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Bärsdorf, 1857 bis 1864 — Der Ernst des Lebens

Teil 2 - Bärsdorf, 1857 bis 1864

Kapitel 11 - Der Ernst des Lebens

In Bärsdorf kam ich nun auch mehr und mehr in den Ernst des Lernens hinein. In die Volksschule wurde ich hier nicht mehr geschickt, sondern Vater unterrichtete mich selbst, wie zuvor schon Alexander und Marie Gärtner, mit diesen zusammen. Er ließ es allerdings sachte angehen. Mehr als eine Stunde Unterricht hatte ich anfangs bei ihm nicht. Freilich war der Rechenunterricht dabei nicht einbegriffen, den wir Mittwoch und Sonnabendnachmittag zuerst bei Redeker, einem PräparandenEine Präparandenanstalt war vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein die untere Stufe der Volksschullehrerausbildung und bereitete auf den Besuch der Lehrerseminare vor. Daher auch die Bezeichnung Präparand (lat. ein Vorzubereitender) für die Schüler dieser Einrichtung.Siehe Wikipedia.org [31] aus Göbels Schule, der in der ersten Zeit in der Schule zu Fuchsmühl, hernach in Bärsdorf, als der dortige Adjuvant, ein trunkfälliger Mensch, eines Nachts ertrunken war, aushalf, später bei dem Adjuvanten Mattern, ebenfalls aus Göbels Schule, erhielten.

Anfangs hatte ich wenig Lust zum Rechnen. Redeker beklagte sich deshalb über mich bei Vater, und dieser sagte mir eines Tages kurz vor meinem Geburtstag (1859), wenn ich mich im Rechnen nicht besserte, würde er sich das für meinen Geburtstag merken. Das half. Ich gab mir fortan Mühe, kam dabei auch hinter den Geschmack, so dass ich bald im Rechnen der beste war, meinen Bruder Alexander besonders im Kopfrechnen übertraf, das dessen schwache Seite war und blieb, so dass Mattern ihm, der damals Forstmann werden wollte, einmal sagte: Wenn du Förster bist und im Walde die Klafter Holz berechnen willst, musst du dir jedes Mal erst einen Baum absägen lassen, damit du deine Rechnung auf den Baumstumpf aufschreiben kannst.

Bei Vater hatten wir Lesen, Schreiben - gewöhnlich täglich eine Seite im Schönschreibeheft nach einer Vorschrift von Vater, daneben Diktat und Religion. Außer biblischer Geschichte machte Vater uns auch mit dem Gesangbuch früh vertraut. Zu jedem Sonnabend wurde das Evangelium auswendig gelernt, anfangs einige Verse, später das Ganze, und als wir die Evangelien konnten, auch die Episteln. Vor allen Dingen aber wurde der Katechismus eingeprägt. Eine Zeitlang wurde jeden Sonnabend bei der Abendandacht ein Hauptstück aufgetagt. Das heute zum Überdruss gehörte Gerede von der Last, die den Kindern durch Lernenlassen des Katechismus aufgebürdet würde, ist mir durch meine Erfahrung jedenfalls nicht bestätigt. Auch Alexander nannte noch vor seinem Abiturientenexamen seinem Religionslehrer auf dessen Frage nach dem Gebiet, auf dem er sich am sichersten fühlte, den Katechismus. Dass die biblische Geschichte uns lebhaft interessierte, erwähnte ich schon. Ich habe mit Alexander David und Goliath gespielt. Auch z. B. das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen führten wir auf. Alexander war der Mensch, der guten Samen, ich der Teufel, der Unkraut säte, Marie Gärtner und Elly die Leute, die schliefen.


[31] Eine Präparandenanstalt war vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein die untere Stufe der Volksschullehrerausbildung und bereitete auf den Besuch der Lehrerseminare vor. Daher auch die Bezeichnung Präparand (lat. ein Vorzubereitender) für die Schüler dieser Einrichtung.