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Arnsdorf, 1852 bis 1857 — Familienfeste

Teil 1 - Arnsdorf, 1852 bis 1857

Kapitel 10 - Familienfeste

Der damalige Hirschberger Bürgermeister war Vaters Universitätsfreund MeitzenAugust Meitzen (* 16. Dezember 1822 in Breslau; † 19. Januar 1910 in Berlin) war ein deutscher Statistiker und Nationalökonom.Siehe Wikipedia.org [43], später Professor der Nationalökonomie in Berlin, verheiratet mit einer Tochter aus dem Regenbrechtschen Hause. Auch dahin wurden wir öfter mitgenommen. Ebenso in das kinderreiche Haus des Pastors Werkenthin, der von Wang nach Hirschberg übergesiedelt war. Endlich möchte ich noch den ehrwürdigen Superintendenten Roth in Erdmannsdorf erwähnen, der, Alexanders Pate, seine Liebe zu meinem Vater auch auf uns übertrug.

Unser bester Freund und liebster Spielgefährte aber war Herr Jäkel, der Hilfslehrer. Sollte das Spiel uns wirklich Freude machen, so musste er dabei sein. Wie herrlich spielte sich's mit ihm auf der Landstraße vor unserm Hause schwarzer Mann oder im Richterbüschel Kämmerchen vermieten. Und was für ein Vergnügen war's, mit ihm einen Spaziergang zu machen und dabei allerlei hübsche Lieder von ihm zu lernen. Wer müde war, wurde dann vielleicht von ihm Huckepack getragen. Zu Vaters Geburtstag übte er uns ein, womit wir ihn ansingen mussten. Vor allen Dingen durfte er am Weihnachtsabend nicht fehlen. Kantor Richters hielten ihren Weihnachtsabend, da sie Herrn Jäkels Assistenz auch nicht entbehren wollten, einen Tag früher. Noch als wir sowohl als er von Arnsdorf fort waren, war es eine besondere Freude, wenn er sich zu den Ferien ansagte, um wie ein Ausdruck Ellys lautete, der von ihm mit Freuden akzeptiert und zum geflügelten Wort unter uns wurde, mit uns lauter dummes Zeug zu machen. Als er in der Schule das Wort uns lehrte: Ein jeglicher guter Baum bringet gute Früchte, hielt ich jeglich, das er in schlesischer Weise aussprach, für ein von Jäkel abgeleitetes Eigenschaftswort, das natürlich etwas Gutes bezeichnen musste. Vater sagte noch lange nachher, dass ich nie wieder so eifrig gewesen, als da ich bei Herrn Jäkel in die Schule ging.

Weihnachten und Geburtstage erwähnte ich. Wie in allen Häusern, in denen ein inniges Familienleben herrscht, so waren das auch für uns Höhepunkte des Jahres, an die sich unsere schönsten Erinnerungen knüpfen. Schon der Tag, an dem die Eltern zum Christmarkt fuhren und wir das Reich für uns hatten und in holden Erwartungen lebten, hatte seinen eigenen Zauber. Ich erinnere mich dieser Tage allerdings aus der Arnsdorfer Zeit noch nicht. Sie entzogen sich damals wenigstens noch meinem Bewußtsein. Dass aber in der Zeit vor Weihnachten allerlei Geheimnisse in der Luft schwebten, dass der Zutritt zu einem gewissen Zimmer uns verschlossen war, dessen entsinne ich mich auch aus jenen Jahren, und ich habe mich nie versucht gefühlt, den Schleier dieses Geheimnisses zu lüften, waren wir überhaupt von den Eltern zum Gehorsam erzogen, so verstand ich doch auch schon damals, dass Weihnachten einen Hauptreiz für mich verlieren würde, wenn ich dies und das, was ich zu erwarten hatte, schon vorher erführe. Einmal kam ich am Weihnachtszimmer vorbei, als die Tür zu demselben von Mutter, die darin beschäftigt war, unversehens offen gelassen worden war. O Mutter, rief ich, die Tür steht offen! Mutter, die wohl gerade von ihrer Stelle nicht loskonnte, antwortete einfach: Mach die Augen zu!, und ich tat es gehorsam.

Am heiligen Abend war in Arnsdorf wenigstens regelmäßig Christkirche – Christnacht nannten wir sie. Mitgewesen bin ich auch schon, ob mehr als einmal, weiß ich nicht. Einen brennenden Tannenbaum in der Kirche kannte man damals noch nicht. Dass die Leute an ihren Plätzen Lichter hatten, genügte schon, die weihnachtliche Stimmung hervorzurufen. Ob die Kinder mit Lichtern in den Händen unter Gesang in die Kirche zogen, wie es mein Vater hernach in Bärsdorf einrichtete, weiß ich nicht mehr, da ich als Schulkind keine Weihnachtsfeier in Arnsdorf erlebte. Jedenfalls empfand ich die Christkirche als eine sehr angenehme Abkürzung des Wartens auf die Bescherung, wie mir das erst in Bärsdorf zum Bewusstsein kam, wo wir in den ersten Jahren keine Christkirche hatten. Der Ton der Glocke, die in das Weihnachtszimmer ruft, der Tannenduft, der schon durch die noch geschlossene Tür herausströmt, der Lichterglanz, der beim Öffnen der Tür das Auge blendet, das alles sind Dinge, die sich unvergesslich einprägen, und die ihren Zauber nie verlieren. Dann das Suchen der Plätze, der Jubel, wenn man den seinen gefunden hat, das gegenseitige Zeigen der Gaben.

