus Stuttgart machte die sympathische Ansage, sang auch schöne Sachen, begleitet von einer durch ihr Kleid leider etwas lächerlich wirkenden ältlichen Dame, die sich aber als Meisterin auf dem Klavier entpuppte, Sachen von Grieg usw. spielte. Sie war sehr dick und hatte sich über ihre enormen, etwas formlosen Formen ein duftiges weißes Kleid gestülpt, das hinten reichlich ausgeschnitten war. Aber ihr Spiel und ihre gewinnende Art zu lächeln machte alles wieder gut. Drei weitere junge Damen tanzten und sangen, u.a, auch Rezitationen von Eugen Roth Ein Mensch. Die Tänzerin war leider spindeldürr, sonst hätte man ihr Gewand, das mit ihren Reizen nicht geizte, mehr begrüßen können. Alle gaben sich erdenklichste Mühe und wurden mit donnerndem Beifall belohnt.

Am nächsten Tag war unser Ausflug, wir zogen mit vier Mann los, jeder hatte einen handfesten Birkenstock, selbstgeschnitzt versteht sich, der sich später als sehr notwendig erwies. Wir liefen auf das Bergmassiv im Inneren der Bucht zu, von der ich dir schon erzählte. Wir liefen nun an dem großen See entlang und wollten zu dem Wasserfall. Es war in dem moorigen Boden ein beschwerliches Gehen, mehr ein Springen und Hüpfen, ab und zu durch wilden Birken- und Erlenwuchs, niedrig zwar, aber urwaldmäßig. Dann kam der Gebirgsbach angebraust von dem großen Wasserfall. Durch enge Felsenschluchten hatte er sich gefressen und zwei konnten es nicht lassen, zogen sich nackedei aus und hüpften in das Gebrause. Es war aber sehr kalt, und ich tat es nicht, weil ich zu erhitzt war. Wir sind bis auf diesen kleinen Aufenthalt stramm drei Stunden gelaufen, es ist mir gut bekommen, ich bin etwas eingebrannt…

Jetzt sind wir so akklimatisiert, daß wir uns an den Zustand jetzt sogar verstärkter Isolierung gewöhnt haben, was man denn so gewöhnen nennt. Man lebt ein Scheinleben, wie hinter einem Vorhang, der eines schönen Tages zerreißen wird. Der Kommandant hat die allabendlich abschließende Lili Marleen abgelöst und ein von einer herrlichen Altstimme gesungenes Wiegenlied eingeführt, dessen wundersame, herzergreifende Melodie ich leider nicht schildern kann. Ich habe die ersten Worte schnell mitgeschrieben, der Schluß kommt später:

Zur guten Nacht
Klingt für dich dieses Lied,
möge es zart
streicheln dein Gemüt
und fragen
wirst du mir auch treu sein,
für immer auch treu sein,
und immer recht lieb
bis morgen früh … (hier weiß ich nicht weiter)