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Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich — Kap.26 - Historisches zu Samoa

Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich
Kapitel 26:
Historisches zu Samoa

Den ersten Entdeckern der Samoainseln wie dem Holländer Jacob Roggeveen oder dem Franzosen Louis Antoine de Bougainville fehlte die Traute, einen Fuß auf diese Inseln zu setzen. Wann der erste Europäer eine Samoa-Insel betrat, ist nicht verbürgt. Es ist nur sicher, dass zwei ganz unterschiedliche Kulturen in jenem Moment aufeinander stießen. Nämlich die egoistischen, besitzergreifenden und eigentumsorientierten Europäer und die Vertreter einer gebenden und nehmenden Gesellschaft. Wie DiPaola (2004)Siehe Literaturnachweise:
DiPaola, Kathrin; Samoa‚ – Perle der deutschen Kolonien? Dissertation, University of Maryland, 2004
[55] beschreibt, hatten die Europäer von den Samoa-Inseln die Erwartungen eines Paradieses, während den Polynesiern tatsächlich stinkende, verlauste und unter körperlichem Liebesentzug leidende Schiffsbesatzungen begegneten, die aufgrund ihrer technischen Überlegenheit und ihres seltsamen Benehmens zunächst den Status von Gottheiten erhielten. Diese Entdecker nannten die Einheimischen papalagy, was so viel wie Himmelskratzer heißt. Die Schiffe mit ihren langen Masten ragten in den Himmel, den sie sichtbar ankratzten. Wie die erste Begegnung ausgesehen haben dürfte, beschreibt sehr anschaulich Krämer (1903)Siehe Literaturnachweise: Krämer, Augustin; Die Samoa-Inseln, Band II: Ethnographie, E. Schweizerbartsche Verlagsbuchhandlung 1903 [56], der aus dem Bericht über die Reise des Franzosen La PérouseJean-François de Galaup de La Pérouse (Lapérouse; * 23. August 1741 in La Gua bei Albi; † 1788 bei Vanikoro, Salomonen) war ein französischer Seefahrer, Weltumsegler und Geograf im Zeitalter der AufklärungSiehe Wikipedia.org [57], der aus Tagebüchern zusammengestellt wurde, aus dem Dezember 1787 berichtet:

Am 10. Dezember wurden Boote um 12:30 Uhr vor der Nordküste Tutuilas ausgesetzt, um einen Landgang zu unternehmen. Aber wie erstaunte der Truppführer de Langle, als er an der Stelle eines schönen Bootshafens ein flaches Wasser fand, das man nur durch einen engen Kanal in dem Korallenriff erreichen konnte, auf dem die hohe See stand. Er hatte nicht mit den Gezeiten gerechnet und traute seinen Augen kaum. Drinnen war höchstens drei Fuß Wasser und die Boote setzten sofort auf. Erst wollte er diesen Landeplatz wieder verlassen, aber da die zahlreichen Eingeborenen, von Weibern und Kindern umgeben, mit friedlicher Miene am Ufer standen, und da sie eine Unmenge von Schweinen und Früchten zum Tausch mitgebracht hatten, verschwand seine Sorge.

Sie brachten alsbald die Fässer zum Transport von Süßwasser an Land und die Soldaten traten in Reih und Glied an. Die Ruhe dauerte aber nicht lange… Statt 200 Leuten, wie am Mittag, waren um 15 Uhr über 1.000 vorhanden. Die Situation schien mit jedem Augenblick bedrohlicher. Sie begannen die vollen Fässer an Bord zu bringen, aber da die Bucht ganz trocken gefallen war, konnten sie nicht hoffen, vor vier Uhr fortzukommen… Sie waren alsbald rings von den Eingeborenen umgeben, die nur bis zu den Knien im Wasser standen und die sie vergeblich abwehrten… De Langle und seine Matrosen verschanzten sich in Ihren Booten und nahmen schussbereite Positionen ein. De Langle gab Befehl, dass keiner schießen solle, bevor er es angeordnet habe. Da traf ein Steinhagel aus nächster Nähe fast alle Bewaffneten. De Langle konnte gerade noch seine zwei Schüsse abgeben, dann fiel er tödlich getroffen über die Backbord-Reeling, wo ihn die Eingeborenen alsbald mit Keulen und Steinen massakrieren… Die Besatzungen verließen die großen aufsitzenden Schaluppen und retteten sich auf die kleineren, im Kanal schwimmenden Boote, in denen sie gegen fünf Uhr ihre Mutterschiffe erreichten. Insgesamt hatten die Franzosen einen Verlust von zwölf Mann.

