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Arnsdorf, 1852 bis 1857 — Spielgefährten

Teil 1 - Arnsdorf, 1852 bis 1857

Kapitel 7 - Spielgefährten

Eine Spielgefährtin erhielten wir in den letzten Jahren in Arnsdorf und noch darüber an Marie Gärtner. Sie war das uneheliche Kind eines Bauinspektors in Berlin, der sich damals nicht entschließen konnte, ihre aus Handwerkerkreisen stammende Mutter zu heiraten, seinem Kind aber doch eine gute Erziehung geben wollte, und sie deshalb, als sie in die UnterscheidungsjahreDie anni discretionis, die sog. Diskretionsjahre oder Unterscheidungsjahre, sind die Jahre der Verstandesreife oder Mündigkeit, des selbstständigen Urteils, die Jahre zwischen Kindheit und JugendSiehe auch: http://www.selk.de/download/Fruehkommunion.pdf [34] trat, in eine gute Familie geben wollte. Wir wussten natürlich von diesen Verhältnissen nichts, merkten aber bald, dass ihr die Kinderstube bisher gefehlt hatte. So weigerte sie sich anfangs, das für uns Kinder bestimmte Frühstück, Milch mit eingebrocktem Brot zu essen, und verlangte stattdessen eine Stulle, ein Ausdruck, der uns bis dahin ganz unbekannt war. Als einige Tage nach ihrer Ankunft Alexanders Geburtstag war, wollte sie dessen Geburtstagsgeschenke haben. Und es gab jedes Mal Szenen, bis sie sich fügte. Uns fiel besonders ihr Berliner Jargon und ihre Verwechslung von mir und mich auf. So musste sie sich an uns, wir uns an sie erst gewöhnen. Aber allmählich waren wir doch wie Geschwister. Und als ihr Vater, nachdem er sich mit der Mutter verheiratet und sie nach fast dreijährigem Aufenthalt bei uns wieder zu sich nahm, wurde herzlicher Abschied genommen. Sie ist unserem Hause in dauernder Anhänglichkeit zugetan geblieben, hat auch in späterer Zeit uns wiederholt besucht, wie ich auch, wenn in späteren Jahren mein Weg mich durch Berlin führte, wiederholt bei ihr und ihrem Vater einkehrte. Sie blieb dessen einziges Kind, da seine Frau im ersten Wochenbett nach der Verheiratung starb und das neugeborene Kind ihr nach wenigen Tagen folgte. Kurz nachdem sie von uns gekommen, musste sie eine schwere Krankheit durchmachen, da sie zum Verwachsen neigte. Nach dem Tode ihres Vaters hat sie sich mit einem Geistlichen verheiratet. Vor einigen Jahren ist sie heimgegangen.

Im Dorfe hatten wir natürlich auch unsere Spielgefährten und unsere Freunde, große und kleine. Ich entsinne mich, dass ich oft im Hause des Kirchendieners Siegert war, dessen Frau Hebamme und er selber Schuster und Heilgehilfe war und zu dem öfter Leute kamen, um sich Schröpfköpfe setzen zu lassen, ferner beim Brauer, mit dessen Töchtern Emma und Anna wir gern spielten. Ich fragte ihn einst, ob er auch Wein mache, was er verneinte, worauf Alexander ganz altklug erwiderte: Sie heben das Bier und unser Vater den Wein. Auch Schlosser Ende und Tischler Fleige wurden oft von uns besucht. Eine der bekannten Persönlichkeiten im Ort war der Wundarzt Ertelt mit seiner blauen Brille, der es liebte, Alexander mit dem Ruf Er friert, er friert zu necken. Er war ihm einst begegnet, wie er neben dem Kinderwagen, den das Mädchen schob (ich weiß nicht, ob ich oder Elly darin lag), in einem Kittel mit kurzen Ärmeln herlief und hatte, auf seine bloßen Arme deutend, mitleidig gesagt: Er friert ja, worauf Alexander entrüstet geantwortet hatte: Nein, er friert nicht! Das hatte ihn so amüsiert, dass er ihm, wo er ihm begegnete, wieder zurief: Er friert. Durch seine Körperfülle fiel uns der Scholze-Fritze auf, der Besitzer des KretschamsspanKretscham ist in Schlesien die Bezeichnung für den Ortskrug.Siehe Wikipedia.org [35], mit dem wie an manchen Orten in Schlesien das Amt des Gerichtsscholzen verbunden war, der dann später, als wir schon einige Jahre von Arnsdorf fort waren, gerade durch seinen dicken Bauch sehr unglücklich zu Tode kam.


[34] Die "anni discretionis", die sog. Diskretionsjahre oder Unterscheidungsjahre, sind die Jahre der Verstandesreife oder Mündigkeit, des selbstständigen Urteils, die Jahre zwischen Kindheit und Jugend, in denen das Kind zu verantwortlichem Denken, zum vollen Gebrauch seiner Vernunft, zu eigenen bewussten Entscheidungen fähig zu werden beginnt.
Kirchlicher Aspekt: Diese Jahre werden als die Jahre der Kommunionsfähigkeit angesehen. Quellen: http://www.selk.de/download/Fruehkommunion.pdf und http://deacademic.com/dic.nsf/meyers/32081/Diskretionsjahre
[35] Kretscham ist in Schlesien die Bezeichnung für den Ortskrug. Da die Ortsgerichtsverhandlungen im Kretscham stattfanden, hatte der Regel nach der Besitzer desselben das Schulzenamt, oder wie es in Schlesien hieß, das Scholzenamt.