© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2020
https://ewnor.de / https://www.erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit dem schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Die nachfolgenden Seiten wurden in Sütterlin verfasst; wählen Sie bitte:
 zurück zur Normalansicht 

Mit dem Schlachtschiff Tirpitz in Norwegen

Ostern 1942

Jetzt zu Ostern scheint es so, als ob der Winter überwunden wäre, es ist nicht mehr so kalt, aber Schnee liegt überall noch und das Auge wird geblendet durch das grelle Weiß in der Sonne. Ich war gestern mit einem schönen Wagen (etwas ganz seltenes) in der Sondermission in der Stadt, ausnahmsweise schien ab und zu die Sonne, es war ein frühlingshafter Tag. Mittags aß ich feierlich mit dem General und allen Offizieren als einziger Mariner – es gab übrigens Schneehuhn – anschließend mit dem General, einem prächtigen alten Herrn, in kleinem Kreis eine Tasse Kaffee. Dann fuhr ich mit Frl. F. mit der Straßenbahn (Das Auto darf für Privatfahrten nicht benutzt werden) zu einem bekannten Skiabsprung die Berge hinauf, eine wunderhübsche Fahrt, alles überfüllt, sehr viel deutsche Wehrmacht. Oben ein mäßiger Skibetrieb. Frl. F. hatte gottlob noch eine Sonnenbrille mitgebracht, sonst wäre es unerträglich gewesen. Wir sind dann ein Stück abwärts gelaufen (ein Hauptmann hatte mir seine Gummischuhe geliehen) und schließlich mit der Straßenbahn zurück. Schließlich richtete ich bei dem kranken Frl. L. im Krankenhaus noch meine guten Wünsche aus und gab ein Osterpaket vom Kommandanten ab und fuhr schließlich befriedigt mit meinem sympathischen Fahrer aus Köln an Bord, wo ich bei Dunkelwerden anlangte, um gleich zum Bericht beim Kommandanten befohlen zu werden.

Ich hatte Glück, es war ein frühlingshafter Tag mit 10 Grad Wärme und Sonne, die man hier ganz besonders lieben lernt. Ich bin die Berge hinaufgezogen, nur daß man buchstäblich durch strömende Bäche watete, denn das Wasser schoß förmlich von den Bergen aus der Schneeschmelze. Oben war eine herrliche Luft, das Städtchen lag weit unten im Sonnenlicht, die Förde erstreckte sich weit zu den schneebedeckten Bergen in seltener Klarheit. Ich war hinterher schön müde körperlich. Wurde es aber später noch mehr, denn der Dampfer konnte uns nicht finden und langte erst gegen 3 Uhr an, besser noch als das stumpfsinnige Anbordbleiben, bei dem doch nur nachher der Becher geschwungen wird. Ich halte mich allerdings sehr zurück.

Sonntag kamen 3 Herren vom höheren Kommando um 10 Uhr. Nach gründlichen Besichtigungen, die meine jüngeren Herren durchführten (ich war derweilen zum Vortrag beim Kommandanten und Befehlshaber) aßen wir gemeinsam Mittag, dann wurde weiter besichtigt, Kaffee getrunken und dann waren sie natürlich nicht von Bord zu kriegen. Um 10 Uhr winkten wir ihnen glücklich von der Schanz Lebewohl – 3 Freunde mehr gewonnen und vieles Interessante erfahren. Jedenfalls ständen sie alle lieber im Osten als hier. Es geht ihnen also ähnlich wie uns. Heute war alle Mann achteraus, Rede des Kommandanten und nachher ein Glas Sekt in der Messe auf das Wohl des Führers. (20. April) Die letzten Fähnriche sind nun Leutnants. Ich habe einen ganzen Wald von VO's um mich herum. Ich habe viel Arbeit und muß viel kämpfen, werde aber hier bei den maßgebenden Stellen anerkannt und gelobt. Im Verband habe ich mich jedenfalls durchgesetzt, wenngleich einige ältere VO's dabei sind.