In einem samoanischen Bericht werden die Franzosen beschuldigt, einen Einheimischen erschossen zu haben, der angeblich auf ihrem Schiff etwas gestohlen hatte. Die Samoaner kehren zurück an Land und finden dort Franzosen, die nicht nur Wasser und Pflanzen sammeln, sondern sich auch intensiv um die samoanischen Frauen bemühen. Es liegt mir eine Übersetzung eines Auszuges von La Pérouse's Tagebuch vor, in der heißt es:

Ich werde berichten, wie die sehr kleine Zahl an jungen und hübschen Inselbewohnerinnen, von denen ich schon sprach, bald die Aufmerksamkeit einiger Franzosen fesselte; welche – trotz meines Verbotes – Liebschaften mit ihnen zu bilden suchten. Die Blicke unserer Franzosen äußerten Begehren, die bald erraten wurden. Alte Frauen kümmerten sich um die Verhandlungen. Der Altar wurde in der sichtbarsten Hütte des Dorfes errichtet; alle Jalousien wurden heruntergelassen und die Neugierigen abgedrängt. Das Opfer wurde in die Arme eines Greises gelegt, der ihm während der Zeremonie zuredete, den Ausdruck seines Schmerzes zu zügeln; die Matrosen sangen und brüllten und die Opfergabe wurde in ihrer Anwesenheit und unter der Federführung des Greises vollzogen, der als Altar und Priester diente. Alle Frauen und Kinder des Dorfes waren um das Haus versammelt, dabei hoben sie leicht die Jalousien hoch und suchten die kleinsten Öffnungen zwischen den Matten, um diesen Anblick zu genießen.

La Pérouse behauptet hier, dass ein Liebesdienst ausgehandelt wurde. Es bleibt jedoch unklar, welche Rolle der greise Priester spielte, ob durch eine Opfergabe die Matrosen stimuliert und ihr Verlangen nach sexueller Befriedigung angeregt werden sollte? An anderer Stelle führt La Pérouse aus, dass eine gewisse Anzahl von Frauen sich auf die unanständigste Weise anboten, deren Avancen [von den Matrosen] nicht universal zurückgewiesen wurden.

Derartige Anbiederungen sind aus der Südsee unbekannt. Wohl wird viele Jahre später mit Postkarten, auf denen nackte, junge Südseefrauen abgebildet sind, in Europa der Eindruck des Paradieses und der Willfährigkeit der Südseemädchen vorgespielt. Tatsächlich dürfte die Nacktheit der Frauen La Pérouse zu seinen Darstellungen verleitet und er diese als obszöne Anbiederung gedeutet oder zu seinen Gunsten ausgelegt haben. Diese Fehlinterpretation stellt nach meiner Auffassung den Hauptgrund dar, weshalb die Franzosen angegriffen und getötet wurden. Die an Land gehenden Seeleute, die seit Monaten keine Frau gesehen und lange Zeiten der Entbehrung hinter sich hatten, wurden durch den Anblick dieser oft besonders hübschen, sich für ihre Nacktheit nicht schämenden Frauen, natürlich magisch erregt. Nicht umsonst heißt ein Seemannsspruch: Mit dem Quadrat der Entfernung von Land nimmt die Schönheit der Frauen im Kopf des Seemanns zu. Dass hier der Wunsch der Vater des Gedankens wird, liegt nahe.

Das auf beiden Seiten mangelnde gegenseitige Verständnis der Kulturen führte zu solchen Konfrontationen. Die Ursache ist sicher in dem europäischen Unverständnis für eine Kultur des Gebens und Nehmens zu sehen, denn in der Südsee gilt: Nur wer gibt, seiner Aiga und seinem Dorf dient, kann reich und mächtig werden. Ein Eigentumsbegriff in unserem Sinne, wie an anderen Stellen aufgezeigt, ist bei den Samoanern nicht vorhanden. Jeder und jedem gehört alles und was man sich nahm, diente der eigenen Ernährung und war somit im weitesten Sinne nach unserem Rechtsbegriff höchstens als Mundraub einzustufen.

