© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2018
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Bärsdorf, 1857 bis 1864 — Ausfahrten

Teil 2 - Bärsdorf, 1857 bis 1864

Kapitel 10 - Ausfahrten

Die Landwirtschaft, die Vater betrieb, erweiterte auch unsern Gesichtskreis. Ich besinne mich wenigstens, dass ich im Jahr 1858, dem ersten Frühjahr in Bärsdorf, zum ersten Mal das Erwachen des Frühlings mit Bewusstsein beobachtete und mich nicht satt sehen konnte an dem zarten Grün der ausschlagenden Bäume und Sträucher. In dem geräumigen aber recht öden Wirtschaftshofe hatte Vater, um etwas Grün vor den Augen zu haben, einen Blumengarten vor dem Hause angelegt, den er durch einen Zaun von dem übrigen Hofe, der übrigens auch von vielen - mit Recht oder Unrecht - als Durchgang benutzt wurde, abtrennte. Auch uns wies Vater kleine Parzellen zu, um auf denselben unsere kleinen Gärten anzulegen. Wenn bei mir das Interesse an der Landwirtschaft etwas Spielerisches hatte, so hatte Vater an Alexander schon wirkliche Hilfe. Übrigens haben wir beide auch jahrelang die Kühe gehütet.

Die meisten Ausfahrten, die vorhin erwähnt wurden, machten wir natürlich nun mit eigenem Gespann. Eine der uns interessierendsten war die nach dem Gröditzberge, dem letzten Ausläufer des schlesischen Gebirgslandes, einem schon ziemlich isoliert liegenden Kegel. Hier trafen sich wohl jedes Jahr die Geistlichen der Diözesen Haynau und Goldberg. Der romantische Berg wurde von den Ruinen einer Burg gekrönt, die im Jahre 1633 von Wallenstein eingenommen und zerstört worden war. In den ziemlich ausgetretenen Ruinen war eine Gastwirtschaft angelegt, um sie herum waren Anlagen, in denen man im Freien sitzen konnte. Die Wände der Gastzimmer waren mit verschiedenen Bildnissen Wallensteins und anderen Erinnerungen an ihn geschmückt. Alexander war gleich beim ersten Besuch Feuer und Flamme und sprach den Wunsch aus, öfter auf den Gröditzberg mitgenommen zu werden, während ich, der damals viel von Todesfurcht gequält wurde, einen unheimlichen Eindruck von einem Ort empfing, der so vernehmlich von der Vergänglichkeit alles Irdischen redete. Später überwand ich das und freute mich auch, wenn ich mitgenommen wurde.

Die Ausfahrten mit Vater hatten überhaupt etwas Anregendes und Belehrendes für uns. Er war sehr bewandert in der schlesischen Provinzialgeschichte und machte uns u. a. auf die Schlösser aufmerksam, die der schwarze Christoph gebaut hätte, ein Ahnherr der in Schlesien weit verbreiteten Familie von Zedlitz, der seinerzeit ein berüchtigter Raubritter war und überall im Lande seine Zölle aufrichtete, aber einen großen Respekt vor den Gelehrten hatte, so dass er jeden, der ihm eine Feder schneiden und mit derselben seinen eigenen Namen schreiben konnte, frei ausgehen ließ. Endlich ereilte ihn sein Schicksal. Er starb, vom Fürsten von Liegnitz ergriffen, am Galgen.