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Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich — Kap.1 - Wege in die Südsee

Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich
Kapitel 1:
Wege in die Südsee

Am 4. Mai 1897 war der Tag gekommen, an dem mein Opa die große Reise nach Australien antreten sollte. Unter Sang und Klang marschierte er durch die Roonstraße von Wilhelmshaven dem Bahnhof entgegen. Vor dem Bahnhof spielten sich ergreifende Szenen ab, zwischen Mann und Frau, Braut und Bräutigam, manches Auge sah man sich feuchten in stummer Frage: Sehen wir uns wieder? Dann ertönte der Pfiff der Lokomotive, die lustigen Weisen der Matrosenkapelle verhallten und bald sahen die Marinesoldaten, zu denen mein Opa zählte, Wilhelmshaven nicht mehr.

In Bremen trafen sie mit Matrosen des S.M.S. »Bussard« zusammen, die Ihnen von ihren Auslandserfahrungen, nicht selten unter gewaltiger Übertreibung, berichteten. Meinen Opa und seine Crew schifften sich im Bremer Freihafen auf den Dampfer »Lloyd« ein. Der brachte sie nach einer dreistündigen Fahrt, längsseits des Städteschiffes des Deutschen Lloyd »Stuttgart«. Hier wechselten sie auf offener See das Schiff und kletterten an Bord der »Stuttgart«.

Meine Mutter hatte mir als Kind erzählt, dass mein Opa Wilde – wie sie sie nannte – in der Südsee gesehen hatte. Die Aufzeichnungen meines Opas waren in einem Tagebuch und einem Fotoalbum festgehalten. In Letzterem habe ich die Wilden, mein Opa bezeichnete sie als Kanaken, mit meiner Mutter zusammen angesehen, denn mein Opa war bereits vor meiner Geburt verstorben. Die Nacktheit der dunkelhäutigen Frauen und die Wildheit der abgebildeten Krieger hatten mich beeindruckt. Ich erinnere mich, dass ich diese Fotos auch im Alter als Heranwachsender, zur Zeit der Pubertät, wegen der nackten und prallen Brüste hin und wieder betrachtet habe. Zwischen die Seiten waren hauchdünne Blätter gelegt, die die Fotos vor Beschädigungen schützen sollten.

Doch das Tagebuch war für mich als Kind und Jugendlicher nicht wichtig, zumal ich die Sütterlinschrift nicht lesen konnte. Nach dem Tod meiner Mutter fielen das Tagebuch in Form von zwei Heften und das Fotoalbum in meinen Besitz. Bei einem Heft handelt es sich um ein ganz normales, etwas dickeres Schreibheft mit schwarzem, lackglänzendem Deckel. An einem dicken Eselsohr und einigen sonstigen Schadstellen ist ein bräunliches Grundpapier erkennbar. Nur 49 Seiten sind beschrieben. Es ist der zweite Teil des Tagebuches.

Das andere Heft mit 80 beschriebenen Seiten erreicht schon mehr Aufmerksamkeit. Es trägt auf der Vorderseite einen bunten Deckel und die breite Überschrift in einem großen Rund THE FEDERAL AUSTRALIAN EXERCISE BOOK. Das Rund ist oben im Zentrum mit einer Krone verziert, auf der gegenüberliegenden unteren Hälfte befindet sich eine Buchstabenkombination aus H, S, V und C. Neben der Krone links und rechts sind Bilder von Frauen abgebildet, die für die vier Kontinente stehen: Europe, Asia, Africa und America.

Im unteren Teil des Deckblattes ist das erste Wort unlesbar, ihm folgt das Wort by und der Name meines Opas: Hermann Weichert. Auf der Rückseite ist der Kontinent Australien abgebildet und ein kleiner Teil der Hauptinsel von Papua-Neuguinea, das hier noch als British Protectorate bezeichnet wird. Mein Großvater hatte dieses Heft sicherlich nicht in Deutschland erstanden, sondern erst in Australien gekauft. Somit muss er den ersten Teil des Verlaufs seiner Reise aus dem Gedächtnis, vielleicht unter zuhilfenahme des Logbuches, aufgezeichnet haben.