Das Interesse der Europäer an Gebieten in der Südsee orientierte sich an der Eroberung von neuen Ländereien mit dem Ziel, Rohstoffe aller Art zu entdecken, abzuräumen oder das zu ernten, was in großen Mengen Absatz in Europa fand, die sogenannten Kolonialwaren. Es waren in erster Linie Händler, die andere Länder erobern wollten, um den heimischen Markt mit neuen Produkten zu beliefern. Als Folge wurden dann die europäischen Regierungen aufgefordert, die Besitzungen der Händler in Übersee militärisch zu schützen. Das ging nach deren Auffassung am besten, indem diese Länder als staatliche Hoheitsgebiete, als Kolonien, den europäischen Ländern zugeordnet wurden. Wenn ein Land unter deutscher Herrschaft stand, gingen die Händler davon aus, dass ihre Interessen profunder vertreten und durchgesetzt wurden, als wenn ihre Ländereien in Kolonien von Drittstaaten lagen.

Kaiser Wilhelm war von einer Politik der Kolonialisierung schnell zu überzeugen, doch sein Kanzler Bismarck zögerte nicht nur, sondern stellte sich über viele Jahre entschieden gegen Kolonialisierungsbemühungen. Dieses galt insbesondere für die Samoa-Inseln. Sie waren durch den Berliner Vertrag von 1889Die Berliner Samoa-Konferenz 1889 fand vom 29. April bis 14. Juni 1889 auf Einladung des deutschen Außenministers Graf Herbert von Bismarck in Berlin statt.Siehe Wikipedia.org [58] zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika, dem Königreich England und dem Deutschen Reich gleichberechtigt diesen drei Mächten unterstellt. So herrschte in Apia je ein Konsul dieser drei Länder. Für Streitigkeiten hatte man einen Oberrichter (Chief Justice) eingesetzt, anfänglich einen Schweden. Ausführlich beschreibt Robert Louis Stevenson (2001)Siehe Literaturnachweis: Stevenson, Robert Louis; Eine Fußnote zur Geschichte, 8 Jahre Unruhe auf Samoa, Hamburg 2001 [59] diese Zeit. Die drei Mächte erkennen im Berlinvertrag die Unabhängigkeit der Samoanischen Regierung an, sowie die freie Wahl des Königs oder Häuptlings durch die Eingeborenen und die Wahl der Regierungsform. Stevenson appelliert an Deutschland:

Deutschland hat gezeigt, dass es großzügig sein kann; ihm verbleibt nunmehr lediglich, ein natürliches aber gewiss schlecht begründetes Vorurteil zu vergessen und demjenigen, der, ehe die Großmächte sich zusammen setzten, alleiniger König war und schon morgen, wenn die Berliner Schlussakte für ungültig erklärt würde, wieder einziger König wäre, einen angemessenen Anteil an der Herrschaft zu gewähren.

Hier bezieht sich Stevenson eindeutig auf die schweren Kämpfe von Fangalii von 1888 zwischen Mafaafa-Leuten und deutschen Marinesoldaten, bei der die Deutschen große Verluste zu verzeichnen hatten.

Offiziell geben die Samoaner vor, die Deutschen hätten bei Fangalii als erste geschossen. In Anbetracht sämtlicher deutscher und einiger einheimischer Zeugenaussagen …wird dies kein ehrlicher Kopf auch nur einen Moment lang glauben. Mit Sicherheit schossen die Samoaner zuerst. Dann allerdings ward ganz Samoa … von Staunen und Begeisterung ergriffen. Das Unbesiegbare war gefallen; die Männer der protzigen Kriegsschiffe waren auf dem Felde von Mataafas Helden geschlagen worden, ein Aberglauben war entzaubert.

Um die Kriegswirren der letzten Jahre des 19. Jahrhunderts nachvollziehen zu können, ist es mir wichtig, auf die Entwicklung Samoas mit Beginn der Missionierung durch den Apostel der Südsee, den Missionar der London Missionary Society, John William, einzugehen. William landete 1830 in Matautu auf Savaii. Er verbreitete das Christentum erfolgreich unter der Bevölkerung. Diese Nachricht sprach sich schnell in Europa herum und mobilisierte andere Missionare. Katholische Missionare und Mormonen folgten erst 1845 und fanden nur wenige Ansatzpunkte zur weiteren Mission. Die Missionare waren aber in erster Linie Händler und in zweiter Linie meist weniger qualifizierte Geistliche. Deutsche Händler waren zunächst in der Unterzahl. Die Ansiedlung von Händlern auf Samoa wurde dadurch begünstigt, dass es auf Upolu und Tutulia relativ einfach erschien, Grundbesitz zu erwerben. Tutulia war vornehmlich von amerikanischen Händlern besiedelt. Johann Cesar Godeffroy aus Hamburg gründete seine erste Station in Samoa auf Upolu im Jahre 1857.

