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Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich — Kap.27 - Samoa - Schicksalsjahr 1899

Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich
Kapitel 27:
Samoa - Schicksalsjahr 1899

„Die Mataafa-Leute hatten während der Nacht zum Neujahrstag 1899 Stellung um ganz Apia genommen und sich bei der katholischen Mission verbarrikadiert. Sie zogen den Halbkreis immer enger, bis sie fast in Apia waren. Gegen halb fünf liefen erste Tanu-Leute zu Mataafa hinüber, die vereinten Parteien gingen dann in Apia hinein, bekamen aber unverhofft aus dem Hinterhalt Feuer. Die Mataafa Partei glaubte sich verraten, worauf das Gefecht allgemein eröffnet wurde.“

Zu unterscheiden waren die Parteien dadurch, dass die Mataafa-Leute weiße und die Malietoa-Leute rote Turbane trugen. Die Stärke der Letzteren betrug zirka tausend, die der Mataafa-Partei gegen fünftausend Mann. Das »Porpoise«-Landungscorps zog sich vom Oberrichter nach der englischen Mission zurück, eine Wache von zwölf Mann blieb zum Schutze der englischen und amerikanischen Konsulate zurück.

Die Mataafa-Leute hatten von der Landseite Apia umstellt. Sie drängten dann bis zum späten Nachmittag die Tanu-Leute dem Strande zu. Im Busch und am Strande wütete ein heftiges Gefecht, die Weißen flohen aus ihren Häusern, hatten jedoch von den Samoanern nichts zu fürchten, der deutsche Konsul wurde sogar von Engländern und Deutschen aufgefordert dafür zu sorgen, dass die Kriegsschiffe sich in keiner Weise beteiligen möchten, da dadurch nur das Leben an Land in Gefahr käme. Die Verluste des ersten Tages unter den Samoanern waren 15 Tote und 25 Verwundete. Die Engländer befanden sich in der Mission in einer sehr peinlichen Lage, rings um sie herum wurde munter geschossen von den beiden Parteien, ohne dass sie einen Finger rühren konnten. »Porpoise« schoss ebenfalls nicht, obwohl er gestern in einer Proklamation gesagt hatte, dass er mit allen Geschützen feuern würde, sobald Mataafa aus Mulinuu gegen Tanu ziehen würde.

Obwohl angeblich keine Gefahr für die weiße Bevölkerung bestand, kamen am frühen Abend die ersten Weißen an Bord, um auf S.M.S. »Falke« Schutz zu suchen. Mit Tagesanbruch begaben sich alle Freunde wieder an Land, während des Gefechtes hatten sich die meisten unter deutschem Schutz stehenden Weißen in die deutsche Schule geflüchtet, Boote vom »Falke« lagen an der Koprabrücke, um die Leute im Notfall gleich einschiffen zu können

Gegen elf Uhr kamen sechzehn große Kriegsboote der Tanu-Partei längsseits der »Porpoise«, viele kamen auch geschwommen, das Wasser wimmelte von Menschen, um an Bord Schutz vor den Mataafa-Leuten zu finden, denen sie sich ergeben hatten. Sie befürchteten jedoch das samoanische Kriegsrecht nach dem den Gefangenen der Kopf abgeschnitten wird. Um dieser Prozedur zu entgehen, suchten sie den Schutz der Kriegsschiffe.

»Porpoise« ließ jedoch keinen der Tanu-Leute an Bord kommen. Unter strömendem Regen mussten sie, ohne jegliche Nahrung bis zum Mittag des 2. Januar in den offenen, überfüllten Booten aushalten. Kurz nach Mittag setzten starke Böen mit strömendem Regen ein. Die längsseits der »Porpoise« liegenden Boote drohten zu zerschellen, einige schlugen voll Wasser, viele Leute sprangen über Bord um sich durch Schwimmen zu retten. Da es sich jetzt um die Rettung Schiffbrüchiger handelte ließen »Porpoise« und »Falke« die Samoaner an Bord kommen. An den Fallreeps mussten sie Munition und Waffen abgeben: Zum afternoon tea waren etwa 360 Samoaner an Bord des »Falke«. Die Leute waren völlig erschöpft und wurden von der Mannschaft bewirtet.

Auf Signal des Kommandanten wurden die Flüchtigen unter deutschen Schutz gestellt. Im deutschen Konsulatsgebäude fand inzwischen eine Konferenz der Konsuln und Kommandanten unter Leitung von Präsident Raffel statt. Die beiden Kommandanten und der Präsident beschlossen, die Tanu-Leute an Mataafa auszuliefern unter der Bedingung, dass sie weder geköpft noch misshandelt würden. Abends um sieben kamen die einheimischen Kommandanten in Mataafa-Booten längsseits der Kriegsschiffe, ein herrlicher Anblick, wie die bronzenen Gestalten in den flotten schlanken Booten mit 24 Riemen unter Gesang ihre Häuptlinge und die Kapitäne an Bord brachten.

Auf dem »Falke« wurde zunächst durch den Gesandten Mataafas Mulinfi und den Tanu-Leuten ein Friedensverhältnis angeknüpft, welches durch Handschlag und Kuss besiegelt wurde. Dann fuhr ein Teil der Flüchtlinge nach Mulinuu, um sich Mataafa zu stellen. – In der Nacht und am Morgen des 3. Januar verließen die übrigen Flüchtlinge SMS »Falke« in den von Mataafa gesandten Booten. In Mulinuu mussten sie vor Mataafa am Hause des Präsidenten einen Torbogen passieren, als äußeres Zeichen der Unterwerfung.

