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Cöslin, 1864 bis 1870 — Kap.15, Geselligkeit der Beamtenkreise

Teil 3 - Cöslin, 1864 bis 1870
Kapitel 15:
Geselligkeit der Beamtenkreise

An der Geselligkeit der Beamtenkreise nehmen auch die Eltern, wenn auch in beschränktem Maße, teil. Es herrschte unter den Beamten, besonders der Regierung, ein guter Ton. Verschiedene Familien waren entschieden kirchlich. Der erste Regierungspräsident, den Vater vorfand, Herr von KotzeHans Wilhelm von Kotze (1802-1885) war ein preußischer Beamter und Regierungspräsident von Köslin (1864�1866). Er war Nachkomme des obersächsisch-magdeburgischen Adelsgeschlechtes von Kotze.Siehe Wikipedia.org [29], war Sonntag für Sonntag mit seiner Familie in der Kirche. Ebenso kirchlich war der Präsident des Appellationsgerichts von Kitzing, der sogar theologische Interessen hatte und an theologischen Konferenzen teilnahm. Am meisten Verkehr hatten die Eltern wohl mit den Familien des Forstmeisters Blankenburg und des Appellationsgerichtsrats Hoffmann, außerdem mit der des Seminardirektors Lehmann. Blankenburg hatte zwei Töchter, mit denen Elly befreundet war, Lehmann mehrere Söhne, die mit uns auf ungefähr gleicher Stufe standen - Hoffmann, das Urbild eines pflichttreuen konservativen altpreußischen Beamten, der zum zweiten Mal verheiratet war, aus erster Ehe einen Sohn, der mir im Alter nahe stand, aber auf der Schule zurückgeblieben war, und für den den Eltern an meinem Umgang, gelegen war. Ein Übelstand war, dass Cöslin als eine Durchgangsregierung galt, von der die betroffenen Beamten bald wieder versetzt zu werden wünschten. So kamen auch die erwähnten Familien wieder fort, und ich könnte noch mehrere nennen, mit denen freundschaftlicher Verkehr angefangen wurde aber bald wieder abgebrochen werden musste. So lernten die Eltern nach und nach, sich mehr an Familien zu halten, die sesshaft waren und nicht weiter strebten. Dazu gehörten die Familien des Majors von Seck und die des Oberstleutnants von Tiedemann. Von Seck war Bezirkskommandeur, ein ziemlich gebrechlicher Offizier von der alten Schule, d. h. ohne sehr tief gehende Schulbildung. Vater, der mit ihm in der Prüfungskommission für Einjährigfreiwillige prüfte, wusste ergötzliche Stückchen von seiner Beurteilungsweise und den Maßstäben, die er anlegte, zu erzählen. Im übrigen war er ein kreuzbraver Mann, hatte eine feine liebenswürdige Frau, zwei Töchter, mit denen Elly verkehrte, und zwei Söhne, die allerdings wenig begabt waren und denen erst Alexander, dann, als diesem das Abiturientenexamen näher rückte, ich Nachhilfestunden gab. Von Tiedemann war ein alter, äußerlich trockener, aber innerlich kernhafter und gediegener Soldat, der durch den Verwandten seiner Frau, einen Regierungsrat von Stenden, einen ernst christlichen Mann, der aber zu den IrvingianernDie katholisch-apostolische Bewegung wurde auch Irvingianismus und die Mitglieder Irvingianer nach Edward Irving (1792-1834) genannt, der einer der Wegbereiter der katholisch-apostolischen Gemeinden war. Er war nicht der Gründer dieser Bewegung gewesen.Siehe Wikipedia.org [30] sich hielt und das Amt eines Evangelisten dieser Gemeinde inne hatte, bewogen war, nach Versetzung in den Ruhestand sich in Cöslin niederzulassen und anzukaufen. So trocken und wortkarg Herr von Tiedemann war, so sprudelnd lebhaft war seine Frau und so übermütig besonders die älteste Tochter, mit der Elly in der Konfirmandenstunde Freundschaft schloss. Das Tiedemannsche Haus stand an der Ostseite der Stadt mit der Front nach dem Gollenberge. Helene von Tiedemann kriegte es fertig, als sie einmal verreist war, einen Brief an ihren Vater zu adressieren: An meinen lieben Vater in Cöslin gegenüber dem Gollenberge. Und der Brief kam an.