1840 konnte der Häuptling Malietoa Tawita die Samoa-Inseln für knapp 30 Jahre vereinen. Nach dem Zusammenbruch waren die unternehmensfreudigen Länder wie Neuseeland und Amerika die ersten, die sich mit Fragen der Annektierung Samoas oder der Unterzeichnung von Freundschaftsverträgen befassten. Es begann die Zeit, dass die Ausländer versuchten, mehr Einfluss auf die samoanischen Entscheidungen zu nehmen. England, Amerika und Deutschland hatten eigene Konsuln vor Ort, die die jeweiligen Interessen der nationalen Ansiedler vertraten.

Unwillkürlich nahmen nun die handelnden Personen vor Ort, oft ohne Abstimmung mit der eigenen Regierung, Kontakte zu den verschiedenen samoanischen Häuptlingen auf, um Ihre Interessen durchzusetzen. So hisste der Kommissar der amerikanischen Regierung, Colonel Steinberger, 1877 die amerikanische Flagge, was massive Proteste der Deutschen und Engländer nach sich rief und schließlich zur Abberufung des Colonels führte. Der deutsche Vertreter schloss Verträge mit untereinander rivalisierenden Häuptlingen, in denen sich diese verpflichteten, keiner anderen Regierung Vorrechte vor der deutschen einzuräumen. England verfuhr ähnlich. Erst am 2. September 1879 unterschrieben die drei Mächte, die Vereinigten Staaten von Amerika, das Königreich England und das Deutsche Reich, einen Vertrag mit Häuptling Malietoa Laupepa, der den Bezirk Apia zum neutralen Gebiet erklärte. Gleichzeitig sicherten sich die drei Mächte den Vorsitz des Munizipalitätsrates und unterstellen die Bezirksverwaltung den drei Konsuln.

Im Dezember 1879 wurde zwischen den Samoanischen Häuptlingen an Bord der »Bismarck« ein Vertrag gezeichnet, in dem festgelegt wurde, dass Malietoa Tavalou als König auf Lebzeiten und Malietoa Laupepa als Regent ernannt werden; zudem regelt er die Schaffung einer Landesflagge, die Einsetzung eines Staatsrates, bestehend aus je zwei Häuptlingsvertretern jeder Provinz und einer Volksvertretung, in der einfachere Bevölkerungsschichten vertreten sein sollten.

Knapp ein Jahr später verstarb Malietoa Tavalou. Die Macht fiel auf Malietoa LaupepaMalietoa Laupepa, Malietoa von 1880 - 1898 [60]. Nach fünfjähriger Amtszeit bot Laupepa den Engländern die Oberherrschaft über Samoa an, ohne zuvor die Amerikaner und Deutschen zu informieren. Die Deutschen unterstützten daraufhin den Häuptling TamaseseKönig Tamasese von Samoa um 1884 [61], der Anfang 1886 zum König erklärt wurde. Im August 1887 wurde diese Unterstützung mit der Ankunft von fünf deutschen Kriegsschiffen sichtbar unterstrichen. Eine Abteilung der Marinesoldaten nahm Malietoa Laupepa gefangen. Er wurde an Bord eines Schiffes über Kamerun und Deutschland schließlich auf die Marschallinseln verbannt. Dies stellte meiner Meinung nach einen massiven Eingriff der Deutschen in die Autonomie Samoas dar. Die Deutschen gingen sogar so weit, dass sie dem amtierenden König Tamasese den deutschen Offizier Brandeis als Premierminister zur Seite stellten.

Ungeachtet dessen gingen die Machtkämpfe auf Samoa weiter. Engländer und Amerikaner, verärgert durch das deutsche Vorgehen, unterstützten nun den zur Familie von Laupepa gehörenden MataafaMataafa Josefo, 1902, der Ende 1888 zum König Malietoa Tooa Mataafa berufen wurde. Hierdurch verstärken sich die Machtkämpfe auf allen Seiten. Es kam immer wieder zu Kämpfen der Mataafa-Leute gegen die Tamasese Anhänger. Der im November angekommene deutsche Konsul Knappe, ergriff die Initiative, die Samoaner zu entwaffnen. Dieses sollte zunächst bei der rund 1.000 Mann starken Mataafagruppe erfolgen. Am 18. Dezember 1888 kam es dann zu der Schlacht bei Fangalii, bei der 18 Deutsche fielen und 38 verwundet wurden. Es sei angemerkt, dass der Reichskanzler Bismarck die Knappsche Aktion in einer Depesche verurteilte.