Die Mataafa-Leute waren inzwischen nicht faul gewesen, sie plünderten und brannten die hinter Apia gelegenen Dörfer der Tanu-Leute nieder, eroberten die Kriegsboote; unter anderem auch das Königsboot, welches dicht bei der englischen Mission stand. Mit ihm fuhren sie vor den Augen der Tanu-Leute davon. Andere Boote hatten sie gänzlich demoliert. Die Mataafa-Leute gingen noch immer lustig der Plünderei nach; ganze Häuser schleppen sie aus dem feindlichen Revier nach Mulinuu.

Am Morgen des 3. Januar schiffte sich die Familie des Chief Justice auf »Porpoise« ein. In Samoa wurde eine provisorische Regierung proklamiert, bestehend aus 14 der einflussreichsten Häuptlinge, an deren Spitze Mataafa stand. Im Laufe des Nachmittags fuhr Präsident Raffel mit den samoanischen Chiefs an Bord der »Porpoise«, um wegen der Auslieferung Tanus und Tamasese zu verhandeln. Der englische Kommandant wollte sie nicht ausliefern, da die englische Ehre verletzt sei, hingegen hatte er es ihnen freigestellt freiwillig zu gehen.

Am 4. Januar sollte die neue Regierung proklamiert werden. Tanu und Tamasese hatten sich angeblich geweigert, die »Porpoise« zu verlassen.

Meinem Opa schien dieses ein Trick der Engländer zu sein und berichtete aktuell wie folgt:

Mr. Maxse macht Schwierigkeiten wo er nur kann. In Präsident Raffel findet er jedoch einen Mann, der ihm gewachsen ist. Die Aufregung der Mataafa-Partei über die Weigerung der Herausgabe von Tanu und Tamasese wächst. Die Plünderung der Tanu-Dörfer ist noch in vollem Gange. Die Mataafa-Leute haben sich schon am Eigentum Weißer vergriffen. Die Sache steht äußerst faul, gegen Abend des 5. Januar schifften sich die englischen Missionare auf die »Porpoise« ein. »Porpoise« will, sobald die Mataafa-Leute, die englische Mission angreifen, Apia bombardieren.

Am Morgen des 6. Januar werden 25 Mann von der »Porpoise« aus der englischen Mission zurückgezogen, die Leute schiffen sich unter dem Schutze von Präsident Raffel und dem Häuptling Tuivaia ein. Sogleich nachdem die Mission aufgegeben war, wurden die dort von der Tanu-Partei niedergelegten Schätze von den Mataafa-Leuten fortgeschleppt und bei Maors niedergelegt. Darauf besetzten die Mataafa-Leute die englische Mission. Letztere waren deshalb so erbost auf die Mission, weil sie die Kriegskontrabande der Tanu-Leute nicht herausgaben.

Der Chief Justice ließ am 7. Januar eine Proklamation aushängen, in welcher er dem erstaunten Samoa-Volke mitteilt, dass zwar augenblicklich die Supreme CourtOberster Gerichtshof von Samoa [62]-Sitzungen unterbleiben müssten, dass er aber bei nächster Gelegenheit den Court wieder eröffnen würde. Präsident Raffel ließ unverzüglich diese Wische herunterreißen und erließ eine Proklamation in welcher er sagt, dass der alte Supreme Court vorläufig überhaupt nicht mehr bestände und dass er einen neuen eröffnen werde.

Am Morgen des 8. Januar teilte uns der »Porpoise« Kommandant mit, dass der Chief Justice unter dem Schutz eines »Porpoise«-detachements den Court eröffnen werde und dass er, falls ihm Widerstand seitens der Samoaner geleistet werden sollte, von seinen Geschützen Gebrauch machen würde. Seine persönliche Offiziersehre und die Ehre der britischen Flagge seien hierbei engagiert und deshalb würde er persönlich den Chief Justice nach dem Supreme Court geleiten.

Wenig später ging das Theater los. Vor dem Supreme Court erwartete der Präsident Raffel mit seinem Staat den Chief Justice, der dort angelangt, um die Schlüssel vom Court bat, welche ihm verweigert wurden. Präsident Raffel erklärte ihm, dass er in Apia überhaupt nichts mehr verloren hätte, denn er selbst hätte die Geschäfte des Oberrichters übernommen. Es mischte sich dann noch der britische Konsul Maxse in das Gespräch, doch wurde ihm vom Präsidenten ganz energisch bedeutet, dass er hier überhaupt nichts zu sagen hätte. Darauf erdreisteten sich die Engländer den Gerichtshof aufzubrechen. Sie holten einige Sachen aus ihm heraus und zogen dann wieder ab. Es wurde bei diesem Bravour Akt der Engländer ein Hoch von Fabricius und Kumpanen auf den sogenannten wiedereröffneten Court, sodann von den anwesenden Deutschen unter Leitung von Raffel ein donnerndes Hoch auf die samoanische Regierung und schließlich von unserem Generalkonsul ein Hoch auf Raffel ausgebracht. Damit hatte dieser Humbug der Engländer sein Ende erreicht.

Prompt folgte schon wieder eine Proklamation des Chief Justice, gegengezeichnet von Maxse und dem amerikanischen Konsul Osborne, mit dem Inhalt, dass die provisorische Regierung nur zum Friedenschließen da gewesen sei und nun wieder durch diejenige der drei Mächte ersetzt würde. Auch unser Generalkonsul erließ nach langem Drängen endlich eine Proklamation, worin er recht deutlich ausdrückt, dass der Chief Justice Chambres für Apia zu existieren aufgehört habe.

Die Tanu-Leute wurden teils mit Hilfe von Kuttern der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft der Südsee-Inseln zu Hamburg (DHPG) nach Manono, Manna usw. verbannt. Unser Kapitän hat die ganzen Begebenheiten der letzten Wochen nach Hause telegraphiert. Für die Weiterleitung dieser Informationen mussten wir mit 250 Pfund bezahlten. Er bat unsere Regierung nach Auckland segeln zu dürfen zur Erholung, da der Gesundheitszustand der Mannschaft schlecht sei. Ich bekam das Fieber.