Heute früh nach dem Essen hämmerte einer immer zu in der Nähe, da habe ich meinen Zweiten genommen und bin mit ihm auf den Felsen hinauf. Bis 50 m haben die Männer schon Steige gemacht aus gefällten Baumstämmen und Felsbrocken, die sie aus dem ziemlich weichen Schiefer brachen, so wie die Steige in der Sächsischen Schweiz, manche mit Geländer. Viele Divisionen bauen sich Blockhütten. Dann gingen wir mehrere 50 m über Moos, Geröll und Gestrüpp und da lag auf der anderen Seite in einer Mulde ein Gehöft. Von dem ging ein romantischer Weg zu einer anderen Mulde mit einem Gehöft, das Milch abgeben sollte. Auf der kargen Weide vor dem Haus sprangen zwei kleine muntere Knäblein mit einem hübschen Hühnerhund umher. Mit einem spielten wir zu seiner großen Freude Fußball. Dann gingen wir in das ärmliche Wohnhaus (der Stall mit der Scheune steht immer gesondert und ist rot angestrichen) und baten um etwas Milch. Eine freundliche Frau machte in der aufgeräumten Wohnstube gerade Reinschiff, hörte aber sofort auf, schleifte zwei Stühle herbei. Dann kam ein freundliches junges Mädchen von etwa 16 Jahren, sehr dünne Beine, brachte einen kleinen Tisch mit einer Decke und setzte darauf einen großen Krug mit Milch und zwei Gläser auf einem Tablett. Alles sehr einfach, einfache gestrichene Möbel, karg wie das Land. Die Menschen aber freundlich. Ich wollte nicht lange von Bord sein, darum brach ich bald auf, aber die Vollmilch schmeckte herrlich. Etwas tiefer in der Bucht wird durch Gemeinschaftsarbeit aller Besatzungsangehörigen ein Sportplatz aufgeschüttet, mit Felsbrocken und Schotter darüber. Das gibt Abwechslung, da die Männer ja doch nur alle 14 Tage mal ins Städtchen kommen.

Gestern bin ich mit dem Kommandanten und einer Kommission zu einer schönen hügeligen Insel gefahren, um sie nach Möglichkeiten für ein Ausspannen eines Teils der Besatzung zu überprüfen. Da war ein Bauernhof, z.T. verlassen, mit ganz schönen Räumen und vor allem einem herrlichen Ausblick. Im Stall standen noch ein junger, ziemlich wilder Bulle und eine Kuh. Alles andere hatte man schon fortgebracht. Dort werden wir nun versuchen, einen kleinen Ausspann einzurichten. Heute mittag war ich beim Kommandanten mit dem Nav. Offz. eingeladen, es gab gekochte Lachsforelle mit sehr festem rötlichen Fleisch.

Die Sonne ringt sich ab und zu durch, aber der Wind ist noch kühl, es war wieder ein Kälteeinbruch. Ich bin mit meinem Zweiten nach dem Essen auf den Berg geklettert, um nach unserem Bauernhof zu sehen, oh weh, sie waren alle fort, mit Hühn und Perdühn und Soldaten bevölkerten die einst so friedliche Stätte. Aus war es mit der schönen Milch und ein Traum von Eiern verweht. Aber die Birken stecken schon kleine grüne Spitzen heraus und Leberblümchen und Anemonen sind da. Auch in meiner Kammer sind die letzteren, sie erinnern mich an die schönen Wälder um Swinemünde und an den Glücksburger Wald mit seinen vielen glücklichen Erinnerungen. Aber es tut nicht gut, sich oft zu erinnern, man muß die Zähne zusammenbeißen. Nur gut, daß ich mit Arbeit und Besuch bis über beide Ohren eingedeckt bin, dann kommt man nicht so zum Nachdenken.

Ich war gestern mittag im Dom, der innen prächtig ist, man konnte aber nicht überall hin, denn es war in einem Teil Konfirmation, die man von Ferne beobachten konnte. Der leierige Tonfall des Priesters in dem herrlichen Haus fiel besonders auf. Nachmittags war natürlich keine Sonne, aber Frl. Franke ist tapfer mit mir 2 Stunden im Regen herumgehinkt, nachdem wir mit der Straßenbahn ein Stück hinausgefahren sind. Es war trotzdem schön, weil es nicht mehr so kalt war und die ersten Knospen zu sehen waren, besonders die Lärchen sahen reizend aus. Und dann konnte man weit über die seenartige Förde sehen, in der Ferne Berge mit Schnee im Sonnenglanz, denn das Städtchen liegt zwischen Bergen meist im Dunst und Wolken. Ich war sehr erfrischt hinterher, es ist so selten, daß man sich das leisten kann. Die Heimfahrt an Bord erfolgte im Hellen, da man bis 10 Uhr noch gut Zeitung draußen lesen kann.