Nur vier Monate später vernichtete ein schrecklicher Orkan zwei amerikanische Kriegsschiffe und die beiden deutschen Schiffe Eber und Adler im Hafen von Apia. Bei diesem Orkan wurden Leben der deutschen Soldaten durch den todesmutigen Einsatz von Mataafa-Kriegern gerettet. Nach diesem Orkan war die Überpräsenz der Deutschen nicht mehr gegeben. Alle Parteien rauften sich zusammen und nahmen die Verhandlungen zu den Berliner Verträgen wieder auf.

Doch die nächsten zehn Jahre wurden auf Samoa kaum ruhiger. Die Machtkämpfe hielten an. Mit dem Berlin-Vertrag wurde Malietoa Laupepa wieder als König eingesetzt. Er war kurz zuvor von den Deutschen zurückgebracht worden. Die Inselgruppe wurde wieder als unabhängiges und neutrales Gebiet unter dem gemeinsamen Schutz der drei Mächte erklärt, und es wurde geregelt, dass kein Landerwerb mehr stattfinden durfte. Land durfte ab sofort für maximal 40 Jahre gepachtet, aber nicht erworben werden. Eine Kommission wurde eingesetzt, um die bisherigen Landerwerbsrechte zu überprüfen. Nach Schanz (1901) war ihr Ergebnis, das von den deutschen Ansprüchen 56%, von den amerikanischen 7% und von den englischen 3% bestätigt wurden. Insgesamt war diese Wertung durch die von allen drei Mächten bestimmte Kommission, die ihre Arbeit erst 1894 beendete, eine herbe Enttäuschung für die amerikanischen und englischen Siedler.

Dies hinterließ dauerhafte Wunden, die im Umgang untereinander immer wieder aufflammten und zu Aggressionen zwischen den Bürgern der drei Schutzmächte führten. Bevor S.M.S. »Falke« seine Schutzrolle in Apia aufnahm, waren die Fronten zwischen den Entscheidungsträgern vor Ort seit längerer Zeit verhärtet und spitzten sich unaufhaltsam zu. Auf der anderen Seite fanden auch die Machtkämpfe der Einheimischen kein Ende. Das Verhältnis zwischen Malietoa Laupepa und Mataafa, nach anfänglicher gegenseitiger Anerkennung, verschlechterte sich zusehends. Nach dem Tod von Tamasese kam es zu Unruhen. Laupepas Ansehen litt auch in den eigenen Reihen zunehmend. Schließlich wurde Mataafa 1893 von den Vertragsmächten nach den Marshall-Inseln verbannt. Der Sohn Tameseses übernahm bald die Führungsrolle bei den Rebellen, so dass die Unruhen anhielten.

Im August 1898 starb Malietoa Laupepa ohne zuvor einen Nachfolger ernannt zu haben. Familienmitglieder, aber auch die Engländer, hatten offenkundiges Interesse bezeugt, dass TanuMalietoa Tanumafili I, Malietoa von 1898 - 1939, der minderjährige Sohn des Malietoa Laupepa, zum neuen König gekrönt würde. Zwischenzeitlich hatten die Einheimischen sich dafür eingesetzt, dass der alternde Mafaafa aus dem Exil zurückkommen sollte. Er genoss weiterhin hohes Ansehen und sollte entsprechend der samoanischen Tradition auf Samoa seinen Lebensabend finden. Im Einverständnis mit den drei Mächten, das im Juni 1898 hergestellt wurde, kehrte Mataafa am 19. September 1898 nach Samoa zurück. Damit war aber die Königsnachfolge auf Samoa wieder völlig offen.