Wir hatten uns beim in See gehen am 16. Januar bei Matanta beinahe auf Dreck gesetzt, da wir bei der himmlischen Dünung aus Nordnordwest, dem heftigen West-Winde und dem Sturm aus dem Fluss Vaisingano den Bug des Schiffes nicht in den Wind bekommen konnten. Vor uns verließ der Engländer ebenfalls wegen der schweren nordwestlichen Dünung den Hafen und schlug Kurs Nordnordost ein. Beim Lichten unseres Heckankers brachen die Ketten und Trossen, sodass wir ohne dieselben in See gehen mussten. Nach Mittag ankerten wir in Saluafata.

Vier Tage später sind wir zurück in Apia, da der Kaufmann Emil A. GrevsmühlGrevsmühl wurde nach Intervention dem deutschen Konsulat überstellt und dort zu 600 Reichsmark Strafe verurteilt. [63] in stark angetrunkenem Zustand die Fensterscheiben im Supreme Court eingeschlagen hatte, der Spaß kostete ihm 30 Pfund. Wir fanden unseren Heckanker wieder.

Kaisers Geburtstagsfeier am 27. Januar, »Falke« und H.M.S. »Porpoise« flaggten über die Toppen und salutierten je 21 Schuss um Schlag zwölf Uhr. Vormittags findet eine Feier aus dem gleichen Anlass in der evangelischen Schule statt. Am Nachmittag waren alle Teutonen an Bord des »Falke« geladen zum Commers, des Abends fand ein Festkommers bei Niedrighaus statt, sailorman hat hauptsächlich nur Arbeit von der ganzen Sache gehabt.

Am 5. Februar kam H.M.S. »Royalist« aus Auckland nach Apia. – Die politischen Sachen werden vom englischen Konsul wieder aufgefrischt, der Chief Justice arbeitet wieder. Am 6. März ankerte der amerikanische Kreuzer II. Klasse »Philadelphia« im Hafen von Apia mit seinem Vize-Admiral Albert Kautz an Bord. Bei der Flaggenparade salutierte H.M.S. »Porpoise« die amerikanische Flagge mit 13 Schuss, welche von den Yankees noch vor ihrer Einfahrt erwidert wurde, darauf salutierte S.M.S »Falke«, deren Salut der Amerikaner auch sofort erwiderte. Beim darauffolgenden Ankern spielte unsere Kapelle die amerikanische Hymne, die der Amerikaner durch die Wacht am Rhein erwiderte, darauf spielte selbiger God save the Queen.

Nach dem Austausch von Höflichkeiten und bilateralen Gesprächen fand am 11. März eine Sitzung an Bord der »Philadelphia« statt. Sämtliche Konsuln und Kommandanten der Kriegsschiffe, welche zu dem Zeitpunkt in Apia waren, tagten unter dem Vorsitz des Vice-Admirals. Das Ergebnis war die Auflösung der provisorischen Regierung.

H.M.S »Royalist« stach am Morgen des 12. März in See mit dem Ziel die verbannten Samoaner wieder nach Apia zurückzubringen. Die Engländer und Amerikaner forderten Mataafa und seine 13 Chiefs auf, binnen 24 Stunden die Munizipalität zu räumen und erklärten die provisorische Regierung für aufgelöst, trotz Protestes von deutscher Seite. H.M.S. »Porpoise« und U.S.S. »Philadelphia« schickten ihre Landungscorps an Land, die eine Hälfte landete in Matanta, die andere in Mulinuu mit drei Landungsgeschützen. Die Engländer bezogen Stellung beim Supreme Court im Tivoli-Hotel. Der Ortsteil Mulinuu ist gänzlich geräumt. Mataafa hat sich nach Vaimoso zurückgezogen.

Wir kamen am Morgen des 13. März einer weniger schönen Amtshandlung nach und begruben unseren Kameraden Viohl, der am Tag zuvor an Darm- und Gehirntyphus gestorben war. Das letzte Geleit gaben ihm auch Vertreter der englischen Besatzung von »Porpoise« und viele Menschen der deutschen Kolonie.

Die Amerikaner schifften sich am nächsten Morgen wieder ein und ließen nur eine kleine Wache mit Geschütz vor Ort. Die Mataafa-Leute nahmen ihre alten Stellungen vom 1. Januar dicht um ganz Apia erneut ein. »Porpoise« gab den von »Royalist« zurück gebrachten Tanu-Leuten ihre Waffen zurück, welche sie ihnen am 3. Januar abgenommen hatten. Die Mataafa-Leute griffen sechs Geiseln auf.

Am frühen Morgen des 15. März ankerte H.M.S. »Royalist« im Hafen und setzte um die 150 mitgebrachte Tanu-Leute an Land. Diese bewegten sich in Richtung Mulinuu, welches sie mit Weib und Kind besetzten, war dieser Ortsteil doch gänzlich verlassen. Eine amerikanische Wache quartierte im Präsidentenhause, eine andere in Apia. Überrascht wurden alle Anwesenden um ein Uhr Mittag als »Philadelphia« ohne Ankündigung plötzlich das Bombardement auf das Hinterland von Apia begann. Die ersten Schüsse gingen in der Vaitele-Bucht nieder.

