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Arnsdorf, 1852 bis 1857 — Kirche und Pfarrhaus

Teil 1 - Arnsdorf, 1852 bis 1857
Kapitel 3:
Kirche und Pfarrhaus

Ziemlich in der Mitte des Dorfes standen die beiden Kirchen, die katholische westlich, die evangelische östlich. Die katholische Kirche, die ältere, hat jedenfalls zu den Kirchen gehört, die zur Zeit der Gegenreformation den Evangelischen weggenommen waren. Denn das Dorf war zu drei Vierteln evangelisch. Und aus dem Munde meines Vaters habe ich gehört, dass die Evangelischen in der Zeit nach dem 30-jährigen Kriege den acht Stunden weiteren Weg nach der nächsten evangelischen Kirche, der zu Probsthain, gemacht hätten. Erst nach dem Breslauer Frieden 1712, durch den Schlesien an Preußen kam, hatten die Evangelischen die Erlaubnis zur Erbauung eines Bethauses erhalten.

Im Jahre 1755 hatten sie dann eine stattliche Kirche erbaut. Sie hatte zwar zur Zeit meines Vaters noch keinen eigentlichen Turm – erst zur Zeit des Nachfolgers baute sich die Gemeinde unter erheblichen Opfern einen solchen – sondern nur einen Dachreiter mit einer kleinen Glocke. Im Innern aber war sie durchaus würdig und ließ keineswegs eine arme Gemeinde vermuten. Sie hatte zum Beispiel eine Orgel mit 32 klingenden Stimmen. Die Ölgemälde früherer Pastoren schmückten sie. Mir sind besonders die Deckenmalereien erinnerlich, die Szenen aus der LeidensgeschichteDer Leidensweg Jesu Christi, d. h. sein Leiden und Sterben samt der Kreuzigung durch die Römer in Jerusalem. [16] darstellten und mir großen Eindruck machten. Als die Kirche 1855 ihr 100-jähriges Jubiläum beging, verfasste mein Vater eine Festschrift, betitelt: Aus der Vergangenheit von der Gegenwart für die Zukunft, in der er Mitteilung über den Bau der Kirche und die Geschichte der Gemeinde gab. Übrigens hatte die evangelische Gemeinde das Mitbenutzungsrecht an dem schönen Geläut der katholischen Kirche, das aber, weil der Turm derselben es nicht tragen konnte, in einem eigenen Glockenhause hing. Wir waren mit dem Glöckner, der übrigens meines Wissens evangelisch war, befreundet, und ich bin oft mit ihm zum Glockenstuhl gestiegen, habe auch daher ein dauerndes Interesse für Glocken und Kirchtürme behalten.

Nördlich an den Kirchhof sich anschließend mit der Front nach Westen lag das Pfarrhaus, ein zweistöckiger massiver Bau mit großem mansardenförmigem Schindeldach. Unten lag rechts vom Eingang die ursprüngliche Wohnstube, die aber, solange ich denken konnte, nur als Koch- und Gesindestube benutzt wurde. Links vom Eingang waren nur Kammern, die nicht bewohnbar waren. Die eigentlichen Wohnräume lagen im Obergeschoß, zu dem eine gerade Treppe führte, rechts vorn heraus des Vaters Studierzimmer, mit einem Fenster nach Süden und dem Blick auf Kirche und Gebirge, und zweien nach Westen mit Blick auf die Straße. Daran schloß sich das Schlafzimmer, das, obwohl es ziemlich schmal war, doch Raum hatte für die Betten der Eltern und dreier Kinder. Auf der anderen Seite des Schlafzimmers, mit demselben durch eine Glastür verbunden, das Wohn- und der Mutter Arbeitszimmer. Der Mutter Nähtisch stand am südlichen Fenster auf einem erhöhten Tritt.