Das Tagebuch meines Opas ist chronologisch in altdeutscher Sütterlin-Handschrift abgefasst. Die wenigen Informationen und Kenntnisse, die ich über diese alte deutsche Schreibweise habe, stammten in bescheidenem Rahmen aus der Schulzeit. Während meiner Aufenthalte im Nahen Osten und Ägypten, bedingt durch die Berufstätigkeit meines Vaters, befasste ich mich im Selbststudium mit der Sütterlinschrift, zumal mein Vater selbst häufig noch Briefe und Notizen in Sütterlin verfasste. Mit diesen rudimentären Kenntnissen begann ich das Tagebuch aufzuarbeiten. Eine große Unterstützung war mir hierbei meine um fünfundzwanzig Jahre ältere Schwiegermutter, die selbst noch Sütterlin geschrieben hat und die individuelle Handschrift meines Vorfahren häufig bedeutend besser übertragen konnte.

Sehr unterschiedlich in Länge und Ausführlichkeit sind die Aufzeichnungen meines Opas, der stets die Eintragungen mit Tinte vornahm. Neben dem Tag gab er fast regelmäßig die genaue Uhrzeit der Handlungen an. So schrieb er über den 5. Mai 1897 lediglich:

Um 4:00 h a.m. gingen wir in See nach Antwerpen.

Dort kam die »Stuttgart« am Folgetag um neun Uhr morgens an.

Mein Opa hatte die Gelegenheit die Liebfrauenkathedrale zu besichtigen und bei Tag und Nacht einen Eindruck von der großen Handels- und Hafenstadt zu gewinnen. Die Reise führt ihn weiter über Southampton, wo geankert und einige Passagiere, Ladung und Postsachen übernommen wurden. Bereits nach einer Stunde wurden die Anker gehievt, die Insel Wight umfahren und Genua angesteuert. Am neunten Tag der Reise passierte mein Opa Gibraltar, weiter ging es vorbei an Ibiza, Nizza, Monte Carlo und St. Remo bis sein Schiff am 16. Mai in Genua einlief. Überwältigt schrieb er:

Ich glaube mich beim Anblick dieser in seinem romantischen Reiz liegenden Stadt, dazu der herrliche Abend und die aus den Booten dringende Musik, in die Märchenwelt versetzt.

Wiederum hatte er die Möglichkeit das Schiff zum Besuch der Stadt zu verlassen. Der Besuch des Camposanto mit seinen großen Marmorstatuen beeindruckte ihn. Über Neapel führte die Reise an dem 3360 Meter hohen Ätna und Kreta vorbei nach Port Said.

Als ich nach dem Tod meiner Mutter bis hierher gelesen hatte, packte mich die Neugier, über diesen Teil des Lebens meines Opas mehr zu erfahren. Der Suezkanal und das Rote Meer waren auch Stationen meines Lebens. Ich drückte in Kairo für ein Jahr die Schulbank.

Je mehr ich mich mit dem Tagebuch meines Großvaters beschäftigte - und es sollte Jahre dauern - desto mehr entstand in mir der Wunsch, diese unfreiwillige Reise der dreijährigen Wehrpflicht meines Opas nachzuvollziehen. Allein die Piraterie vor Somalia im Indischen Ozean, die im letzten Jahrhundert begann und seit 2001 durch die Operation Enduring Freedom zunächst von den USA und später der NATO bekämpft wurde, veranlasste viele Reedereien, ihre Routen zu ändern. Insbesondere wollten die Reedereien sich nicht zusätzliche Probleme aufhalsen und verzichteten auf die sonst übliche Mitnahme von zahlenden Fahrgästen.

Auch eine bezahlte Stellung an Bord eines Schiffes konnte ich für einen Mann in meinem Alter nicht finden. Freunde boten spontan an, mit mir eine Segelreise in die Südsee zu unternehmen und das Horn von Afrika zu umschiffen. Sprachen wir aber konkreter über das Projekt oder allein über die risikobehaftete Passage entlang der afrikanischen Ostküste, wurden derartige Pläne aufgegeben, bevor wir sie einer ausführlicheren Planung unterzogen.

Am Morgen des 23. Mai 1897 erreichte mein Opa Port Said und bereits nachmittags ging es in den 162,25 km langen Suezkanal, dessen Bau 1859 begonnen und 1869 feierlich eröffnet wurde. Damals hatte der Kanal eine Breite von 80 bis 100 Metern und war achteinhalb Meter tief. Mein Opa berichtete, dass der Kanal mit einer maximalen Geschwindigkeit von fünf Seemeilen pro Stunde befahren werden durfte. Das Kapital der Kanalgesellschaft betrug Ende des 19. Jahrhunderts 337 Millionen Mark und die Dividende in den achtziger Jahren 17 Prozent. Als Gebühren für die Benutzung des Kanals bezahlte man für eine Netto-Registertonne 7,60 Mark, für jeden Passagier 8 Mark. Im Jahre 1871 umfasste der Transport 8,5 Millionen Tonnen Güter, 195.000 Passagiere, 4.200 Schiffe, von denen 318 deutsche waren.