Fast zeitgleich, nur wenige Minuten später, teilte der amerikanische Flaggkapitän mit, das von Seiten der Engländer und Amerikaner der Krieg gegen Mataafa mit allen Mitteln durchgeführt werde. Kurz vor 14 Uhr erreichte »Porpoise« die Vaitele Bucht und beschoss Vaitele und Vaimoso, »Royalist« beschoss das östlich von Vakaberg bis nach Matautu gelegene Hinterland. Während des ganzen Tages schifften sich Schutz suchende Deutsche an Bord des »Falke« ein. Beim amerikanischen Konsulat wurde ein Seesoldat durch Granatsplitter so schwer verwundet, dass der Tod bald eintrat. Das Bombardement wird bis in die Dunkelheit fortgesetzt. Mit Anbruch der Dämmerung wurde der gesamte Hauptweg von Apia mit englischen und amerikanischen Truppen und Tanu-Leuten besetzt. Die Nacht hindurch wurde mit gewissen Zwischenräumen heftiges Salven- und Landungsgeschützfeuer unterhalten, ohne jegliches Ziel.

Tags drauf nahm H.M.S. »Royalist« die Beschießung des Hinterlandes wieder auf. Nach Mittag verließ »Porpoise« den Hafen und begann um fünfzehn Uhr erneut mit der Beschießung von Vaitele und Vaimoso, vorher versenkte sie ihre Toten in See. Etwa zur gleichen Zeit eröffnete auch U.S.S. »Philadelphia« wieder das Bombardement. Um 15:58 Uhr feuert »Philadelphia« einen Kurzschuss. Ein Granatsplitter schlug auf das deutsche Konsulat ein, ein anderer verwundete einen amerikanischen Soldaten. Der deutsche Konsul flüchtete kurz darauf zu uns an Bord. In dem Moment kam »Porpoise« in den Hafen von Apia zurück und beteiligte sich am Angriff. Abends wurde heftiges zweistündiges Gewehrfeuer vom Tivoli bis Matautu bemerkt. Gleichzeitig beschossen alle englischen und amerikanischen Schiffe das Hinterland von Apia. Diese heftigen Angriffe führen dazu, dass im Laufe des Abends noch viele Flüchtlinge an Bord kommen. Die Nacht verläuft sehr unruhig, mit nur wenigen größeren Pausen durchdringt das Geschütz- und Gewehrfeuer auf der ganzen Linie die erwünschte nächtliche Ruhe, auch unterbrachen vereinzelte Schüsse von den englischen Schiffen das Dunkel der Nacht. In der Nacht versuchten Mataafa-Leute verschiedene Male in Apia einzudringen, doch wurden sie von den Engländern zurückgedrängt. Die Bilanz am nächsten Morgen zeigte, dass der Posten vor dem amerikanischen Konsulat von Mataafa-Leuten erschossen wurde. Auf englischer Seite gab es einen Toten und drei Leichtverletzte. In Apia wird behauptet, dass die Leute von eigenen Schüssen gefallen sind. Von einem Granatsplitter vom »Royalist«, einem Kurzschuss, welcher in der Nähe des amerikanischen Konsulats krepierte, wurden einem amerikanischen Seesoldaten die Beine zerschmettert, der Tod trat alsbald ein.

Auch die Folgetage sind von ständigen kurzen oder längeren Beschießungen der Schiffe von »Porpoise« und »Royalist« in der Richtung Matautu, Vaiala, Vaimosa oder Vaitele und heftigen Gewehrfeuern an Land geprägt.

Am Nachmittag des 18. März kommt es zu einer nicht alltäglichen Begebenheit. Der Admiral KautzLieutenant Commander Albert Kautz, 1870 der »Philadelphia« hatte unseren Kapitän Schönfelder aufgefordert, den Ankerplatz des »Falke« zu wechseln, da der Admiral das Schussfeld nach dem Tivoli frei haben möchte, weil er von dort das Eindringen der Mataafa Leute befürchtete. Um keine Aggressionen aufkommen zu lassen, beugte sich unser Kapitän der Aufforderung.

Vizeadmiral Sir Frederick Charles Doveton Sturdee von »Porpoise« soll gedroht haben die ganze deutsche Firma in Asche zu legen. Sturdee wurde durch unseren Kommandanten schriftlich mitgeteilt, dass ab sofort nicht mehr über die Firma und sonstige deutsche Gebäude in Matafele gefeuert werden dürfe. Die Gegenseite stimmt dem zu unter der Bedingung, dass im Ausnahmefall eine Stunde vorher eine entsprechende Ansage erfolge. Sturdee schloss sich der Vereinbarung an.

Die Ereignisse an Land wirken sich auf die Situation an Bord des »Falke« dramatisch aus. Zwei- bis dreihundert Schutzsuchende befinden sich an Bord. Das Leben an Bord ist fürchterlich: Kindergewimmer, Weiberseufzer, die Versorgung dieser Menschen wird immer schwieriger, die sanitären Gegebenheiten sind für solche Menschenmengen nicht vorgesehen.

Auch an Land wird die tägliche Situation für alle Betroffenen schwieriger. Zum FourachierenSoldatensprache: die Truppe mit Lebensmitteln versorgen [64] ausgerückte Tanu-Leute stoßen hinter Lindenau mit Mataafa-Leuten zusammen, ersteren wurden empfindliche Verluste beigebracht. – Von Mulinuu aus wurde mit Landungsgeschützen gefeuert. »Porpoise« schoss trotz Abkommens vier Schuss über die deutsche Firma. »Porpoise« vertreibt sich im Übrigen die Zeit damit, dass sie jeden Morgen in See geht und Mataafa-Boote aufgreift sowie Leute zum fight gegen Mataafa mitbringt. Sie hat bei dieser für ein Kriegsschiff gerade nicht sehr passenden Arbeit ziemlich gute Erfolge. Den Deutschen an Land werden von den Landungscorps viele Schwierigkeiten gemacht. Ohne einen Pass darf keiner die Hauptstraße von Apia passieren. Die Häuser stehen alle leer, viele Deutsche wurden als Spione verhaftet, dem Generalkonsul wird dadurch viel Arbeit gemacht, kaum ist der eine befreit, so ist schon wieder ein zweiter Deutscher als Spion verhaftet. Herr Marquard wurde von der »Porpoise«-Mannschaft verhaftet und an Bord gebracht. Er soll in der Nacht vom 15. zum 16. März die Mataafa-Leute angeführt haben, er befindet sich jetzt als Schutzgefangener an Bord des »Falke«.