Nach Osten ging das Zimmer über einen schmalen Hof mit einem Röhrbrunnen, der sein köstliches klares Gebirgswasser in einen steinernen Trog ausspie, in den Garten mit von Buchsbaum eingefassten geradlinigen Wegen. Gleich hinter dem Eingang standen zwei Zypressen, die mir in meiner Erinnerung wenigstens sehr groß vorkommen. Rechts an der mit dem Kirchhof gemeinsamen Mauer war eine Laube. Dem Ostende zu erhöhte sich der Weg etwas und ließ uns in das freie Feld und ein in einiger Entfernung gelegenes kleines Gehölz, das Richterbüschel, hinausblicken, wo wir öfter mit Geißen uns lagerten und wo am Johannisabend die Johannisfeuer abgebrannt wurden, zu dem man die abgebrauchten Reiserbesen vom ganzen Jahr her sammelte. Dahinter rauschte die Lomnitz, ein Gebirgsbach, der nach dem Bober zu eilte, an dem Hirschberg liegt, für gewöhnlich nur wenig Wasser mit sich führte, im Frühjahr aber, wenn der Schnee im Gebirge schmolz, zu einem reißenden Gebirgsbach anschwoll, ja nach besonders schneereichen Wintern über die Ufer trat und das ganze Tal überschwemmte.

Im Frühjahr 1859 – wir waren damals nicht mehr in Arnsdorf, konnten aber, da wir grade in diesem Jahre mit unserm Vater wieder einen Besuch in Arnsdorf machten, uns mit eigenen Augen von der angerichteten Verwüstung, überzeugen – wurden zwei Brücken, die über die Lomnitz führten, eine wie für die Ewigkeit gebaute mächtige steinerne Bogenbrücke, und eine erst wenige Jahre zuvor einige hundert Schritt südlich von ihr errichtete, von den wilden Wassern, die Baumstämme und mächtige Felgblöcke mit sich führten, mitten durchgerissen. Beide Brücken führten in das längs dem andern Ufer gelegene Dorf Steinseiffen. Die Straße dahin führte am Kirchhof vorbei, bog am südlichen Ende desselben links ab, vorbei an dem Galgenberg, einem kleinen Hügel, auf dem noch der berüchtigte Dreibein stand. Zu Steinseiffen gehörte auch noch der Ortsteil Birkicht, in einem Gehölz von schönen Tannen gelegen mit einem Eisenhammer, der uns später die Anschauung zu dem bekannten Schillerschen Gedicht bot.

Die Kirchengemeinde zählte reichlich 3000 Seelen und bot nicht eben leichte Verhältnisse. Es herrschte wie erwähnt viel Armut, und wenn Pastor Werkenthin im benachbarten Kirchspiel Wang bei Gelegenheit der Einrichtung der Gemeindekirchenräte, die gerade in konfessionellen Kreisen manchem Misstrauen begegnete, die Äußerung tat: Mir kann's gleich sein, denn bei mir bleibt doch alles beim Alten, ich habe in meiner Gemeinde nur zwei unbescholtene Männer. Der eine bin ich, der andere ist mein Kantor, die andern sind alle schon wegen Holzdiebstahls bestraft, so mochte es in der Gemeinde Arnsdorf ähnlich aussehen. Es waren auch ziemlich starke Gegensätze vorhanden, auf der einen Seite Erweckte, die auch wohl zur Separation neigten, auf der andern Seite Kirchenfeinde. Zu den Erweckten gehörte die Familie des Müllers Hampel in Querchseiffen, das in Ortsnamen mehrfach vorkommende Seiffen bedeutet einen Gebirgsbach.