Weihnachtslied, <q>die schönste Zeit…</q>
Weihnachtslied, Die schönste Zeit, die liebste Zeit

Unauflöslich ist mir das Heysche Die schönste Zeit, die liebste ZeitSiehe Liedtext in der rechten Spalte: Wilhelm Hey: Funfzig Fabeln für Kinder - Kapitel 78 [44] mit Weihnachten verknüpft. Die Mutter lehrte es uns vor Weihnachten, solange ich denken kann. Unterm Christbaum sagten wir die Verse auf, als wir größer waren, zogen wir gleich unter dem Gesang des Liedes in das Weihnachtszimmer. Besonders geliebt wurde von uns der Vers: Am Himmel hoch, am Himmel hell, da gehet auf ein Glanz gar schnell. Ich nannte den Stern der Weisen, der über der Krippe glänzte, die auch nie unter dem Christbaum fehlen durfte, den Glanz. In späteren Jahren war, um das gleich vorwegzunehmen, die Herstellung der Krippe Alexanders Werk, der von jeher eine kunstfertige Hand besaß, von Bärsdorf eine Zeitlang bei einem Buchbinder in die Lehre ging. Was auf unseren Weihnachtstischen niemals fehlen durfte, war ein Wachsstock, mit dessen Licht wir dann die ersten Wochen nach Weihnachten stolz zu Bett gingen, und ein Honigkuchenmann für die Mädchen – wegen seiner Größe Riese Goliath genannt – eine Honigkuchenfrau für uns Jungen. Den ersten, den ich erhielt, Weihnachten 1855, aß ich am Morgen des ersten Weihnachtstages, während die Eltern in der Kirche waren, mit Stumpf und Stiel auf, zur Entrüstung Alexanders und Marie Gärtners, die im singenden Ton mir zuriefen: O du altes Fressermaul und natürlich nicht verfehlten, es der aus der Kirche heimkehrenden Mutter brühwarm zu erzählen, von der ich dann selbstverständlich auch meine Schelte bekam.

Nicht die geringste Freude am Weihnachtsabend war, dass wir an demselben, schon als wir noch recht kleine Büsel waren, das Recht hatten, bis zehn Uhr aufzubleiben. Wie schön gerade unsere Weihnachtsabende waren, geht schon daraus hervor, dass die Gräfin Rothkirch später in Bärsdorf eigens zu denselben wiederholt sich bei uns einlud, um am Jubel der Kinder sich zu erfreuen. Und auch in Köslin sagte unser Direktor Röder, der seine Weihnachtsabende sehr einsam zu verbringen pflegte, als wir ihn zum letzten Male wenige Wochen vor seinem Tode zum neuen Jahr gratulierten, er hätte unser am Weihnachtsabend gedacht, in Gedanken wäre er durch alle ihm bekannten Häuser der Stadt gegangen und hätte sich gefragt, wo es wohl am schönsten wäre, und da wäre er bei unserem Hause stehen geblieben.

Auch die Geburtstage, die eigenen sowohl als die der Eltern und Geschwister, waren besondere Festtage. Ein besonderer Glanz ruhte auf Alexanders Geburtstag, der nur wenige Tage vor Weihnachten fiel und schon immer etwas von dem Weihnachtsschimmer im Voraus erhielt. An meinem ersten Geburtstage, dessen ich mich entsinne, als ich drei Jahre wurde, bekam ich die Masern. Ich sehe mich noch des Morgens an meinem Geburtstagstisch stehen. Nachmittags, als Großmutter und Tante Emilie zu der unvermeidlichen Schokolade und dem nie fehlen dürfenden Topfkuchen – Babe sagt man in Schlesien – kamen, lag ich mit einem unbeschreiblichen Gefühl der Übelkeit auf dem Sofa. Dann entsinne ich mich noch, wie ich die Tage darauf im Bette lag und Mutter einer Bekannten, die sie besuchte, die roten Flecken auf meinem Körper zeigte. Dass Alexander zu gleicher Zeit auch die Masern bekam, habe ich erst später erfahren. Als ich größer wurde, war mein Geburtstag besonders, da er bei dem erwachenden Frühling meist schon das Spielen im Garten gestattete, eine Einladung für allerlei Freunde. Auch Ostereier wurden wohl an ihm, da er ja stets in die Nähe des Osterfestes fiel, gesucht, wenn nicht meine Erinnerung, eben wegen des nahen Aneinanderfallens beider Tage, beides miteinander kombiniert.


[43] August Meitzen (* 16. Dezember 1822 in Breslau; † 19. Januar 1910 in Berlin) war ein deutscher Statistiker und Nationalökonom.
[44] Wilhelm Hey: Funfzig Fabeln für Kinder - Kapitel 78 - Die schönste Zeit, die liebste Zeit, Sagt's allen Leuten weit und breit, Damit sich jedes freuen mag, Das ist der liebe Weihnachtstag…