Während die Schießereien von Seiten der Engländer und Amerikaner weiter gehen, wird am Nachmittag des 23. März Tanu mit allem Klimbim zum König proklamiert und nach Merlinu gebracht. »Philadelphia« und »Porpoise« feuerten je 21 Schuss Salut zur Bestärkung der Einsetzung des neuen Königs.

Der Postdampfer H.M.S. »Tauranga« von Sydney über Tanga und Fidschi kommend, brachte nur einen Tag später ein Telegramm für den deutschen Konsul sich weiter abwartend zu verhalten und zu protestieren, wenn nicht Einigkeit der drei Konsuln erzielt würde.

Die amerikanischen und englischen Alliierten suchten keinen Schulterschluss mit der deutschen Seite. Es erschien eine neue Proklamation dieser zwei Mächte in welcher die Mataafa-Partei aufgefordert wird, sogleich Delegationen nach Mulin zu senden, um den rechtmäßigen König Tanu zu huldigen. Wer dieser Aufforderung nachkomme, dessen Distrikt erhält freien Abzug nach der Heimat. Den nicht erscheinenden Mataafa-Häuptlingen werden strengste militärische Maßnahmen angedroht. In dem samoanischen Text hat gestanden die Chiefs sollten ifo machen, was bedeutet, dass sie unter einem Joch vor dem König Tanu vorbeipassieren. Mataafa soll, nach Angabe des amerikanischen Offiziers Sansdale, geantwortet haben, dass er mit seinen Häuptlingen nicht erscheinen, sondern die Entscheidung der drei Mächte abwarten würde. An Land geht das Gerücht, dass bald ein saftiges Bombardement von den drei englischen und amerikanischen Kriegsschiffen ausgelöst werden soll. »Royalist« und »Porpoise« sind seit zwei Tagen in See, wahrscheinlich um die Proklamation nach Savaii und Tutuila zu bringen und die sich unterwerfenden Chiefs mit nach Apia zu König Tanu zu bringen.

Tatsächlich kam »Royalist« am nächsten Abend mit ca. 250 Falealili-Leuten zurück zum Kampf gegen Mataafa.

Captain Leslie Stuart, der Kommandant des H.M.S. »Tauranga« hatte mit seiner Ankunft das Kommando über die Britische Marine in Samoa übernommen. Er teilte dem Generalkonsul mit, dass wenn nicht binnen zwölf Stunden den Forderungen der Engländer und Amerikaner von Seiten der Samoaner nachgekommen würde, sie mit den schärfsten militärischen Maßregeln gegen Mataafa vorgehen würden. Die englische Wache hat eine große Barrikade bei dem Tivoli errichtet, zum Schutze gegen Überfälle der Mataafa-Krieger. So weit ist es schon mit den großmäuligen Engländern gekommen, dass sie sich mit Barrikaden gegen die Samoaner schützen. Fast täglich laufen Malietoa-Leute zu Mataafa über. In Apia wird erzählt, dass Tanu jeden Abend an Bord gebracht wird, damit er nicht auch zu Mataafa überliefe.

Leutnant Gaunt von der »Porpoise«, welcher die Truppen der Eingeborenen ausbildet, trägt zu seinem Räuberkostüm um den Hut einen roten Turban, das Abzeichen der Malietoa-Partei. Mataafa soll den Befehl erlassen haben nicht auf Weiße zu schießen, daher erklärt es sich auch, dass die Engländer und Amerikaner keine Verluste mehr bei ihren Streifzügen haben. Bei einem Streifzug Gaunts mit seiner sogenannten Todesgarde, wurde der nicht tätowierte Sohn eines Mataafa-Häuptlings, welcher Wasser holte, von einem Maschinengewehr am Fuße verletzt. Aufgrund der Verletzung konnte er den Mataafa-Leuten, welche die Malietoa-Leute eine Strecke verfolgten, nicht folgen und wurde gefangen genommen und enthauptet. Der Kopf wurde in Gegenwart Gaunts von den Malietoa-Leuten durch die Hauptstraße Apias als Siegestrophäe triumphierend nach Mulinn gebracht. Unser Konsul protestierte sogleich gegen das Kopfabschneiden gefallener Feinde, da dasselbe der frühere Oberrichter verboten hat.

Mit Hilfe des H.M.S. »Tauranga« erhielt die Malietoa-Partei am 30. März 107 Gewehre, die es anscheinend von Sydney oder den Fidschi-Inseln mitgebracht hatte. Mit der Ankunft der »Tauranga« änderte sich die Sachlage doch wenigstens soweit, dass man den Krieg gegen Weiße und weißes Eigentum in und um Apia aufgab und sich nun endlich dem eigentlichen Zweck, der Bekämpfung der Mataafa-Partei zugewandt. U.S.S. »Philadelphia« und die englischen Kriegsschiffe armierten je einen Kutter und fuhren mit vier bemannten Eingeborenen-Booten in die Veitele-Bucht, wo sie die Dörfer Vaimoso, Falenlo und Malie beschossen und niederbrannten, obwohl ihnen keinerlei Widerstand von Seiten der Samoaner geleistet wurde, landeten die weißen Truppen nicht.