Suez wurde am 24. Mai erreicht und mein Opa notierte Banales hierüber, wie, dass es ein kleines orientalisches Städtchen sei und die Einwohner meist Araber und Europäer. Auf dem weiteren Weg nach Aden schilderte mein Opa, dass sie dem Dampfer Reichstag, auf dem sich die abgelöste Mannschaft des S.M.S. »Seeadler« befand, begegneten und ihm drei Hurras entgegen brachten.

Um Aden zu erreichen passierte mein Opa die Straße von Bab-el-Mandeb, was zu Deutsch Tor der Tränen bedeutet. Opa erklärte, dass dieser Name zu Recht getragen wird,

denn die Überreste von versunkenen Schiffen, welche man an verschiedenen Stellen aus dem Wasser ragen sieht, stehen als Beweis.

Opa schrieb, dass sich die Stadt Aden am Abhang eines Höhenzuges erstreckt und ihre Bevölkerung meist Eingeborene waren, deren Kleidung aus einem Lendenschurz oder weißem Umhang und Turban bestand.

Aden ist zwischen Felsen gelegen und stark befestigt. In der Nähe der Stadt befanden sich Zisternenanlagen zum Ansammeln des Regenwassers. Diese Anlage war sehr alt, die Zisternen stufenförmig in die Felsen eingehauen, etwa fünfzig Reservoire waren vorhanden und so angelegt, dass wenn der eine Behälter voll war, das Wasser in den nächsten tiefer gelegenen lief. Bei den seltenen Regenfällen waren die Zisternen nie ganz voll, daher war das Wasser eine Mangelware und ein gut bezahlter Artikel.

Am 4. Juni erreichte mein Opa den Hafen von Colombo, an der Südwestküste Ceylons, dem heutigen Sri Lanka, gelegen. Die Stadt hatte zu der Zeit 112.000 Einwohner. Opa beschrieb herrliche Alleen, die er im europäischen Viertel gesehen hatte und die mit Standbildern früherer Gouverneure geziert waren. Vom Hafen aus waren nur wenige im italienischen Stil erbaute Häuser sichtbar, alles andere niedrige Häuser mit hohen Ziegeldächern. Mehr Hütten als Häuser, fasste er zusammen.

Die Eingeborenen bewohnten die erwähnten Hütten. Es waren hauptsächlich, meinem Opa zufolge, Singhalesen, Mohammedaner und Tamilen. Zwischen der europäischen Stadt und dem Stadtteil Pettah lag eine von den Holländern erbaute Zitadelle, das übrige Colombo glich einem ausgedehnten Park, in welchem sich Eingeborenenhütten befanden.

Opas Reise ging weiter zum australischen Albany. Hierbei passierte er am 6. Juni, dem Pfingstsonntag, den Äquator. Anlässlich dieses Ereignisses wurde am Pfingstmontag die große Linientaufe vollzogen, die auch heute noch jedem Matrosen, Seemann und Passagier widerfährt, der den Äquator passiert. Mein Opa berichtete in seinem Tagebuch auch über Unfälle, wie beispielsweise am 11. Juni 1897, als der Matrose Nielsen über Bord ging und in der hohen Dünung verschwand, bevor ihn ein Rettungsboot fassen konnte.

Von Albany führte die Fahrt es weiter nach Port Adelaide, das mein Opa am 21. Juni erreichte. Er beschrieb Adelaide als

eine große Handelsstadt, welche in einem ganz neuen Typus erbaut ist, namentlich fällt sie durch das systematische, rechteckig sich durchschneidende Straßennetz auf, viele Parks befinden sich in der Stadt, es wurde gerade Queens Jubilee gefeiert, in Folge dessen reges Leben und großartige Dekorationen in der Stadt zu bewundern waren. – Um sechszehn Uhr gingen wir - Anker auf - nach Melbourne.

In Melbourne angekommen, schrieb mein Opa:

Eine Railway verbindet Port Melbourne, wo unser Schiff lag, mit Melbourne. Die englische Regierung war so nobel, uns die Fahrt gratis machen zu lassen. Melbourne ist ebenfalls eine im neuesten Typus erbaute Stadt, mit einem Gouvernement Palais, Parlamentsgebäude, Generalpostamt, Stadthaus, vielen Banken, Universität mit Nationalmuseum, Observatorium, fünf Theater, viele Hotels, Coffee Palaces, Ausstellungen und Aquarium, viele Parks usw. Wegen Queens Jubilee reges Leben, ein Heizer verschwand in Melbourne.