Unser Vater fühlte sich in seiner neuen Stellung sehr befriedigt. Einmal hing das damit zusammen, dass er dem geistlichen Amt nicht völlig Lebewohl zu sagen brauchte. Er predigte gern, und das wurde von den Geistlichen auch weidlich ausgenutzt. Wie oft wurde er um Vertretung, nicht allein in beiden Kirchen der Stadt, sondern auch in der näheren und weiteren Umgebung gebeten oder um Festpredigten ersucht. Und immer sagte er freudig zu. Nicht weniger freute es ihn auch, dass er, als sein älterer Kollege, Konsistorialrat Neumann, den ich eigentlich nur als einen kranken Mann gekannt habe, schon nach Jahresfrist starb, als nunmehr älterer Schulrat den Konsistorialratstitel und als außerordentliches Mitglied Sitz und Stimme im KonsistoriumDas Konsistorium der Provinz Pommern, auch Königliches Konsistorium der Provinz Pommern (bis 1918), war von 1815 bis 1945 die Verwaltungsbehörde (Konsistorium) für die evangelische Kirche in der Provinz Pommern.Siehe Wikipedia.org [31] erhielt. Er hat diesen Titel immer sehr hoch gehalten und auch, als er später seine aktuelle Bedeutung verlor, sich nicht nehmen lassen, da er ihm die Brücke des Verständnisses und Vertrauens der Geistlichen bildete, redete dieselben seitdem auch wieder Herr Bruder an. Aber auch die neue Tätigkeit selbst sagte ihm in hohem Grade zu. Es war ihm die Gelegenheit gegeben, manche Rückständigkeit zu beseitigen, wovon er uns, wenn er von seinen Revisionsreisen zurückkehrte, manches Ergötzliche zu erzählen wusste, aber auch manchem Hilfe und Förderung angedeihen zu lassen. Und wie lernte er den Bezirk kennen. Welche interessante und anregende Bekanntschaft machte er. Manche von den BrosamenFrei nach Markus 7,28Siehe Bibelserver [32], die von seinem Tische fielen, kamen auch uns zu gut, da er von neuen Bekannten, die er gewann, auch bisweilen besucht wurde. Wirkliche Freundschaft verband ihn bald mit dem ehrwürdigen Superintendenten Henske in SchivelbeinHeute: Swidwin, eine Kreisstadt in der polnischen Woiwodschaft Westpommern. Sie liegt am linken Ufer des Flusses Rega.Siehe Wikipedia.org [33] der seine Liebe auch auf uns, besonders auf mich, den zukünftigen Theologen, übertrug. Daneben lernte ich den Oberpräsidenten von Kleist-RetzowHans Hugo von Kleist (1814-1892) war ein preußischer Oberpräsident und konservativer Politiker.Siehe Wikipedia.org [34], den redegewaltigen konservativen Parlamentarier, kennen. Ein auffallend kleiner Mann, aber mit einem Gesicht wie ein Adler und vollem, schon in mittleren Jahren bei ihm schneeweißen Haar - ich sah ihn mir darauf an und konnte kein einziges schwarzes Haar mehr entdecken - und einer dröhnenden Bassstimme. Ebenso den Oberpräsidenten Senfft von PilsachErnst Freiherr Senfft von Pilsach (1795-1882) war Oberpräsident der preußischen Provinz Pommern. 1848 war Senfft Mitbegründer der Kreuzzeitung. Von 1852 bis 1866 war er Regierungspräsident in Stettin und amtierte gleichzeitig als Oberpräsident der preußischen Provinz Pommern in Stettin und ab 1855 war er Mitglied des Preußischen Herrenhauses.Siehe Wikipedia.org [35], der nach seiner Versetzung in den Ruhestand auf seinem Gute GramenzHeute: Grzmiaca, ein Ort im Powiat Szczecinecki (Kreis Neustettin) in der polnischen Woiwodschaft Westpommern. Senfft war hier Gutsherr.Siehe Wikipedia.org [36] lebte und bei dem BodelschwinghFriedrich von Bodelschwingh der Ältere (1831-1910) war evangelischer Pastor und Theologe. Durch die Kontakte seines Vaters zum Haus Hohenzollern wurde Friedrich als Kind zum Spielgefährten des späteren Kaisers Friedrich III. ausgewählt. 