Die strategische Änderung, nämlich die Weißen und deren Eigentum zu schützen, ist vor allem Kapitän Stuart zu danken, der sich von unserem Kommandanten sogleich nach seiner Ankunft in Apia die augenblicklichen Verhältnisse in Samoa erklären ließ und mit Ruhe die Mängel beseitigte. So wurde nämlich die Kontrolle der Besucher Apias von Seiten der englischen und amerikanischen Wachen derart gehandhabt, das Zivilisten überhaupt nicht passieren durften und die deutschen Offiziere sich jedes Mal einen Pass ausstellen lassen mussten. Selbst unser uniformierter Kommandant wurde festgehalten und sollte sich nach der Ansicht des wachhabenden Offiziers, Leutnant Cave, zu ihm hin bemühen, um sich einen Pass zu holen. Unser Kapitän fuhr sogleich zu dem Kommandanten des allzu eifrigen Wachoffiziers und ließ letzteren über den Verkehr mit fremden Kriegsschiffkommandanten belehren.

Das Gebot des Unter-Schutz-Stellens weißen Eigentums galt jedoch nicht für die einheimischen Kämpfer. Was von den Wohnungen der Weißen um Apia noch übrig geblieben war, zerstören jetzt die aufs äußerste gereizten Mataafa-Krieger. In Apia selbst plündern Tanu-Leute die während der Angriffe verlassenen Häuser einzelner Kaufleute, ohne dass die Engländer oder Amerikaner sie daran hindern.

Wie von dem Pater der katholischen Mission, welcher zwischen Mataafa und Admiral Kautz verhandelt, versichert worden war, hatte Mataafa nicht gestattet, dass seine Leute auf weiße Gegner feuern. Mataafa hatte jegliche Verhandlungen mit Admiral Kautz abgebrochen, da letzterer sich zu flegelhaft ihm gegenüber benahm. Was war passiert? Mataafa hatte ihm die Einstellung der Feindseligkeiten angeboten, bis zum Eintreffen der Entscheidung der drei Mächte. Darauf soll der Yankee dem Pater gedroht haben, er würde den Rebellenführer aus dem Busch holen und ihn niederschießen. Der verhandelnde Pater hatte sich persönlich über den Admiral beschwert, da er ihm zu nahe getreten war.

In jüngster Zeit wurden von den immer kühner werdenden Engländern und Amerikanern des Öfteren Streifzüge unternommen, einmal sogar in den Lootopa-Weg hinein, wo ein Überfall von Eingeborenen ein Kinderspiel wäre, gemacht. Soll mich doch mal wundern wie lange die Sache noch gut gehen wird, fragt sich mein Opa.

Mit dem Beschuss von Saluafata von Bord der »Porpoise« auf Befehl von Kapitän Sturdee ging der März zu Ende und dabei wurden eine alte Frau und mehrere Kinder getötet. Ein Missionar der Westleyen-Mission war vorher an Bord der Engländer gegangen und hatte Kapitän Sturdee versichert, dass nur Frauen und Kinder im Dorfe seien, die Männer befänden sich alle in der Nähe von Apia, er möchte die Beschießung doch aufgeben. Als Sturdee im Verein mit Konsul Maxse ihm die Bitte abschlug, bat der Missionar, doch wenigstens mit dem Schießen so lange zu warten, bis er die Frauen und Kinder in die Kirche in Sicherheit gebracht hätte. Als der Missionar jedoch noch nicht an Land war begann Sturdee das Bombardement mit den oben erwähnten Folgen.

Am 1. April unternahmen die Engländer und Amerikaner und Tanu-Leute bei Fangalii einen Vorstoß gegen eine Truppe Mataafa-Krieger, welche sich mit ihrem Führer Suatele in den Vailele-Pflanzungen aufhielten. Nachmittags signalisierte »Royalist«, der seit Mittag Vailele und Fangalii bombardierte, einen Ruf um Hilfe. Abends kehrte ein kleiner Trupp Amerikaner aus Matautu in ganz trostlosem Zustand zurück. Die Truppen waren nach der Schilderung von Kapitän Hufnagel, in dessen Hof sie sich zurückgezogen hatten, von den Mataafa-Leuten in der Schlucht bei Fangalii umzingelt worden. Von allen Seiten erhielten sie plötzlich Feuer, sogar aus den Kronen der Palmen, die Führer der Truppen des II. Offiziers von H.M.S. »Tauranga«, Leutnant Freemann und die der Leutnante Lantsdale und Monaghan von U.S.S. »Philadelphia« fielen sogleich. Darauf schien unter den Engländern und Amerikanern eine Panik ausgebrochen zu sein. Die Tanu-Leute hatten schon bei den ersten Schüssen die Flucht ergriffen. Die Truppen gingen getrennt. Alles hat sich auf den Hauptweg nach Vailele geflüchtet unter Zurücklassung der Leichen, zweier Landungsgeschütze, Munition und eines Maschinengewehrs. Von ihren Verbündeten, den Tanu-Leuten, sollten viele zu Suatele übergelaufen sein, andere sollen sich feige in den Fagaliifluß gedrückt haben. Die Verbündeten ließen wohl aus Scham nichts über den Verlauf des Gefechts hören, ein amerikanischer Matrose erzählte mir, dass sie noch 22 Mann vermissten. Auch wurde in Apia erzählt, dass sich im Lager Mataafa's 16 weiße Köpfe befänden, die noch fehlenden Leute sind in den Sümpfen bei Fagalii ertrunken. Nach Angabe der Verbündeten fielen auf amerikanischer Seite außer den zuvor benannten Offizieren noch ein Bootsmann und ein Bootsmannsmaat. Fünf Matrosen wurden verwundet, auf englischer Seite der benannte Offizier und zwei Matrosen. Schwarze Jungen fanden später die Lafette des amerikanischen Landungsgeschützes bei Fagalii, das Gatlin-GunDie Gatling Gun war das erste erfolgreiche schnellfeuernde Repetiergeschütz. Sie ist ein Vorläufer des Maschinengewehrs und Begründer der Gatling-Waffenklasse. Das Nachladen wird mit Muskelkraft mittels der Rotation des um eine Drehachse angeordneten Laufbündels bewerkstelligt. [65] soll sich im Lager Mataafa's befinden. In den Mittagstunden des Ostersonntags fand die Beerdigung der Gefallenen in Mulinuu statt, außer den von »Falke« gestifteten Kränzen mit schwarz-weiß-roter Bande sollen die Särge keinerlei Schmuck gehabt haben.