Wir haben zur Abwechslung seit heute morgen blauen Himmel mit kräftigem Ostwind, der zwar kühl ist, aber der Sonne zum Durchbruch verholfen hat. (Du gehst durch all meine Träume, singt eine warme Altstimme im Radio.) Heute vormittag war ich mit dem Rollenoffizier auf unserer Insel, (Anm. JV genannt Tipitö) um mich vom Fortgang der Arbeiten zu überzeugen. Die Aufräumungsarbeiten waren schon so ziemlich beendet, einige Räume ließen die künftige Wohnlichkeit ahnen – man kann nur hoffen, daß das Idyll nicht gestört wird bzw. nachher genutzt werden kann. Wenn ich bedenke, daß ich in der Führervorlage als künftiger Amtschef stehe; wenn man dann fälschlich annimmt, daß das mit meinem Einverständnis geschehen ist, wird man mich für größenwahnsinnig halten. Na, wie dem auch sei, wir werden ja sehen was daraus heraus brütet, hoffentlich zum Guten der Marine. Übrigens traf ich in einem der Räume auf der Insel, in dem die Malerleute eifrig pinselten, einen schönen großen langhaarigen, braunen Hund mit ziemlich dünnem Kopf, der aber liebreizende Augen hatte. Er war bei der Bahnstation in unserer Nähe aus dem Zug gesprungen und von der Flak mitgenommen worden, die uns hier betreut, von da zu unseren Leuten gewandert, die ja auch meist tierlieb sind. Ich habe in meiner großen Vase immer Zweige mit ganz jungen Blättern, die ich neu vom Felsen pflücke, wenn die alten welk sind. Jetzt kann ich sie schon mit halbgeschlossenen Knospen pflücken, die in der Wärme der Kammer bald aufgehen und dann einen künstlichen Frühling vortäuschen. Dazu prangen in einer kleineren Vase Anemonen und Leberblümchen, die es weiter oben auf dem Berg reichlich gibt. Was man so alles macht. Manchmal bin ich auch stinkewütend, ich könnte mir dann die Pest an den Hals ärgern – aber das liegt dann wohl daran, daß ich nicht weit genug über den Dingen stehe. Etwas hilft es immer schon, wenn ich dann den Berg hinauflaufe und zwischen Tannen und Birken, Anemonen, Leberblümchen und wilden winzigen Primeln herumklettere.

In meiner jetzt sehr hellen Kammer, obgleich ich nicht Sonnenseite habe, ist wieder frisches Grün, hauptsächlich Birke, mit schon recht stattlichen Blättchen. Die habe ich mir gestern abend allein geholt, von der anderen Seite unserer Förde, wo mich für eine Stunde ein Boot absetzte. Ich folgte der Straße, die neben einem brausenden Gebirgsbach in ein schönes Tal führt, das von hohen steilen, baumbewachsenen Bergen eingeengt wurde. Die abendliche Sonne lag auf den Bergspitzen, eine silberne Mondsichel schwebte zart im blaßblauen Himmel. Als ich mit meinem Maibusch zur Anlegestelle kam, innerlich gehoben von dem kurzen aber eindrucksvollen Spaziergang, wurde mir gemeldet, daß jetzt eine Offz.-Sitzung begänne. Es wurde ½ 12, da war ich zu müde zum Schreiben. Heute nachmittag fahre ich mit dem Kommandanten zu seiner Insel, um die Vorbereitungen zu prüfen, die er für morgen befohlen hat, wo er in seinem Blockhaus Kaffeegäste bewirten will. In das wieder instandgesetzte Bauerngehöft soll auch allerhand Vieh, die Futterfrage ist aber das Schwierigste, da es an Kraftfutter fehlt. Schweine könnte man mit unseren oft reichlichen Abfällen wohl mästen, aber es müßten mindestens vier sein, daß es einmal fürs ganze Schiff langte. Es tauchen immer wieder neue Probleme auf.

Heute bin ich viel mit dem 1. Offizier zusammen gewesen, über Mittag sind wir mit dem Autobus zu einem großen Wasserfall mit einem Kraftwerk gefahren – landschaftlich schön. Aber es gab nicht die erwarteten herrlichen Forellen, sondern mit Not und Mühe ein Wurstbrot. Um ½ 4 sind wir reumütig zurückgefahren, es lag aber daran, daß der Massenbesuch zu Pfingsten alles kahlgefressen hatte. Unsere Urlaubstage liegen ja leider wegen der Urlauberdampfergestellung nicht gleichmäßig mit dem Kalenderwochenende. Wenn es warm ist, ist Sonntags alles überfüllt, ½ davon Soldaten aller Waffengattungen. Gestern abend waren wir im Häuschen eingeladen, Frl. F. war die erste Zeit auch dabei. Frl. L. tritt nach ihrer Entlassung eine längere Kur an und bleibt dann in der Heimat, da kranke Mädchen hier in dem rauen Klima nicht gebraucht werden können. Mir tut es leid für sie, war ein netter Kerl. Die drei vom höheren Kommando haben überhaupt ein unbegrenztes Zutrauen zu mir, manchmal etwas peinlich, man gleitet als angehender älterer Herr doch langsam ins Väterlich-Onkelhafte hinein.