1852 bis 1854 war er in Gramenz als Gutsverwalter tätig.Siehe Wikipedia.org [37] seine landwirtschaftlichen Erfahrungen gemacht hatte. Interessant wir uns auch die Bekanntschaft Friedericis, der früher Geistlicher in Smyrna gewesen war und höchst anschaulich von Jerusalem, dem Toten Meer und den ägyptischen Pyramiden zu berichten wusste. Er bewarb sich, wiewohl vergeblich, um eine Stelle in Cöslin und wurde dann ArchidiakonusDer Titel Archidiakon bezeichnet in der Geschichte der deutschen evangelischen Kirchen den geistlichen Würdegrad des zweiten ordinierten Theologen einer evangelisch-lutherischen Pfarrgemeinde.Siehe Wikipedia.org [38] in Stolp. Ganz besonders interessant war es für unsern Vater, dass er auch in dienstliche Beziehung zu Bismarck trat, als derselbe VarzinHeute: Warcino, ein Dorf im Powiat Slupski (Powiat Stolp) der polnischen Woiwodschaft Pommern. Bismarck kaufte das Gut Varzin mit allen Nebenbesitzungen.Siehe Wikipedia.org [39] angekauft hatte. Bei einer Schulrevision daselbst hatte er sich bei demselben melden lassen und wurde von ihm zur Mittagstafel eingeladen. Er konnte nicht genug die Gastlichkeit und Liebenswürdigkeit rühmen, mit der er von dem Grafen sowohl als von der Gräfin aufgenommen worden war.

Manche bemerkenswerte Persönlichkeit kehrte auch in unserm Hause ein bei Gelegenheit der Gründung der Cösliner Pastoralkonferenz im Jahre 1869. So KnakGustav Knak (1806-1878) war ein deutscher lutherischer Theologe, Erweckungsprediger, Förderer des Missionsgedankens und Kirchenlieddichter.Siehe Wikipedia.org [40] der Dichter von Laßt mich gehenKirchenlied Lasst mich gehen, lasst mich gehn, dass ich Jesum möge sehn!Siehe Youtube [41], der damals in aller Munde war und als Sonnendreher oder Sonnenschieber in allen großen und kleinen Blättern verhöhnt wurde, weil er auf einer Berliner Kreissynode gegenüber einem liberalen Prediger sich zum wörtlichen Verständnis der Josuastelle Sonne, stehe still zu Gideon bekannt hatte. Eine edle, feine Erscheinung, nur etwas reichlich salbungsvoll. Ich begleitete ihn zur Bahn und höre noch, wie ein anderer Geistlicher, mit dem er noch vom Fenster des Eisenbahnabteils sich unterhielt, ihm zum Schluß die Hand reichte mit den Worten: Kopernikus soll uns nicht scheiden. Bei dieser Gelegenheit lernte ich auch den Superintendenten a.D. QuandtJohann Ludwig Quandt (1801-1871) war ein deutscher Superintendent und Historiker. Bis an sein Lebensende war er Leiter der lutherischen Konferenz in Köslin gewesen.Siehe Wikipedia.org [42] in PersanzigHeute: Parsecko, ein Dorf in der polnischen Woiwodschaft Westpommern in Polen. Es liegt in der Landgemeinde Szczecinek. In unmittelbarer Nähe liegt die Quelle der Persante, die dem Ort den Namen gab.Siehe Wikipedia.org [43] kennen, einen hochgelehrten, besonders auch in der Geographie des heiligen Landes bis aufs einzelnste bewanderten Mann, wovon uns eine Predigt, die er in der Schlosskirche hielt, eine Probe gab, aber sehr unordentlich in Geschäften und auf seinem Schreibtisch, wovon ergötzliches erzählt wurde, ferner Pastor MeinhofFriedrich Meinhof (1800-1881) war Pastor und Erweckungsprediger in Pommern. Er war der Urgroßvater von Ulrike Meinhof.Siehe Wikipedia.org [44] in BarwitzHeute: Barzowice, ein Dorf in der polnischen Woiwodschaft Westpommern. Es gehört zur Landgemeinde Rügenwalde.Siehe Wikipedia.org [45] Vater des als ausgezeichneten Kenner der afrikanischen Sprachidiome bekannten Professors Dr. MeinhofCarl Meinhof (1857-1944) war Pastor und ein deutscher Afrikanist.Siehe Wikipedia.org [46] aber auch ein origineller, geistreicher Mann.