Am Ostermontag bombardieren »Tauranga« und »Royalist« Vailele und Utumapu, »Philadelphia« beschießt Utumapu, »Porpoise« den Ort Lootopa je eineinhalb Stunden. Wir zählten 181 Schuss. Das Manöver machte den Eindruck als ob man jetzt die Mataafa-Partei endgültig vernichten wollte, obwohl die Verbündeten sich im Stillen sagen müssen, dass die Schießerei nur Munitionsvergeudung ist. Kaum hat Konsul Maxse sich von dem Schrecken bei Fagalii etwas erholt, da beginnt seine Wühlarbeit schon wieder aufs Neue. Kapitän Hufnagel kam in seinem Boot von Vailele. Als er das englische Konsulat Matautu passiert, wurde er angehalten und als Gefangener auf die »Tauranga« gebracht. Zwei englische Seesoldaten, welche zu den Ausreißern von Fagalii gehörten, beschworen ihn als Anführer auf genanntem Platz gesehen zu haben. Kapitän Hufnagel kann jedoch Beweise bringen, dass er seine Besitzung während des Gefechts nicht verlassen hat. Auf Reklamation unseres Kommandanten hin wurde Kapitän Hufnagel zu uns an Bord gebracht, wo er bis zur Aufklärung der Sache verbleiben muss.

Auch die kriegerischen Auseinandersetzungen werden durch witterungsbedingte Situationen unterbrochen. Wegen schlechten Wetters müssen S.M.S. »Falke« und wenig später auch »Tauranga« und »Royalist« den Hafen von Apia für drei Tage verlassen. In Apia zurück, außer einigen Scharmützeln zwischen Tanu- und Mataafa-Leuten nichts Neues, auf beiden Seiten blieben einige Tote und Verwundete.

Am 13. April sticht »Falke« mit Konsul Rose an Bord in See in Richtung Mulifamia, wo wir Herrn von Bülow an Bord nahmen, da man sich in Apia erzählte, er wäre im Begriff mit Mataafa-Leuten nach Vailele zu gehen. Wir ankerten vor Matautu auf Savaii, wo sich die Besitzung der von Bülows befindet. Als wir nach Apia zurückkommen, kommt ein Offizier der »Tauranga« zu uns an Bord und meldet, dass die Feindseligkeiten einzustellen wären, da man auf die Entscheidung von zu Hause warten wollte.

Mit diesem Vorschlag konnten unser Kapitän wie auch Konsul Rose bestens leben. Umso mehr verwunderte uns das Feuern von Granaten auf Vailima, Stevensons Place, durch »Porpoise« am Morgen des 17. April. Am Nachmittag kommt es zu einem heißen Gefecht bei Vailima. Die Tanu-Leute waren bei einem Streifzug in einen Hinterhalt geraten, wo selbige von den Mataafa-Kriegern empfangen wurden. Eigentlich wollten sie sich zurückziehen, wurden aber immer wieder von den Engländern und Amerikanern vorgetrieben. Die Samoaner gingen schließlich mit Äxten und Messern aufeinander los, die Verluste auf Seiten der Tanu-Partei waren 17 Tote und 31 Verwundete. Diese Nachricht erhaltend bombardierten »Tauranga« und »Porpoise« erneut Vailima.

Kleinere Gefechte und Gemetzel finden täglich mit unterschiedlicher Härte statt. Der Tanu wird zum offiziellen Besuch auf »Philadelphia« und »Tauranga« geladen und dort mit je 21 Schuss Salut begrüßt.

Der Regierungsdampfer von Neuseeland kam am 24. April herein und brachte wie wir vermuten Befehle für den Admiral. Die Verbündeten gaben am folgenden Tage eine Proklamation für Mataafa heraus, in welcher der frühere Rebell Mataafa höflich mit den größten samoanischen Titeln angeredet und aufgefordert wird sich zurückzuhalten, bis zum Frieden, welcher mit dem Eintreffen der hohen Kommissare aus FriscoSpitzname für San Francisco [66] geschlossen werden soll. Mataafa lehnte anfänglich ab und verlangte die Unterschrift der drei Konsuln, auch des deutschen. Doch tatsächlich herrscht zwei Tage später Waffenstillstand, ganz Mulinuu ist in freudiger Erregung, da die Lebensmittel knapp wurden, dazu Diphtherie unter den Kindern vermehrt auftrat und die Angst vor Mataafa abgebaut wurde.

Hohe Häuptlinge mit Sprechern kamen zu »Falke« an Bord, mit Bittbriefen von Mataafa an den Konsul und den Kommandanten ihm Gewehre und Munition auszuhändigen. Ihre Bitte konnte jedoch nicht erfüllt werden, so zogen sie denn gegen neun Uhr des Abends wieder ab. H.M.S. »Royalist« trat die Heimreise an, sämtliche Schiffe applaudierten, von der »Philadelphia« drangen die herrlichen Klänge von home sail home zu uns herüber.