Ich besinne mich, dass wir Kinder dieselbe sonntagnachmittags besuchten und uns mit großem Interesse die Nürnberger Bilderbibel der Leute ansahen. Einmal riss ich sie mir aus Unvorsichtigkeit auf den Hals und wäre wohl zu Schaden gekommen, wenn andere nicht schnell hinzugesprungen wären. Zur Zeit des Nachfolgers meines Vaters, bei dem sie keine Nahrung für ihren geistlichen Hunger fanden, entschlossen sie sich, nach Australien auszuwandern, ließen bei der Durchreise die Bilderbibel bei unserm Vater und bestimmten, dass er sie behalten sollte, wenn sie nicht wieder nach Europa zurückkehrten. Nach einigen Jahren kehrten sie jedoch enttäuscht zurück und nahmen die Bibel zu unserer Enttäuschung wieder mit sich. Kurz nachher trat die Frau zum Schmerz meines Vaters aus der Landeskirche aus und schloß sich den separierten LutheranernDie Evangelisch-lutherische (altlutherische) Kirche war eine lutherische Kirche altkonfessioneller Prägung. Sie hatte sich ab 1830 unter der Bezeichnung Evangelisch-Lutherische Kirche in Preußen (später in Alt-Preußen) gebildet. [17] an.

Die Kirchenfeindschaft, die meinem Vater auf der andern Seite entgegen trat, war wohl besonders in der Revolution von 1848Als Deutsche Revolution von 1848/49 – bezogen auf die erste Revolutionsphase des Jahres 1848 auch Märzrevolution – wird das revolutionäre Geschehen bezeichnet, das sich zwischen März 1848 und Juli 1849 im Deutschen Bund ereignete. [18] geschürt worden, in deren Nachwehen mein Vater beim Antritt seines Amtes eintrat (1849). Das erste Gemeindeglied, das ihm bei seinem Einzug in die Gemeinde, als er von Schmiedebergheute Kovary [19] kommend stattlich in vierspänniger Kutsche eingeholt wurde, auf dem Boden derselben begrüßte, war der Lehrer von Steinseiffen, der ihn an der Grenze des Kirchspiels mit seiner Schule erwartete und der sich damals bereits in Untersuchung befand, weil er in den Aufständen jener Tage Freischaren geführt hatte. Eine seiner ersten Handlungen war, dass er zusammen mit dem Superintendenten Roth aus Erdmannsdorfheute Mysłakowice [20] das Absetzungsurteil vollziehen musste. Das zog ihm gleich viel Feindschaft und gehässige Angriffe in der Presse zu, und bei den Sitzungen, die er wegen Wiederbesetzung der Stelle halten musste, kam es zu stürmischen Szenen, in denen er, der damals kaum 26-jährige Mann, eben so viel Klugheit wie Entschlossenheit zeigte.


[16] Unter Passion (von griechisch πάσχειν (paschein) ‚leiden, durchstehen, erleben', sowie von lateinisch pati ‚erdulden, erleiden'; passio ‚das Leiden') versteht man im Christentum in erster Linie den Leidensweg Jesu Christi, d. h. sein Leiden und Sterben samt der Kreuzigung durch die Römer in Jerusalem. Die Berichte davon in den Evangelien werden als Passionsgeschichte bezeichnet.
[17] Die Evangelisch-lutherische (altlutherische) Kirche war eine lutherische Kirche altkonfessioneller Prägung. Sie hatte sich ab 1830 unter der Bezeichnung Evangelisch-Lutherische Kirche in Preußen (später in Alt-Preußen) gebildet. Sie gehört heute zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche.
[18] Als Deutsche Revolution von 1848/49 – bezogen auf die erste Revolutionsphase des Jahres 1848 auch Märzrevolution – wird das revolutionäre Geschehen bezeichnet, das sich zwischen März 1848 und Juli 1849 im Deutschen Bund ereignete.
[19] Kowary [kɔˈvarɨ] (deutsch Schmiedeberg im Riesengebirge) ist eine Stadt im Powiat Jeleniogórski in der polnischen Woiwodschaft Niederschlesien. Sie gehört der Euroregion Neiße an.
[20] Mysłakowice [mɨswakɔˈvʲitsɛ] (dt. Zillerthal-Erdmannsdorf) ist ein Ort im südwestlichen Polen und Sitz der gleichnamigen Landgemeinde. Er liegt im Landkreis Jeleniogórski der Woiwodschaft Niederschlesien zwischen Riesengebirge und Landeshuter Kamm.Quelle: Wikipedia.org