Ein sicherlich nicht alltägliches Ereignis, dass ein Mannschaftsmitglied verschwindet, wurde von meinem Opa mit nur einem Halbsatz erwähnt. Hier möchte jeder Leser mehr erfahren, was war das für ein Mann? Wurde er von der Polizei gesucht, war er weggelaufen oder gar gekidnappt worden? Antworten werden uns leider nicht gegeben, es ist der zweite Verlust dieser Reise.

Als die »Stuttgart« am 26. Juni Sydney erreichte, lagen dort bereits die Geschwisterschiffe S.M.S. »Bussard« und »Falke«, aber auch der englische Kreuzer »Orlanda«. Wie üblich wurde das einlaufende Schiff mit dem Toppen der Flaggen begrüßt. Die Marinesoldaten durften noch drei Tage auf der schönen »Stuttgart« verbleiben, bis sie auf »Falke« und »Bussard« verteilt wurden. Danach war die Mannschaft mit dem Verstauen des Proviants und dem Verlegen der S.M.S. »Falke« in das Morts-Dock zu einer größeren Kesselreparatur vollauf beschäftigt. Opa hielt in seinem Tagebuch fest, dass französische Schiffe einliefen, S.M.S. »Bussard« nach Samoa aufbrach und die SS »Stuttgart« die Heimreise antrat.

Von uns war der Kutter mit der Freiwache geschickt, um den scheidenden Kameraden die letzten drei Hurras zu bringen, an der Pier hatte sich eine Menge Volk eingefunden, meistenteils Damen, manche Tränen habe ich da fließen sehen, die alten Kameraden waren bis in die Spitze der Maste geentert und schwenkten ihre Mützen, da sah ich keinen tränenschwer, ihr Heimatwimpel wehte, ihr Feldgeschrei hieß nach Haus obwohl auch mancher gerne an das schöne Sydney dachte, an manche frohe Stunden, die er hier erlebte.

In vielen Häfen, wie auch in Sydney, übernahm »Falke« Kohle als Treibstoff. Um rund 250 Tonnen zu bunkern, wurde ein ganzer Tag angesetzt. Schließlich stach auch S.M.S. »Falke« am 24. Juli bei strömendem Regen in See in Richtung Matupi. Kaum war mein Opa aus dem Hafen, so ging auch die Schlingelei los, wie er sich ausdrückt und am nächsten Tag meldete sich alles seekrank.

Uns gelang es, zu einer ehemaligen KustodinWissenschaftliche Betreuerin einer Sammlung oder eines Museums. Herkunft: Ableitung vom Stamm des Substantivs Kustode mit dem Derivatem -in. Synonyme: Kuratorin. des Völkerkundemuseums in Hamburg Kontakt aufzunehmen, die bereits Interessierte auf ihre Reisen nach Papua-Neuguinea mitgenommen hatte. Das war eine hervorragende Chance, verschiedene Stämme auf der Insel New Britain kennen zu lernen. Die Reise sollte im Juni beziehungsweise Juli 2011 stattfinden.

Die Gruppenreise organisierte ein auf die Südsee spezialisiertes Reisebüro aus München. Der Autor der Kulturbeilage des Hamburger Abendblattes führte unsere Gruppe. An einem 2. Juli 2011 bestiegen wir in Hamburg den Flieger nach München. Dann ging es nonstop weiter nach Singapur. Das Fliegen ist eine gewaltige Errungenschaft. Binnen zwei Tagen war ich in HerbertshöheKokopo (bis 1919 Herbertshöhe) ist die siebtgrößte Stadt von Papua-Neuguinea und Hauptstadt der Provinz East New Britain auf der Insel Neubritannien. [1]. Mein Großvater benötigte bis dorthin den Zeitraum von April bis August mit dem S.M.S. »Falke«, sicherlich mit ein paar längeren Aufenthalten und kleinen Umwegen: Allein für den Seeweg von Bremen bis Adelaide benötigte er mehr als anderthalb Monate.


[1] Kokopo (bis 1919 Herbertshöhe) ist die siebtgrößte Stadt von Papua-Neuguinea und Hauptstadt der Provinz East New Britain auf der Insel Neubritannien.