Über die Gefechte in den ersten Monaten des Jahres 1899 gibt es hitzige Berichte in europäischen Zeitungen, die es sehr schwer machen zu beurteilen, wo die Aggression am stärksten war. Auch eine Schuldzuweisung ist kaum möglich. Als verhältnismäßig objektive Persönlichkeit ziehe ich den zumindest nicht gerade deutschfreundlich zu bezeichnenden ehemaligen Oberrichter Robert Mackenzie Watson in Apia als Zeuge heran. Er berichtet über die letzten zehn Jahre des 19. Jahrhunderts in seiner History of Samoa, die 1918 erschien. Nach Watson begann der unvermeidliche Streit zwischen den drei Mächten, als der Oberrichter Chambers Zuflucht auf dem Schiff »Porpoise« suchte. Der Präsident der Munizipalkammer nutzte die Situation des aufgegebenen Obersten Gerichtshofes, um die deutsche Position zu stärken, denn nach der Berlinakte übernimmt der Präsident das Oberste Gericht, wenn es verweist ist. Raffel erklärt deshalb das Gericht für geschlossen, bis weitere Anweisungen durch die Regierung unter Leitung Mataafas erfolgen.

Watson bezeichnete diesen Vorgang und die spätere gewaltsame Öffnung des Gerichtes durch die Engländer in Anwesenheit von Maxse und Chambers als Komödie, aber mit einem Zug hin zurTragödie. Englisch-amerikanische Deklarationen riefen Gegendeklarationen der Deutschen hervor. Watson glaubte, dass es zweifellos nicht zu der darauf folgenden kriegerischen Auseinandersetzung gekommen wäre, hätte Deutschland seinen Einfluss in Samoa genutzt. Watson sah keinen Zweifel darin, dass Deutschland Mataafa gegen die Entscheidung des Oberrichters und der Mehrheit der drei Mächte unterstützte. Mataafa galt in den Augen der Engländer und Amerikaner als Rebell. Er konnte Anfang 1899 seine Macht nutzen, bis am 6. März die »Philadelphia« unter dem Kommando von Admiral Albert Kautz in Apia einlief.

In einem Memorandum, nicht von dem deutschen Vertreter Rose unterzeichnet, entließen die Engländer und Amerikaner die provisorische Regierung unter Mataafa und forderten die Mataafa-Häuptlinge auf, in ihre Heimatorte zurückzukehren. Tatsächlich zog sich auch Mataafa zurück.

Der deutsche Konsul Rose erließ am nächsten Tag ein eigenes Memorandum, in dem er an der provisorischen Regierung Mataafas festhielt. Daraufhin kehrte Mataafa nach Apia-Malinuu zurück. Kautz eröffnete das Feuer und beschoss Malinuu. Am 10. März wurden der englische Konsul und weitere Persönlichkeiten von Mafaafa auf der Landstraße angehalten. Es waren Feuerwaffen im Spiel, ein Schuss fiel jedoch nicht. Kautz forderte Mataafa am Folgetag auf, bis ein Uhr Mittag die Waffen zu strecken; sonst würde scharf geschossen. Eine halbe Stunde vor Ablauf des Ultimatums eröffnete Kautz das Feuer. Die englischen Kriegsschiffe schlossen sich den Kampfhandlungen an und bombardierten verschiedene Orte auf Upolu. Gleichzeitig wurden englische und amerikanische Bürger aufgefordert, Samoa zu verlassen, um freies Schussfeld zu bieten.

Dank der Weitsichtigkeit und Ruhe des Kapitäns Schönfelder beteiligte er sich nicht an den Kämpfen, selbst als er von Kautz aufgefordert wurde, den »Falke« im Hafen von Apia zu verholen, damit »Philadelphia« freie Schussbahn hätte, widersetzte er sich nicht, sondern folgte dieser Aufforderung. Auch die Aufrufe der Deutschen auf Samoa, der »Falke« sollte sich die Aggressionen der Amerikaner und Briten nicht länger bieten lassen, brachten Schönfelder nicht davon ab, sich aus den militärischen Auseinandersetzungen herauszuhalten. Dank dieser Weitsicht von Schönfelder, konnte trotz der hitzigen Situation vor Ort, eine militärische Auseinandersetzung zwischen den Briten und Amerikanern und den Deutschen und somit der Ausbruch eines Krieges zwischen den drei Mächten vermieden werden.

Schließlich kam es zu der schrecklichen Schlacht bei Fangalii am 1. April, einem Ostersonntag. Nach samoanischer Sitte wurden den erlegten Soldaten die Köpfe und Ohren abgetrennt. Die Verluste der zwei Mächte waren sehr groß, wie mein Großvater vermutete. Diese Verluste konnten nicht geheim gehalten werden. Die Nachrichten über das Desaster erreichten die Heimat der drei Mächte. Mehr als alles andere verärgerte, dass in diesem kleinen Landfleck Samoa ein solcher Flächenbrand entstehen konnte. Die Amerikaner waren am erregtesten, aber alle stimmten darin überein, dass Krieg über solche Angelegenheiten kriminell ist!, wie Watson notierte. Man war sich in Europa und Amerika einig, dass alle lokalen Repräsentanten der drei Mächte abzulösen seien. Eine Kommission wurde von Amerika nach Samoa entsandt. Bis zu deren Eintreffen hatten alle Feindseligkeiten zu ruhen. Die Kommission war beauftragt, eine gründliche, unparteiische Untersuchung durchzuführen.


[62] Supreme Court = Oberster Gerichtshof von Samoa
[63] Grevsmühl wurde nach Intervention dem deutschen Konsulat überstellt und dort zu 600 Reichsmark Strafe verurteilt.
[64] Fourage (Verbform: fouragieren), auch Furage oder Fourragierung (frz. fourrage), ist eine veraltete militärische Bezeichnung für Pferdefutter: Hafer, Heu und Stroh; daher furagieren, Pferdefutter bzw. Verpflegung für die Truppe herbeischaffen.
[65] Die Gatling Gun war das erste erfolgreiche schnellfeuernde Repetiergeschütz. Sie ist ein Vorläufer des Maschinengewehrs und Begründer der Gatling-Waffenklasse. Das Nachladen wird mit Muskelkraft mittels der Rotation des um eine Drehachse angeordneten Laufbündels bewerkstelligt.
[66] Frisco = Spitzname, Kurzform für San Francisco