Die Neuwahl des Königs sollte nach dem Berliner Vertrag vom Volk ausgehen und nach den Ritualen der Inselgruppe erfolgen. Nach samoanischer Sitte wurde derjenige zum König bestimmt, der die höchsten fünf Titel besitzt. Titel wurden auf Samoa durch Regionen verliehen und nur an Nachkommen bestimmter Geschlechter vergeben. Die Kriterien der Verleihung der Titel sind in der Literatur nicht einheitlich wiedergegeben. Sie scheinen bei objektiver Beobachtung auch den Europäern jener Zeiten nicht nachvollziehbar. Jedenfalls behaupteten die Anhänger sowohl von Mataafa als auch von Tanu, dass der jeweilige Kandidat im Besitz dieser fünf wichtigsten Titel und deshalb eben zum König zu salben sei. Der Berliner Vertrag sah in diesem Fall vor, dass der Oberrichter die Ansprüche beider Seiten zu klären habe. Das Ergebnis dieser Klärung wollte der englische Oberrichter Chambers Sylvester 1898 verkünden.

In diesen Monaten verhielten sich die Verantwortlichen der drei Mächte wenig ruhmvoll. Auf deutscher Seite waren dieses der deutsche Generalkonsul Fritz Rose, der Vorsitzende der Munizipalkammer Dr. J. Raffel, auf englischer der Konsul Ernest G. B. Maxse mit Unterstützung durch den Kapitän Sturdee vom Kriegsschiff »Porpoise« und auf amerikanischer der Generalkonsul Luther B. Osborn mit dem Oberrichter William L. Chambers und dem Admiral Albert Kautz des Kriegsschiffes »Philadelphia«. Ohne Übertreibung darf man sagen, dass alle, ohne Ausnahme, sehr dilettantisch agierten und mit ihren eigensinnigen Aktionen jederzeit einen Krieg zwischen den drei Mächten hätten herbeiführen können. Den deutschen Kommandanten, Korvettenkapitän Viktor Schönfelder, des S.M.S. »Falke« habe ich nicht im gleichen Zuge mit den anderen Herren erwähnt, da ihm eine besondere, zurückhaltende, weitschauende und ausgleichende Rolle zukam, auf die später noch einzugehen ist.

Grundsätzlich wollten die Engländer keinen Katholiken als König von Samoa, weshalb für sie Mataafa ausschied. Die Deutschen wollten auf jeden Fall Tanu verhindern, da er eine englische Erziehung in der London Missionary Society genossen hatte. In diese sich zuspitzende Situation kam S.M.S. »Falke« Ende des Jahres 1898 und fand die Lage so vor, wie von meinem Großvater in seinem Augenzeugenbericht wiedergegeben.


[55] Siehe Literaturnachweis auf Seite 33e: DiPaola, Kathrin; Samoa‚ – Perle der deutschen Kolonien? Dissertation, University of Maryland, 2004.
[56] Siehe Literaturnachweis auf Seite 33e: Krämer, Augustin; Die Samoa-Inseln, Band II: Ethnographie, E. Schweizerbartsche Verlagsbuchhandlung 1903
[57] Jean-François de Galaup de La Pérouse (Lapérouse; * 23. August 1741 in La Gua bei Albi; † 1788 bei Vanikoro, Salomonen) war ein französischer Seefahrer, Weltumsegler und Geograf im Zeitalter der Aufklärung.
[58] Die Berliner Samoa-Konferenz 1889 fand vom 29. April bis 14. Juni 1889 auf Einladung des deutschen Außenministers Graf Herbert von Bismarck in Berlin statt. Auf der Samoa-Konferenz wurden die langjährigen Machtkämpfe zwischen dem Deutschen Reich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten um die Samoainseln zunächst beigelegt. Durch das Samoa-Abkommen wurde eine von den drei interessierten Mächten gemeinsam ausgeübte Regierungsgewalt über die Inseln eingerichtet. Samoa wurde zu einem formal unabhängigen, neutralen Königreich unter dem Protektorat der drei Mächte (Three Powers) erklärt. Das Schlussdokument der Konferenz, die Samoa-Akte, bildete die Grundlage für die Verwaltung der Inselgruppe in den folgenden zehn Jahren.
[59] Siehe Literaturnachweis auf Seite 33: Stevenson, Robert Louis; Eine Fußnote zur Geschichte, 8 Jahre Unruhe auf Samoa, Hamburg 2001.
[60] Malietoa Laupepa, Malietoa von 1880 - 1898 (Malietoa ist ein hoher samoanischer Häuptlingstitel).
[61] 1881 starb König Talavou, dessen Nachfolger König Laupepa stark durch die ins Land gekommenen Engländer und Amerikaner beeinflusst wurde. Daher setzten die Deutschen, die seit 1879 versucht hatten, Samoa zum Deutschen Schutzgebiet zu erklären, auf den Erzrivalen von Laupepa, Tamasese.