[29] Hans Wilhelm von Kotze (1802-1885) war ein preußischer Beamter und Regierungspräsident von Köslin (1864�1866). Er war Nachkomme des obersächsisch-magdeburgischen Adelsgeschlechtes von Kotze.
[30] Die katholisch-apostolische Bewegung wurde auch Irvingianismus und die Mitglieder Irvingianer nach Edward Irving (1792-1834) genannt, der einer der Wegbereiter der katholisch-apostolischen Gemeinden war. Er war nicht der Gründer dieser Bewegung gewesen.
[31] Das Konsistorium der Provinz Pommern, auch Königliches Konsistorium der Provinz Pommern (bis 1918), war von 1815 bis 1945 die Verwaltungsbehörde (Konsistorium) für die evangelische Kirche in der Provinz Pommern.
[32] Frei nach Markus 7,28
[33] Heute: Swidwin, eine Kreisstadt in der polnischen Woiwodschaft Westpommern. Sie liegt am linken Ufer des Flusses Rega.
[34] Hans Hugo von Kleist (1814-1892) war ein preußischer Oberpräsident und konservativer Politiker.
[35] Ernst Freiherr Senfft von Pilsach (1795-1882) war Oberpräsident der preußischen Provinz Pommern. 1848 war Senfft Mitbegründer der Kreuzzeitung. Von 1852 bis 1866 war er Regierungspräsident in Stettin und amtierte gleichzeitig als Oberpräsident der preußischen Provinz Pommern in Stettin und ab 1855 war er Mitglied des Preußischen Herrenhauses.
[36] Heute: Grzmiaca, ein Ort im Powiat Szczecinecki (Kreis Neustettin) in der polnischen Woiwodschaft Westpommern. Senfft war hier Gutsherr.
[37] Friedrich von Bodelschwingh der Ältere (1831-1910) war evangelischer Pastor und Theologe. Durch die Kontakte seines Vaters zum Haus Hohenzollern wurde Friedrich als Kind zum Spielgefährten des späteren Kaisers Friedrich III. ausgewählt. 1852 bis 1854 war er in Gramenz als Gutsverwalter tätig.
[38] Der Titel Archidiakon bezeichnet in der Geschichte der deutschen evangelischen Kirchen den geistlichen Würdegrad des zweiten ordinierten Theologen einer evangelisch-lutherischen Pfarrgemeinde.
[39] Heute: Warcino, ein Dorf im Powiat Slupski (Powiat Stolp) der polnischen Woiwodschaft Pommern. Bismarck kaufte das Gut Varzin mit allen Nebenbesitzungen.
[40] Gustav Knak (1806-1878) war ein deutscher lutherischer Theologe, Erweckungsprediger, Förderer des Missionsgedankens und Kirchenlieddichter.
[41] Kirchenlied Lasst mich gehen, lasst mich gehn, dass ich Jesum möge sehn!
[42] Johann Ludwig Quandt (1801-1871) war ein deutscher Superintendent und Historiker. Bis an sein Lebensende war er Leiter der lutherischen Konferenz in Köslin gewesen.
[43] Heute: Parsecko, ein Dorf in der polnischen Woiwodschaft Westpommern in Polen. Es liegt in der Landgemeinde Szczecinek. In unmittelbarer Nähe liegt die Quelle der Persante, die dem Ort den Namen gab.
[44] Friedrich Meinhof (1800-1881) war Pastor und Erweckungsprediger in Pommern. Er war der Urgroßvater von Ulrike Meinhof.
[45] Heute: Barzowice, ein Dorf in der polnischen Woiwodschaft Westpommern. Es gehört zur Landgemeinde Rügenwalde.
[46] Carl Meinhof (1857-1944) war Pastor und ein deutscher Afrikanist.